Der tröstende Thaihund

Schiss bis zum Mond hatte ich, als ich vor 5 Jahren alleine den Flieger bestieg, um meinen Hintern 8.606,62 km von Berlin nach Bangkok rüberschieben zu lassen. Neben der Angst hatte ich noch Liebeskummer im Gepäck, Zigaretten, die ich damals angefangen hatte Kette zu rauchen – macht man bei Krisen so  (achtet auf den Tatort, wo Betroffene plötzlich bei Verlust eines geliebten Menschen anfangen zu rauchen) und Faszination. Ob Bangkok mehr als nur ein grosser grauer Betonklotz war, wie ich es mir vorstellte? Ein Moloch der Exotik-Lust älterer westlicher Männer – ohne viele Haare dafür mit mehr Bauch? Eine Stadt, die einem sofort das Gefühl gibt, „Ich verschlucke dich, du bist 1 Mensch von 8,281 Millionen“? Nein, sobald ich das Flugzeug verliess, war ich angetan von dem angezuckerten Sound der Thais, die so klingen, als hätten sie ein Dauergrinsen verschluckt und angetan davon, das erste Mal alleine durch eine Gegend zu laufen, die so ganz anders war als Deutschland. In Bangkok lauern bunte kleinere und grössere Tempel an jeder Ecke, mit Fanta und Reissuppe beschenkt oder mit chinesischem alten Porzellan beklebt, mit Plastiktieren als Deko, debil lächelnden Buddhas und Bilder vom König thronen überall. Egal ob am Strassenzaun, im BeautyShop  oder beim Busunternehmen. In den Reisebüros hängen dazu noch grossformatige Fotos von den Kindern der Besitzer und immer und überall Girlanden vom letzten Silvester oder dem, das bald wieder kommt „Happy New Year“.

 

 

 

Sowas lenkt gut ab. Meine Augen kullerten rum wie in einem Karussell. Laufen und kucken, kucken und laufen. Die ersten zwei Wochen verbrachte ich nur damit: ich schob mich selbst durch Strassen und Gerüche, saugte alles auf, zog mir literweise Nudelsuppe von den umherstehenden Garküchen durch die Zähne und redete zur Abwechslung mal kaum: nur den nötigen Small Talk und Lächeln, das geht immer. Als ich auf der Insel Ko Tao bei Mister J., landete, einem schrulligen netten Herren mit schwarzen Zähnen, einem lauten Lachen, grossen wachen Augen und vielen Büchern, wollte er mir eine Freude machen. Er gab mir für 300 baht – das sind nicht mal 8 Euro  – sein „Big Room“. Er schloss es mir mit einem Riesentrara auf: „All for you“  – 2 Betten; eins davon war auch noch ein riesiges Doppelbett für mich alleine.

3 Betten et moi!

„Ja gut“, dachte ich mir, „Zeigt dir das Leben gerade mal auch äusserlich, dass du alleine bist.“ Mir war weder nach Matrazenhüpfparty zumute, noch dazu den nächsten temporären Lieblingsmenschen bei billiger lauter Musik zu treffen, mir war nach auf dem Balkon rumsitzen und  rauchen. Und während ich da hockte, hüpfte eine Katze ohne Vorankündigung auf meinen Schoss, nach kurzer Zeit kam eine zweite angerauscht. Dieser Moment war wunderbar, plötzlich hatte ich zwei Mitbewohnerinnen – auch wenn sie nur auf dem Balkon abhingen. Sie hatten was aus dieser Zimmerdramatik rausgenommen, mit der Mister J. es sowieso ja nur gut gemeint hatte und sowieso – „andere hätten sich gefreut über so viel Platz“ – denkt der ein oder andere sich vielleicht…. Meine emotionale persönliche Lage sah das damals eben anders.

Nach 3 Tagen zog ich wieder um und gönnte mir einen Bungalow am Meer. Direkt am ersten Abend gesellte sich ein Hund zu mir, eine typische Thaifellnase, kackbraun und etwas räudig. Ich war skeptisch, wusste nicht, ob er zuschnappt und meine Tollwutimpfung gleich mal zeigen kann, was sie drauf hat oder, ob er einfach nur einen Buddy suchte. Zweites stellte sich heraus. Der Hund ohne Namen wurde vom Personal auf dem Gelände geduldet, er war bekannt dafür, sich immer einen Gast herauszupicken, mit dem er dann abhing. Dieses Mal hatte er sich für mich entschieden: 4 Tage waren wir ein Team: Nachts machte er einen auf Bodyguard, er schlief auf meiner Verandabank vor meiner Tür, morgens  kam er eine Runde mit Schwimmen, ich im Wasser er beim Lochbuddeln am Strand – zum Kühlen seines Kopfes –  und wenn ich nachmittags um 16 Uhr zum Yoga ging, begleitete er mich bis zu seiner imaginären Grundstücksgrenze, setzte sich dann und schaute mir hinterher. Kam ich gegen 19 Uhr zurück, wartete er schon auf mich, unter der Bank meiner Veranda.

Es gab Zeiten da hatte ich ähnliches mit einem Menschen erlebt, das war aber vorbei.  Und zu meiner damaligen Lage passte ein Zitat wie die Faust aufs Auge: Der Hund bleibt Dir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde. (Franz von Assisi). Heute denke ich, dass das Zitat doch etwas hart ist und zu pessimistisch. Es gibt auch Zwischentöne. Beziehungen sind vielschichtig. Ich selbst musste lernen:

Wir kommen alleine auf die Welt und gehen alleine, zwischendrin tun wir uns zusammen: Tiere wie Menschen kommen und gehen, alles ist in Bewegung,  aber das, was zählt ist, ob jemand in der Spanne der Zeit, die man miteinander verbracht hat, loyal war. Denn dann kann man mit Abschieden auch besser umgehen. Der Thaihund damals hatte wirklich einen anständigen Job gemacht: Als ich endgültig meine Holzhütte am Meer verliess, brachte er mich wieder bis zur imaginären Grenze. Dann setzte er sich. Er schaute mir wie immer hinterher, und das machte mein Herz ein kleines bisschen weniger schwer.

 

Mucho Love, Yvi

 

 

Ohne Heimat – keine Reise. Alleine in die Welt.

Neun Monate… warum denn sooo lang und das alleine? Diese Frage kam öfter, nachdem ich rausgehauen hatte, dass ich länger weg sein werde. Die lange Strasse ohne Ziel in Sicht entlang rollen. Durchatmen. Welt ankucken. Nur mit mir. Da habe ich schon so lange Bock drauf. Warum? Ist so!   

Es gibt Menschen, die stehen nicht auf (alleine) rumreisen, finden das aber interessant oder cool wenn es jemand macht, und es gibt Menschen, die behaupten: Frauen Ü30 alleine auf Reisen sind in der Regel ohne Mann und Kind und stecken (deshalb) in der Sinnkrise!

Ich sage: Kommt vor. Und Frauen Ü 30 reisen um die Welt, weil sie es können. Und weil sie den Mut haben. Bestenfalls mehrere Sprachen beherrschen, auf jahrelange Arbeitserfahrung zurückblicken und einen Ort im Leben haben, zu dem sie wieder zurückkehren wollen. Eine Heimat: In meinem Fall Leipzig. Allerdings nur im Herzen, denn ich bin zum ersten Mal ohne Wohnung –  die musste ich räumen: mein Wohnungsbesitzer und meine Hausverwaltung hatten für einen Auslandsaufenthalt gar kein Verständnis und verboten mir ohne Angabe von Gründen kurz vor Abreise die Untermiete. Ich packte mein Hab und Gut in eine 8qm Box und bin mir selbst jetzt gerade eine Heimat to go. ……Krasses Gefühl, etwas bodenlos, aber trotzdem fühlt es sich zu hundert Prozent richtig an, weil was muss,  das muss!

