Völlig fertig sass ich mit ein paar Hunden vor einem schlafendem Guesthouse. Es war 4:30 Uhr in der Früh und ich wartete darauf, dass die dicke gelbe Kugel aufwachte. Ich war in Gokarana am OM Beach gestrandet, was unterhalb von Goa liegt. Ein Bekannter aus Leipzig war da und ich wollte mal vorbeikucken.
Vorbeikucken bedeutete von Südindien 837 Kilometer mit dem Zug und Nachtbus hochzubrettern. Alleine.
am OM Beach angekommen
Erstmal zur Reise, wie ich überhaupt in den Süden Indiens gekommen bin, bevor ich wieder hochfuhr.Schon auf der Hinreise in den Süden Indiens, also von Margao, dem Bahnhof bei Goa nach Thiruvananthapuram in Kerala sass ich 21 Stunden lang im Zug.
Start der Reise: Margao: Zug von Goa nach Thiruvananthapuram in Kerala Südindien 21 h
Das Zugende ist nicht in Sicht. Reisen in Indien mit Zug und Bus ist spannend. Niemals habe ich mich so lebendig gefühlt. Ich hatte das Gefühl, im Film Darjeeling Limited von Wes Anderson gelandet zu sein.
Mitternacht ging es in Goa los. Ich bestieg das kilometerlange blaue Metallmonster, die zweite Klasse mit harten schmierigen Pritschen zum Schlafen. Ich fand das Abteil mit Option zum Schlafen, hiefte meinen Rucksack auf die mittelhohe Pritsche (an jeder Seite gibt es 3 Pritschen zum ausklappen – unten, mitte und oben). Eigentlich sollte ich oben schlafen, direkt unter den fettig schwarzen Ventilatoren, aber das war mir zu hoch. Ich hatte Angst runterzufallen und mir alles zu brechen. Ich klappte die mittelhohe Pritsche aus und versuchte etwas zu schlafen. Keine gute Idee: Morgens um 7 wurde ich von indischen Männern geweckt und gebeten: „Bitte Liege an die Wand zurückklappen und unten hinsetzen.“ Sie sind morgens in den Zug zugestiegen und haben das Schlafabteil umfunktioniert in einen Gruppenkuschelwagon. Ich sass die nächsten 6 Stunden eng gequetscht zwischen den Männern, Marktleute stiegen ein und aus, verkauften auch warmes Essen wie Linsen, den fast flüssigen Dhal assen sie mit ihren rechten Händen.
Bücherverkauf im Zug
Aus den Fenstern bzw. aus den Kucklöchern mit Metallstäben brauste der Wind um meinen Kopf. Was für 1 Feeling. Abends kam ich dann ok an in Thiruvananthapuram. Ich hatte auch für zwei Wochen später ein Rückfahrtticket gekauft, also zurück nach Goa – von dort aus wollte ich dann irgendwie nach Gokarna, was keine eigene Zughaltestelle hatte. In dem Ashram, wo ich war, kam jeden Morgen eine Inderin, die Reisetickets verkaufte. Sie sagte: „Oh du kommst ja morgens um 5 in Goa an, das ist zu gefährlich. Kauf besser ein Ticket für den Nachtbus, der bringt dich direkt nach Gokarna.“ Da würde ich morgens um 6 ankommen. Also schmiss ich mein Zugticket weg, was umgerechnet 8 Euro gekostet hatte und kaufte mir ein neues Ticket. Es stellte sich heraus, dass diese Fahrt viel aufregender war. Vom Ashram aus, der auf einem Hügel in der Natur lag, musste ich mit einem Rikschafahrer sehr früh morgens eine Stunde lang zum Bahnhof in Thiruvananthapuram. Ich musste ihm vertrauen. Es war das einzige Mal, dass mich auf der Reise durch Indien jemand angrabste, beim Rucksack auf- und absetzen. Die ganze Fahrt über wiederholte er seine Frage, ob ich verheiratet sei. Ich bejahte immer wieder – auch wenn ich auf Flunkern nicht stehe. Es war definitiv die bessere Aussage.
Dann nahm ich den Zug nach Kochi.
auch hier die schmierigen Ventilatoren.
Wir rauschten vorbei an Müllbergen. Es ist krass zu sehen, wie viel Müll neben den Gleisen liegt, neben mir sass eine hübsch gekleidete ältere Dame, sie schmiess einfach Plastik aus dem Fenster. Ich behielt mein Kaffeestäbchen in der Hand. In Kochi hatte ich 4 Stunden Aufenthalt: Zeit, um einen Mülleimer zu finden und aufs Klo zu gehen, wo Inderinnen sich komplett wuschen, mit Wassereimer über den Kopf. Es dauerte etwas bis ich dran war und derweil passte eine alte Dame für zehn Rupees auf mein Gepäck auf. Ich war froh über die Umsteigezeit die ich hatte, musste nämlich erstmal die Bushaltestelle finden, die war, wie so oft, an einem Guesthouse irgendwo mitten in der Stadt. Ich heuerte einen Rikschafahrer an, er setzte mich ab, kassierte das Geld, falsche Stelle. Die nächste Fahrt brachte mich dann an den richtigen Ort. Ein netter Inder in meinem Alter wartete dort schon bei einem Chai und ich gesellte mich dazu. Er wollte zu seiner Schwester nach Goa. Honest kam pünktlich, so hiess der Bus. Also Ehrlich.
