5 Kuba Karussell

Bereits vor der Kubareise wussten wir, dass Thomas aus Leipzig und seine Freundin zur selben Zeit in Havanna sein werden wie wir. Und direkt am ersten Tag laufen wir in seine Arme, die eine dicke Kamera halten. Er fotografiert die Strasse. Thomas war schon öfter in Kuba und kennt sich bestens aus. Wir verabreden uns direkt mal für den nächsten Tag und besuchen den knallbunten Künstler- und Musikerort „Callejon de Hammel“. Graffitis und Kunstobjekte aus Recyclingmaterial und Badewannen in den Wänden begeistern mich, die Masse an Touris eher weniger.  Als Thomas sagt, dass er noch zu einem Freizeitpark will  „Isla de Coco“ am Stadtrand Havannas gelegen, gehen wir  spontan mit. Dort werden wir die einzigen Touristen sein.

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Um dahin zukommen stellen wir uns an die Strasse, ein „Taxi Colectivo“ anhalten. Das sind Sammeltaxis, die durch die Gegend zuckeln. Man zahlt 50 centavos pro Fahrt, knapp 50 Cent, und darf dann so weit mitdüsen wie man will. Weil wir zu viert sind, müssen wir uns aufteilen, denn das erhöht die Chance schnell wegzukommen. Ein angebeulter tannengrüner Oldtimer hält, er hat noch Platz für zwei, also steigen meine Freundin und ich ein. Als wir uns  in die  alten zerschliessenen Sitze fallen lassen, heult der Motor auch schon auf. Thomas ruft dem Fahrer noch schnell zu: „Bring die beiden zur Isla de Coco“.  Und schon braust das Taxi mit uns davon.

In meinem Kopf regnet es Konfetti, mein Herz blubbert: „Was für ein Abenteuer denke ich“, das sind die Momente, in denen ich zu 100 Prozent happy bin. Nicht konkret wissen, wann wir wo ankommen und was uns erwartet.

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Bild von Thomas Meinicke

Es geht quer durch Havanna mit Benzingeruch des Zweitakters in der Nase, der durch die Fenster kriecht, die nicht richtig schliessen können. Leute steigen ein und aus. Oft tragen sie Käppis und Hemden, auf denen was mit Amerika steht. Sie erzählen sich kurze Geschichten, tauschen Befindlichkeiten aus, die Stimmung ist gelassen. Wir verlassen uns auf den Taxifahrer, der Thomas Anweisung hoffentlich korrekt verstanden hat. Und es funktioniert natürlich! Eine Dreiviertelstunde später steigen wir aus. Und warten darauf, dass Thomas und seine Freundin auch ankommen. Als sie nach einer halben Stunde immer noch nicht in Sicht sind, laufen wir einfach mal ganz langsam in irgendeine Richtung los. Es passiert dasselbe wie am Tag zuvor: wir laufen auf Thomas zu, der den Gitarrenspielenden Che, der uns als hübsches Streetartbild von einer Mauer anlächelt, ablichtet.  Wieder  haben wir uns getroffen ohne Telefon. Richtig oldschool sind wir unterwegs.  Gemeinsam laufen wir zum Freizeitpark. In einer kleinen Bude zahlen wir zu viert 6 Cent Eintritt, zusätzlich können wir Tickets für die Karussells kaufen:  jeweils sechs Peso, also 18  Euro-Cent. Dass 80 Prozent von den Bespassungsgeräten nicht mehr in Betrieb sind, macht uns gar nichts aus. An diesem Ort, an dem sich nur sehr wenige Menschen aufhalten (für Kubaner ist der Besuch eines solchen Parks Luxus) ist nicht nur die Zeit stehen geblieben, sondern auch die Karussells. Der Ort strahlt eine nostalgische Ruhe aus, uns kucken bunte verschlafene Konstruktionen an, die nix mehr machen ausser in Würde altern. Vor uns das Kettenkarussell, das längst in Rente ist, so auch die Achterbahn, ein Ufoartiger Bau und die Überkopfschiffschaukel. Wir haben die Wahl zwischen Kinderkarussell und normaler Schiffschaukel und entscheiden uns für Letztere. Mutig nehmen wir auf der hinteren Bank Platz.

