11 Che Guevara besuchen

Auf dem Weg zu Che Guevara nehmen wir Platz auf verschlissenen spackigen Sitzen, vor uns eine Frau mit Spucktüte.  Zum ersten Mal fahren wir auf unserer Reise durch Kuba mit dem Viazul Bus. Die Fahrt von Trinidad nach Santa Clara kostet 8  CUC –  so um die 8 Euro,  das können sich nur Touris und Business-Kubaner leisten. Drei Stunden später kommen wir am Busbahnhof an. Um uns herum bricht der Kampf aus: Ein Miniabbild dessen, was 1958 in Santa Clara abging. Che Guevara hatte damals dort seine grösste Schlacht gegen das Batista Regime, zusammen mit den guerilleros konnte er die strategisch wichtige Stadt erobern.

 

Wir versuchen uns am Busbahnhof einen freien Weg zu erobern, vorbei an hysterisch auf uns einredenden Männern, die untereinander konkurrieren. Alle wollen uns mitnehmen, mit Taxi oder Pferdekutsche. Wir wollen erstmal bleiben und unser Busticket für die Weiterfahrt nach Varadero kaufen. Der Viazulbusschalter ist ein kleiner Raum mit vergilbten Wänden. Ein Mann mit Fluppe im Mund und dicken goldenen Ringen an den Fingern nimmt unsere Namen auf. Meine Freundin ist Platz 1 der Busliste, ich Platz 2. Wir wollen das Ticket sofort bezahlen, er sagt nur abweisend, dass wir das übermorgen machen sollen, wenn wir weiterreisen. Ich habe ein komisches Gefühl, aber nichts zu machen, ohne Ticket gehen wir raus aus dem Busbahnhof.

Ein kubanischer Teenager fährt uns mit seiner Pferdekutsche zu unserer Casa Particular. Für 4 CUC. Wir ahnen, dass das viel zu teuer ist, aber das Pferd sieht so aus, als müsste es mal richtig essen, also geben wir ihm das Geld, sagen ihm er solle sein Pferd füttern und machen mit ihm aus, dass er uns für die Rückfahrt zum Busbahnhof in 2 Tagen abholt. Er freut sich über den Deal.

Blick von unserem Schlafzimmer ins Wohnzimmer

Unsere Casa liegt in der Altstadt, ein wunderschönes Kolonialstilhaus, das noch aus der Zeit der französischen Zuckerbarone ist, die im 18. und 19. Jahrhundert dort lebten. Beim Betreten wirkt es kühl –  nicht von den Temperaturen her, sondern von der Atmosphäre. Eine Putzfrau ist den ganzen Tag damit beschäftigt, die staubfreien Nippesfiguren zu entstauben und über die vielen französischen Stühle und Bänke zu wischen, die im Wohnzimmer neben- und hintereinander gestapelt sind…. als wäre es eine Ausstellung. Lediglich der Flachbildfernseher, erinnert uns daran, dass wir 2016 haben und dass in diesem Museum jemand lebt. Eine höfliche Familie mit schöner Mutter, schönem Vater, schöner Tochter und schönem Sohn.

Moderne trifft auf Geschichte. Foto der Tochter zwischen antiken Nippesfiguren.

Der Familienvater ist ein hervorragender Koch und nach getaner Arbeit sitzt er vorm Fernseher. Weil unser Zimmer vom Wohnzimmer abgeht, müssen wir ihn manchmal stören und durchs Bild laufen. Stellt euch vor, ihr hättet jeden Tag Gäste, die durch eurer Wohnzimmer latschen…… nicht auszuhalten. Ich spreche die Mutter an, sie erzählt mir, dass sie seit 15 Jahren jeden Tag Gäste haben. Das zerstört jede Familie, denke ich. Auf mich wirkt alles wie eingefroren. Die Tochter, 16 Jahre alt, zieht ne Schnute als wenn sie kurz davor ist jemanden zu verprügeln, wenn sie nicht endlich in die grosse weite Welt darf, um Model oder Popstar zu werden. Ihr übergrosses Bild hängt aufdringlich und aufgehübscht im Wohnzimmer gegenüber vom Flachbildfernseher, es ist das Erste was wir beim Betreten der Villa zu Gesicht bekommen. Mit ihren feuerroten Hotpants, dem knappen Oberteil, sieht sie aus wie ein Boxenluder aus einem Pirelli Kalender. Sie ist auf dem Bild 15 Jahre alt und mit meinen ‚Läster’- Gedanken tue ich ihr etwas Unrecht, denn alle 15 jährigen Kubanerinnen machen solche Fotos zur Quinceañera: dem offiziellen Übergang der 15-Jährigen vom Kind zur Frau.  Sie ist die Prinzessin der Familie, und ich stelle mir vor, wie sie davon träumt als Popstar mit den Pussy Cat Dolls durchzubrennen.

„Den Traum, es nach Amerika zu machen, haben fast alle jungen Kubaner“, sagt die Mutter. Nur nicht ihr Sohn, der studiert brav in Kuba, was auch gut geht, denn Santa Clara ist eine Studentenstadt und die revolutionärste noch dazu –  nicht wegen der Schlacht damals von Che, sondern weil sie progressiv ist in Kunst und Kultur und Szene. In Santa Clara gibt es die einzige offizielle Drag Show, eine Graphiktruppe, die satirische politische Cartoons raushaut auch auf Fassaden und Mauern  und hier findet das beste Rockfestival des Landes  statt– Ciudad Metal.

 

Abends erleben wir in einem alternativen Zentrum ein Konzert von Musikern, die aus allen Ecken der Welt stammen, machen aber nicht zu lang, weil wir am nächsten Tag Che treffen wollen.

Auf dem Weg zu seinen Knochen, kommen wir noch mal am Busbahnhof vorbei. Wieder hysterische Männer, die uns irgendwohin bringen wollen.

Apokalypse heisst die Karre, mit der sie auf uns warten.

Ich werde zum ersten Mal richtig laut, weil sie ein Nein einfach nicht akzeptieren und brülle „NO. NO. NO. Gracias NO. Basta ya!“ Mit diesem Mantra gehen wir noch mal zum Raum, in dem die Bustickets verkauft werden. Dieses Mal sitzt dort eine Frau.  Ich sehe die Liste und unsere Namen darauf, sie sagt: „Alles in Ordnung, seien Sie bitte morgen früh um 7 –  eine Stunde vor Abfahrt – da, dann gibt es die Papiertickets.“

Ok, wir ziehen ab. Zu Che, der beim Monumento Memorial Comandante Ernesto Che Guevara übergross auf einem Sockel thront, und sagen ihm hallo.

Wir schlendern weiter durch die Strassen mit giftgrünen Hochhäusern und über den „Boulevard“ –  das ist die Haupteinkaufstrasse der Innenstadt, wo nicht viel einzukaufen ist.

Fashionstore-Verkäufer auf dem Boulevard

Im Supermarkt wollen wir uns ein paar Nahrungsmittel zulegen. Prima Bier, Tropi Cola und Cracker. Bei Letzterem sagt die Kassiererin: „NO!“ und nimmt sie zurück. Ich frage, warum ich die nicht kaufen darf, ein Kubaner sagt etwas zu ihr, was ich akustisch nicht verstehe, daraufhin gibt sie mir die Packung kommentarlos zurück und ich bezahle. Ich schiebe mir einen Cracker in den Mund und denke, dass so Pappkarton schmecken muss. An der Ecke zu unserer Villa verkauft eine alte Dame Kekse an ihrem Fenster. Damit überschreibe ich schnell den fiesen Geschmack und spüle Tropicola hinterher.

 

Am nächsten Morgen ist es Zeit, Santa Clara zu verlassen. Die Mutter fragt uns, wer uns abholt – wir sagen ihr: „Der Pferdejunge von vorgestern“. Sie will wissen, was wir gezahlt haben – „4 CUC“, sie schlägt die Hände überm Kopf und meint, dass 1 CUC das Maximum  pro Fahrt ist. Pünktlich wie vereinbart steht der Junge vor der Villa. Die Mutter ruft ihm vom Fenster aus in einem groben unfreundlichen Ton zu, er solle hochkommen und unser Gepäck runterholen. Er gehorcht, sprintet die Treppen hoch und nimmt unsere schweren Taschen und wir, ja wir laufen konsterniert hinterher. Peinlich alles. 10 Minuten später kommen wir am Busbahnhof an und wollen ihm kommentarlos 1 CUC zustecken und einfach mal ohne Konflikt weiterreisen. Er ist entsetzt und will wieder 4 CUC wie auf der Hinfahrt. Wir sagen ihm, dass wir nun wissen, dass 1 CUC üblich ist. Er sagt „No!“ In seinem Gesicht wechseln sich in nur zehn Sekunden Wut, Verzweiflung und Trauer ab. Sein Pferd, halb verhungert, kuckt uns an. Es ist nicht auszuhalten: Dann zieht er alle Register: Er schaut drein, als ob er von der Liebe seines Lebens verlassen worden ist.  Für mich ein emotionaler Supergau. Dieser Zwiespalt zwischen Mitleid, Mitgefühl, ausgenutzt werden und Wut darüber ist in Kuba ein beständiger Reisebegleiter. Der Kampf um Kohle in Santa Clara nervt, ich denke „Scheiss drauf.“ Wir stecken ihm  wieder 4 CUC zu und hauen ab.