Es geht los mit dem Nachtbus nach Gokarna, muss schnell noch der Reifen ausgewechselt werden, ein Erlebnis, das ich mehrfach in Indien hatte.
Er war gemütlich. Aber nur Männer fuhren mit, ich musste wieder vertrauen. Der Inder und ich unterhielten uns noch eine Weile und ich schlief dann ein bisschen. Irgendwann weckte mich der Fahrer. „Aussteigen!“ Wir seien da, also in Gokarna. Ich schaute auf die Uhr. 3 Uhr nachts. Ankunft 6 Uhr bezog sich nicht auf Gokarna sondern auch das Endziel Goa. Und da, wo wir stoppten, war auch gar nicht Gokarna Stadt, sondern 20 Kilometer ausserhalb. Gokarna Cross. Da gab es nichts, nur den Highway. Nicht mal eine Bude zum Hinsetzen und Verstecken. Ich stieg paralysiert aus und bekam Panik, ich fing an zu schreien, dass das lebensmüde ist und dass ich das nicht mal in Deutschland tun würde, mitten in der Nacht an einer Strasse aussteigen und sowieso wie sollte ich denn weiterkommen? Der nette Inder bot mir an, dass ich mit ihm weiter nach Goa fahre, dort erstmal eine Runde schlafen könnte bei ihm und seiner Schwester, und von dort aus – wie ja ursprünglich geplant – wieder runter nach Gokarna. Das war mir zu doof, 3 Stunden weiter gen Norden zu fahren, um die dann wieder runter zu fahren, wenn ich jetzt 20 Kilometer von Gokarna entfernt bin. Die Inder redeten in Hindu aufgeregt durcheinander. Ich stieg wieder ein, und sie brachten mich zur nächsten Stadt. Ankola. Dort stand ein Taxifahrer an einer Tankstelle. Wir sprachen ihn an, und er brachte mich dann für mehr Geld als die komplette Fahrt kostete zum Strand von Gokarna. Ich musste ihm wieder vertrauen. Es war kurz vor 4 Uhr in der Früh. Ich versuchte meinen Bekannten anzurufen, er ging nicht ran. Innerhalb eines Tages, musste ich Vertrauen wie am Fliessband: Dem Rikschafahrer von früh morgens, der Horde Männer im Sleepingbus, und dem Taxifahrer, der mich an mein Endziel brachte. Zum Strand runter führten Stufen, es war stockduster. Der Taxifahrer beruhigte mich. Er sagte: „Dir passiert nichts, geh einfach runter und warte bis die Sonne aufgeht.“ Genau das machte ich dann. Ich knipste meine Taschenlampe an und schlich zum Strand runter. Beim ersten Guesthouse setzte ich mich dann hin, einige Hunde gesellten sich dazu, und wir warteten bis die Sonne aufging. Niemals hab ich mich so lebendig gefühlt und niemals war ich so froh darüber, noch lebendig zu sein. Dann machte ich mich auf die Suche nach meinem Bekannten. Mit einem Rucksack voller Vertrauen.
Zusammengerollt lag sie in der Mitte des fast leeren Schlafzimmers meines Holzhauses. Ich starrte sie an, brüllte los, liess alle Türen offen und rannte raus. Hundert Stufen runter in den Dschungel, vorbei an Palmen und Jackfruitbäumen. Mein Haus machte seinem Namen gerade alle Ehre „Bam Bam Nature House“. Natur ist ja schön und gut, aber die sollte doch draussen bleiben, auch wenn ich alle Fenster offen lassen musste.
Die Schlange war der Höhepunkt aller Tierbesuche in meinem Holzhaus auf Stelzen. Ich wollte schon immer mal in einem wohnen, seit Jahren träumte ich davon und auf Ko Phangan fand ich es. Leider musste ich feststellen, dass so ein Thai-Holzhaus schwierig ist. Es ist wie ein Typ, der super aussieht, aber derbe Baustellen hat. Als ich es bezog, fiel mir nachts der strenge stechende Geruch auf, der besonders im Schlafzimmer durch meine Nase kroch. Dazu wellte sich die Decke, wenn es stark regnete, was es drei Wochen tat. Ein bissiger Uringeruch gesellte sich dazu – wer weiss, was unterm Dach abging, Geckos sausten dort immer entlang. Die fand ich niedlich. Wenn ich abends alleine in meinen Haus hauste, dann machte ich oft Spass mit ihnen auf der Veranda, spielte Hip Hop und drehte kleine Diskovideos mit ihnen. Ameisen liess ich zur Technomusik auf meinem Teller rumraven während sie meine Essensreste verspeisten. Überall waren Tiere. Meine Fenster hatten keine Moskito-Netze und weil ch ausserdem Schiss vor dem Alleinsein in der Dunkelheit hatte, liess ich nachts erstmal die Fenster geschlossen. Das brachte die Luft zum Brodeln.
Nach fünf Tagen hatte ich rote Flecken im Gesicht, Kopfschmerzen und ein polterndes Herz. Ich ging auf Quellensuche und wurde fündig. Die untere Seite meiner Matratze hatte einen riesen grossen schwarzen Fleck, feucht. Das Lattenrost, eine Spanplatte, war mit weissem Schimmel bedeckt. Als ich meine Nase unter das Bettgestell hielt, explodierte sie fast. Partikel tanzten in meiner Nase rum.
Der Vermieter, Mr. Nice, tatsächlich ein netter Thai, immer hilfsbereit und aufmerksam, erklärte mir, dass man in Thailand das Holz mit Chemikalien behandelt, um es vor Termiten zu schützen. Wenn man das nicht macht, kommen sie und fressen es auf. Er liess das Bett abtransportieren, bzw. unters Haus stellen, was die Thais machen, wenn was nicht mehr gebraucht wird.