Bild von Thomas Meinicke
Bild von Thomas Meinicke

Als die Schiffschaukel sich schwermütig und stöhnend in Bewegung setzt und immer höher schaukelt, wird mir ganz mulmig, weil die Stahlstange auf unseren Beinen nicht fest ist. Je höher die Schaukel durch die Luft pendelt, desto lauter wird das Knarzen. Ich vermute, dass die rostigen Schrauben kurz davor sind einen Abgang gen Himmel zu machen. Ich habe Schiss. Und zwar so richtig. Je höher die Schaukel fliegt – ja es fühlt  jetzt wie lebensmüdes Fliegen an – desto lauter wird die Geräuschkulisse: zum rostigen Knarzen kommt aufgekratztes Teeniegeschrei dazu. Die haben einen Mordsspass und reissen ihre Hände überschwänglich nach oben. Ich habe meine Hände an den Schultern meiner Freundin und führe laut Selbstgespräche, dass ich sowas nie wieder mache usw… 10 Minuten später hat sich das Schiff ausgeschaukelt. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie ein nervöser aufgebrachter Pudding. Meiner Freundin wurde übel und auch KubaKola und Maisflipps, das einzige, was die Freizeitparkkantine anbot, konnten nix mehr gerade biegen. Trotzdem: im Nachhinein war es mega! Und vielleicht würde ich dieses alte Ding noch mal besteigen, kommt darauf an, ob es dann noch munter vor sich hin knarzt oder wie die anderen Karussells längst in Würde altert.

 

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4 In Kuba Klamotten verschenken

Warum es so schwer ist eine Strumpfhose zu kaufen und Sachen zu spenden:

Bevor wir losreisten, sagten uns Freunde, dass wir bitte Klamotten zum verschenken mitnehmen sollen und Kugelschreiber und Seifen. Das machten wir. Als wir dann in Kuba ankommen, treffen wir Kids, die uns ein Seifenstück aus der Hand reissen und sich fast drum prügeln. Wir sehen Kubaner, die mit dem ihnen gerade geschenkten Seifenstück, der Zahnpasta, dem Deo an der nächsten Ecke wieder standen und es verkauften. Dennoch: Wir sind entschlossen unsere 10 Seifen, Kugelschreiber und 5 Kleider, 5 Blusen, Shirts, Handtaschen, Schuhe sinnvoll zu verschenken.

Ist aber irgendwie schwierig:

Im Kindergarten sagen uns die Leiterinnen, dass es ihnen nicht erlaubt ist, etwas von Touristen anzunehmen.

Wir fragen bei der alten zauberhafte Dame mit den grauen Locken im Erdgeschoss unseres Apartmenthauses nach, ob sie Klamotten braucht für Tochter, Enkelkind etc.. Sie sagt, wir sollten ihr zwei Tage Zeit geben, die Sachen für uns zu verticken. Wir machen ihr klar, dass wir gekommen sind, um zu verschenken, nicht um Business zu machen, das scheint sie aber nicht so ganz zu kapieren.

Wir fragen die Freundin eines Bekannten, ob sie was braucht. Sie ist aus Havana und arm. Sie kuckt die Sachen an, nimmt nichts und erklärt uns, sie sei Minimalistin, brauche nicht viel, nur Essen und Kunstmachen. Ich denke aber, es ist für die Kubaner auch beschämend, so angewiesen zu sein, auf die Second Hand Sachen anderer. Ich verstehe, dass sie ablehnt, auch wenn die Klamotten echt noch schön sind und zum Teil ungetragen.

Viele Kubaner nehmen aber doch an, können ja nicht nackig rumrennen: sie tragen Second Hand aus Amerika. Bomberjäckchen „Control“ von John Wood oder Blousons aus den 90s, wie sie in Leipzig gerne gerne von Hippstern spazieren geführt werden. Der Metzger trägt ein Achselshirt in Bonbonfarben mit Florida und Key West drauf.

Am Ende unserer Havanawoche geben wir der Vermieterin unseres Apartments einen Sack voller Klamotten. Sie soll sie gut verteilen für uns. Und es klappt: zumindest bei einem Teil: Eine der Putzfrauen läuft beschwingt in den alten Sandalen meiner Freundin herum – gute Treter mit Silberschnalle, die sie mal für einen Businessjob brauchte. Das freut uns mega. Was aus dem Rest der Sachen wurde, wissen wir nicht, hoffe, aber, dass sie glückliche Trägerinnen gefunden haben.