Scheiss drauf!

Unsere Abfahrt aus Santa Clara erlebt nun den Showdown.

Wir betreten das Busbahnhofsgebäude. Es ist übervoll mit Menschen. Der Raum mit den Bustickets ist verschlossen. Wir hämmern gegen die Tür, geben nicht nach bis uns die Info erreicht, dass der Bus, mit dem wir nach Varadero fahren wollten seit 3 Wochen ausgebucht ist……… Reingelegt!  Um uns rum, Menschen in derselben Lage.

Der Bus fährt ohne uns ab.  Jetzt stürmen die hysterischen Männer auf uns zu, einer von ihnen wird uns mit einer alten Karre aus den 90ern  nach Varadero fahren. Eine Karre mit Loch.

 

SANTA CLARA

[supsystic-gallery id=11]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10 Klaps auf dem Po – Reiten in Trinidad

Wir werden abgeholt. Ein zweites Mal traue ich mich zu reiten, diesmal aber nicht alleine, meine Freundin kommt mit. Wir buchten über unsere Casa Particular in Trinidad eine Privattour zu zweit.

Morgens um 9 steht ein alter hagerer Kubaner, geschätzte 80 Jahre alt, mit Cowboyhut, Miami Vice Shirt und Pornoschnuppi vor unserer Casa: Er fordert uns auf, Platz zu nehmen auf seiner Fahrradrikscha: Im Gehtempo kutschiert er uns mit seinen Zahnstocherbeinen durch die Stadt. Es quält mich, ihn so zu sehen wie er sich abstrampelt und denke, dass ich treten sollte und nicht er, belasse es aber beim Denken.

El machismo cubano

Als wir eine halbe Stunde später am Stadtrand von Trinidad ankommen, wartet auf uns El Machismo cubano – kubanisches Machogehabe:  Pferdeboys mit bezackten Cowboystiefeln und feurigem Blick.  Wir nähern uns zögerlich den Pferden. Einer fragt uns, ob wir Angst hätten. Wir antworten: „No.“ Er erwidert: „Solltet ihr aber haben, aber nicht vor den Pferden“.

Obwohl wir eine Privattour zu zweit gebucht haben, werden wir in eine Gruppe mit 20 Tschechen gesteckt.  Die Pferdeboys erklären uns nix, ohne Einweisung geht es los. Damit es noch etwas spannender wird, übernimmt ein langhaariger blonder Tscheche den Job des Entertainers. Er spielt den gezopften Berliner Musiker Romano nach, der rappt „Alle meine Freunde kriegen einen Klaps auf dem Po.“ Mit einem Stock in der Hand, haut der Tscheche nicht seinen Freunden, sondern den Pferden einen Klaps auf ihrem Po. Auch mein Pferd erwischt er, das mal kurz wild beschleunigt. Er geht voll auf in seinem Job als Pferdeantreiber. Er lacht, brüllt, gibt Laute von sich wie ein native American und benimmt sich kindischer als sein 8 jähriger Sohn, der vor ihm ganz still auf dem Gaul sitzt. Ich finde das ja toll, wenn jemand so aufdreht und sein inneres Kind rauslässt,  sitze aber zum zweiten Mal in meinem Leben auf einem Pferd und diese Aufregung, wann es den nächsten Klaps auf den Po meines Pferdes gibt, brauche ich nicht. Deswegen brüll ich ihn an, er solle damit aufhören. Hört er nicht.

Wir reiten zu einem Wasserfall, wo ein Kubaner mit einer herzchenbeklebten Gitarre auf uns wartet. Er macht den Soundtrack zu der Show, die der Tscheche nun abliefert. Aus 5 Metern Höhe macht er formvollendetste Kopfsprünge in das kleine Wasserbecken vorm Wasserfall. Er lässt sich feiern vom Publikum, das abwechselnd klatscht und sich im kühlen Nass Mojito einflösst oder andere sprudelnde Getränke wie TropiCola oder PrimaPilsener, die an einer Bretterbar verkauft werden.

 

Nach einer Stunde geht es weiter zu einer Farm. Mittagessen. Das besteht aus einem Spanferkel, das frisch geschlachtet und aufgespiesst darauf wartet über dem Feuer geröstet zu werden. Diesen Job übernimmt natürlich der Tscheche zusammen mit seinem Sohn. Er hat er einen Mordsspass dabei das tote Tier über den heissen Flammen zu drehen.

Weil wir Vegetarierinnen sind, essen wir nicht. Sie bieten uns ein Extraessen an. Einen Salat für 5 Euro umgerechnet. Finden wir nicht gut. Ich reisse mir meine Lieblingshose noch an einem Nagel auf, der aus dem Stuhl ragt, die Bedienung lacht sich darüber schlapp und dann ist die Laune in Abschiedsstimmung. Wir bitten freundlich den Pferdeboy, uns nach Hause zu bringen.  Schliesslich haben wir für eine Privattour bezahlt. Er sagt, dass ein Kumpel gleich kommt und wir mit dem weiter reiten könnten. Miguel  kommt wenige Minuten später angeritten. Er betreut eine Privattour für ein kanadisches Pärchen.  Wir reiten mit ihnen zurück. Miguel ist nett, sein Pferdemädchen, das hinter ihm sitzt, auch. Beide bringen uns die Grundlagen des Reitens bei. Wie wir die Zügel halten sollen, bremsen beschleunigen etc. Schön dass das noch auf dem Rückweg passiert:-). Aber wir ahnen nicht, dass das Ende dann noch mal aufregend wird. Als wir am Stadtrand von Trinidad ankommen, sagt Miguel plötzlich: „Reitet hier rechts in die Strasse und stellt die Pferde ab“. Und weg ist er.

Wir sitzen auf den Pferden in einer verlassenen Gegend und kucken als hätten wir einen Alien gesehen.  „Wie kommen wir jetzt runter von den Pferden, wo sollen die denn jetzt hin?…..“ Überlegend was nun zu tun ist, kommt zum Glück das Pferdemädchen um die Ecke gebogen und hilft uns beim Absteigen. Sie will wissen, wo wir wohnen. Wir nennen ihr unsere Adresse und sie sagt: „Geradeaus rechts, links, rechts dann seid ihr da“.

Wir machen uns auf den Weg durch die sehr ärmlichen Strassen. In einer Bude hängt ein abgeschnittener Schweinskopf. Ich hole meine Kamera raus, drücke ab, ein Kubaner schreit mich an, dass Glotzen und Knipsen nicht erlaubt ist. Wir rennen weg. Was für eine Abenteuertour!

 

9 Trinidad: Tote Tiere in Oldtimern und Tanzen in Tropfsteinhöhlendisko

Trinidad: Tote Tiere in Oldtimern, dinnieren zwischen antikem Krempel, Jesus an der Bar und Tanzen in Tropfsteinhöhle

Trinidad wirkt auf mich wie eine Stadt, in der die Bewohner nur Statisten spielen, wie ein Filmset, durch das tausende Touristen täglich stapfen. Oder wie ein Freilichtmuseum, in dem die Bewohner der Stadt die Kunstwerke sind, die wir beobachten.

img_8689

Entweder mit Zigarre im Mund beim Schachspielen in ihren Wohnzimmern, die fenster- und oder türlos bis auf die Strasse gehen oder beim Zerhacken von toten Tieren in einem Kaffeehaus, in das wir einkehren, um Kaffee zu trinken. Ein junger durchtrainierter Kubaner im Florida Key West Muskelshirt baut sich plötzlich vor uns auf und säbelt mit scharfem Messer in aller Ruhe an einem toten Schwein oder Rinderbein rum. Skurril, auch wie diese toten Tiere transportiert werden.

Steaks aus Kofferräumen

PKW Fossilien aus den 50er Jahren rauschen an uns vorbei. Ein Oldtimer in hellblau hält an, und wir trauen unseren Augen nicht,  was zum Vorschein kommt. Als ein Kubaner den Kofferraum öffnet, spielt sich eine Szene ab wie aus einem Trashhorrormovie. Übereinander gestapelte nackte Körper kucken uns an: Enthäutete tote Rinder. An ihren rosafarbenen Beinen zieht er sie nacheinander aus dem Kofferraum. Machen wir uns nix vor. Das Fleisch kommt etwas später auf die Teller als Steak. ¡Claro que sí!, oder nicht? So oder so schwer verdaulich. Mit zittrigen Händen mache ich schnell einen Schnappschuss vom Kofferraum.