Schön unters Haus packen, so löst sich das Problem des Mülls ja auch nicht.
Ich bekam eine neue Matratze und dachte, dass es nun besser wird, wurde es auch, aber nur ein bisschen. Weil: Es kam raus, dass auch der Boden im Schlafzimmer mit den krassen Chemikalien (in Deutschland seit Jahrzehnten verboten) behandelt wurde. Also schlief ich ab der zweiten Woche mit der Matratze auf dem Boden im Wohnzimmer, überwand meine Angst vor Tieren und Eindringlingen jeglicher Art und öffnete auch nachts alle Fenster.
Ihr fragt euch jetzt: „Ist die bescheuert, warum hat sie das Haus nicht sofort verlassen?“ Erstens: Ich hatte die komplette Miete im Voraus bezahlt. Zweitens: Es war Hochsaison und alles dicht, Drittens: es gab mehrere solcher behandelten Häuser und Viertens: Ich hatte Hoffnung. Schliesslich war das Haus wunderschön, nur eben gesundheitsgefährdend……. Vier Wochen lang führte ich diese toxic relationship, in der Hoffnung, es würde besser werden…ich müsste nur gut genug lüften, aber auch mit Ventilator, Räucherstäbchen, Ölen und Klimananlage… es blieb dabei: Von Aussen ein Traum, von Innen ein unverbesserliches Moddermonster. Jetzt mit Schlange. Ob die so giftig war, wie Schimmel und Holzchemikalien, wusste ich erstmal nicht.
Die Schlange pennte in meinem Schlafzimmer, und ich stand heulend mitten in der Nacht im Dschungel und wünschte mir dringend, nicht alleine auf dieser Reise zu sein. Wo war der Kerl, der das für mich klärte, heroisch die Schlange aus dem Schlafzimmer zog? Zum Glück war zwei Tage zuvor jemand in das verlassene Holzhaus nebenan gezogen und hatte sich schon durch guten Musikgeschmack bewiesen, der stets zu mir rüberschwappte. Es war noch Licht, und ich klopfte an die Tür. Eine türkische Musikerin, Ayse, stellte sich mir vor. Sie habe kaum Schiss vor Schlangen, dafür umso mehr vor Spinnen.
Mit Spinnen konnte ich besser umgehen irgendwie: Am ersten Abend entdeckte ich eine in meinem Bad. Eine dicke schwarze Spinne hockte hinter meiner Toilette und schaute mir beim Duschen zu. Ich wusch mir schnell und bedacht den Schaum aus dem Haar, nahm langsam den Toilettenwasserstrahler in die Hand, den man statt Klopapier in Asien benutzt, und damit verpasste ihr eine kalte Dusche. Der Wasserdruck reichte aber lediglich dazu aus, sie einmal etwas zusammenschrumpeln zu lassen. Daraufhin setzte ich zum ersten Mal Pfefferspray ein, das ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Ich drückte zwei Mal ab, das 1 qm Bad füllte sich mit orangefarbenem Pfeffernebel, der auch mein Gesicht, meine Hände und Füsse erreichte und dazu führte, dass ich 3 Tage lang wie auf Kohlen rumrannte und keine Kontaktlinsen mehr tragen konnte. Ich schloss die Badezimmertür, wartete nach der Attacke ab in der Hoffnung, dass die Spinne dahinter eingehen würde. Als ich nach einer halben Stunde die Tür öffnete, sah ich sie nicht mehr. Ich hockte mich hin, um zu sehen, ob sie sich noch weiter hinter die Toilette gekrochen ist und genau in dem Moment, rannte sie flink durch meine Beine durch, hinaus in die Natur durch die offene Hintertür meiner Küche. Wie im Film. Spinne war abgehakt. Mit dieser Übung konnte ich Ayse noch in derselben Nacht helfen, eine Spinne in ihrem Schlafzimmer zu erledigen. Wir kicherten dabei hysterisch. Ja ja. Was man halt so macht nachts auf Ko Phangan – Ein Spinnenbild gibt es übrigens nicht.
Wieder zur Schlange. Ayse sagte: „Oh es ist schon Mitternacht, aber wir rufen trotzdem Mr. Nice an.“ Der ging aber nicht ran, also nahm ich mein Moped und düste zu seinem Resort. Ich war vollgetankt mit Angst, und als ich die Brücke zu seinem Resort überquerte, knurrte mich der grösste seiner Hunde an, mit dem ich mich sonst super verstand, aber die Angst roch er. Sowieso war da alles dunkel also kehrte ich zurück zu meinem Bam Bam Nature House bzw. zu Ayse. Wir posteten auf Facebook in der Ko Phangan Conscious Community Group, dass wir Hilfe benötigen. Sofort bekam ich den Kontakt zu dem Reptilien- und Schlangenexperten der Insel. Ich rief ihn an, nach nur drei Sekunden war am Akzent klar, er ist Deutscher. Stefan. Er kommt und rettet die Tiere ohne dass uns und ihnen was passiert. Er fragte: „Ist es eine Kobra“. Ich so: „Waaaas Kobra???“, er so: „Ja ich komme nur wenn es eine Kobra ist, also wenn es wirklich dringend ist, weil ich habe Besuch“. Er wollte wissen wie meine Schlange denn aussah. In meinem Kopf war sie dunkel und sehr gross, aber sicher war ich mir nicht. Stefan fragte: „Hat sie ein Muster, wenn ja dann ist sie ungefährlich“. Ich wusste es nicht. Um sicherzugehen, blieb uns nichts anderes übrig als nachzukucken. Ayse nahm mich an die Hand und wir gingen zu meinem Haus zurück. Leider hatte ich ja alle Türen offen gelassen, die Schlange konnte nun also überall sein, und in der Mitte meines Schlafzimmers war sie schon mal nicht mehr. Ein Déjà vu für mich, denn mit der Spinne war es ja ähnlich gewesen. Ich war so nervös, dass auch die Schlange angeflitzt kommt. Ayse betrat mein Schlafzimmer, auf Katzenpfoten schlich sie zur Kommode, dem einzigen Gegenstand in meinem Schlafzimmer, sie schaute dahinter und begann in einem süsslich säuselnden Singsang zu sprechen. Es stellte sich heraus, dass es eine Babyschlange ist. Mein Schock-Kopf hatte aus dem kleinen verschreckten Ding einen Riesen gemacht. Ayse machte ein Foto und das sendeten wir Stefan zu. Er beruhigte uns und meinte, es sei definitiv eine Wolf Snake. Total harmlos.