Nach langem Grübeln tausche ich für eine Weile das Radiostudio gegen Welt.
Vor Jahren riet mir eine alte Lady: „Be a hippie for one year – only one time in your life“. Ok.

Ich habe den Traum zu reisen seit einigen Jahren. Der ist so stark, dass ich jede Nacht davon träumte. Ich bin dann nicht nur im Traum, sondern im realen Leben häppchenweise auf Reisen gegangen nach Indien, Thailand, Vietnam und dachte, dass es dann aufhört, aber das tat es nicht.

Jeder weiss, wenn man als Freiberuflerin eine gute Stelle hat, wie in meinem Fall, sollte man sich das mit dem Ich bin dann mal weg für fast ein Jahr gut überlegen, also schob ich meinen grössten Wunsch jahrelang in die Zukunft bis er sich bockig vor mir auftürmte: Ich brüllte ihn an: Ich will doch gar nicht reisen wollen, lass mich doch bitte endlich mit dem Fernweh in Ruhe. Er bewegte sich keinen Zentimeter mehr von der Stelle, und so musste ich mich meiner grössten Angst stellen, der Existenzangst. Ich sprach mit meinen Chefinnnen, fühlte mich von ihnen verstanden, erhielt Rückenwind von Freunden/-innen und Kollegen/-innen und nach vielen guten Gesprächen bin ich mit Dankbarkeit, Schiss und meiner Neugier los. Die Radioliebe und Yogamatte im Gepäck.

Die Reise hätte allerdings fast so nicht stattgefunden.

Oft ist es ja so, dass sobald eine Entscheidung zu so einem –  für mich – Riesenwumms gefallen ist, jemand in dein Leben tritt, und genau das ist passiert. Ich lernte jemand kennen, dessen Lebensinhalt zufälligerweise das Reisen ist – allerdings mit Fluchtcharakter. Für mich war es immer wichtig, erst dann loszumachen, wenn ich mit meinem Leben zufrieden bin. Eine Basis habe, von der aus ich mich bewegen kann mit der Einstellung Ohne Heimat keine Reise. Und um noch mal auf das mit dem Sinn zurück zu kommen.. natürlich nehme ich auf meine Reise Fragen mit, ich denke jeder von uns hat welche im Kopf, die sich auch mal für länger einnisten. Da ist so ein Trip eine gute Möglichkeit, die mitzunehmen und Stück für Stück auszupacken auch ausserhalb der persönlichen Komfortzone. Egal ob beim (einsamen) Abhängen in der Bambushütte, beim Yoga im Dschungel, bei Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen, die man trifft, wie kürzlich einen 60jährigen Amerikaner, der sich früher als smokejumper/Feuerspringer aus dem Flugzeug stürzte, um erste Hilfe bei grossen Waldbränden zu leisten, es übertrieb und seit 1 Jahr durch den Wind als Peaceheart durch die Welt tingelt,  oder ob bei crazy Workshops, bei denen Russinnen sich in den Armen liegen und ein Brite total ausrastet vor Eifersucht (diese Geschichte erzähle ich noch).

So ein Selbsterfahrungstrip mit Hippiecharakter ist wie ein Film. Man holt sich das, was in Büchern und Dokus erzählt wird für eine Zeit lang ins eigene Leben und bildet sich seine eigene Meinung. Natürlich begegnen einem da auch lost souls, die durch sind, total eso und über alles mega viel rumreflektieren, da bekomme auch ich Fluchtimpulse, aber mittlerweile denke ich: „Besser etwas crazy, eso und liebenswert als abgestumpft, addicted und doof.“ Der Mensch, der mich auf seine Reise mitnehmen wollte, tickt trotz der gemeinsamen Liebe zum Reisen so ganz anders: Er möchte auf keinen Fall nach Indien und Yoga machen und meditieren – was ok ist. Er möchte mit dem Bulli durch Afrika, sich zähnefletschende Löwen ankucken – auch ausserhalb der erlaubten Gebiete durch die Wüste heizen: mit Heizöl im Tank, selbst ausgestelltem TÜV und mit mir auf seinem Beifahrersitz. Als Reisebegleiterin. Das klingt doch fantastisch: mit einem gut aussehenden Abenteuertypen adrenalinbesoffen durch Afrika zu fahren…. Nicht für mich. Der Herr hat auf dieser Reiseliste noch einige andere Statistinnen stehen, die etappenweise in den nächsten Monaten zusteigen werden, um ihm und seiner Reise zu dienen. Ausgerechnet beim Acroyoga hat er sie akquiriert. Ich wäre also eine von Vielen an seiner Seite gewesen – jederzeit austauschbar: Da reise ich doch lieber zu den Orten, die mich persönlich weiterbringen und spiele auf meiner Reise, von der ich so lange träumte, die Hauptrolle. Als Löwin auf der Yogamatte. Alleine.

 

 

11 Che Guevara besuchen

Auf dem Weg zu Che Guevara nehmen wir Platz auf verschlissenen spackigen Sitzen, vor uns eine Frau mit Spucktüte.  Zum ersten Mal fahren wir auf unserer Reise durch Kuba mit dem Viazul Bus. Die Fahrt von Trinidad nach Santa Clara kostet 8  CUC –  so um die 8 Euro,  das können sich nur Touris und Business-Kubaner leisten. Drei Stunden später kommen wir am Busbahnhof an. Um uns herum bricht der Kampf aus: Ein Miniabbild dessen, was 1958 in Santa Clara abging. Che Guevara hatte damals dort seine grösste Schlacht gegen das Batista Regime, zusammen mit den guerilleros konnte er die strategisch wichtige Stadt erobern.

 

Wir versuchen uns am Busbahnhof einen freien Weg zu erobern, vorbei an hysterisch auf uns einredenden Männern, die untereinander konkurrieren. Alle wollen uns mitnehmen, mit Taxi oder Pferdekutsche. Wir wollen erstmal bleiben und unser Busticket für die Weiterfahrt nach Varadero kaufen. Der Viazulbusschalter ist ein kleiner Raum mit vergilbten Wänden. Ein Mann mit Fluppe im Mund und dicken goldenen Ringen an den Fingern nimmt unsere Namen auf. Meine Freundin ist Platz 1 der Busliste, ich Platz 2. Wir wollen das Ticket sofort bezahlen, er sagt nur abweisend, dass wir das übermorgen machen sollen, wenn wir weiterreisen. Ich habe ein komisches Gefühl, aber nichts zu machen, ohne Ticket gehen wir raus aus dem Busbahnhof.

Ein kubanischer Teenager fährt uns mit seiner Pferdekutsche zu unserer Casa Particular. Für 4 CUC. Wir ahnen, dass das viel zu teuer ist, aber das Pferd sieht so aus, als müsste es mal richtig essen, also geben wir ihm das Geld, sagen ihm er solle sein Pferd füttern und machen mit ihm aus, dass er uns für die Rückfahrt zum Busbahnhof in 2 Tagen abholt. Er freut sich über den Deal.