Fleischtransport im Oldtimer

Es geht weiter durch den Stadtkern, der UNESCO Welterbe ist. Alle paar Meter ploppen zwischen den Häusern mit bonbonfarbenen Fassaden, an denen Vogelkäfige als Accessoires hängen,  prächtige Villen im Kolonialstil auf. Zuckerbarone liessen sie im 18. und 19. Jahrhundert errichten. Heute sind die Angeberbauten konserviert und umfunktioniert zu Restaurants, wie das berühmte Sol y Son, einem Paladar, der von privater Hand geführt wird. Auch Steaks landen auf den vergoldeten Tellern im Antiquitätenambiente :-). Bei Kerzenschein sitzen die Gäste zwischen Nachthemden, Vasen, Nippesfiguren und Betten aus dem 18/19. Jahrhundert. Wir schleichen durch die vollgestopften Zimmer, altes vergoldetes Porzellan steht tonnenweise rum,  auf 20 qm ist mehr zu finden als  in zehn Omawohnzimmern….die Barkeeper gehen fast unter.

Jesus bestellt einen Drink. Neben ihm stehen Kubaner und ihre Instrumente, auf denen sie Jazzmusik, bekanntes aus Buena Vista Social Club, Salsa, den Son Cubano spielen. Ein Musikstil, der so alt ist wie der hübsche Krempel.

Bei all dem Gewusel frage mich, wie oft hier was in die Brüche geht. Auch wundere ich mich, dass auf einem Regal ein vergilbtes Yogabuch steht. Über den berühmten langhaarigen indischen Yogameister Yogananda, der 1893 geboren ist, also auch so alt ist wie Porzellan, Möbel und Musik drum rum. Ausserdem hängt sein Gesicht eingerahmt neben Jesus über einem Bett. Ich stelle mir vor, wie die Zuckerbarone damals nach dem Aufstehen erstmal eine Runde Yoga – den nach unten schauenden Hund, die Kobra oder das Kuhgesicht  – gemacht haben und dann beteten. Oder umgekehrt.

Kucken ist toll im Paladar Sol y Son, aber gegessen wird woanders: in einem ganz anderen Ambiente bei La Botija: Ein Restaurant, das früher mal Geheimtipp war und heute der Hot Spot aller Touris ist. Umgeben von Steinwänden, an denen Folterinstrumente hängen – Trinidad war nicht nur die Stadt des Zuckers, sondern auch des Sklavenhandels – schlagen wir uns die Bäuche voll mit Käsebällchentapas, Käsepizza, Spaghetti mit Tomatensauce und einem Berg Käse drauf. Wir blenden aus in was für einer Kulisse wir sitzen. Mein Kopf wendet sich weniger historisch-blutrünstigen als eher gegenwärtigen-käsigen Gedanken zu.  Und schon wieder knipst er das schlechtes Gewissen an, fragend: „Woher haben die soviel Käse? Der ist doch schwer zu bekommen auf Kuba, ein Luxusnahrungmittel, das sicherlich nicht auf dem Teller eines Kubabers einfach so landet“.

Die Bedienung ist hier ähnlich wie in Havanna mit einem traurigen, aber nur leicht aggressiven Gesichtsausdruck unterwegs: Kein Wunder: essen wir hier mal wieder in einer  Stunde tollstes Essen für 10 Euro  – fast einem ganzen Monatsgehalt eines Kubaners. Es ist schwer, das zu verdrängen. Die Ungerechtigkeit der Welt schlägt sich an einem Holztisch in Trinidad nieder, auf dem käseüberflutete Pizza und Pasta stehen. Ich bin dankbar dafür, in einem so reichen Land geboren worden zu sein, das mir so viele Möglichkeiten bietet mit einen Lebensstandard, der für andere ein Traum ist. Der Grossteil der Jugend in Kuba ist zur Zeit noch pessimistisch und frustriert, was die Zukunft angeht. Ob die Öffnung zu Amerika hin, einen Lichtblick für den konkreten Lebensalltag der Kubaner bringt oder nur schöne museumshafte aufpolierte Fassaden, bleibt abzuwarten. Gerade heute im Dezember 2016 meldet Kubas Wirtschaftsminister Ricardo Cabrisas  einen Wirtschaftsrückgang von 0,9 Prozent.

Ayala: Tanzen in der Tropfsteinhöhle eines Serienkillers

Am nächsten Tag besuchen wir endlich den Ort, der laut dem Neon Magazin, zu den 66 besondersten der Welt gehört. Disko Ayala – eine Disko in einer Tropfsteinhöhle auf einem Hügel.

Es gibt zwei Wege dorthin. Mit Taxi oder zu Fuss. Wir laufen. Einen Schotterweg entlang, umgeben von echtem kubanischem Leben. Ärmlich und herzlich. Einige Kubaner verkaufen Anheizergetränke am Strassenrand, einen Mojito für 1 CUC, umgerechnet knapp 1 Euro oder das typische Trinidadgetränk – einen Canchánchara – bestehend aus Rum Honig und Limettensaft.

Am mit Plastikleuchten blinkenden mobilen Mojitostand treffen wir endlich die zwei lustigen Typen wieder, die wir im Flieger nach Kuba kennengelernt hatten, zwei Rheinländer, die sich in den Tag rein- und rauslachen. Weil einer der beiden aber was schlechtes gegessen hatte, lachen sie an dem Abend noch ein paar Mal und gehen dann ohne zu dancen früh schlafen.

Meine Freundin und ich laufen also ohne männliche Begleitung den Hügel hoch an einer Bayern München Fanfahne vorbei über Geröll durch die Dunkelheit zum nicht nur tollsten, sondern auch unheimlichsten Club der Karibik. Unheimlich, weil dort Ende des 19. Jahrhunderts Carlos „Coco“ Ayala Zuflucht suchte. Er soll ein Serienkiller gewesen sein. Und ganz ehrlich: der Weg durch die Dunkelheit machte mir erst ein mulmiges Gefühl, aber kein Grund zur Sorge: Fidel hat dafür gesorgt, dass Kuba eins der sichersten Länder ist, hinter jedem Baum hockt ein Polizist, 24 Stunden, ungefähr so.

Wir kommen gut an und rein für 5 Euro. In Ayala knutschen Justin Bieber und Enrique Iglesias mit Jennifer Lopez und kucken uns dazu von riesen Leinwänden an. Paar Hits, die überall laufen, paar Latinobeats, fertig ist der Tropfsteinhöhlenmix. Ein Showprogramm gibt es auch. Muskulöse Typen in weissen Leuchteklamotten heben mit ihrem Mündern einen Tisch hoch, auf dem jemand sitzt. Starker Biss.

 

Das Publikum ist gemischt. Einige Kerle, vielleicht Franzosen oder Italiener, glotzen von ihren Stühlen aus auf die Tanzfläche, und checken die Mädels ab. Im Blickfeld eine Hippstertruppe aus Berlin oder Leipzig oder aus Kopenhagen, sie danct rum, als wenn es einen Preis zu gewinnen gäbe.

Aber einer stielt allen die Show: Ein Japananer. Berauscht vom Tropfsteinhöhlenhimmel oder vom Mojito oder von beidem, dreht er mit einem Leuchten in den Augen Pirouetten und schlägt Haken wie ein Torero. Dabei gibt er Jubellaute von sich wie ein Kind, das gerade sein Lieblingsgeschenk ausgepackt hat.  In diesem Moment ist er der glücklichste Mensch der Welt.

 

Blick auf Trinidads Strassen:

(‚[supsystic-gallery id=8]‘)

8 Trauer in Trinidad

Unsere Reise geht weiter von Viñales nach Trinidad.