Sieht fast aus wie ne Grillbratwurstschnecke. Noch mal zum Stöbern auf http://reptilerescuephangan.com/reported-snakes-of-phangan/
Er machte Schlangenaufklärung: Es gibt 300 verschiedene Schlangenarten in Thailand, 20 davon auf Ko Phangan. 3 Arten sind tödlich giftig. Die Monokelkobra und Königskobra kommen auch schon mal aus Versehen in unsere Häuser. Beide sind gefährlich giftig, aber nicht gefährlich aggressiv oder angriffslustig. Es ist es sehr viel wahrscheinlicher auf Ko Phangan von einem Hund mit Tollwut angefallen zu werden als von einer Schlange. Wenn man Schlangen zu nah kommt, versuchen sie einen Ausweg zu finden, wenn das nicht klappt, stellen sie ihren Vorderkörper auf und fangen ängstlich an zu schnauben. Erst dann wenn man sie nicht in Ruhe lässt, wird es heikel. Fatale Schlangenbisse kamen in den letzten zehn Jahren nur vier Mal in Thailand vor. Zwei davon durch Eigenverschulden. Ein Einheimischer hatte versucht eine Kobra zu erschlagen. Die Kobra hatte sich gewehrt und einen tödlichen Treffer gelandet. Eine andere Kobra hatte einen burmesischen Mann bei einer Schlangenshow in die Zunge gebissen, als er sie gegen ihren Willen vor sein Gesicht gehalten hatte und mit ihr aus Fun einen Zungenkuss vortäuschen wollte.
Wir hatten das nicht vor und sowieso war es ja angeblich eine Wolf Snake. Stefan sagte uns, dass wir sie einfach heraustragen sollen. Ich holte Kehrblech und Besen. Ayse lockte die Schlange aus ihrem Versteck hervor, indem sie mit ihr weiterhin wie mit einem Baby sprach, was sie ja auch war. Die Schlange schlängelte sich an der Wand entlang bis sie das Blech erreichte. Dann bugsierten wir sie nach draussen und warfen sie im Effekt über das Geländer nach unten. Da war auch Ayse kurz nicht mehr cool geblieben. Und wir fragten uns: „Können Schlangen sich beim Aufprall den Rücken brechen?“ Stefan weiss: „Normal nicht. Sie blähen sie sich im freien Fall auf, und aktivieren damit ihren Airbag.“
Durch Konfrontation und Aufklärung ist meine Angst vor Schlangen weniger geworden, und tatsächlich vermisste ich am nächsten Morgen die kleine Schlange. Ich schaute in den Vorgarten. Sie war fort. Wo war eigentlich ihre Mutter?
Vor 3 Jahren reiste ich zum ersten Mal nach Indien. Ich startete in Goa – Arambol, dem Mekka für Yogis, Tantragöttinen, Lost souls, lonely warriors, HulaHup-Prinzessinnen, flötenden Männern mit weissen langen Haaren in Brezelstellung und Kühen, die immer und überall Vorfahrt haben, auch am Strand. Und während die dicke gelbe Kugel einen hübschen Postkartenabgang macht, tanzen schöne Menschen knapp bekleidet am Strand mit Kopfhörern zur Silent Disco in slow motion. Ich stand nur sprachlos da, glotze und knipste.
Wenn ihr euch traut: In Goa könnt ihr euch sowas von in euren Selbsterfahrungstrip werfen. Es gibt so viel Angebot: Tantratratra im LoveTemple, Osho Mediationen – mit Schnappatmung und wildem Rumgehüpfe pustet ihr eure düsteren Gedanken aus euren Köpfen und in Workshops könnt ihr in die Vergangenheit reisen, sozusagen in euren vorherigen Leben mal „hallo“ sagen. Mich hat das damals alles überordert. Und auch heute noch denke ich regelmässig: „Hier ist jetzt mal Schluss. Ich geh Pommes essen.“ Nicht umsonst hing ich bei meiner diesjährigen Goa-Reise oft bei den Hunden von I Love Goa Dogs ab – über Rani und ihre Community zur Hunderettung in Arambol berichtet ich schon. Findet ihr auch unter Indien und unter People.