Glücklich machen können wir ein kleines Mädchen, das uns vom Balkon angrinst: mit einem Kinderduschbad Lillifee und einen pinken Kugelschreiber. Sie schwebt im siebten Himmel. Es ist so krass: wir haben die Wahl zwischen 50 Duschbädern, die bald bestimmt auch zu uns sprechen können, hat der Kubaner oft nur ein kleines Seifenstück.

Die Zeit ist in Kuba bei gefühlt 1950 stehen geblieben. Schlendert man durch Havanna – kucken einem verhungerte Schaufenster an, auf denen steht: „Este es el lugar ideal, encuentre aqui lo que necesita“. „Das ist der ideale Ort, an dem man findet, was man braucht.“ Oder „un mundo de oportunidades“ – eine Welt der Möglichkeiten.“ Offensichtlich braucht man in Havanna nichts, ausser die Möglichkeit zwischen ein paar verstaubten Plastikschuhe auszuwählen: Sie kucken uns an, wie bestellt und nicht abgeholt, um sie herum Leere.
Shoppen ist also schwierig, denn es gibt kaum Läden, und wenn es sie gibt, dann sind sie leer: Sehr zum Leidwesen einer Berlinerin, die nicht damit gerechnet hat, dass es im Februar noch kühl sein kann. Sie fror, weil sie Kleid ohne Strumpfhose reiste. Der Versuch eine zu kaufen, missglückte. Wir trafen sie am Ende der Reise wieder. Immer noch unbestrumpft.

Fündig wird man an der Strasse oder am Hauseingang.

Die Kubaner verkaufen gerne im Flohmarktstil an der Strasse oder mit Aushängen. Manchmal kucken einen beim Vorbeigehen an Hauseingängen, einige paar Schuhe an, die verkauft dann jemand. Oder an einer Tür hängt ein Zettel mit Handschrift drauf, „compro chaqueta“. Kaufe Jacke. Darunter die Telefonnummer… Man wartet, dass jemand eine vorbeibringt. Der Kubaner nimmt, was er bekommt – der absolute Gegensatz zu unserer „Dress for the Moment“ Mentalität, wo wir zwischen Farben, Mustern, Modellen so eine grosse Auswahl haben, dass unsere Köpfe explodieren.
Kuba ist ein Land, in dem es keine Drogeriemärkte gibt, wo der Brotmann noch durch die Strassen düst und man sich das in einem Beutel an einer Schnur auf den Balkon hochzieht, wo es kein Obst und Gemüse im Supermarkt gibt, sondern am Strassenstand, teilweise ohne Unterbau, in Kuba cornern Äpfel und Orangen auf der Bordsteinkante.

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3 Essenssuche in Havanna

Hay cafe

Viven los animales“, Kaffee im kubanischen Wohnzimmer und 8 Schokoriegel für ein kubanisches Monatsgehalt

Wir haben Hunger in Havanna. Elisabeth, bei der wir ein Appartment mieten, versorgt uns jeden Morgen mit Frühstück, danach müssen wir klarkommen. Und das Beschaffen von Nahrung ist erstmal verwirrend. Denn man muss das mit dem Bezahlen schnallen. Wer mit wenig Kohle als Backpacker unterwegs ist, muss manchmal eben auf’s Geld achten, auch wenn die Kubaner denken, dass wir steinreich sind, was wir ja auch irgendwie sind im Gegensatz zu ihnen. Das Geldthema bringt immer wieder Spannungen auf der Reise. Einfach, weil viele Kubaner Knete machen wollen und wir Touris uns dabei wie Geldmaschinen vorkommen.