Wieder brausen wir im taxi colectivo. Weil es in Kuba nicht so viele Strassen gibt, fahren wir die 500 Kilometer in einem riesen Bogen über Havanna. Unsere Fahrt rollt wieder gut. Nicht bei allen läuft es so reibungslos ab. Am Strassenrand auf halber Strecke halten wir einmal kurz an, weil ein anderer taxi colectivo Fahrer Ärger hat: das Paar will nicht mit ihm weiter, da er viel zu schnell fuhr. Das passiert öfter, denn sie versuchen so viele Fahrten in den Tag zu quetschen wie es geht. Wir erfahren auch, dass Touris manchmal viele Kilometer vor ihrem Ziel rausgeschmissen werden, das erleben wir auf unserer Reise zum Glück nie.

img_8614

Nach 7 Stunden kommen wir in Trinidad an.
Dort soll die schönste casa particular sein, sagte eine Freundin, die vor längerer Zeit dort unterkam. Das sind 6 Jahre her. Und direkt als wir ankommen, spüren wir, etwas hat sich verändert. Die casa mit einem wunderschönen Innenhof, wirkt wie verlassen. Unser Gefühl, ein Mensch fehlt, bestätigt sich am Ende unseres Aufenthalts.
Empfangen werden wir vom ältesten Sohn des Haues, Luis, 18, nett, nicht aufdringlich. Im Gegenteil er lässt uns einfach mal ganz in Ruhe, was nach Viñales, wo wir ständig das Gefühl hatten, der Familie eine Tour abkaufen zu müssen, gut tut. Wir beziehen eins der drei Zimmer, bekommen zu zweit drei Betten, aber dafür kaum Wasser. Am Anfang tröpfelt noch etwas aus dem Wasserhahn, am Ende sind wir 3 Tage ohne Wasser. Luis ist überfordert. Er schafft es nicht, es zu reparieren, wir nehmen es hin. Die anderen Gäste nicht, sie verlassen den Ort.

Die einzige Frau, die umherhuscht, ist eine ruppige Kubanerin, immer mit Fluppe im Mund. Sie fegt im Garten durch, kümmert sich um die Wäsche und manchmal auch ums Frühstück – irgendwie: sie brüllt durch unser Fenster: „chicas, desayuno!“ – Mädels, es gibt Frühstück!
Auch hier fehlt etwas: Gläser und Teller. Bevor wir sie bitten können, uns welche zu geben, ist sie auch schon wieder weg.
Der kleinere Bruder ist nur physisch anwesend, er liegt lethargisch in seinem dunklen Zimmer, die Tür immer einen Spalt geöffnet, Zigarettenqualm sucht sich seinen Weg nach draussen. Wenn er mal seine Matratze verlässt, sind Freunde da. Sie boxen einige Minuten gegen einen Sack.
Eine Schwere liegt auf dem Ort wie eine alte dicke Decke, die lange nicht mehr angefasst wurde. Der einzige, der unbeschwert ist, ist Boxerhund James.

img_8836

Der möchte immer was vom Abendessen abbekommen, was uns der Vater in seiner kleinen Küche kocht, in der auch das Auto steht. Kein Witz. Eine Garagenküche sozusagen, ein skurriler Anblick. Er zaubert eins der besten Essen: Suppe, Gemüse, Salat, Reis. Und dann ist auch er schon wieder weg.

img_8712

 

Beim letzten Abendessen, ist der Vater angetrunken, und er bleibt etwas länger. Er erzählt, dass seine Frau vor 5 Jahren starb, an Krebs: alles ging sehr schnell. Das Haus brauche wieder eine Frau. Er gibt mir seine Visitenkarte und sagt wir sollen schnell wiederkommen. Gegenüber hat er als Zuflucht eine neue Bleibe geschaffen, „Casa de la Esperanza“ – Haus der Hoffnung

7 Titanic auf dem Pferd

Titanic Nachspielen auf dem Pferd im Valle de Viñales

Als klar war, dass wir nach Kuba reisen, wusste ich sofort: das wird meine Reitpremiere. Als Setting dafür habe ich mir – wie auch gefühlt 100000 weitere Touristen – Viñales ausgekuckt. Ein Traum. Im Valle de Viñales zu stehen, fühlt sich an wie Teil eines Gemäldes zu sein. Ich reibe mir zum ersten Mal tatsächlich die Augen. Weil es so besonders ist und so eine Ruhe ausstrahlt, und die Natur mit so vielen Farben protzt: Leuchtend rote Erde, drumrum giftgrüne Tabakfelder eingerahmt in krasse mogotes /Kegelkarstberge. Das sind Übrigbleibsel eines Steinklotzes, der vor Millionen Jahren wie ein Schweizer Käse rumthronte und nach und nach in sich zusammenfiel bis nur noch der Rand übrig blieb, wie bei einer Pizza. Im Rand stecken bis heute coole cuevas, Tropfsteinhöhlen, typisches Ziel einer Reittour. Genau da will ich hin, muss aber vorzeitig abbrechen, da es zu anstrengend wird auf zwischenmenschlicher Ebene mit dem caballero / dem Pferdeboy Adrián. Er bietet mir an, mit mir 2 Stunden zu reiten bis zur cueva und zurück für 6 CUC, ca 8 Euro. Super Angebot. Er sagt, ich solle kurz warten dann ginge es los. Halbe Stunde später hat Adrián sein Shirt in ein Hemd getauscht, einen Strohhut auf und riecht nach Aftershave – viel zu intensiv. Ich fühle mich wie bei einem Date. Und liege damit auch nicht ganz falsch.

Er gibt mir das Pferd. Hilft mir beim Aufsteigen und eine Sekunde später sitzt er schon hinter mir auf demselben Pferd. Ich frage, was das soll, ob das Pferd nicht gleich zusammenbricht und wieso wir jetzt zu zweit reiten. Er behauptet, dass wenn ich noch nie geritten bin, er mit aufs Pferd muss. Ok. Weil er harmlos wie ein Milchbubi wirkt, zieh ich das jetzt durch. Dann geht es auch schon los. Ich versuche das mal locker zu sehen. Die Landschaft ist der Knaller. Wir reiten vorbei an Tabakplantagen mit Strohhütten, die aussehen als hätten sie ein Gesicht. Vorbei an Pflanzen die ernsthaft Romeo und Julia heissen, die Corojo Pflanze, aus der auch Zigarren gemacht werden.
Und wo wir schon bei Romeo und Julia sind, ist der Sprung zu Leonardo di Caprio und Kate Winslet in Titanic nicht weit: Adrián sagt zu mir, ich solle meine Schultern mal entspannen, und schon nimmt er meine Arme und macht einen auf Titanic. Arme in den Himmel, locker lassen. Das ist jetzt wie im Film, ich bin perplex. Natürlich werde ich dadurch nicht locker. Diese Szene versetzt mich eher in „IchmussdasPferdverlassen-Bereitschaft“, aber noch gebe ich nicht auf.

Wir reiten zu einer Bananenplantage, wo auch schon Antonio wartet, der ganz scharf darauf ist mir drei verschiedene Bananensorten zu zeigen und nebenbei noch zu klären, ob ich nicht Bock hätte einen kubanischen Farmer als Freund zu haben. Er behauptet, dass die kubanischen Frauen alle hässlich seien, sowieso keine Lust auf Countrymänner hätten, vielmehr ständen sie auf welche, die mit ihnen nach Amerika gehen am besten nach Miami. Er will aber bei seinen Bananen bleiben. So wie Adrián bei seinen Pferden, auf denen er 7 Tage die Woche mit Touristen durchs Tal reitet. Eine Freundin findet auch er nicht.
Und wo man schon mal gar keine Frau hat, will man am besten gleich mehrere: Antonio erklärt mir, dass 1 Frau pro Kubaner nicht reicht. Zeigt auf einen, der am Häuschen hockt, und haut raus, der habe 6 Frauen. Er sei loco /verrückt –  nicht untypisch für kubanische Männer. Ich bleibe cool und sage schnell adiós.

13392310_474198082790941_6278317717215677243_o

Weiter geht’s mit Adrián zusammen auf dem Pferd durchs Tal. Er startet jetzt Phase zwei: Will wissen wie alt ich bin (er 25), kommentiert meinen Federohrring als muy bonito /sehr schööön, und fängt an, an meinen Haaren zu fummeln. Ich weise ihn zurecht, mache klar, dass seine Hände so absolut gar nix in meiner Mähne zu suchen haben – auch nicht um festzustellen, dass sie gefärbt sind. Wir stecken in der Landschaft, und ich komme aus der Nummer nicht raus, also versuche ich ruhig zu bleiben, und sage ihm, dass wir nicht bis zur Tropfsteinhöhle reiten sollen, das wäre mir zu weit. Also machen wir uns auf den Rückweg. Als wir an Wildschweinen halten, die aneinander gekuschelt lässig unterm Baum liegen, fragt er mich, ob ich heute abend mit zum Hahnenkampf komme: Ein Happening, bei dem Hähne sich gegenseitig zu Hackfleisch beissen. „ÄÄÄH. Nein“. Ich mache ihm die Ansage, sofort zurückzukehren. Wir reiten stumm zurück. Als wir ankommen, verlangt er 10 CUC statt abgemachte 6 CUC. Ich habe nur einen 10 CUC Schein, ist mir jetzt auch alles egal. Ich gebe ihm das Geld, sag ihm, dass das alles so nicht abgemacht war und gehe. Als er mich später in der Stadt sieht ,kuckt er beschämt zu Seite. Ich bin versöhnt, denn ein Abenteuer war es: Mitten in der kubanischen Pampa Titanic auf einem Pferd spielen.

Das mit dem Reiten probiere ich noch ein zweites Mal aus in Trinidad. Ähnlich absurd. Die Geschichte dazu folgt bald.