I Love Goa Dogs als Zuflucht vorm Esotrara
Zurück zu vor 3 Jahren: Talia aus Israel, die ich damals in Indien traf, nahm das auch alles nicht so ernst. Wir beschlossen, uns einen Tag lang einen Spass zu machen und uns die volle Ladung Esoenterntainment zu geben. Auf einem Plateau am Strand bot uns ein bärtiger Mann mit Wallemähne an in unsere vorherigen Leben zu reisen. Why not? Wir legten uns also auf Matten mit bunten Kopfkissen, um uns herum noch 8 weitere Neugierige. Wir schlossen die Augen, der Mann in der Mitte machte ein paar Ansagen, um uns in Stimmung zu bringen, mal nachzugucken, wer wir früher waren. Nach zwei Stunden holte uns Swami Ramish zurück ins Hier und Jetzt. Ich hatte die Zeit genutzt um zu pennen und Talia langweilte sich. In der Ecke hockten zwei Russinnen: Die eine auf dem Schoss der anderen, ihre Augen schimmerten. Sie hatten sich wohl ineinanderverliebt, so deutete ich ihre Blicke. Das störte einen abgehalfterten Briten, Dany, der mit lauter Stimme tönte: „An elephant is in this place, you see this elephant? It disturbs me.“ Dabei zeigte er wütendem Blick auf die beiden Frauen. Swami Ramish fragte ihn: „Kann es sein, dass du dich nach romantischer Liebe sehnst und es deswegen den beiden Frauen nicht gönnst?“ Dany wurde kurz still und bejahte dann. Seine Einsamkeit wurde immer lauter, er schimpfte, tobte und wurde schliesslich gebeten das Plateau zu verlassen. Weil Talia und ich auch keinen Bock mehr auf dieses Theater hatten sind wir mit ihm raus. Wir hatten ihn aber jetzt an den Hacken. Er erzählte wie ein wütender Wasserfall: Dass er sich verliebt hatte in eine Lady, die ihm versprach ab sofort mit ihm ihr Universum zu teilen, aber nach dem ersten Date nie wieder auftauchte. Und dass er im Love Temple, dem Ort für Tantratrara einen Cocktail bestellt hatte mit – wie er sagt – 20 Zutaten, er musste eine Stunde warten, um dann vom Kellner gesagt zu bekommen, dass eine Zutat fehlt. „Nicht mal einen beschissenen Love-Cocktail bekomme ich“, raunzte er.
So ist es ja oft, da wo Mangel ist, kommt noch mehr Mangel hin, da wo es läuft, läuft es immer besser. Ich versuchte ihn noch kurz mit Floskeln zu beruhigen, sowas wie „Alles wird gut“, weil er aber gar nicht mehr aufnahmefähig war, hängten wir den einsamen Krieger ab. Jeder muss seine eigene Reise machen.
Alles, was ich noch konnte, war in Zeitlupentempo mit meinem rechten Arm nach links zur Wasserflasche greifen und einen Schluck Wasser trinken.
Ich sass auf einer Goa-Hippsterparty. Ich war eingeladen, weil ich einige Streetartkünstler zu Beginn meiner Reise kennenlernte, die Teil der Party waren und ich zudem nebenan wohnte. Den ganzen Tag über waren wir unterwegs gewesen, hatten uns mit einer Motorbiketour ihre Graffitis und Murals angesehen, die sie über Goa verteilt hatten. Die Sonne, das Kucken, das Rumfahren hatten mich müde gemacht. Sehr müde. Keine gute Voraussetzung für eine Party. Früher hätte ich in so einer Lage ein paar Bier getrunken, die die Müdigkeit weggeschubst hätten. Weil ich damals aber gerade ein Experiment machte – keinen Tropfen Alkohol für 1,5 Jahre – wollte ich keine Ausnahme machen, auch nicht für eine besondere Hippsterparty in Goa. Also versuchte es mit einem Kaffee. Er wirkte nicht, das war ein schlechtes Zeichen. Neben mir sass ein Inder mit einem Joint. Ich habe nie Drogen genommen, bis auf Bier und 1 Erlebnis mit Kiffen, das war mit 16 und ich stellte fest, dass das nix für mich ist. Aber 16 war lange her und ich dachte: „Ok: Vielleicht wirkt es ja jetzt anders, könnte ja sein, dass ich wach davon werde.“ Hahaaa, ja ich weiss. Ich zog also drei Mal daran und machte mich auf zur Tanzfläche.