Blick von unserem Schlafzimmer ins Wohnzimmer

Unsere Casa liegt in der Altstadt, ein wunderschönes Kolonialstilhaus, das noch aus der Zeit der französischen Zuckerbarone ist, die im 18. und 19. Jahrhundert dort lebten. Beim Betreten wirkt es kühl –  nicht von den Temperaturen her, sondern von der Atmosphäre. Eine Putzfrau ist den ganzen Tag damit beschäftigt, die staubfreien Nippesfiguren zu entstauben und über die vielen französischen Stühle und Bänke zu wischen, die im Wohnzimmer neben- und hintereinander gestapelt sind…. als wäre es eine Ausstellung. Lediglich der Flachbildfernseher, erinnert uns daran, dass wir 2016 haben und dass in diesem Museum jemand lebt. Eine höfliche Familie mit schöner Mutter, schönem Vater, schöner Tochter und schönem Sohn.

Moderne trifft auf Geschichte. Foto der Tochter zwischen antiken Nippesfiguren.

Der Familienvater ist ein hervorragender Koch und nach getaner Arbeit sitzt er vorm Fernseher. Weil unser Zimmer vom Wohnzimmer abgeht, müssen wir ihn manchmal stören und durchs Bild laufen. Stellt euch vor, ihr hättet jeden Tag Gäste, die durch eurer Wohnzimmer latschen…… nicht auszuhalten. Ich spreche die Mutter an, sie erzählt mir, dass sie seit 15 Jahren jeden Tag Gäste haben. Das zerstört jede Familie, denke ich. Auf mich wirkt alles wie eingefroren. Die Tochter, 16 Jahre alt, zieht ne Schnute als wenn sie kurz davor ist jemanden zu verprügeln, wenn sie nicht endlich in die grosse weite Welt darf, um Model oder Popstar zu werden. Ihr übergrosses Bild hängt aufdringlich und aufgehübscht im Wohnzimmer gegenüber vom Flachbildfernseher, es ist das Erste was wir beim Betreten der Villa zu Gesicht bekommen. Mit ihren feuerroten Hotpants, dem knappen Oberteil, sieht sie aus wie ein Boxenluder aus einem Pirelli Kalender. Sie ist auf dem Bild 15 Jahre alt und mit meinen ‚Läster’- Gedanken tue ich ihr etwas Unrecht, denn alle 15 jährigen Kubanerinnen machen solche Fotos zur Quinceañera: dem offiziellen Übergang der 15-Jährigen vom Kind zur Frau.  Sie ist die Prinzessin der Familie, und ich stelle mir vor, wie sie davon träumt als Popstar mit den Pussy Cat Dolls durchzubrennen.

„Den Traum, es nach Amerika zu machen, haben fast alle jungen Kubaner“, sagt die Mutter. Nur nicht ihr Sohn, der studiert brav in Kuba, was auch gut geht, denn Santa Clara ist eine Studentenstadt und die revolutionärste noch dazu –  nicht wegen der Schlacht damals von Che, sondern weil sie progressiv ist in Kunst und Kultur und Szene. In Santa Clara gibt es die einzige offizielle Drag Show, eine Graphiktruppe, die satirische politische Cartoons raushaut auch auf Fassaden und Mauern  und hier findet das beste Rockfestival des Landes  statt– Ciudad Metal.

 

Abends erleben wir in einem alternativen Zentrum ein Konzert von Musikern, die aus allen Ecken der Welt stammen, machen aber nicht zu lang, weil wir am nächsten Tag Che treffen wollen.

Auf dem Weg zu seinen Knochen, kommen wir noch mal am Busbahnhof vorbei. Wieder hysterische Männer, die uns irgendwohin bringen wollen.

Apokalypse heisst die Karre, mit der sie auf uns warten.

Ich werde zum ersten Mal richtig laut, weil sie ein Nein einfach nicht akzeptieren und brülle „NO. NO. NO. Gracias NO. Basta ya!“ Mit diesem Mantra gehen wir noch mal zum Raum, in dem die Bustickets verkauft werden. Dieses Mal sitzt dort eine Frau.  Ich sehe die Liste und unsere Namen darauf, sie sagt: „Alles in Ordnung, seien Sie bitte morgen früh um 7 –  eine Stunde vor Abfahrt – da, dann gibt es die Papiertickets.“

Ok, wir ziehen ab. Zu Che, der beim Monumento Memorial Comandante Ernesto Che Guevara übergross auf einem Sockel thront, und sagen ihm hallo.

Wir schlendern weiter durch die Strassen mit giftgrünen Hochhäusern und über den „Boulevard“ –  das ist die Haupteinkaufstrasse der Innenstadt, wo nicht viel einzukaufen ist.

Fashionstore-Verkäufer auf dem Boulevard

Im Supermarkt wollen wir uns ein paar Nahrungsmittel zulegen. Prima Bier, Tropi Cola und Cracker. Bei Letzterem sagt die Kassiererin: „NO!“ und nimmt sie zurück. Ich frage, warum ich die nicht kaufen darf, ein Kubaner sagt etwas zu ihr, was ich akustisch nicht verstehe, daraufhin gibt sie mir die Packung kommentarlos zurück und ich bezahle. Ich schiebe mir einen Cracker in den Mund und denke, dass so Pappkarton schmecken muss. An der Ecke zu unserer Villa verkauft eine alte Dame Kekse an ihrem Fenster. Damit überschreibe ich schnell den fiesen Geschmack und spüle Tropicola hinterher.

 

Am nächsten Morgen ist es Zeit, Santa Clara zu verlassen. Die Mutter fragt uns, wer uns abholt – wir sagen ihr: „Der Pferdejunge von vorgestern“. Sie will wissen, was wir gezahlt haben – „4 CUC“, sie schlägt die Hände überm Kopf und meint, dass 1 CUC das Maximum  pro Fahrt ist. Pünktlich wie vereinbart steht der Junge vor der Villa. Die Mutter ruft ihm vom Fenster aus in einem groben unfreundlichen Ton zu, er solle hochkommen und unser Gepäck runterholen. Er gehorcht, sprintet die Treppen hoch und nimmt unsere schweren Taschen und wir, ja wir laufen konsterniert hinterher. Peinlich alles. 10 Minuten später kommen wir am Busbahnhof an und wollen ihm kommentarlos 1 CUC zustecken und einfach mal ohne Konflikt weiterreisen. Er ist entsetzt und will wieder 4 CUC wie auf der Hinfahrt. Wir sagen ihm, dass wir nun wissen, dass 1 CUC üblich ist. Er sagt „No!“ In seinem Gesicht wechseln sich in nur zehn Sekunden Wut, Verzweiflung und Trauer ab. Sein Pferd, halb verhungert, kuckt uns an. Es ist nicht auszuhalten: Dann zieht er alle Register: Er schaut drein, als ob er von der Liebe seines Lebens verlassen worden ist.  Für mich ein emotionaler Supergau. Dieser Zwiespalt zwischen Mitleid, Mitgefühl, ausgenutzt werden und Wut darüber ist in Kuba ein beständiger Reisebegleiter. Der Kampf um Kohle in Santa Clara nervt, ich denke „Scheiss drauf.“ Wir stecken ihm  wieder 4 CUC zu und hauen ab.

Scheiss drauf!

Unsere Abfahrt aus Santa Clara erlebt nun den Showdown.

Wir betreten das Busbahnhofsgebäude. Es ist übervoll mit Menschen. Der Raum mit den Bustickets ist verschlossen. Wir hämmern gegen die Tür, geben nicht nach bis uns die Info erreicht, dass der Bus, mit dem wir nach Varadero fahren wollten seit 3 Wochen ausgebucht ist……… Reingelegt!  Um uns rum, Menschen in derselben Lage.

Der Bus fährt ohne uns ab.  Jetzt stürmen die hysterischen Männer auf uns zu, einer von ihnen wird uns mit einer alten Karre aus den 90ern  nach Varadero fahren. Eine Karre mit Loch.