KOHLE
Es gibt zwei Währungen auf Kuba: Für die Kubaner den Peso Cubano. 1 Euro = 26.19 Kubanische Pesos. Für die Touris den Peso Convertible (CUC). 1 CUC gleich knapp 1 Euro. Um es verwirrend zu machen, haben beide Währungen das Zeichen $. Und sowieso kann man schnell alles durcheinander bringen. Oft steckt ein Fragenzeichen im Kopf: Kostet der Kaffee nun 1 Peso Cubano oder 1 CUC. 1 Euro oder 0,01 Cent? Wir lernen beides geht. Also aufpassen. Für mich so kompliziert wie eine Mathestunde:
In Kuba kann man wie in Deutschland locker 3 Euro für ein Minieis zahlen und 10 Euro für ein Essen. Bedenkt man, dass der Kubaner in der Regel zwischen 15 und 25 Euro im Monat verdient, ist das krass. Wir wollen geben, fühlen uns aber schlecht, abends in Touristenrestaurants abzuhängen und das halbe Monatsgehalt eines Kubaners in einer Stunde zu verspeisen. Um es anders zu machen, brauchen wir den Peso Cubano. Den bekommt man in einer Wechselstube, aber nur mit Reisepass, wenn noch Kohle da ist, wenn der Schaltermensch Bock auf den Tausch hat und wenn man mindestens eine Stunde angestanden hat. Wir haben Glück, bekommen unsere Pesos Cubanos und können ab sofort im echten Kubaleben mitessen. Können Gemüse und Obst kaufen, was es nur an der Strasse für die kubanische Währung gibt.

SNACKEN

Wer sich jetzt aber vorstellt, wir hocken ab sofort in kubanischen Kneipen rum, der irrt. Die Kubaner gehen aus Kostengründen kaum aus, ihre Hot Spots zum mal Ausgehen sind Stände mit Blinklichtern und kleine sehr einfache Läden. Da besorgen sie sich ein Mittagsessen oder einen Snack. Zuverlässig für zwischendurch sind kleine Stände mit matschigen Pizzen und Hot Dogs aus Tupperdosen. Die bekommt man schon für 5 Pesos Cubanos, also nicht mal 20 Cent, oder ein Reisgericht für 25 Pesos Cubanos also knapp 1 Euro.

REIS REIS BABY!!!

Wir gehen in so einen Reisladen rein, es gibt für alle Dasselbe: Reis, Stück Fleisch und Salat. Weil wir kein Fleisch essen, erklären wir der Gang, dass wir nur „Arroz con vegetales“ möchten. Also Reis mit Gemüse. „Klaro“ sagt der Koch und stellt uns einen Teller mit Reis hin, in dem kleine Schinkenstücken baden. Ich kucke verblüfft, der Typ neben mir grinst mich mit einer Hähnchenkeule im Maul an, behauptet, dass Schinken kein Fleisch ist, ich erhebe mich und rufe: „Viven los Animales“, der Typ mit dem Tier im Mund findet das gut, kaut genüsslich weiter und hilft uns dabei, Reis nur mit Gemüse zu bekommen. Wir möchten 25 Pesos Cubanos zahlen wie es am Schild steht, aber der Reismann ist scharf auf den Peso Convertible – auf die Touriwährung. Okay: Er bekommt 1 CUC. Happy über den geparkten Reis im Bauch, wollen wir einen Kaffee drauf trinken.

KAFFEE IM WOHNZIMMER

Wir halten an einem Fenster an mit einem Zettel, auf dem steht: „Hay cafe“ – es gibt Kaffee. Wir rufen durchs Fenster, ein alter Mann öffnet uns die Tür zu seinem dunklen Wohnzimmer und bietet uns Kaffee für einen Peso cubano an, heisst für 0,00… so gut wie geschenkt. Wir nehmen in seinen Schaukelstühlen Platz und bekommen jeder ein dreckiges Glas. Er befüllt es einen halben Zentimeter hoch mit lauwarmen Kaffee aus einer Thermoskanne. Wir hauchen ihn ein – und obwohl es nur ein Tropfen war, geben wir ihm Trinkgeld, weil das mit dem Wohnzimmer und so alles viel zu niedlich ist. Statt 2 zahlen wir 5 Pesos Cubanos.