[supsystic-gallery id=6 position=center]

6 Weinende Männer im Geldwahn

Von Havanna nach Viñales sind es 200 Kilometer.

Wir reisen wieder im Taxi Collectivo. Wieder ein altes Auto aus den 50ern. Hier passen irgendwie 10 Leute rein, die Rücksäcke werden auf dem Dach drappiert und in den Kofferraum gequetscht, in dem noch zwei britische Jungs sitzen. Ja – viel Kohle machen, darauf haben die Kubaner Bock, die Fahrt kostet pro Person 20 CUC, also 20 Euro ca., und wenn man das mal 10 rechnet ist – ist das fast ein Jahresgehalt eines Kubaners: verdient in nur drei Stunden!

Mit in der Coche eine Schwedin und ihr Vater.  Sie ist am ganzen Körper voller Pusteln, weil sie das Pech hatte nachts von Bettwanzen besucht zu werden, trotzdem beschwert sie sich nicht, das Reisefieber macht sie so glücklich, dass sie ihren rot gebeulten juckenden Körper mit Anmut erträgt. Dahinter sitzen zwei Paare, ein älteres aus Frankreich, ein jüngeres aus Österreich: Eine symbiotische Reise-Klette(r)n-Liebesbeziehung, in der man sich sogar synchron das Stirnband als Ohrschutz aufzieht, denn in kubanischen Karren zieht es immer, auch mit Fenster zu. Drei Stunden später kommen wir in Viñales an – ohne meine Nasendusche, die ist aus dem Rucksack auf dem Dach rausgeflogen. Etwas unpraktisch, weil man während der Fahrten nicht nur viel Luft ins Gesicht bekommt, sondern der Zweitakter einem auch einiges an Benzin in die Nase schickt. Ich mag aber diese Reiseluft und das tuckern in alten Karren durch die Gegend sehr. Wir fahren in Viñales rein und überall sind kleine bunte Holzhäuser mit Verandas.

13177146_465757520301664_7137577282980180782_n

Jeder der 17000 Einwohner des Ortskerns vermietet Zimmer, und so ist es nicht verwunderlich, dass auf die Einwohner noch mal mindestens doppelt so viele Touris kommen. Sie legen sich wie ein Teppich über das Städtchen, das eine atemberaubende Szenerie hat. Das Tal mit seinen knallgrünen Tabakfeldern und roter Erde ist von Kegelkarstbergen umzingelt. Solche Dinger findet ihr sonst nur in Thailand bei Krabi, wo James Bond gedreht wurde oder The Beach mit Leonardo di Caprio.

13340270_474198132790936_6702176058510387351_o
Der Fahrer fragt uns, ob wir eine Bleibe haben, denn zur Hauptsaison ist immer alles komplett ausgebucht. Das österreichische Pärchen, das bis dahin alles synchron in Harmonie tat, bekommt einen hysterischen Anfall, weil es sich nicht um eine Bleibe im Vorfeld gekümmert hat. Sie steigt angefressen am Stadteingang aus, er genervt hinterher. Alle anderen lassen sich bei ihren Casas Particulares absetzen.

 

Wir wohnen bei einem netten Ehepaar um die 70. Er war früher Geographielehrer, sie Hausfrau. Sie sind nie weiter gekommen als bis in die nächste Stadt. Mit ihrer Casa Particular haben sie sich ein gutes Business aufgebaut. Im Garten ist ein Haus mit zwei Zimmern. Dazu ein Pool, den aber niemand nutzt, Terrasse auf dem Dach der Hauptcasa, die auch niemand nutzt und eine Bar. Wir sind gerade mal angekommen, sitzen seit einer Minute in einem typisch kubanischen Schaukelstuhl, der vor jedem Zimmer steht, da überrumpelt uns der Sohn unseres Vermieters: Ob wir nicht Bock hätten jetzt gleich in 30 Minuten, mit den beiden Mädels aus dem Zimmer neben uns eine Pferdetour zu machen zu den Höhlen, die für Viñales so typisch sind. 50 CUC pro Person, das ist uns erstens zu teuer (50 Euro) – zweitens haben wir keinen Akku mehr. Wir lehnen dankend ab und sagen: „Quizas mañana“, „vielleicht morgen“. Als wir am nächsten Tag noch mal ablehnen, ignoriert uns der Sohn bis auf weiteres.

Dass die Kubaner Geld machen wollen, lässt sich nicht verbergen. Eines späten Abends kulminiert dieser Wahn in einem Streit. Unser Vermieter streitet sich mit seinem Nachbarn, der rübergekommen ist. Die Stimmen werden schrill, Fauste hauen auf den Tisch, einer weint und schluchzt so laut, dass Schlafen erstmal nicht möglich ist.. Am nächsten Morgen dasselbe Spiel. Es geht um Geld, um uns Touris als Klienten, um ihre Kinder, die auch von was leben müssen. Der Nachbar wirft unserem Vermieter vor, ihm alle Kunden wegzunehmen, indem er seine Casa immer attraktiver macht, indem er anbaut (Pool, Gartenhaus etc.) Da kann der Nachbar nicht mithalten, Und wer Casas Particulares hat, muss jeden Monat hohe Abgaben an Fidels Gang zahlen, egal, ob er was vermietet. Nach dem zweiten Streitgespräch, bei dem wieder Tränen flossen, sitzt der Nachbarn erschöpft mit aufgequollenem hoch rotem Gesicht im Schaukelstuhl.
Der Vater fragt uns, ob wir nicht mit ihm zum berühmten Strand fahren möchten, der 65 Kilometer weit entfernt ist. Cayo Jutias. Möchten wir, aber nicht mit ihm, weil unsere Freunde aus Leipzig auch in der Stadt sind und schon einen günstigen Fahrer klargemacht haben für uns vier. Dass wir mit ihm fahren, dürfen wir natürlich so nicht sagen, weil unser Vermieter sonst traurig oder sonstwas wäre.

Die Fahrt zum Strand Cayo Jutias ist typisch kubanisch: Wir sitzen in einem mintgrünen 50er Jahre Auto, bei dem die Türklinke ab ist, die Fenster nicht mehr richtig schliessen, aber es tuckert so schön durch die Gegend.

13226653_465757536968329_5729421247257903580_n

Als wir ankommen, kuckt uns ein Strand an, der mich bis auf weiteres verdirbt. Ich weiss sofort, sowas kommt erstmal nicht wieder: Weisser Puderzuckersand, Palmen, Kokosnüsse, türkisfarbenes Wasser – Cayo Jutias sieht aus wie aus der Raffaelo oder Bacardiwerbung. Traumhafter geht es nicht. Ein Paradies wie ich es nie sah.

13151585_465757603634989_8353435677817493633_n

Als wir zurückfahren, lassen wir uns 200 Meter vor unserer Casa absetzen, damit unsere Vermieter nicht mitbekommen, dass wir mit einem anderen Fahrer die Strandtour gemacht haben. Die Pferdetour mache ich einen Tag später auch direkt im Tal bei einem jungen Kubaner. Dass ich dann auf dem Pferd sitze, nicht alleine und einen auf Titanic mache, ungewollt, das hätte ich so nicht erwartet. Diese Story dann nächstes Mal.

[supsystic-gallery id=5 position=center]

5 Kuba Karussell

Bereits vor der Kubareise wussten wir, dass Thomas aus Leipzig und seine Freundin zur selben Zeit in Havanna sein werden wie wir. Und direkt am ersten Tag laufen wir in seine Arme, die eine dicke Kamera halten. Er fotografiert die Strasse. Thomas war schon öfter in Kuba und kennt sich bestens aus. Wir verabreden uns direkt mal für den nächsten Tag und besuchen den knallbunten Künstler- und Musikerort „Callejon de Hammel“. Graffitis und Kunstobjekte aus Recyclingmaterial und Badewannen in den Wänden begeistern mich, die Masse an Touris eher weniger.  Als Thomas sagt, dass er noch zu einem Freizeitpark will  „Isla de Coco“ am Stadtrand Havannas gelegen, gehen wir  spontan mit. Dort werden wir die einzigen Touristen sein.

IMG_1779

Um dahin zukommen stellen wir uns an die Strasse, ein „Taxi Colectivo“ anhalten. Das sind Sammeltaxis, die durch die Gegend zuckeln. Man zahlt 50 centavos pro Fahrt, knapp 50 Cent, und darf dann so weit mitdüsen wie man will. Weil wir zu viert sind, müssen wir uns aufteilen, denn das erhöht die Chance schnell wegzukommen. Ein angebeulter tannengrüner Oldtimer hält, er hat noch Platz für zwei, also steigen meine Freundin und ich ein. Als wir uns  in die  alten zerschliessenen Sitze fallen lassen, heult der Motor auch schon auf. Thomas ruft dem Fahrer noch schnell zu: „Bring die beiden zur Isla de Coco“.  Und schon braust das Taxi mit uns davon.

