Die rülpsende Thai Masseurin

“Lady, did you have an accident?” 

Pims Finger waren wie ein Presslufthammer, der versucht eine Betonplatte aufzubohren. Die Betonplatte war mein Rücken. Sie fragte mich ernsthaft, ob ich einen Unfall gehabt hätte. Ich: “Nö, wieso?” Pim: „Because there is no balance at all in your body!“ Keine Balance im Körper. 

Deswegen fand ich den Weg zu ihr. Zu Pim, die auf der thailändischen Insel Ko Phangan bekannt war mit ihren magic fingers die krassesten Verhärtungen weg zu bügeln. Ich hatte schon immer gut mit Muskelverspannungen zu tun, aber durch das letzte halbe Jahr vor meiner Reise ist noch einiges dazugekommen. Durch Kämpfe mit meiner Ex- Hausverwaltung, mit bestehenden Verträgen und Versicherungen und mit meinem Kopf, der voll auf Drama schaltete. Ich hatte Verspannungen bis in die Zehenspitzen. Pim versuchte meine Füsse zu lockern, die wie festgeschnürt waren und begann den Berg auf meinem Rücken abzutragen. Schicht für Schicht.

Keine Balance. Das nachdem ich gerade meine Yogalehrerausbildung abgeschlossen hatte, bei der es primär darum ging, Balance im Körper zu schaffen. Aber ich war schon immer besser im Drüberreden, statt im regelmässig Selbermachen. Diese Faulheit, die der ein oder andere von euch auch kennt, die einen dazu bringt, morgens lieber einen zweiten Kaffee im Bett einzuhauchen, statt das Kamel auf der Yogamatte zu üben. Haben ja beide denselben Effekt: Sie machen fit. Nur einmal habe ich es mit körperlicher Disziplin so richtig durchgezogen. Beim Powerfitness an der Uni. Ein wildes Rumgehüpfe auf Zehenspitzen. Ich rannte sechs Mal die Woche hin, bis ich gefragt wurde, ob ich nicht Bock hätte, Übungsleiterin zu werden. Oh das fand mein Ego gut, schön den dicken Mäckes in der Mitte machen und auch noch ein eigenes Musikset zum Rumtoben aussuchen. Körper- und Gehörerziehung zu The Rapture, Moby und Elekrowilli & Sohn.

Ich trieb es soweit, bis meine Schienbeine erst entzündet und am Ende komplett im Arsch waren. Akzeptieren wollte ich das nicht. Ich liess mich von einem dubiosen Orthopäden mit Cortison spritzen, die kompletten Schienbeine entlang von der Fussplatte bis zu den Kniescheiben. Er musste kurze Zeit später seine Praxis dicht machen, ich mit Powerfitness aufhören. Aufgrund der niederschmetternden CT Ergebnisse bekam ich ein Jahr Sportverbot. Nicht mal schwimmen war erlaubt. Keine Balance.

Ein Ziel auf meiner Reise ist, meinen Körper ernst zu nehmen und da wirklich Balance nachhaltig reinzubringen. Ich bin mitten im Experiment den Körper als Instrument zu benutzen. Ein Jahr lang Yoga, Tanzen, Singen, Berge erklimmen und was man halt so mit seinem Körper anstellen kann. Dafür versuchte ich direkt zu Beginn meiner Reise meinen Körper wieder locker bekommen.

Pim bohrte ihre Finger zielsicher unter meine Schulterblätter. Dabei rülpste sie. Immer und immer wieder. Das tat sie auch bei anderen Kunden. Manchmal auch theatralisch mit Augen verdrehen, rausrennen und Minuten später wieder reinkommen.  In meiner letzten Sitzung fragte ich sie: „Pim geht es dir nicht gut, hast du Magenschmerzen?“ Sie erklärte mir, dass sie nur auf Arbeit rülpst, dass sie immer mit Leidenschaft arbeitet. Ihr Herz sei hundertprozentig angeknipst, und so fühle sie oft, was hinter den fiesen Verhärtungen steckt.