ABZOCKE IM RESTAURANT

Abends treffen wir Freunde zum Dinner in Fidels Restaurant „Los
Nardos“. Normalerweise ist dort eine Schlange bis zum Mond, wir kommen an, nix los, weil Stromausfall. Die Kellner sagen, dass man nicht weiss, wann der Strom wiederkommt und wir sollten doch zu einem Laden gehen, der Essen für 4 Personen für 30 CUC (30 Euro) anbietet. Wir lassen uns drauf ein, landen in einem Restaurant mit Kellnerinnen im Gogo Look und bekommen wenn überhaupt nur die Hälfte von dem, was auf der Karte steht für den doppelten Preis für 60 CUC. Für uns vier gibt es einen kleinen Salatteller mit ein paar Tomaten und Gurkenscheiben drauf, die anderen zwei statt drei Teller kommen erst nachdem wir freundlich nachhaken, unser Freund möchte Hühnchen, das gibt es aber nur für den Nebentisch, als Nachtisch wählen wir Pudding, bekommen Erdbeereis hingeknallt, der Kaffee fällt aus, ich frage nach, die Kellnerin meint, das mit dem Kaffee hätten wir früher sagen können, wir sollen jetzt sofort bezahlen und gehen. Hä? Auf uns fallen verachtende Blicke. Es liegt eine Spannung in der Luft, die ich so noch nie erlebt habe. Die Kellnerin ist so zickig-aggressiv, dass sie uns fast noch das Tablett ins Gesicht knallt, aber wir sind müde und hungrig angekommen, und finden das jetzt zumindest etwas gesättigt auch irgendwie abgefahren, ein Abend wie im Film. “Eine Kneipe, die man nur mit viel Humor besuchen darf”, schreibt jemand bei Tripadvisor. Stimmt.

https://www.tripadvisor.de/Restaurant_Review-g147271-d16339…

Wir fragen einen netten kubanischen Koch, warum wir oft so
unfreundlich behandelt werden. Er meint, dass die jungen Kubaner/innen hoffnungslos sind, die Wirtschaft sei unten, die Löhne gering und sie sehen, was wir haben, und wollen das auch. Deswegen würden sie uns verachten. Wir verstehen das, es macht die Reise aber nicht einfacher. Wir fühlen uns schlecht und auf eine diffuse Art schuldig und versuchen mitgebrachte Sachen zu verschenken, wie die Reaktionen sind, das in einer nächsten Story.

SUPERMARKT

Nach dem Erlebnis in dem Abzockladen, wollen wir Zeugs für die nächsten Abendbrote im Supermarkt einkaufen und zuhause in der Apartmentküche was kochen. Und der Einkauf bleibt mir besonders im Kopf. Der Supermarkt ist in einem grossen Jugendstil Gebäude „La Epoca“, das hat eine schuppige Fassade und innen sieht aus wie eine Shopping Mall nach einem Giftgasangriff mit wenig Überbleibseln. So wie – es war Krieg und wir haben jetzt das Jahr 2020 – es gibt nur noch das Nötigste. Wasser ist mal nicht dabei, das gibt es zwei Tage lang nicht, in den Bars drum rum dann auch nicht und man trinkt dann eben CubaCola. Um in den Supermarkt reinzukommen, müssen wir unsere Taschen an einem separaten Raum abgeben. Dann dürfen wir am Securitymann vorbei. In den Regalen gibt es gefühlt nur 10 verschiedene Lebensmittel. Kein Obst, kein Brot, kein Gemüse, keine Joghurts, dafür Reis, Nudeln, Öl, Rum, Tomatensauce und Oliven aus Spanien, Rührkuchen, Milch, Kekse, Pringles (normale Chips gibt es nicht). Vieles davon ist in einer Vitrine verschlossen, weil es sehr teuer ist – 4 Euro für Kekse, Thunfisch für 8 , Pringles für 5. Süssigkeiten gibt es nur wie im Tante Emma Laden in Einzelstücken, 1 Lolli, 1 Weingummi, 1 Schokoriegel für 2 Euro umgerechnet. Würde der Kubaner jetzt 8 Riegel kaufen, hätte er sein komplettes Monatsgehalt aufgebraucht. Wahnsinn ist das! Wir kaufen ein, alles wird in weiße Plastiktüten gesteckt, den Kassenbon müssen wir aufbewahren, weil der noch an zwei Stellen von zwei unterschiedlichen Menschen kontrolliert wird, und das, was wir dann mit nach Hause nehmen sind 11 Nahrungsmittel für 31 CUC, also über 31 Euro, also fast zwei Monatsgehälter eines Kubaners. Wir kochen uns ein simples Tomatenoliventhunfischnudelgericht, es schmeckt merkwürdig, denn uns wird klar, dass sich dieses Campingessen kaum ein Kubaner leisten kann.

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2 Eis, Eis baby!