In meinem Kopf regnet es Konfetti, mein Herz blubbert: „Was für ein Abenteuer denke ich“, das sind die Momente, in denen ich zu 100 Prozent happy bin. Nicht konkret wissen, wann wir wo ankommen und was uns erwartet.

13036627_10209153618299184_361450104_o
Bild von Thomas Meinicke

Es geht quer durch Havanna mit Benzingeruch des Zweitakters in der Nase, der durch die Fenster kriecht, die nicht richtig schliessen können. Leute steigen ein und aus. Oft tragen sie Käppis und Hemden, auf denen was mit Amerika steht. Sie erzählen sich kurze Geschichten, tauschen Befindlichkeiten aus, die Stimmung ist gelassen. Wir verlassen uns auf den Taxifahrer, der Thomas Anweisung hoffentlich korrekt verstanden hat. Und es funktioniert natürlich! Eine Dreiviertelstunde später steigen wir aus. Und warten darauf, dass Thomas und seine Freundin auch ankommen. Als sie nach einer halben Stunde immer noch nicht in Sicht sind, laufen wir einfach mal ganz langsam in irgendeine Richtung los. Es passiert dasselbe wie am Tag zuvor: wir laufen auf Thomas zu, der den Gitarrenspielenden Che, der uns als hübsches Streetartbild von einer Mauer anlächelt, ablichtet.  Wieder  haben wir uns getroffen ohne Telefon. Richtig oldschool sind wir unterwegs.  Gemeinsam laufen wir zum Freizeitpark. In einer kleinen Bude zahlen wir zu viert 6 Cent Eintritt, zusätzlich können wir Tickets für die Karussells kaufen:  jeweils sechs Peso, also 18  Euro-Cent. Dass 80 Prozent von den Bespassungsgeräten nicht mehr in Betrieb sind, macht uns gar nichts aus. An diesem Ort, an dem sich nur sehr wenige Menschen aufhalten (für Kubaner ist der Besuch eines solchen Parks Luxus) ist nicht nur die Zeit stehen geblieben, sondern auch die Karussells. Der Ort strahlt eine nostalgische Ruhe aus, uns kucken bunte verschlafene Konstruktionen an, die nix mehr machen ausser in Würde altern. Vor uns das Kettenkarussell, das längst in Rente ist, so auch die Achterbahn, ein Ufoartiger Bau und die Überkopfschiffschaukel. Wir haben die Wahl zwischen Kinderkarussell und normaler Schiffschaukel und entscheiden uns für Letztere. Mutig nehmen wir auf der hinteren Bank Platz.

Bild von Thomas Meinicke
Bild von Thomas Meinicke

Als die Schiffschaukel sich schwermütig und stöhnend in Bewegung setzt und immer höher schaukelt, wird mir ganz mulmig, weil die Stahlstange auf unseren Beinen nicht fest ist. Je höher die Schaukel durch die Luft pendelt, desto lauter wird das Knarzen. Ich vermute, dass die rostigen Schrauben kurz davor sind einen Abgang gen Himmel zu machen. Ich habe Schiss. Und zwar so richtig. Je höher die Schaukel fliegt – ja es fühlt  jetzt wie lebensmüdes Fliegen an – desto lauter wird die Geräuschkulisse: zum rostigen Knarzen kommt aufgekratztes Teeniegeschrei dazu. Die haben einen Mordsspass und reissen ihre Hände überschwänglich nach oben. Ich habe meine Hände an den Schultern meiner Freundin und führe laut Selbstgespräche, dass ich sowas nie wieder mache usw… 10 Minuten später hat sich das Schiff ausgeschaukelt. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie ein nervöser aufgebrachter Pudding. Meiner Freundin wurde übel und auch KubaKola und Maisflipps, das einzige, was die Freizeitparkkantine anbot, konnten nix mehr gerade biegen. Trotzdem: im Nachhinein war es mega! Und vielleicht würde ich dieses alte Ding noch mal besteigen, kommt darauf an, ob es dann noch munter vor sich hin knarzt oder wie die anderen Karussells längst in Würde altert.

 

[supsystic-gallery id=7 position=center]

4 In Kuba Klamotten verschenken

Warum es so schwer ist eine Strumpfhose zu kaufen und Sachen zu spenden:

Bevor wir losreisten, sagten uns Freunde, dass wir bitte Klamotten zum verschenken mitnehmen sollen und Kugelschreiber und Seifen. Das machten wir. Als wir dann in Kuba ankommen, treffen wir Kids, die uns ein Seifenstück aus der Hand reissen und sich fast drum prügeln. Wir sehen Kubaner, die mit dem ihnen gerade geschenkten Seifenstück, der Zahnpasta, dem Deo an der nächsten Ecke wieder standen und es verkauften. Dennoch: Wir sind entschlossen unsere 10 Seifen, Kugelschreiber und 5 Kleider, 5 Blusen, Shirts, Handtaschen, Schuhe sinnvoll zu verschenken.

Ist aber irgendwie schwierig:

Im Kindergarten sagen uns die Leiterinnen, dass es ihnen nicht erlaubt ist, etwas von Touristen anzunehmen.

Wir fragen bei der alten zauberhafte Dame mit den grauen Locken im Erdgeschoss unseres Apartmenthauses nach, ob sie Klamotten braucht für Tochter, Enkelkind etc.. Sie sagt, wir sollten ihr zwei Tage Zeit geben, die Sachen für uns zu verticken. Wir machen ihr klar, dass wir gekommen sind, um zu verschenken, nicht um Business zu machen, das scheint sie aber nicht so ganz zu kapieren.

Wir fragen die Freundin eines Bekannten, ob sie was braucht. Sie ist aus Havana und arm. Sie kuckt die Sachen an, nimmt nichts und erklärt uns, sie sei Minimalistin, brauche nicht viel, nur Essen und Kunstmachen. Ich denke aber, es ist für die Kubaner auch beschämend, so angewiesen zu sein, auf die Second Hand Sachen anderer. Ich verstehe, dass sie ablehnt, auch wenn die Klamotten echt noch schön sind und zum Teil ungetragen.

Viele Kubaner nehmen aber doch an, können ja nicht nackig rumrennen: sie tragen Second Hand aus Amerika. Bomberjäckchen „Control“ von John Wood oder Blousons aus den 90s, wie sie in Leipzig gerne gerne von Hippstern spazieren geführt werden. Der Metzger trägt ein Achselshirt in Bonbonfarben mit Florida und Key West drauf.

Am Ende unserer Havanawoche geben wir der Vermieterin unseres Apartments einen Sack voller Klamotten. Sie soll sie gut verteilen für uns. Und es klappt: zumindest bei einem Teil: Eine der Putzfrauen läuft beschwingt in den alten Sandalen meiner Freundin herum – gute Treter mit Silberschnalle, die sie mal für einen Businessjob brauchte. Das freut uns mega. Was aus dem Rest der Sachen wurde, wissen wir nicht, hoffe, aber, dass sie glückliche Trägerinnen gefunden haben.

Glücklich machen können wir ein kleines Mädchen, das uns vom Balkon angrinst: mit einem Kinderduschbad Lillifee und einen pinken Kugelschreiber. Sie schwebt im siebten Himmel. Es ist so krass: wir haben die Wahl zwischen 50 Duschbädern, die bald bestimmt auch zu uns sprechen können, hat der Kubaner oft nur ein kleines Seifenstück.

Die Zeit ist in Kuba bei gefühlt 1950 stehen geblieben. Schlendert man durch Havanna – kucken einem verhungerte Schaufenster an, auf denen steht: „Este es el lugar ideal, encuentre aqui lo que necesita“. „Das ist der ideale Ort, an dem man findet, was man braucht.“ Oder „un mundo de oportunidades“ – eine Welt der Möglichkeiten.“ Offensichtlich braucht man in Havanna nichts, ausser die Möglichkeit zwischen ein paar verstaubten Plastikschuhe auszuwählen: Sie kucken uns an, wie bestellt und nicht abgeholt, um sie herum Leere.
Shoppen ist also schwierig, denn es gibt kaum Läden, und wenn es sie gibt, dann sind sie leer: Sehr zum Leidwesen einer Berlinerin, die nicht damit gerechnet hat, dass es im Februar noch kühl sein kann. Sie fror, weil sie Kleid ohne Strumpfhose reiste. Der Versuch eine zu kaufen, missglückte. Wir trafen sie am Ende der Reise wieder. Immer noch unbestrumpft.

Fündig wird man an der Strasse oder am Hauseingang.