 

SANTA CLARA

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10 Klaps auf dem Po – Reiten in Trinidad

Wir werden abgeholt. Ein zweites Mal traue ich mich zu reiten, diesmal aber nicht alleine, meine Freundin kommt mit. Wir buchten über unsere Casa Particular in Trinidad eine Privattour zu zweit.

Morgens um 9 steht ein alter hagerer Kubaner, geschätzte 80 Jahre alt, mit Cowboyhut, Miami Vice Shirt und Pornoschnuppi vor unserer Casa: Er fordert uns auf, Platz zu nehmen auf seiner Fahrradrikscha: Im Gehtempo kutschiert er uns mit seinen Zahnstocherbeinen durch die Stadt. Es quält mich, ihn so zu sehen wie er sich abstrampelt und denke, dass ich treten sollte und nicht er, belasse es aber beim Denken.

El machismo cubano

Als wir eine halbe Stunde später am Stadtrand von Trinidad ankommen, wartet auf uns El Machismo cubano – kubanisches Machogehabe:  Pferdeboys mit bezackten Cowboystiefeln und feurigem Blick.  Wir nähern uns zögerlich den Pferden. Einer fragt uns, ob wir Angst hätten. Wir antworten: „No.“ Er erwidert: „Solltet ihr aber haben, aber nicht vor den Pferden“.

Obwohl wir eine Privattour zu zweit gebucht haben, werden wir in eine Gruppe mit 20 Tschechen gesteckt.  Die Pferdeboys erklären uns nix, ohne Einweisung geht es los. Damit es noch etwas spannender wird, übernimmt ein langhaariger blonder Tscheche den Job des Entertainers. Er spielt den gezopften Berliner Musiker Romano nach, der rappt „Alle meine Freunde kriegen einen Klaps auf dem Po.“ Mit einem Stock in der Hand, haut der Tscheche nicht seinen Freunden, sondern den Pferden einen Klaps auf ihrem Po. Auch mein Pferd erwischt er, das mal kurz wild beschleunigt. Er geht voll auf in seinem Job als Pferdeantreiber. Er lacht, brüllt, gibt Laute von sich wie ein native American und benimmt sich kindischer als sein 8 jähriger Sohn, der vor ihm ganz still auf dem Gaul sitzt. Ich finde das ja toll, wenn jemand so aufdreht und sein inneres Kind rauslässt,  sitze aber zum zweiten Mal in meinem Leben auf einem Pferd und diese Aufregung, wann es den nächsten Klaps auf den Po meines Pferdes gibt, brauche ich nicht. Deswegen brüll ich ihn an, er solle damit aufhören. Hört er nicht.

Wir reiten zu einem Wasserfall, wo ein Kubaner mit einer herzchenbeklebten Gitarre auf uns wartet. Er macht den Soundtrack zu der Show, die der Tscheche nun abliefert. Aus 5 Metern Höhe macht er formvollendetste Kopfsprünge in das kleine Wasserbecken vorm Wasserfall. Er lässt sich feiern vom Publikum, das abwechselnd klatscht und sich im kühlen Nass Mojito einflösst oder andere sprudelnde Getränke wie TropiCola oder PrimaPilsener, die an einer Bretterbar verkauft werden.

 

Nach einer Stunde geht es weiter zu einer Farm. Mittagessen. Das besteht aus einem Spanferkel, das frisch geschlachtet und aufgespiesst darauf wartet über dem Feuer geröstet zu werden. Diesen Job übernimmt natürlich der Tscheche zusammen mit seinem Sohn. Er hat er einen Mordsspass dabei das tote Tier über den heissen Flammen zu drehen.

Weil wir Vegetarierinnen sind, essen wir nicht. Sie bieten uns ein Extraessen an. Einen Salat für 5 Euro umgerechnet. Finden wir nicht gut. Ich reisse mir meine Lieblingshose noch an einem Nagel auf, der aus dem Stuhl ragt, die Bedienung lacht sich darüber schlapp und dann ist die Laune in Abschiedsstimmung. Wir bitten freundlich den Pferdeboy, uns nach Hause zu bringen.  Schliesslich haben wir für eine Privattour bezahlt. Er sagt, dass ein Kumpel gleich kommt und wir mit dem weiter reiten könnten. Miguel  kommt wenige Minuten später angeritten. Er betreut eine Privattour für ein kanadisches Pärchen.  Wir reiten mit ihnen zurück. Miguel ist nett, sein Pferdemädchen, das hinter ihm sitzt, auch. Beide bringen uns die Grundlagen des Reitens bei. Wie wir die Zügel halten sollen, bremsen beschleunigen etc. Schön dass das noch auf dem Rückweg passiert:-). Aber wir ahnen nicht, dass das Ende dann noch mal aufregend wird. Als wir am Stadtrand von Trinidad ankommen, sagt Miguel plötzlich: „Reitet hier rechts in die Strasse und stellt die Pferde ab“. Und weg ist er.

Wir sitzen auf den Pferden in einer verlassenen Gegend und kucken als hätten wir einen Alien gesehen.  „Wie kommen wir jetzt runter von den Pferden, wo sollen die denn jetzt hin?…..“ Überlegend was nun zu tun ist, kommt zum Glück das Pferdemädchen um die Ecke gebogen und hilft uns beim Absteigen. Sie will wissen, wo wir wohnen. Wir nennen ihr unsere Adresse und sie sagt: „Geradeaus rechts, links, rechts dann seid ihr da“.

Wir machen uns auf den Weg durch die sehr ärmlichen Strassen. In einer Bude hängt ein abgeschnittener Schweinskopf. Ich hole meine Kamera raus, drücke ab, ein Kubaner schreit mich an, dass Glotzen und Knipsen nicht erlaubt ist. Wir rennen weg. Was für eine Abenteuertour!

 

9 Trinidad: Tote Tiere in Oldtimern und Tanzen in Tropfsteinhöhlendisko

Trinidad: Tote Tiere in Oldtimern, dinnieren zwischen antikem Krempel, Jesus an der Bar und Tanzen in Tropfsteinhöhle

Trinidad wirkt auf mich wie eine Stadt, in der die Bewohner nur Statisten spielen, wie ein Filmset, durch das tausende Touristen täglich stapfen. Oder wie ein Freilichtmuseum, in dem die Bewohner der Stadt die Kunstwerke sind, die wir beobachten.

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Entweder mit Zigarre im Mund beim Schachspielen in ihren Wohnzimmern, die fenster- und oder türlos bis auf die Strasse gehen oder beim Zerhacken von toten Tieren in einem Kaffeehaus, in das wir einkehren, um Kaffee zu trinken. Ein junger durchtrainierter Kubaner im Florida Key West Muskelshirt baut sich plötzlich vor uns auf und säbelt mit scharfem Messer in aller Ruhe an einem toten Schwein oder Rinderbein rum. Skurril, auch wie diese toten Tiere transportiert werden.

Steaks aus Kofferräumen

PKW Fossilien aus den 50er Jahren rauschen an uns vorbei. Ein Oldtimer in hellblau hält an, und wir trauen unseren Augen nicht,  was zum Vorschein kommt. Als ein Kubaner den Kofferraum öffnet, spielt sich eine Szene ab wie aus einem Trashhorrormovie. Übereinander gestapelte nackte Körper kucken uns an: Enthäutete tote Rinder. An ihren rosafarbenen Beinen zieht er sie nacheinander aus dem Kofferraum. Machen wir uns nix vor. Das Fleisch kommt etwas später auf die Teller als Steak. ¡Claro que sí!, oder nicht? So oder so schwer verdaulich. Mit zittrigen Händen mache ich schnell einen Schnappschuss vom Kofferraum.