Kein Kondensmilcheis, Kubanerin mit Karton in der Bank und Warteschlangen überall!!!

Am dritten Tag fahren wir weiter von Matanzas nach Havanna. Nostalgiebeschwippst wollen wir die 200 Kilometer mit dem alten Hershey Train von 1922 fahren. Wir haben Bock auf Holzbänke und mit 80 kmh durch die ehemaligen Zuckerfelder zu schleichen. Als wir am Bahnhof ankommen, steht der Zug wie ein halbtoter Gaul auf dem Gleis – vor ihm ein Schild, „Tren cancellado“ – Zug fällt aus. Kommt oft vor, erfahren wir, weil irgendwas an dem antiken Ding immer defekt ist. Nach einer kurzen Schockstarre, lassen wir uns vom Taximann zum Busbahnhof bringen, er nimmt 8 CUC ca. 8 Euro (weil wir noch unerfahren sind am Anfang unserer Reise zahlen wir, hinterher erfahren wir, dass 2 normal gewesen wären, egal). Wir wollen jetzt mit dem Bus nach Havanna. Der ist aber ausgebucht und uns bleibt nichts anderes übrig als mit einem „Taxi collectivo“ zu fahren. Das wissen die Männers mit ihren Karren am Bahnhof längst und buhlen um uns wie ein Schwarm wildgewordener Hornissen. Zusammen mit einem älteren Ehepaar aus Deutschland entscheiden wir uns für einen glutorangefarbenen Mercury von 1954, die Karre sieht aus wie ein kaputtgefeierter Rockstar. Sein Ersatzreifen kuckt uns aus dem Kofferraum aus an und wir versuchen unsere Rucksäcke noch daneben zu quetschen. Ihr denkt jetzt „oh das könnte eine Horrorfahrt werden“, ist aber nicht so. Der Fahrer ist nett, zwei Stunden später kommen wir entspannt in Havana an und zahlen jeder 20 CUC, also ca 20 Euro.

In Havanna haben wir ein Apartment gemietet bei Elisabeth. Sie begrüsst uns mit einem frischen Guajavensaft, das Glas platziert sie auf einem Kaffeefilter, der aus Deutschland ist von der Marke „Ja.“. Den hätten ihr deutsche Gäste mitgebracht, sie weiss aber nicht, dass er nicht als Glasuntersetzer gedacht ist. Ein Durchschlagsieb benutzt sie auch nicht zum Nudeln abgiessen, sondern als Dach für den Obstteller, den sie uns jeden Morgen serviert.
Elisabeth ist eine super nette Kubanerin, mit einem Service wie im Bilderbuch, dazu gehört auch mantramässig der Satz: „Muchas gracias por estar aqui“ – „Danke, dass ihr hier seid“. Sie schreibt uns einen Zettel mit Dingen, die wir in Havana machen sollten. Der kubanische Freizeitpark mit knarzender Schiffschaukel und Übelkeitsgarantie, die wir am Ende besteigen werden, steht nicht darauf.
Auch nicht die Eisdiele „Coppelia“, zur der alle Kubaner rennen um sich Minimum 5 Kugeln reinzudrücken, nachdem sie eine Stunde angestanden haben. Ich möchte unbedingt das Kondensmilcheis probieren, für das „Coppelia“ bekannt ist, aber daraus wird nichts. Ein Sicherheitsmann weißt uns darauf hin, dass wir nicht mit den Kubanern Eis essen dürfen, in dem Eistempel, der aussieht wie ein Ufo. Stattdessen zeigt er auf einen kleinen Eisstand, wie wir ihn aus dem Freibad kennen. Getrennte Bereiche mit unterschiedlicher Eisqualität und unterschiedlichem Preis – wollen wir nicht. Wir gehen ohne Kondensmilcheis. Beim Gehen bemerken wir, dass es nicht eine Warteschlange gibt, sondern 3 – aus verschiedenen Himmelsrichtungen beginnend, überall Menschen mit sehnsüchtigem Eisblick:
„Eis Eis baby!“
Wer keinen Bock auf Schlange hat, geht zu einem Eiswagen an der Strasse, der eine Auswahl bietet zwischen Erdbeer und Erdbeer. Man nimmt eine abgeschnittene 1Liter Plastikflasche mit und lässt sich da einen Eisberg reindrücken. Oder man kauft Minimum 2 Kugeln mit 2 Hörnchen (Beweisfoto beigefügt).
Mit den Schlangen geht es weiter. Nur knapp 5 Prozent der Kubaner haben zuhause Zugang zum Internet, wer mal 30 Minuten im www surfen möchte, der ist einen halben Tag lang gut beschäftigt. Denn man muss sich vor einen Laden anstellen und warten, dass man einen Code bekommt. Halbe Stunde Wifi gibt’s dann für 3 Euro aufwärts. Ins Netz wollen viele und man sieht aus der Ferne, wo so ein WiFi Hot Spot ist. Neben Menschenschlange (die, die noch aufs www warten) gibt’s Menschenbündel (die, die es schon haben). Ich verzichte aufs Internet für drei Wochen und kann mir dieses Anstehen sparen.