Die Kubaner verkaufen gerne im Flohmarktstil an der Strasse oder mit Aushängen. Manchmal kucken einen beim Vorbeigehen an Hauseingängen, einige paar Schuhe an, die verkauft dann jemand. Oder an einer Tür hängt ein Zettel mit Handschrift drauf, „compro chaqueta“. Kaufe Jacke. Darunter die Telefonnummer… Man wartet, dass jemand eine vorbeibringt. Der Kubaner nimmt, was er bekommt – der absolute Gegensatz zu unserer „Dress for the Moment“ Mentalität, wo wir zwischen Farben, Mustern, Modellen so eine grosse Auswahl haben, dass unsere Köpfe explodieren.
Kuba ist ein Land, in dem es keine Drogeriemärkte gibt, wo der Brotmann noch durch die Strassen düst und man sich das in einem Beutel an einer Schnur auf den Balkon hochzieht, wo es kein Obst und Gemüse im Supermarkt gibt, sondern am Strassenstand, teilweise ohne Unterbau, in Kuba cornern Äpfel und Orangen auf der Bordsteinkante.

[supsystic-gallery id=4 position=center]

3 Essenssuche in Havanna

Hay cafe

Viven los animales“, Kaffee im kubanischen Wohnzimmer und 8 Schokoriegel für ein kubanisches Monatsgehalt

Wir haben Hunger in Havanna. Elisabeth, bei der wir ein Appartment mieten, versorgt uns jeden Morgen mit Frühstück, danach müssen wir klarkommen. Und das Beschaffen von Nahrung ist erstmal verwirrend. Denn man muss das mit dem Bezahlen schnallen. Wer mit wenig Kohle als Backpacker unterwegs ist, muss manchmal eben auf’s Geld achten, auch wenn die Kubaner denken, dass wir steinreich sind, was wir ja auch irgendwie sind im Gegensatz zu ihnen. Das Geldthema bringt immer wieder Spannungen auf der Reise. Einfach, weil viele Kubaner Knete machen wollen und wir Touris uns dabei wie Geldmaschinen vorkommen.

KOHLE
Es gibt zwei Währungen auf Kuba: Für die Kubaner den Peso Cubano. 1 Euro = 26.19 Kubanische Pesos. Für die Touris den Peso Convertible (CUC). 1 CUC gleich knapp 1 Euro. Um es verwirrend zu machen, haben beide Währungen das Zeichen $. Und sowieso kann man schnell alles durcheinander bringen. Oft steckt ein Fragenzeichen im Kopf: Kostet der Kaffee nun 1 Peso Cubano oder 1 CUC. 1 Euro oder 0,01 Cent? Wir lernen beides geht. Also aufpassen. Für mich so kompliziert wie eine Mathestunde:
In Kuba kann man wie in Deutschland locker 3 Euro für ein Minieis zahlen und 10 Euro für ein Essen. Bedenkt man, dass der Kubaner in der Regel zwischen 15 und 25 Euro im Monat verdient, ist das krass. Wir wollen geben, fühlen uns aber schlecht, abends in Touristenrestaurants abzuhängen und das halbe Monatsgehalt eines Kubaners in einer Stunde zu verspeisen. Um es anders zu machen, brauchen wir den Peso Cubano. Den bekommt man in einer Wechselstube, aber nur mit Reisepass, wenn noch Kohle da ist, wenn der Schaltermensch Bock auf den Tausch hat und wenn man mindestens eine Stunde angestanden hat. Wir haben Glück, bekommen unsere Pesos Cubanos und können ab sofort im echten Kubaleben mitessen. Können Gemüse und Obst kaufen, was es nur an der Strasse für die kubanische Währung gibt.

SNACKEN

Wer sich jetzt aber vorstellt, wir hocken ab sofort in kubanischen Kneipen rum, der irrt. Die Kubaner gehen aus Kostengründen kaum aus, ihre Hot Spots zum mal Ausgehen sind Stände mit Blinklichtern und kleine sehr einfache Läden. Da besorgen sie sich ein Mittagsessen oder einen Snack. Zuverlässig für zwischendurch sind kleine Stände mit matschigen Pizzen und Hot Dogs aus Tupperdosen. Die bekommt man schon für 5 Pesos Cubanos, also nicht mal 20 Cent, oder ein Reisgericht für 25 Pesos Cubanos also knapp 1 Euro.

REIS REIS BABY!!!

Wir gehen in so einen Reisladen rein, es gibt für alle Dasselbe: Reis, Stück Fleisch und Salat. Weil wir kein Fleisch essen, erklären wir der Gang, dass wir nur „Arroz con vegetales“ möchten. Also Reis mit Gemüse. „Klaro“ sagt der Koch und stellt uns einen Teller mit Reis hin, in dem kleine Schinkenstücken baden. Ich kucke verblüfft, der Typ neben mir grinst mich mit einer Hähnchenkeule im Maul an, behauptet, dass Schinken kein Fleisch ist, ich erhebe mich und rufe: „Viven los Animales“, der Typ mit dem Tier im Mund findet das gut, kaut genüsslich weiter und hilft uns dabei, Reis nur mit Gemüse zu bekommen. Wir möchten 25 Pesos Cubanos zahlen wie es am Schild steht, aber der Reismann ist scharf auf den Peso Convertible – auf die Touriwährung. Okay: Er bekommt 1 CUC. Happy über den geparkten Reis im Bauch, wollen wir einen Kaffee drauf trinken.

KAFFEE IM WOHNZIMMER

Wir halten an einem Fenster an mit einem Zettel, auf dem steht: „Hay cafe“ – es gibt Kaffee. Wir rufen durchs Fenster, ein alter Mann öffnet uns die Tür zu seinem dunklen Wohnzimmer und bietet uns Kaffee für einen Peso cubano an, heisst für 0,00… so gut wie geschenkt. Wir nehmen in seinen Schaukelstühlen Platz und bekommen jeder ein dreckiges Glas. Er befüllt es einen halben Zentimeter hoch mit lauwarmen Kaffee aus einer Thermoskanne. Wir hauchen ihn ein – und obwohl es nur ein Tropfen war, geben wir ihm Trinkgeld, weil das mit dem Wohnzimmer und so alles viel zu niedlich ist. Statt 2 zahlen wir 5 Pesos Cubanos.

ABZOCKE IM RESTAURANT

Abends treffen wir Freunde zum Dinner in Fidels Restaurant „Los
Nardos“. Normalerweise ist dort eine Schlange bis zum Mond, wir kommen an, nix los, weil Stromausfall. Die Kellner sagen, dass man nicht weiss, wann der Strom wiederkommt und wir sollten doch zu einem Laden gehen, der Essen für 4 Personen für 30 CUC (30 Euro) anbietet. Wir lassen uns drauf ein, landen in einem Restaurant mit Kellnerinnen im Gogo Look und bekommen wenn überhaupt nur die Hälfte von dem, was auf der Karte steht für den doppelten Preis für 60 CUC. Für uns vier gibt es einen kleinen Salatteller mit ein paar Tomaten und Gurkenscheiben drauf, die anderen zwei statt drei Teller kommen erst nachdem wir freundlich nachhaken, unser Freund möchte Hühnchen, das gibt es aber nur für den Nebentisch, als Nachtisch wählen wir Pudding, bekommen Erdbeereis hingeknallt, der Kaffee fällt aus, ich frage nach, die Kellnerin meint, das mit dem Kaffee hätten wir früher sagen können, wir sollen jetzt sofort bezahlen und gehen. Hä? Auf uns fallen verachtende Blicke. Es liegt eine Spannung in der Luft, die ich so noch nie erlebt habe. Die Kellnerin ist so zickig-aggressiv, dass sie uns fast noch das Tablett ins Gesicht knallt, aber wir sind müde und hungrig angekommen, und finden das jetzt zumindest etwas gesättigt auch irgendwie abgefahren, ein Abend wie im Film. “Eine Kneipe, die man nur mit viel Humor besuchen darf”, schreibt jemand bei Tripadvisor. Stimmt.

https://www.tripadvisor.de/Restaurant_Review-g147271-d16339…

Wir fragen einen netten kubanischen Koch, warum wir oft so
unfreundlich behandelt werden. Er meint, dass die jungen Kubaner/innen hoffnungslos sind, die Wirtschaft sei unten, die Löhne gering und sie sehen, was wir haben, und wollen das auch. Deswegen würden sie uns verachten. Wir verstehen das, es macht die Reise aber nicht einfacher. Wir fühlen uns schlecht und auf eine diffuse Art schuldig und versuchen mitgebrachte Sachen zu verschenken, wie die Reaktionen sind, das in einer nächsten Story.