Fleischtransport im Oldtimer

Es geht weiter durch den Stadtkern, der UNESCO Welterbe ist. Alle paar Meter ploppen zwischen den Häusern mit bonbonfarbenen Fassaden, an denen Vogelkäfige als Accessoires hängen,  prächtige Villen im Kolonialstil auf. Zuckerbarone liessen sie im 18. und 19. Jahrhundert errichten. Heute sind die Angeberbauten konserviert und umfunktioniert zu Restaurants, wie das berühmte Sol y Son, einem Paladar, der von privater Hand geführt wird. Auch Steaks landen auf den vergoldeten Tellern im Antiquitätenambiente :-). Bei Kerzenschein sitzen die Gäste zwischen Nachthemden, Vasen, Nippesfiguren und Betten aus dem 18/19. Jahrhundert. Wir schleichen durch die vollgestopften Zimmer, altes vergoldetes Porzellan steht tonnenweise rum,  auf 20 qm ist mehr zu finden als  in zehn Omawohnzimmern….die Barkeeper gehen fast unter.

Jesus bestellt einen Drink. Neben ihm stehen Kubaner und ihre Instrumente, auf denen sie Jazzmusik, bekanntes aus Buena Vista Social Club, Salsa, den Son Cubano spielen. Ein Musikstil, der so alt ist wie der hübsche Krempel.

Bei all dem Gewusel frage mich, wie oft hier was in die Brüche geht. Auch wundere ich mich, dass auf einem Regal ein vergilbtes Yogabuch steht. Über den berühmten langhaarigen indischen Yogameister Yogananda, der 1893 geboren ist, also auch so alt ist wie Porzellan, Möbel und Musik drum rum. Ausserdem hängt sein Gesicht eingerahmt neben Jesus über einem Bett. Ich stelle mir vor, wie die Zuckerbarone damals nach dem Aufstehen erstmal eine Runde Yoga – den nach unten schauenden Hund, die Kobra oder das Kuhgesicht  – gemacht haben und dann beteten. Oder umgekehrt.

Kucken ist toll im Paladar Sol y Son, aber gegessen wird woanders: in einem ganz anderen Ambiente bei La Botija: Ein Restaurant, das früher mal Geheimtipp war und heute der Hot Spot aller Touris ist. Umgeben von Steinwänden, an denen Folterinstrumente hängen – Trinidad war nicht nur die Stadt des Zuckers, sondern auch des Sklavenhandels – schlagen wir uns die Bäuche voll mit Käsebällchentapas, Käsepizza, Spaghetti mit Tomatensauce und einem Berg Käse drauf. Wir blenden aus in was für einer Kulisse wir sitzen. Mein Kopf wendet sich weniger historisch-blutrünstigen als eher gegenwärtigen-käsigen Gedanken zu.  Und schon wieder knipst er das schlechtes Gewissen an, fragend: „Woher haben die soviel Käse? Der ist doch schwer zu bekommen auf Kuba, ein Luxusnahrungmittel, das sicherlich nicht auf dem Teller eines Kubabers einfach so landet“.

Die Bedienung ist hier ähnlich wie in Havanna mit einem traurigen, aber nur leicht aggressiven Gesichtsausdruck unterwegs: Kein Wunder: essen wir hier mal wieder in einer  Stunde tollstes Essen für 10 Euro  – fast einem ganzen Monatsgehalt eines Kubaners. Es ist schwer, das zu verdrängen. Die Ungerechtigkeit der Welt schlägt sich an einem Holztisch in Trinidad nieder, auf dem käseüberflutete Pizza und Pasta stehen. Ich bin dankbar dafür, in einem so reichen Land geboren worden zu sein, das mir so viele Möglichkeiten bietet mit einen Lebensstandard, der für andere ein Traum ist. Der Grossteil der Jugend in Kuba ist zur Zeit noch pessimistisch und frustriert, was die Zukunft angeht. Ob die Öffnung zu Amerika hin, einen Lichtblick für den konkreten Lebensalltag der Kubaner bringt oder nur schöne museumshafte aufpolierte Fassaden, bleibt abzuwarten. Gerade heute im Dezember 2016 meldet Kubas Wirtschaftsminister Ricardo Cabrisas  einen Wirtschaftsrückgang von 0,9 Prozent.

Ayala: Tanzen in der Tropfsteinhöhle eines Serienkillers

Am nächsten Tag besuchen wir endlich den Ort, der laut dem Neon Magazin, zu den 66 besondersten der Welt gehört. Disko Ayala – eine Disko in einer Tropfsteinhöhle auf einem Hügel.

Es gibt zwei Wege dorthin. Mit Taxi oder zu Fuss. Wir laufen. Einen Schotterweg entlang, umgeben von echtem kubanischem Leben. Ärmlich und herzlich. Einige Kubaner verkaufen Anheizergetränke am Strassenrand, einen Mojito für 1 CUC, umgerechnet knapp 1 Euro oder das typische Trinidadgetränk – einen Canchánchara – bestehend aus Rum Honig und Limettensaft.

Am mit Plastikleuchten blinkenden mobilen Mojitostand treffen wir endlich die zwei lustigen Typen wieder, die wir im Flieger nach Kuba kennengelernt hatten, zwei Rheinländer, die sich in den Tag rein- und rauslachen. Weil einer der beiden aber was schlechtes gegessen hatte, lachen sie an dem Abend noch ein paar Mal und gehen dann ohne zu dancen früh schlafen.

Meine Freundin und ich laufen also ohne männliche Begleitung den Hügel hoch an einer Bayern München Fanfahne vorbei über Geröll durch die Dunkelheit zum nicht nur tollsten, sondern auch unheimlichsten Club der Karibik. Unheimlich, weil dort Ende des 19. Jahrhunderts Carlos „Coco“ Ayala Zuflucht suchte. Er soll ein Serienkiller gewesen sein. Und ganz ehrlich: der Weg durch die Dunkelheit machte mir erst ein mulmiges Gefühl, aber kein Grund zur Sorge: Fidel hat dafür gesorgt, dass Kuba eins der sichersten Länder ist, hinter jedem Baum hockt ein Polizist, 24 Stunden, ungefähr so.

Wir kommen gut an und rein für 5 Euro. In Ayala knutschen Justin Bieber und Enrique Iglesias mit Jennifer Lopez und kucken uns dazu von riesen Leinwänden an. Paar Hits, die überall laufen, paar Latinobeats, fertig ist der Tropfsteinhöhlenmix. Ein Showprogramm gibt es auch. Muskulöse Typen in weissen Leuchteklamotten heben mit ihrem Mündern einen Tisch hoch, auf dem jemand sitzt. Starker Biss.

 

Das Publikum ist gemischt. Einige Kerle, vielleicht Franzosen oder Italiener, glotzen von ihren Stühlen aus auf die Tanzfläche, und checken die Mädels ab. Im Blickfeld eine Hippstertruppe aus Berlin oder Leipzig oder aus Kopenhagen, sie danct rum, als wenn es einen Preis zu gewinnen gäbe.

Aber einer stielt allen die Show: Ein Japananer. Berauscht vom Tropfsteinhöhlenhimmel oder vom Mojito oder von beidem, dreht er mit einem Leuchten in den Augen Pirouetten und schlägt Haken wie ein Torero. Dabei gibt er Jubellaute von sich wie ein Kind, das gerade sein Lieblingsgeschenk ausgepackt hat.  In diesem Moment ist er der glücklichste Mensch der Welt.