Eine Schlange lässt sich aber nicht vermeiden, und ich bin froh, dass ich beim Betreten der Bank nicht weiss, dass ich jetzt zwei Stunden warten werde. Ich brauche Kohle, und es ist sicherer in Kuba direkt am Bankschalter abzuheben. Der Türsteher lässt mich rein und weist mir einen Sitzplatz zu. Um mich rum 30 Kubaner, vor mir 10 Schalter, die Nummer 9 ist fürs Abheben mit VISA Card. Man sagt mir, dass 3 Personen vor mir sind. Leider ist darunter eine Kubanerin mit einem Karton. Als sie dran ist, zieht sie daraus einen Berg DIN A 4 Zettel. Diese Dame wird jetzt am Schalter 9 in den nächsten 1,5 Stunden eine komplette Jahresabrechnung erledigen. Die Frau am Schalter zieht einen Geldbündel nach dem anderen raus, zählt die Scheine mehrfach und legt sie der Dame vor den Karton. In der Zwischenzeit gibt es zwei kleinere Aufstände in der Bank, weil es an den anderen Schaltern auch nicht so schell vorangeht und man unruhig wird. Einige Kubaner erheben sich von ihren Plätzen, werden laut, ich mach mit, dann müssen wir uns alle wieder setzen. Zwei Stunden später bin ich aus der Bank wieder raus, ich denke, dass ich einfach voll Pech hatte, aber eine Französin, die schon das halbe Land bereist hat, meint, dass es in jeder Bank so sei.
Kuba ist das Land der Warteschlangen.

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1 Amando: Zwischen Kitsch und Kohle machen