Nach kurzer Zeit erwischte ich den Beat nicht mehr. Ich war zu langsam, und er zu schnell, kam mein Fuss am Boden an, war der Beat schon weg. Mein Körper fühlte sich an wie Knete. Ich setzte mich schnell an eine Wand. Beats flechteten in meinen Ohren schöne Klangteppiche, auf einmal verstand ich wie Tracks sich zusammensetzen. Neben mir unterhielten sie sich und ich hatte das Gefühl hautnah dabeizusitzen. Vor mir tanzte eine schöne gazellenartige Yogalehrerin, ich sah ihren Bewegungen an, dass sie auf der Suche war nach einer Romanze für die Nacht. Mich sprach eine ältere Frau an, ob alles in Ordnung sei. Ingrid aus Deutschland. Ich wollte sagen: „Nein“, aber konnte es nicht, mein Mund war wie zugeklebt. Sie gab mir Wasser und irgendwie schaffte ich es dann doch ihr zu stecken, dass ich drei Mal am Joint gezogen hatte. Sie sagte: „Keine Sorge, ich pass auf dich auf, in einer Stunde fühlst du dich wieder normal.“ Ich spürte jeden einzelnen Muskel in meinem Rücken, wie verspannt ich doch trotz meines bekifften Zustandes war. Ich war sauer auf mich, dass ich so doof war, daran zu ziehen und jetzt die ganze Party an mir vorbeirauschte. Ein älterer Mann kam dazu: Er fragte: „Ingrid bist du es?“ Ingrid: „Ja. Ach wie heisst du noch mal, warte….Peter, ja Peter“. Peter begeistert: „Ja ich bin’s Peter.“ Ingrid: „Goa 1990, Mensch du warst ja damals mit deiner Freundin in Goa und ihr hattet zusammen eure Malerei.….“. Peter: „Ja das ist 25 Jahre her. Und du, bist du noch beim Fernsehen, drehst du noch Forsthaus Falkenau?“ Ingrid: „Nein, die Serie gibt es nicht mehr, vor 2 Jahren war die letzte Folge“. Peter: „Oh, schade“. Er blickte zu mir rüber, dann wieder zu Ingrid und lachte: „Die ist in ihrem eigenen Film, die reist jetzt erstmal schön. Das kann was dauern. Weisste noch wir damals mit unserem LSD Trip? Ach das waren Zeiten.“ Ingrid wiederholte mantramässig: „Mensch Peter, Du hier.“ Und Peter echote: „Mensch Ingrid du hier“. Die beiden passten auf mich auf. Ingrid kippte viel Bier in sich hinein. Im Gegensatz zu Ingrid, die in den nächsten 2 Stunden immer betrunkener wurde, veränderte sich mein Zustand nicht. Ich sass immer noch wie eine Salzsäule an der Wand und griff grobmotorisch zur Wasserflasche. Zu allem Überfluss wurde die Party dann auch gesprengt. Die Polizei stand um 21 Uhr auf der Tanzfläche – nicht wundern: Parties in Goa beginnen 19 Uhr und enden 22 Uhr. Ich bekam Schiss. Ich atmete tief ein und aus, stand mit einem Ruck auf und rollerte so schnell es ging raus runter in den Innenhof und flüchtete in mein Zimmer. Was für ein Film. Wie ein Stein schlief ich sofort ein.
PS. Die Geschichte trug sich 2015 1 zu 1 so zu. Auch wenn das Kiffen 1 Geschichte geliefert hat: Für mich gilt: „Drugs don’t work!“ Das nächste Mal besser einen Kasten OM Rock einhauchen.
Ich bin alleine, hungrig und verloren durch Kathmandu gelaufen.
Schon den ganzen Vormittag über kratzte die Tatsache, keine Romanze zu haben an mir – kleine Stiche der Single-Einsamkeit piksten mich, ausgelöst durch mein neues Zimmer mit 2 Betten, 2 Sesseln und 2 Fenstern.
Die Marktfrauen, bei denen ich am Tag zuvor frittiertes Linsenbrot geschenkt bekommen hatte, waren nicht da. Über Umwege landete ich im versteckten 7 Spices Restaurant.
Eine schöne ältere Dame fragte mich: „Sind sie verheiratet?“ Ich erwiderte: „Nein ich bin alleine.“ Ich erzählte ihr in Kurzform, warum ich derzeit alleine reise. Dass ich lerne, mit mir alleine vollständig glücklich zu sein, denn in erster Linie sind wir alleine. Wir komme alleine, wir gehen alleine, dazwischen führen wir Beziehungen. Mein Motto dabei ist: „Ohne Heimat – keine Reise“. Erst möchte ich lernen mir selbst eine gute Heimat sein, vollgetankt mit Selbstliebe, um dann eine Beziehung führen zu können, die nicht aus dem Grund besteht, nicht alleine sein zu wollen.
Sie sagte: „You are free – you are lucky and you can be happy. You have husband – you have problems.“ Sie stand auf, stoss mit ihrer Kaffeetasse an meine. Eine Geste, die ich sonst gerne mache. Sie nahm mich in den Arm und drückte mir einen Kuss auf die Wange. „I am so happy to meet you“ , sagte sie. Daraufhin nahm ich mein Notizbuch und fing an zu schreiben. Mein erstes Gedicht. Als sie ging, bat ich um ihren Namen. Bhawani Tuladhar: Es stellte sich heraus, dass sie eine nepalesische Poetin ist, die gerade ihre erste Geschichtensammlung veröffentlicht hatte. Hyupa: Darin beschäftigt sie sich mit dem Patriarchat und den Frauen und ihren Problemen in der heutigen Gesellschaft. Warum fühlen gerade wir Frauen uns oft wie ein halbes Hähnchen, wenn wir ohne Mann sind? Eine Frage, der ich auf dieser Reise auf den Grund gehe.
…Alleine…
2 Betten, 2 Sessel, 2 Fenster, 1 Ich. Das Ich fühlt sich beim Betreten des Zimmers halb. Es schaut zu den Fenstern und fragt sich: „Wäre ein Fenster ohne ein zweites nur ein halbes Fenster? Ist ein Bett ohne ein zweites ein halbes Bett? Ein Sessel ohne einen zweiten ein halber Sessel? … Das Ich hebt den Kopf, lächelt und verlässt das Zimmer. Es geht zum Abendessen. Alleine und ganz.
Englische Version// English version
This morning I walked hungry and lost through the streets of Kathmandu.
I was bothered by the fact that I don’t have a romantic relationship at the moment, feelings of loneliness where triggered by my new hotelroom that had two beds, two armchairs and two windows.