 

Blick auf Trinidads Strassen:

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8 Trauer in Trinidad

Unsere Reise geht weiter von Viñales nach Trinidad.

Wieder brausen wir im taxi colectivo. Weil es in Kuba nicht so viele Strassen gibt, fahren wir die 500 Kilometer in einem riesen Bogen über Havanna. Unsere Fahrt rollt wieder gut. Nicht bei allen läuft es so reibungslos ab. Am Strassenrand auf halber Strecke halten wir einmal kurz an, weil ein anderer taxi colectivo Fahrer Ärger hat: das Paar will nicht mit ihm weiter, da er viel zu schnell fuhr. Das passiert öfter, denn sie versuchen so viele Fahrten in den Tag zu quetschen wie es geht. Wir erfahren auch, dass Touris manchmal viele Kilometer vor ihrem Ziel rausgeschmissen werden, das erleben wir auf unserer Reise zum Glück nie.

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Nach 7 Stunden kommen wir in Trinidad an.
Dort soll die schönste casa particular sein, sagte eine Freundin, die vor längerer Zeit dort unterkam. Das sind 6 Jahre her. Und direkt als wir ankommen, spüren wir, etwas hat sich verändert. Die casa mit einem wunderschönen Innenhof, wirkt wie verlassen. Unser Gefühl, ein Mensch fehlt, bestätigt sich am Ende unseres Aufenthalts.
Empfangen werden wir vom ältesten Sohn des Haues, Luis, 18, nett, nicht aufdringlich. Im Gegenteil er lässt uns einfach mal ganz in Ruhe, was nach Viñales, wo wir ständig das Gefühl hatten, der Familie eine Tour abkaufen zu müssen, gut tut. Wir beziehen eins der drei Zimmer, bekommen zu zweit drei Betten, aber dafür kaum Wasser. Am Anfang tröpfelt noch etwas aus dem Wasserhahn, am Ende sind wir 3 Tage ohne Wasser. Luis ist überfordert. Er schafft es nicht, es zu reparieren, wir nehmen es hin. Die anderen Gäste nicht, sie verlassen den Ort.

Die einzige Frau, die umherhuscht, ist eine ruppige Kubanerin, immer mit Fluppe im Mund. Sie fegt im Garten durch, kümmert sich um die Wäsche und manchmal auch ums Frühstück – irgendwie: sie brüllt durch unser Fenster: „chicas, desayuno!“ – Mädels, es gibt Frühstück!
Auch hier fehlt etwas: Gläser und Teller. Bevor wir sie bitten können, uns welche zu geben, ist sie auch schon wieder weg.
Der kleinere Bruder ist nur physisch anwesend, er liegt lethargisch in seinem dunklen Zimmer, die Tür immer einen Spalt geöffnet, Zigarettenqualm sucht sich seinen Weg nach draussen. Wenn er mal seine Matratze verlässt, sind Freunde da. Sie boxen einige Minuten gegen einen Sack.
Eine Schwere liegt auf dem Ort wie eine alte dicke Decke, die lange nicht mehr angefasst wurde. Der einzige, der unbeschwert ist, ist Boxerhund James.

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Der möchte immer was vom Abendessen abbekommen, was uns der Vater in seiner kleinen Küche kocht, in der auch das Auto steht. Kein Witz. Eine Garagenküche sozusagen, ein skurriler Anblick. Er zaubert eins der besten Essen: Suppe, Gemüse, Salat, Reis. Und dann ist auch er schon wieder weg.

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Beim letzten Abendessen, ist der Vater angetrunken, und er bleibt etwas länger. Er erzählt, dass seine Frau vor 5 Jahren starb, an Krebs: alles ging sehr schnell. Das Haus brauche wieder eine Frau. Er gibt mir seine Visitenkarte und sagt wir sollen schnell wiederkommen. Gegenüber hat er als Zuflucht eine neue Bleibe geschaffen, „Casa de la Esperanza“ – Haus der Hoffnung

7 Titanic auf dem Pferd

Titanic Nachspielen auf dem Pferd im Valle de Viñales

Als klar war, dass wir nach Kuba reisen, wusste ich sofort: das wird meine Reitpremiere. Als Setting dafür habe ich mir – wie auch gefühlt 100000 weitere Touristen – Viñales ausgekuckt. Ein Traum. Im Valle de Viñales zu stehen, fühlt sich an wie Teil eines Gemäldes zu sein. Ich reibe mir zum ersten Mal tatsächlich die Augen. Weil es so besonders ist und so eine Ruhe ausstrahlt, und die Natur mit so vielen Farben protzt: Leuchtend rote Erde, drumrum giftgrüne Tabakfelder eingerahmt in krasse mogotes /Kegelkarstberge. Das sind Übrigbleibsel eines Steinklotzes, der vor Millionen Jahren wie ein Schweizer Käse rumthronte und nach und nach in sich zusammenfiel bis nur noch der Rand übrig blieb, wie bei einer Pizza. Im Rand stecken bis heute coole cuevas, Tropfsteinhöhlen, typisches Ziel einer Reittour. Genau da will ich hin, muss aber vorzeitig abbrechen, da es zu anstrengend wird auf zwischenmenschlicher Ebene mit dem caballero / dem Pferdeboy Adrián. Er bietet mir an, mit mir 2 Stunden zu reiten bis zur cueva und zurück für 6 CUC, ca 8 Euro. Super Angebot. Er sagt, ich solle kurz warten dann ginge es los. Halbe Stunde später hat Adrián sein Shirt in ein Hemd getauscht, einen Strohhut auf und riecht nach Aftershave – viel zu intensiv. Ich fühle mich wie bei einem Date. Und liege damit auch nicht ganz falsch.

Er gibt mir das Pferd. Hilft mir beim Aufsteigen und eine Sekunde später sitzt er schon hinter mir auf demselben Pferd. Ich frage, was das soll, ob das Pferd nicht gleich zusammenbricht und wieso wir jetzt zu zweit reiten. Er behauptet, dass wenn ich noch nie geritten bin, er mit aufs Pferd muss. Ok. Weil er harmlos wie ein Milchbubi wirkt, zieh ich das jetzt durch. Dann geht es auch schon los. Ich versuche das mal locker zu sehen. Die Landschaft ist der Knaller. Wir reiten vorbei an Tabakplantagen mit Strohhütten, die aussehen als hätten sie ein Gesicht. Vorbei an Pflanzen die ernsthaft Romeo und Julia heissen, die Corojo Pflanze, aus der auch Zigarren gemacht werden.
Und wo wir schon bei Romeo und Julia sind, ist der Sprung zu Leonardo di Caprio und Kate Winslet in Titanic nicht weit: Adrián sagt zu mir, ich solle meine Schultern mal entspannen, und schon nimmt er meine Arme und macht einen auf Titanic. Arme in den Himmel, locker lassen. Das ist jetzt wie im Film, ich bin perplex. Natürlich werde ich dadurch nicht locker. Diese Szene versetzt mich eher in „IchmussdasPferdverlassen-Bereitschaft“, aber noch gebe ich nicht auf.

