Ohne Heimat – keine Reise. Alleine in die Welt.

Neun Monate… warum denn sooo lang und das alleine? Diese Frage kam öfter, nachdem ich rausgehauen hatte, dass ich länger weg sein werde. Die lange Strasse ohne Ziel in Sicht entlang rollen. Durchatmen. Welt ankucken. Nur mit mir. Da habe ich schon so lange Bock drauf. Warum? Ist so!   

Es gibt Menschen, die stehen nicht auf (alleine) rumreisen, finden das aber interessant oder cool wenn es jemand macht, und es gibt Menschen, die behaupten: Frauen Ü30 alleine auf Reisen sind in der Regel ohne Mann und Kind und stecken (deshalb) in der Sinnkrise!

Ich sage: Kommt vor. Und Frauen Ü 30 reisen um die Welt, weil sie es können. Und weil sie den Mut haben. Bestenfalls mehrere Sprachen beherrschen, auf jahrelange Arbeitserfahrung zurückblicken und einen Ort im Leben haben, zu dem sie wieder zurückkehren wollen. Eine Heimat: In meinem Fall Leipzig. Allerdings nur im Herzen, denn ich bin zum ersten Mal ohne Wohnung –  die musste ich räumen: mein Wohnungsbesitzer und meine Hausverwaltung hatten für einen Auslandsaufenthalt gar kein Verständnis und verboten mir ohne Angabe von Gründen kurz vor Abreise die Untermiete. Ich packte mein Hab und Gut in eine 8qm Box und bin mir selbst jetzt gerade eine Heimat to go. ……Krasses Gefühl, etwas bodenlos, aber trotzdem fühlt es sich zu hundert Prozent richtig an, weil was muss,  das muss!

Nach langem Grübeln tausche ich für eine Weile das Radiostudio gegen Welt.

Vor Jahren riet mir eine alte Lady: „Be a hippie for one year – only one time in your life“. Ok.

Ich habe den Traum zu reisen seit einigen Jahren. Der ist so stark, dass ich jede Nacht davon träumte. Ich bin dann nicht nur im Traum, sondern im realen Leben häppchenweise auf Reisen gegangen nach Indien, Thailand, Vietnam und dachte, dass es dann aufhört, aber das tat es nicht.

Jeder weiss, wenn man als Freiberuflerin eine gute Stelle hat, wie in meinem Fall, sollte man sich das mit dem Ich bin dann mal weg für fast ein Jahr gut überlegen, also schob ich meinen grössten Wunsch jahrelang in die Zukunft bis er sich bockig vor mir auftürmte: Ich brüllte ihn an: Ich will doch gar nicht reisen wollen, lass mich doch bitte endlich mit dem Fernweh in Ruhe. Er bewegte sich keinen Zentimeter mehr von der Stelle, und so musste ich mich meiner grössten Angst stellen, der Existenzangst. Ich sprach mit meinen Chefinnnen, fühlte mich von ihnen verstanden, erhielt Rückenwind von Freunden/-innen und Kollegen/-innen und nach vielen guten Gesprächen bin ich mit Dankbarkeit, Schiss und meiner Neugier los. Die Radioliebe und Yogamatte im Gepäck.

Die Reise hätte allerdings fast so nicht stattgefunden.

Oft ist es ja so, dass sobald eine Entscheidung zu so einem –  für mich – Riesenwumms gefallen ist, jemand in dein Leben tritt, und genau das ist passiert. Ich lernte jemand kennen, dessen Lebensinhalt zufälligerweise das Reisen ist – allerdings mit Fluchtcharakter. Für mich war es immer wichtig, erst dann loszumachen, wenn ich mit meinem Leben zufrieden bin. Eine Basis habe, von der aus ich mich bewegen kann mit der Einstellung Ohne Heimat keine Reise. Und um noch mal auf das mit dem Sinn zurück zu kommen.. natürlich nehme ich auf meine Reise Fragen mit, ich denke jeder von uns hat welche im Kopf, die sich auch mal für länger einnisten. Da ist so ein Trip eine gute Möglichkeit, die mitzunehmen und Stück für Stück auszupacken auch ausserhalb der persönlichen Komfortzone. Egal ob beim (einsamen) Abhängen in der Bambushütte, beim Yoga im Dschungel, bei Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen, die man trifft, wie kürzlich einen 60jährigen Amerikaner, der sich früher als smokejumper/Feuerspringer aus dem Flugzeug stürzte, um erste Hilfe bei grossen Waldbränden zu leisten, es übertrieb und seit 1 Jahr durch den Wind als Peaceheart durch die Welt tingelt,  oder ob bei crazy Workshops, bei denen Russinnen sich in den Armen liegen und ein Brite total ausrastet vor Eifersucht (diese Geschichte erzähle ich noch).

So ein Selbsterfahrungstrip mit Hippiecharakter ist wie ein Film. Man holt sich das, was in Büchern und Dokus erzählt wird für eine Zeit lang ins eigene Leben und bildet sich seine eigene Meinung. Natürlich begegnen einem da auch lost souls, die durch sind, total eso und über alles mega viel rumreflektieren, da bekomme auch ich Fluchtimpulse, aber mittlerweile denke ich: „Besser etwas crazy, eso und liebenswert als abgestumpft, addicted und doof.“ Der Mensch, der mich auf seine Reise mitnehmen wollte, tickt trotz der gemeinsamen Liebe zum Reisen so ganz anders: Er möchte auf keinen Fall nach Indien und Yoga machen und meditieren – was ok ist. Er möchte mit dem Bulli durch Afrika, sich zähnefletschende Löwen ankucken – auch ausserhalb der erlaubten Gebiete durch die Wüste heizen: mit Heizöl im Tank, selbst ausgestelltem TÜV und mit mir auf seinem Beifahrersitz. Als Reisebegleiterin. Das klingt doch fantastisch: mit einem gut aussehenden Abenteuertypen adrenalinbesoffen durch Afrika zu fahren…. Nicht für mich. Der Herr hat auf dieser Reiseliste noch einige andere Statistinnen stehen, die etappenweise in den nächsten Monaten zusteigen werden, um ihm und seiner Reise zu dienen. Ausgerechnet beim Acroyoga hat er sie akquiriert. Ich wäre also eine von Vielen an seiner Seite gewesen – jederzeit austauschbar: Da reise ich doch lieber zu den Orten, die mich persönlich weiterbringen und spiele auf meiner Reise, von der ich so lange träumte, die Hauptrolle. Als Löwin auf der Yogamatte. Alleine.

 

 



2 Antworten zu “Ohne Heimat – keine Reise. Alleine in die Welt.”

  1. Janina sagt:

    Super schön! Ich schicke dir hippieflair gruesse aus Californien!

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