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Die ersten zwei Nächte verbringen wir in Matanzas, einer Stadt nahe des Flughafens von Varadero. Wir wollen uns akklimatisieren und bekommen gleich die Kubakeule ab. Bei Amando. Er vermietet uns ein Zimmer in seiner Villa. Die hat er kitschigcool dekoriert mit Kubaflaggen, Nippesfiguren und Kühlschränken voller Eier, dem Hauptnahrungsmittel auf Kuba. Drum rum ein Chaos: denn der Villenanbau ist in vollem Gange. Amando weiss: die Touris kommen, er hat die Dollarzeichen im Auge.
Unser Zimmer liegt im Erdgeschoss, feucht wie eine Tropfsteinhöhle ohne Fenster und mit einem 90er Jahre PC. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass Amando unser Zimmer auch als sein Büro nutzt. Natürlich zahlen wir den vollen Preis. Natürlich hatte er uns darüber nicht informiert.
Auch nicht, dass das Militär einmal am Tag kommt mit Gasmasken und ein aggressives Mückenspray abfeuert, das das Zimmer quasi ausräuchert, als Prävention gegen den Zika-Virus.
Und weil es sowieso mufft, sprüht er dann auch noch in regelmässigen Abständen Toilettenspray „Rose“ hinterher.
2 Nächte ziehen wir das durch in dem Tropfsteinhöhlenzimmer. Ich in Winterjacke, weil das dünne Laken nicht wärmt. Es ist unsere Kuba Premiere, und wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen.
Schlaf ist bis morgens um 7 möglich, dann geht im ganzen Haus düstere Psychomukke an, eine Mischung aus Enya trifft Elton John und Graf Dracula sitzt an den Synthies. Die Lautstärke ist bis auf Anschlag. Neben seinem Lautsprecher hängt der Vogelkäfig mit zwei Papageien. Dass der eine kein Haar mehr auf dem Kopf hat, ist nicht verwunderlich. Mein Tipp für Amando lautet: Er soll aus „dekorativen Gründen“ doch bitte den Vogelkäfig in die Lobby hängen. Mit Tierliebe versuche ich es nicht, denn ich befürchte er würde mir einen Vogel zeigen. Das mit dem Dekoaspekt findet er interessant. Ich hoffe, dass Amando das umsetzt, bevor den armen Papageien der Kopf explodiert.
Amandos Charakter ist eine Achterbahn: schwankt sekundenweise zwischen aufgesetzt bemüht und besserwisserisch. Er behandelt uns wie 8 jährige, wie auch die beiden Mädels im Zimmer nebenan, eine Ärztin und eine Entwicklungshelferin. Amando ist ein Macho, der seine angestellten Frauen hin- und herkommandiert. Sie folgen seinen Anweisungen mit einem traurigen Gesichtsausdruck, der uns auf der Kubareise noch oft begegnen wird. Man sagt, die Kubaner schwanken zwischen Lebenslust und Lethargie. Die Lethargie ist in den Gegenden, die wir besuchen, meiner Meinung nach, viel stärker zu bemerken.
Trotzdem ist Amandos Villa besonders, wegen der Terrasse, seinem alten z.T. deutschen Porzellan und dem guten Essen, das er überteuert servieren lässt. Noch nicht mal fertiggegessen zieht er uns Fisch und Beilagen vom Tisch mit dem Kommentar: Wir würden wie die Katzen essen: „Como gatos“. Aber Amandos Launen sind uns am Ende völlig egal. Über seiner Terrasse ist ein knallorangefarbener Sonnenuntergang mit Vogelschwärmen am Himmel, die eine Choreografie aufführen. Als die Sonne fast unten ist, setzen sie zum Tiefflug an und surfen 5 Zentimeter über unsere Kopfe im Highspeedtempo hinweg. Sagenhaft.

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Kuba ¿qué tal?

Drei Wochen Kuba sind rum und auf die Frage „Und wie war es?“ kann ich nicht einfach „gut“ antworten.

Es war: 1. Anstrengend, 2. Lehrreich, 3. Aufregend, 4. Gut.

Wer durch Kuba individuell reist mit Rucksack und in Casa Particulares bei Familien schläft, muss sich auf viele Abenteuer einstellen.
Auf Löcher im Auto, kaputte Züge, ausgebuchte Busse, auf Pferdeausritte mit unbekanntem Ende, auf Bananenbauern mit Heiratsanträgen, auf Kutscher mit abgemagerten Pferden, die einem Tränen in die Augen drücken, Schlepper, die einen brüllen lassen, auf traurige Familiengeschichten mit 65 jährigen Kubanern, die sich um Klienten (uns Touris) streiten und dabei weinen und mit den Fäusten auf den Tisch hauen. Und auf halbleere Supermärkte, in denen Wasser auch mal über Tage ausverkauft ist und man für Nudeln mit Thunfisch, Oliven, Tomatensauce, Chips und Wasser 31 Euro zahlt (importierte Nahrungsmittel sind teuer, Beweiskassenbon folgt).
Kuba hat mich staunen lassen und oft ein riesiges Fragezeichen in meinem Kopf geparkt.
In den nächsten Wochen hau ich ein paar Reisestories raus.
Der Fahrplan lautet: Matanzas-Havanna-Viñales mit Abstecher zu Cayo Jutias-Trinidad-Santa Clara-Varadero!
Steigt ein! Ich freu mich, meine Erlebnisse mit euch zu teilen.
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Sidos Liebling Adesse übers Weinen und Sterben

Sidos Liebling Adesse im MDR Sputnik Popkult über seine Leidenschaft zur Musik, die so gross war, dass er auf die ganz grosse Fussballkarriere verzichtete, die er wie sein ehemaliger Kickerkumpel Boateng hätte haben können. Auf seinem Debütalbum Fechnerstrasse ist er so ehrlich wie in Muttis Armen, er weint, er vermisst seine Ex, seinen Vater, der die Familie früh verliess und dann starb. Was würde er seinem toten Vater heute sagen? Und wann hat er das letzte Mal geweint? Das erzählt er im Popkultinterview.