Wir reiten zu einer Bananenplantage, wo auch schon Antonio wartet, der ganz scharf darauf ist mir drei verschiedene Bananensorten zu zeigen und nebenbei noch zu klären, ob ich nicht Bock hätte einen kubanischen Farmer als Freund zu haben. Er behauptet, dass die kubanischen Frauen alle hässlich seien, sowieso keine Lust auf Countrymänner hätten, vielmehr ständen sie auf welche, die mit ihnen nach Amerika gehen am besten nach Miami. Er will aber bei seinen Bananen bleiben. So wie Adrián bei seinen Pferden, auf denen er 7 Tage die Woche mit Touristen durchs Tal reitet. Eine Freundin findet auch er nicht.
Und wo man schon mal gar keine Frau hat, will man am besten gleich mehrere: Antonio erklärt mir, dass 1 Frau pro Kubaner nicht reicht. Zeigt auf einen, der am Häuschen hockt, und haut raus, der habe 6 Frauen. Er sei loco /verrückt –  nicht untypisch für kubanische Männer. Ich bleibe cool und sage schnell adiós.

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Weiter geht’s mit Adrián zusammen auf dem Pferd durchs Tal. Er startet jetzt Phase zwei: Will wissen wie alt ich bin (er 25), kommentiert meinen Federohrring als muy bonito /sehr schööön, und fängt an, an meinen Haaren zu fummeln. Ich weise ihn zurecht, mache klar, dass seine Hände so absolut gar nix in meiner Mähne zu suchen haben – auch nicht um festzustellen, dass sie gefärbt sind. Wir stecken in der Landschaft, und ich komme aus der Nummer nicht raus, also versuche ich ruhig zu bleiben, und sage ihm, dass wir nicht bis zur Tropfsteinhöhle reiten sollen, das wäre mir zu weit. Also machen wir uns auf den Rückweg. Als wir an Wildschweinen halten, die aneinander gekuschelt lässig unterm Baum liegen, fragt er mich, ob ich heute abend mit zum Hahnenkampf komme: Ein Happening, bei dem Hähne sich gegenseitig zu Hackfleisch beissen. „ÄÄÄH. Nein“. Ich mache ihm die Ansage, sofort zurückzukehren. Wir reiten stumm zurück. Als wir ankommen, verlangt er 10 CUC statt abgemachte 6 CUC. Ich habe nur einen 10 CUC Schein, ist mir jetzt auch alles egal. Ich gebe ihm das Geld, sag ihm, dass das alles so nicht abgemacht war und gehe. Als er mich später in der Stadt sieht ,kuckt er beschämt zu Seite. Ich bin versöhnt, denn ein Abenteuer war es: Mitten in der kubanischen Pampa Titanic auf einem Pferd spielen.

Das mit dem Reiten probiere ich noch ein zweites Mal aus in Trinidad. Ähnlich absurd. Die Geschichte dazu folgt bald.

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6 Weinende Männer im Geldwahn

Von Havanna nach Viñales sind es 200 Kilometer.

Wir reisen wieder im Taxi Collectivo. Wieder ein altes Auto aus den 50ern. Hier passen irgendwie 10 Leute rein, die Rücksäcke werden auf dem Dach drappiert und in den Kofferraum gequetscht, in dem noch zwei britische Jungs sitzen. Ja – viel Kohle machen, darauf haben die Kubaner Bock, die Fahrt kostet pro Person 20 CUC, also 20 Euro ca., und wenn man das mal 10 rechnet ist – ist das fast ein Jahresgehalt eines Kubaners: verdient in nur drei Stunden!

Mit in der Coche eine Schwedin und ihr Vater.  Sie ist am ganzen Körper voller Pusteln, weil sie das Pech hatte nachts von Bettwanzen besucht zu werden, trotzdem beschwert sie sich nicht, das Reisefieber macht sie so glücklich, dass sie ihren rot gebeulten juckenden Körper mit Anmut erträgt. Dahinter sitzen zwei Paare, ein älteres aus Frankreich, ein jüngeres aus Österreich: Eine symbiotische Reise-Klette(r)n-Liebesbeziehung, in der man sich sogar synchron das Stirnband als Ohrschutz aufzieht, denn in kubanischen Karren zieht es immer, auch mit Fenster zu. Drei Stunden später kommen wir in Viñales an – ohne meine Nasendusche, die ist aus dem Rucksack auf dem Dach rausgeflogen. Etwas unpraktisch, weil man während der Fahrten nicht nur viel Luft ins Gesicht bekommt, sondern der Zweitakter einem auch einiges an Benzin in die Nase schickt. Ich mag aber diese Reiseluft und das tuckern in alten Karren durch die Gegend sehr. Wir fahren in Viñales rein und überall sind kleine bunte Holzhäuser mit Verandas.

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Jeder der 17000 Einwohner des Ortskerns vermietet Zimmer, und so ist es nicht verwunderlich, dass auf die Einwohner noch mal mindestens doppelt so viele Touris kommen. Sie legen sich wie ein Teppich über das Städtchen, das eine atemberaubende Szenerie hat. Das Tal mit seinen knallgrünen Tabakfeldern und roter Erde ist von Kegelkarstbergen umzingelt. Solche Dinger findet ihr sonst nur in Thailand bei Krabi, wo James Bond gedreht wurde oder The Beach mit Leonardo di Caprio.

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Der Fahrer fragt uns, ob wir eine Bleibe haben, denn zur Hauptsaison ist immer alles komplett ausgebucht. Das österreichische Pärchen, das bis dahin alles synchron in Harmonie tat, bekommt einen hysterischen Anfall, weil es sich nicht um eine Bleibe im Vorfeld gekümmert hat. Sie steigt angefressen am Stadteingang aus, er genervt hinterher. Alle anderen lassen sich bei ihren Casas Particulares absetzen.

 

Wir wohnen bei einem netten Ehepaar um die 70. Er war früher Geographielehrer, sie Hausfrau. Sie sind nie weiter gekommen als bis in die nächste Stadt. Mit ihrer Casa Particular haben sie sich ein gutes Business aufgebaut. Im Garten ist ein Haus mit zwei Zimmern. Dazu ein Pool, den aber niemand nutzt, Terrasse auf dem Dach der Hauptcasa, die auch niemand nutzt und eine Bar. Wir sind gerade mal angekommen, sitzen seit einer Minute in einem typisch kubanischen Schaukelstuhl, der vor jedem Zimmer steht, da überrumpelt uns der Sohn unseres Vermieters: Ob wir nicht Bock hätten jetzt gleich in 30 Minuten, mit den beiden Mädels aus dem Zimmer neben uns eine Pferdetour zu machen zu den Höhlen, die für Viñales so typisch sind. 50 CUC pro Person, das ist uns erstens zu teuer (50 Euro) – zweitens haben wir keinen Akku mehr. Wir lehnen dankend ab und sagen: „Quizas mañana“, „vielleicht morgen“. Als wir am nächsten Tag noch mal ablehnen, ignoriert uns der Sohn bis auf weiteres.

Dass die Kubaner Geld machen wollen, lässt sich nicht verbergen. Eines späten Abends kulminiert dieser Wahn in einem Streit. Unser Vermieter streitet sich mit seinem Nachbarn, der rübergekommen ist. Die Stimmen werden schrill, Fauste hauen auf den Tisch, einer weint und schluchzt so laut, dass Schlafen erstmal nicht möglich ist.. Am nächsten Morgen dasselbe Spiel. Es geht um Geld, um uns Touris als Klienten, um ihre Kinder, die auch von was leben müssen. Der Nachbar wirft unserem Vermieter vor, ihm alle Kunden wegzunehmen, indem er seine Casa immer attraktiver macht, indem er anbaut (Pool, Gartenhaus etc.) Da kann der Nachbar nicht mithalten, Und wer Casas Particulares hat, muss jeden Monat hohe Abgaben an Fidels Gang zahlen, egal, ob er was vermietet. Nach dem zweiten Streitgespräch, bei dem wieder Tränen flossen, sitzt der Nachbarn erschöpft mit aufgequollenem hoch rotem Gesicht im Schaukelstuhl.
Der Vater fragt uns, ob wir nicht mit ihm zum berühmten Strand fahren möchten, der 65 Kilometer weit entfernt ist. Cayo Jutias. Möchten wir, aber nicht mit ihm, weil unsere Freunde aus Leipzig auch in der Stadt sind und schon einen günstigen Fahrer klargemacht haben für uns vier. Dass wir mit ihm fahren, dürfen wir natürlich so nicht sagen, weil unser Vermieter sonst traurig oder sonstwas wäre.