SUPERMARKT

Nach dem Erlebnis in dem Abzockladen, wollen wir Zeugs für die nächsten Abendbrote im Supermarkt einkaufen und zuhause in der Apartmentküche was kochen. Und der Einkauf bleibt mir besonders im Kopf. Der Supermarkt ist in einem grossen Jugendstil Gebäude „La Epoca“, das hat eine schuppige Fassade und innen sieht aus wie eine Shopping Mall nach einem Giftgasangriff mit wenig Überbleibseln. So wie – es war Krieg und wir haben jetzt das Jahr 2020 – es gibt nur noch das Nötigste. Wasser ist mal nicht dabei, das gibt es zwei Tage lang nicht, in den Bars drum rum dann auch nicht und man trinkt dann eben CubaCola. Um in den Supermarkt reinzukommen, müssen wir unsere Taschen an einem separaten Raum abgeben. Dann dürfen wir am Securitymann vorbei. In den Regalen gibt es gefühlt nur 10 verschiedene Lebensmittel. Kein Obst, kein Brot, kein Gemüse, keine Joghurts, dafür Reis, Nudeln, Öl, Rum, Tomatensauce und Oliven aus Spanien, Rührkuchen, Milch, Kekse, Pringles (normale Chips gibt es nicht). Vieles davon ist in einer Vitrine verschlossen, weil es sehr teuer ist – 4 Euro für Kekse, Thunfisch für 8 , Pringles für 5. Süssigkeiten gibt es nur wie im Tante Emma Laden in Einzelstücken, 1 Lolli, 1 Weingummi, 1 Schokoriegel für 2 Euro umgerechnet. Würde der Kubaner jetzt 8 Riegel kaufen, hätte er sein komplettes Monatsgehalt aufgebraucht. Wahnsinn ist das! Wir kaufen ein, alles wird in weiße Plastiktüten gesteckt, den Kassenbon müssen wir aufbewahren, weil der noch an zwei Stellen von zwei unterschiedlichen Menschen kontrolliert wird, und das, was wir dann mit nach Hause nehmen sind 11 Nahrungsmittel für 31 CUC, also über 31 Euro, also fast zwei Monatsgehälter eines Kubaners. Wir kochen uns ein simples Tomatenoliventhunfischnudelgericht, es schmeckt merkwürdig, denn uns wird klar, dass sich dieses Campingessen kaum ein Kubaner leisten kann.

[supsystic-gallery id=3 position=center]

2 Eis, Eis baby!

Kein Kondensmilcheis, Kubanerin mit Karton in der Bank und Warteschlangen überall!!!

Am dritten Tag fahren wir weiter von Matanzas nach Havanna. Nostalgiebeschwippst wollen wir die 200 Kilometer mit dem alten Hershey Train von 1922 fahren. Wir haben Bock auf Holzbänke und mit 80 kmh durch die ehemaligen Zuckerfelder zu schleichen. Als wir am Bahnhof ankommen, steht der Zug wie ein halbtoter Gaul auf dem Gleis – vor ihm ein Schild, „Tren cancellado“ – Zug fällt aus. Kommt oft vor, erfahren wir, weil irgendwas an dem antiken Ding immer defekt ist. Nach einer kurzen Schockstarre, lassen wir uns vom Taximann zum Busbahnhof bringen, er nimmt 8 CUC ca. 8 Euro (weil wir noch unerfahren sind am Anfang unserer Reise zahlen wir, hinterher erfahren wir, dass 2 normal gewesen wären, egal). Wir wollen jetzt mit dem Bus nach Havanna. Der ist aber ausgebucht und uns bleibt nichts anderes übrig als mit einem „Taxi collectivo“ zu fahren. Das wissen die Männers mit ihren Karren am Bahnhof längst und buhlen um uns wie ein Schwarm wildgewordener Hornissen. Zusammen mit einem älteren Ehepaar aus Deutschland entscheiden wir uns für einen glutorangefarbenen Mercury von 1954, die Karre sieht aus wie ein kaputtgefeierter Rockstar. Sein Ersatzreifen kuckt uns aus dem Kofferraum aus an und wir versuchen unsere Rucksäcke noch daneben zu quetschen. Ihr denkt jetzt „oh das könnte eine Horrorfahrt werden“, ist aber nicht so. Der Fahrer ist nett, zwei Stunden später kommen wir entspannt in Havana an und zahlen jeder 20 CUC, also ca 20 Euro.

In Havanna haben wir ein Apartment gemietet bei Elisabeth. Sie begrüsst uns mit einem frischen Guajavensaft, das Glas platziert sie auf einem Kaffeefilter, der aus Deutschland ist von der Marke „Ja.“. Den hätten ihr deutsche Gäste mitgebracht, sie weiss aber nicht, dass er nicht als Glasuntersetzer gedacht ist. Ein Durchschlagsieb benutzt sie auch nicht zum Nudeln abgiessen, sondern als Dach für den Obstteller, den sie uns jeden Morgen serviert.
Elisabeth ist eine super nette Kubanerin, mit einem Service wie im Bilderbuch, dazu gehört auch mantramässig der Satz: „Muchas gracias por estar aqui“ – „Danke, dass ihr hier seid“. Sie schreibt uns einen Zettel mit Dingen, die wir in Havana machen sollten. Der kubanische Freizeitpark mit knarzender Schiffschaukel und Übelkeitsgarantie, die wir am Ende besteigen werden, steht nicht darauf.
Auch nicht die Eisdiele „Coppelia“, zur der alle Kubaner rennen um sich Minimum 5 Kugeln reinzudrücken, nachdem sie eine Stunde angestanden haben. Ich möchte unbedingt das Kondensmilcheis probieren, für das „Coppelia“ bekannt ist, aber daraus wird nichts. Ein Sicherheitsmann weißt uns darauf hin, dass wir nicht mit den Kubanern Eis essen dürfen, in dem Eistempel, der aussieht wie ein Ufo. Stattdessen zeigt er auf einen kleinen Eisstand, wie wir ihn aus dem Freibad kennen. Getrennte Bereiche mit unterschiedlicher Eisqualität und unterschiedlichem Preis – wollen wir nicht. Wir gehen ohne Kondensmilcheis. Beim Gehen bemerken wir, dass es nicht eine Warteschlange gibt, sondern 3 – aus verschiedenen Himmelsrichtungen beginnend, überall Menschen mit sehnsüchtigem Eisblick:
„Eis Eis baby!“
Wer keinen Bock auf Schlange hat, geht zu einem Eiswagen an der Strasse, der eine Auswahl bietet zwischen Erdbeer und Erdbeer. Man nimmt eine abgeschnittene 1Liter Plastikflasche mit und lässt sich da einen Eisberg reindrücken. Oder man kauft Minimum 2 Kugeln mit 2 Hörnchen (Beweisfoto beigefügt).
Mit den Schlangen geht es weiter. Nur knapp 5 Prozent der Kubaner haben zuhause Zugang zum Internet, wer mal 30 Minuten im www surfen möchte, der ist einen halben Tag lang gut beschäftigt. Denn man muss sich vor einen Laden anstellen und warten, dass man einen Code bekommt. Halbe Stunde Wifi gibt’s dann für 3 Euro aufwärts. Ins Netz wollen viele und man sieht aus der Ferne, wo so ein WiFi Hot Spot ist. Neben Menschenschlange (die, die noch aufs www warten) gibt’s Menschenbündel (die, die es schon haben). Ich verzichte aufs Internet für drei Wochen und kann mir dieses Anstehen sparen.

Eine Schlange lässt sich aber nicht vermeiden, und ich bin froh, dass ich beim Betreten der Bank nicht weiss, dass ich jetzt zwei Stunden warten werde. Ich brauche Kohle, und es ist sicherer in Kuba direkt am Bankschalter abzuheben. Der Türsteher lässt mich rein und weist mir einen Sitzplatz zu. Um mich rum 30 Kubaner, vor mir 10 Schalter, die Nummer 9 ist fürs Abheben mit VISA Card. Man sagt mir, dass 3 Personen vor mir sind. Leider ist darunter eine Kubanerin mit einem Karton. Als sie dran ist, zieht sie daraus einen Berg DIN A 4 Zettel. Diese Dame wird jetzt am Schalter 9 in den nächsten 1,5 Stunden eine komplette Jahresabrechnung erledigen. Die Frau am Schalter zieht einen Geldbündel nach dem anderen raus, zählt die Scheine mehrfach und legt sie der Dame vor den Karton. In der Zwischenzeit gibt es zwei kleinere Aufstände in der Bank, weil es an den anderen Schaltern auch nicht so schell vorangeht und man unruhig wird. Einige Kubaner erheben sich von ihren Plätzen, werden laut, ich mach mit, dann müssen wir uns alle wieder setzen. Zwei Stunden später bin ich aus der Bank wieder raus, ich denke, dass ich einfach voll Pech hatte, aber eine Französin, die schon das halbe Land bereist hat, meint, dass es in jeder Bank so sei.
Kuba ist das Land der Warteschlangen.

[supsystic-gallery id=2 position=center]