The women from the market, where I got yesterday as a welcome-gift bara, nepalese fried lentil bread, were not there. I somehow landed in a small hidden restaurant called 7 spices. A beautiful senior lady asked me: „Are you married?“ I answered: „No“, and explained in a short way why I am traveling alone at the moment. That I am learning, to be with myself one hundred percent happy, to fall in love with my solitude. As in first line we are alone. We come alone, we go alone, in between we connect. My motto also for relationships is: „No journey without a home“. Means I learn to be a good home for myself, full of self-love , to have „romantic“ relationships, that do not exist, because of not wanting to be alone.
She said: „Oh, you are free – you are lucky and you can be happy. You have husband – you have problems.“ She came to me and she toasted with her coffeecup at my coffeecup, a gesture that I always do. She hugged me, gave me a kiss on my cheek and said: „I am so happy to meet you!“ I started to write some sentences in my notebook. My first poem. When she left, I asked for her name. Bhawani Tuladhar. It came out that she is a nepalese poet that just published a first story collection. Hyupa: About women’s issues, the problems they face in the society and about patriarchal mindset. I ask myself: Why do many of us women feel like a half chicken without a guy at our side? This is one thing I think about on my journey. Here is my poem.
…Alone…
2 beds, 2 armchairs, 2 windows, 1 self. When entering the room the self feels being half. It looks to the windows and asks itself: „Would a window without a second window be a half window? Is a bed without a second bed a half bed? An armchair without a second one half?“ … It raises its head, smiles and leaves the room for dinner. Alone and complete.
Ich bin nach Goa gekommen, um das zu tun, was Hippies tun. Tanzen, Singen, Yoga. Hier sitzen sie am Strand in Brezelstellung, singen Hare Krishna, spielen Flöte, streicheln sich die Haare und tanzen bis die Wolken lila sind. Nix dagegen, aber ich mache jetzt Urlaub vom Selbstfindungstrip und widme mich den Menschen, die ihr Leben anderen widmen. Diese Reihe beginnt mit Rani: Sie kümmert sich seit neun Jahren rund um die Uhr um Strassenhunde in Goa. Einer davon ist, Nina, eine weisse Hündin mit nur drei Beinen. Sie war jeden Tag beim Ecstatic Dance Festival dabei, an dem ich teilnahm. Dort hüpfte sie vergnügt umher und so erfuhr ich von Rani, dass sie sie damals rettete. Nina geht es gut, sowohl bei Rani als auch am Strand, denn während der Saison kümmern sich auch Touristen um die Fellnasen – bis Mai, dann kommt der Monsun, die Touristen verlassen Goa, die Hunde bleiben zurück und verhungern. Rani war vor 15 Jahren auch so eine Touristin, die vor dem Monsun flüchtete, als sie nach Goa zurückkam, erlebte sie einen Moment, der alles änderte. Seitdem hält sie die Stellung, auch in der Monsunzeit. Mit ihrer gemeinnützigen Organisation: I LOVE GOA DOGS.
Rani am SchreibtischNina ist immer gut drauf auch ohne viertes Bein.
Bevor Rani nach Goa kam, arbeitete sie mit ihrem Exmann als Safariguide für reiche Menschen in Tansania. Jetzt lebt sie ein simple life. Ihr Reich liegt an einem Fluss. Unter einem riesigen Dach hat sie Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche – keine Wände. Sie sagt: „Keine Wände, keine Schuhe, das ist Freiheit!“ Um sie herum hat sie ihre kleine Community bestehend aus Volunteers, die über Mundpropaganda und auch über Workaway den Weg zu ihr finden. Sie leben in Bambushütten und Tipis.
Arambol kann sehr laut sein, ein Partymonster, Ranis Ort dagegen ist eine Oase. Als ich ankomme, schwappt mir eine einzigartige Ruhe entgegen, trotz der ca. 20 Hunde und Katzen und den Volunteers, die aus den unterschiedlichsten Ländern kommen. Finnland, Deutschland, Kanada, Schweden, England, Portugal, Grönland, Brasilien usw.
Alleine in den letzten zwei Wochen hat Rani mit ihren Volunteers 14 Welpen gerettet. Gerade ist Honeybee dazugekommen. Ein kleiner Welpe, der verlassen am Strand lag neben seiner toten Schwester. Ein Musiker fand ihn und brachte ihn zu I Love Goa Dogs. Honeybee hat sich schon nach ein paar Stunden eingelebt und bekommt von allen viel Liebe. Rani versucht eine neue Heimat für die Tiere zu finden, gibt sie aber nur fort, wenn sie nicht als Wachhunde oder für ähnliche Aufgaben missbraucht werden. Sie sieht ihren Ort als Busstation: Hier peppelt sie die Hunde auf, gibt ihnen Essen und Medizin, bringt sie zum Tierarzt und zur Klinik zum Sterilisieren. Am liebsten hätte sie eine Klinik und eine Dogcatching-Ninjaschool. Sie möchte am liebsten den tätowierten jungen Typen, die nur am Strand von Goa rumhocken und Mädels hinterherschauen, entgegen rufen: „Hey mach dich mal nützlich und fang mal einen Strassenhund ein, das ist sexy!“ Sie finanziert ihre Arbeit durch Spenden – am liebsten wenn man sie persönlich vorbeibringt und eine Weile bleibt. Wie eine Russin, die jeden Tag kommt und den Hunden das Fell kämmt oder wie Tobi aus Süddeutschland, er macht eine halbe Monatsmiete locker für I Love Goa Dogs. Rani ist überglücklich und macht ihm einen Tee. Zum Trinken kommt er nicht: Ranis Telefon klingelt unentwegt, wieder ein Notfall: Jemand sagt ihr, dass ein Welpe gerettet werden muss. Weil sie mit mir sprechen will, und Igor, der Haupt-Dogcatcher aus Brasilien gerade nicht da ist, springt Toby ein und fährt los, um den Welpen zu retten.