Ich weiss, was es bei mir ist. Schiss mit Wohnsitz im Nacken abwärts. Angst, was zu verlieren, Angst den Zug zu verpassen, Angst davor keine Kohle zu haben, Angst vorm Älterwerden, Angst vorm Tod, Angst davor abgelehnt zu werden, Angst davor nicht zu wissen, was nächstes Jahr ist usw. Ich schreibe das hier so einfach hin, weil ich weiss, dass viele von uns ähnliche Ängste haben. Der Mensch ist ein Angsttier, er frisst sich damit voll. Wenn man jetzt mit Yoga und so ankommen würde, ist es das Ego, das Angst hat. Eine Pseudoangst, denn kontrollieren können wir vieles nicht. Ich habe einen ganzen Rucksack voller Ängste, das war schon immer so. Und ich liebe die Freiheit und die kommt immer mit Unsicherheiten daher. Weil ich schon lange davon träumte, einmal im Leben ein Jahr lang zu reisen, sich das aber mit meiner grössten Angst, der Existenzangst, biss, musste ich springen. Jetzt oder nie, so fühlte es sich an. Raus aus der Komfortzone, rein in die Welt. Dafür musste ich meine geliebte Arbeitsstelle und meine Wohnung, also meine „Sicherheiten“ hinter mir lassen.

 

Mein erstes Ziel war Thailand. Auf der Insel Ko Phangan. Statt einen auf barfüssigen Hippie am Meer zu machen, hockte ich die ersten 5 Tage drinnen in meiner Bambushütte mit meinem Angstrucksack: „Wo ist mein Job, wo ist meine Wohnung, was mache ich hier?“ Das raste durch meinen Kopf. Wochen später noch in Goa, sagte mir eine Teilnehmerin vom Ecstaticdance Festival: „Du wirkst so angespannt, als würdest du etwas festhalten. “ Ja, stimmt. Ich hielt mich an meinem alten Leben fest, das nicht mehr da war. Wer war ich denn schon ohne das? Dazu peitsche mich mein schlechtes Gewissen: „Was erlaubst du dir eigentlich, einfach mal so eine lange Zeit aus deinem alltäglichen Leben rauszuspringen?  Und was bitte ist in einem Jahr, wenn du keine Kohle mehr hast? Du wirst abgebrannt und Strand von Goa enden. Game over!“ Dazu die Sorge der Eltern, die Welt sei so gefährlich. Ehrlich gesagt bin ich in Halle (Saale) überfallen worden, Gefahr ist überall, aber darum geht es mir nicht. Ich habe keine Angst davor, die Welt zu bereisen, ich habe Angst davor bei meiner Rückkehr keinen Anschluss mehr zu finden in der regulären Arbeitswelt,  also nie wieder einen bezahlten Job machen zu dürfen, der mir so viel Spass macht, wie die Jahre zuvor. Mein letzter Arbeitgeber und ich wir haben uns hübsch mit einer Pommesparty verabschiedet und es offen gelassen.   Offene Beziehungen konnte ich noch nie. Bisher. Jetzt gilt es mal all die Optionen auszuhalten. Ich bin so dankbar, die Welt sehen zu dürfen, aber zu Beginn meiner Reise konnte ich es gar nicht geniessen.  Ich konnte nicht zum Meer gehen und meine Zehen ins Wasser halten: Der Anblick bot zu viel Freiheit, zu viel Platz für Ungewisses, zu viel Wasser. Beim Element Yoga habe ich gelernt, dass Wasser entspannt ist. Es weiss, wie GowiththeFlow geht. Es steht für Loslassen und Flexibilität. Noch fühlte ich mich wie eine Betonplatte, die sich auf zum Wellensurfen macht, Wellensurfen mit meinen Ängsten.

Pim schaute mich an und ermahnte mich: „Stop overthinking!“ – „Hör mit dem Grübeln auf.“ Sie zog an meinem Nacken und rülpste dabei laut.

PS. Wer das mit dem Rülpsen nicht glaubt, besucht Pim selbst. Sie ist die Chefin von Revive Massage, trägt auf dem Foto ein wasserblaues Shirt und nimmt kein Blatt vor den Mund.

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