Die Fahrt zum Strand Cayo Jutias ist typisch kubanisch: Wir sitzen in einem mintgrünen 50er Jahre Auto, bei dem die Türklinke ab ist, die Fenster nicht mehr richtig schliessen, aber es tuckert so schön durch die Gegend.

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Als wir ankommen, kuckt uns ein Strand an, der mich bis auf weiteres verdirbt. Ich weiss sofort, sowas kommt erstmal nicht wieder: Weisser Puderzuckersand, Palmen, Kokosnüsse, türkisfarbenes Wasser – Cayo Jutias sieht aus wie aus der Raffaelo oder Bacardiwerbung. Traumhafter geht es nicht. Ein Paradies wie ich es nie sah.

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Als wir zurückfahren, lassen wir uns 200 Meter vor unserer Casa absetzen, damit unsere Vermieter nicht mitbekommen, dass wir mit einem anderen Fahrer die Strandtour gemacht haben. Die Pferdetour mache ich einen Tag später auch direkt im Tal bei einem jungen Kubaner. Dass ich dann auf dem Pferd sitze, nicht alleine und einen auf Titanic mache, ungewollt, das hätte ich so nicht erwartet. Diese Story dann nächstes Mal.

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5 Kuba Karussell

Bereits vor der Kubareise wussten wir, dass Thomas aus Leipzig und seine Freundin zur selben Zeit in Havanna sein werden wie wir. Und direkt am ersten Tag laufen wir in seine Arme, die eine dicke Kamera halten. Er fotografiert die Strasse. Thomas war schon öfter in Kuba und kennt sich bestens aus. Wir verabreden uns direkt mal für den nächsten Tag und besuchen den knallbunten Künstler- und Musikerort „Callejon de Hammel“. Graffitis und Kunstobjekte aus Recyclingmaterial und Badewannen in den Wänden begeistern mich, die Masse an Touris eher weniger.  Als Thomas sagt, dass er noch zu einem Freizeitpark will  „Isla de Coco“ am Stadtrand Havannas gelegen, gehen wir  spontan mit. Dort werden wir die einzigen Touristen sein.

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Um dahin zukommen stellen wir uns an die Strasse, ein „Taxi Colectivo“ anhalten. Das sind Sammeltaxis, die durch die Gegend zuckeln. Man zahlt 50 centavos pro Fahrt, knapp 50 Cent, und darf dann so weit mitdüsen wie man will. Weil wir zu viert sind, müssen wir uns aufteilen, denn das erhöht die Chance schnell wegzukommen. Ein angebeulter tannengrüner Oldtimer hält, er hat noch Platz für zwei, also steigen meine Freundin und ich ein. Als wir uns  in die  alten zerschliessenen Sitze fallen lassen, heult der Motor auch schon auf. Thomas ruft dem Fahrer noch schnell zu: „Bring die beiden zur Isla de Coco“.  Und schon braust das Taxi mit uns davon.

In meinem Kopf regnet es Konfetti, mein Herz blubbert: „Was für ein Abenteuer denke ich“, das sind die Momente, in denen ich zu 100 Prozent happy bin. Nicht konkret wissen, wann wir wo ankommen und was uns erwartet.

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Bild von Thomas Meinicke

Es geht quer durch Havanna mit Benzingeruch des Zweitakters in der Nase, der durch die Fenster kriecht, die nicht richtig schliessen können. Leute steigen ein und aus. Oft tragen sie Käppis und Hemden, auf denen was mit Amerika steht. Sie erzählen sich kurze Geschichten, tauschen Befindlichkeiten aus, die Stimmung ist gelassen. Wir verlassen uns auf den Taxifahrer, der Thomas Anweisung hoffentlich korrekt verstanden hat. Und es funktioniert natürlich! Eine Dreiviertelstunde später steigen wir aus. Und warten darauf, dass Thomas und seine Freundin auch ankommen. Als sie nach einer halben Stunde immer noch nicht in Sicht sind, laufen wir einfach mal ganz langsam in irgendeine Richtung los. Es passiert dasselbe wie am Tag zuvor: wir laufen auf Thomas zu, der den Gitarrenspielenden Che, der uns als hübsches Streetartbild von einer Mauer anlächelt, ablichtet.  Wieder  haben wir uns getroffen ohne Telefon. Richtig oldschool sind wir unterwegs.  Gemeinsam laufen wir zum Freizeitpark. In einer kleinen Bude zahlen wir zu viert 6 Cent Eintritt, zusätzlich können wir Tickets für die Karussells kaufen:  jeweils sechs Peso, also 18  Euro-Cent. Dass 80 Prozent von den Bespassungsgeräten nicht mehr in Betrieb sind, macht uns gar nichts aus. An diesem Ort, an dem sich nur sehr wenige Menschen aufhalten (für Kubaner ist der Besuch eines solchen Parks Luxus) ist nicht nur die Zeit stehen geblieben, sondern auch die Karussells. Der Ort strahlt eine nostalgische Ruhe aus, uns kucken bunte verschlafene Konstruktionen an, die nix mehr machen ausser in Würde altern. Vor uns das Kettenkarussell, das längst in Rente ist, so auch die Achterbahn, ein Ufoartiger Bau und die Überkopfschiffschaukel. Wir haben die Wahl zwischen Kinderkarussell und normaler Schiffschaukel und entscheiden uns für Letztere. Mutig nehmen wir auf der hinteren Bank Platz.

Bild von Thomas Meinicke
Bild von Thomas Meinicke

Als die Schiffschaukel sich schwermütig und stöhnend in Bewegung setzt und immer höher schaukelt, wird mir ganz mulmig, weil die Stahlstange auf unseren Beinen nicht fest ist. Je höher die Schaukel durch die Luft pendelt, desto lauter wird das Knarzen. Ich vermute, dass die rostigen Schrauben kurz davor sind einen Abgang gen Himmel zu machen. Ich habe Schiss. Und zwar so richtig. Je höher die Schaukel fliegt – ja es fühlt  jetzt wie lebensmüdes Fliegen an – desto lauter wird die Geräuschkulisse: zum rostigen Knarzen kommt aufgekratztes Teeniegeschrei dazu. Die haben einen Mordsspass und reissen ihre Hände überschwänglich nach oben. Ich habe meine Hände an den Schultern meiner Freundin und führe laut Selbstgespräche, dass ich sowas nie wieder mache usw… 10 Minuten später hat sich das Schiff ausgeschaukelt. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie ein nervöser aufgebrachter Pudding. Meiner Freundin wurde übel und auch KubaKola und Maisflipps, das einzige, was die Freizeitparkkantine anbot, konnten nix mehr gerade biegen. Trotzdem: im Nachhinein war es mega! Und vielleicht würde ich dieses alte Ding noch mal besteigen, kommt darauf an, ob es dann noch munter vor sich hin knarzt oder wie die anderen Karussells längst in Würde altert.

 

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