English version:
I came to Goa to do what hippies do. Dancing, Singing, Yoga. I took part in Ecstatic Dance Festival and there down by the beach I met a lovely three-legged dog. Nina. People told me that Nina was rescued by Rani, a woman who is taking care of street dogs in Goa/ Arambol since 9 years. Rani dedicates her life to the animals. 15 years ago she came as a tourist to India, made dog friends and left like all tourists do in may when the monsoon comes. When she returned she experienced a moment that changed her life.
Before she founded I Love Goa Dogs, she worked with her exhusband as a safariguide for rich people in Tansania. Now she lives a simple life. Bedroom, living room, kitchen all under 1 roof, no walls. Rani says: „No walls, no shoes, that is freedom“. Her space down by the river is beautiful with very soft and gentle energy, although there live about 20 dogs and 10 cats. She is sourrounded by her community. People from all over the world find their way either via workaway or just hear about her and wanna learn more. Like a russian lady, she comes everyday to comb the dogs. Or Toby from Germany. He took part in the Dance Festival next to Ranis place and donated half of his monthly rent to her and her work. In the last two weeks she and her volunteers rescued 14 puppies. She sees herself as an animal bus station and wants to find loving homes for the animals. Ranis dream is to have a clinic and a Dogcatching-Ninjaschool. „I am trying to make dogcatching sexy. Cause there is lot’s of guys around here who just sit on the beach with a lot of tattoos, I wish they would come and catch some dogs. That is real ninja work.“ Toby has tattoos and he will rescue his first puppy now. When he arrives to drink a tea, Rani gets an emergency call: a puppy to be rescued. As Igor, her main dogcatcher from Brasil, is not there at the moment, Toby gets on his bike to bring it to I Love Goa Dogs. Rani is happy and has time to talk to me.
Rani im Gespräch // Interview with Rani
Yvi: Rani when I was at the beach at my Dance Festival there was a white dog with three legs, Nina, and people told me about you, that you took care of her and also of many other dogs, that are in need here in Goa-Arambol. How come?
Rani: Well. I came here 15 years ago as a tourist and made some dog friends, but I didn’t help them much. I didn’t feed them but I had some friends who looked after me, dogs that came and visited me. And then I walked away in the monsoon like all the tourist do, left the dogs and really didn’t think about them. It was actually two I made friends with: it was a mum and a baby, a big puppy, and when I came back, the big puppy was starving, Mama was gone and probably dead, the puppy still didn’t want any food, she just wanted love and I promised her that I will not ever let it happen again (tells it with tears)….. yeah I am still quite emotional about it.
Yvi: You are 15 years later still touched by it.
Rani: Yes, there is her picture.. there she is. (Rani points at a closet with a painting of a dog). That is her in heaven, she stayed with me for 14 years. Her name is Muty (means mother).
Yvi: So it started with her.
Rani: Yes then I helped her and made sure she was okay and I got her really strong, she became the alpha female of my little orphanage, she was the queen of my place and since she died two years ago it is different. When I met her and helped her I just realized that the animals need help. So I started to help them and the more I helped them the more I realized they need help, so it just keeps on going. I started feeding them also in the monsuun. And then I met quite a few people that also got activated and there is quite a few more people helping now which is great, it is still not enough, but there is more people over the time.
Yvi: You are always very busy.
Rani: I am highly activated. I can smell when there is a dog, I might see a shadow and I know there is something going on. People come and see me. And then they get activated.
A low level of activation is watch, calling me. But you can actually do more, pick it up. And look after it, take it to the vet yourself and take it home… So there is all different levels of activation and it is always nice when people get inspired and do more. You know 5 minutes ago a man, Toby, he has come for donating money and a cup of tea and he has just gone to help us to rescue a puppy, because I am talking to you. Good for him, He is helping a wounded puppy. He is doing something real.
Yvi: And you are living here in this beautiful place at the lake, your „house“ is like a shala, it is open..
Rani: with no walls.
Yvi: Living without walls, what does that mean about your life?
Rani: Oh. It is beautiful it is luxury – no walls and no shoes. That is nice. It is freedom.“
Yvi: A lot of people are here with you, seems a chilled place with very nice vibe and good simple life: What was your last happy moment?
Just recently seeing my friends. It is always about friends. I live in a community I got volunteers helping and they do fantastic. And having old friends come back is amazing, I just had a friend, I call her pussycat, and I have got Maria over there in the hammock. So having old friends is always fine.
Yvi: You meet people here through the dogs and they come back?
Rani: A lot now, that is what happens nowadays. I think most of my social life has to do with animals now.
Yvi: What does happiness mean to you?
I am happy when I rescue animals that are in stress, I am happy when I find them a home. I am happy when I meet kind people, cause there is a lot of bad people out there, that are cruel. And then just living in Goa, it is a beautiful place to live and even if it is changing which it is quite fast, there is still quite a beautiful spirit and freedom here.
Yvi: Rani: Where do you come from and where is home for you?
Rani: I was born in Africa. We lived in quite a lot countries before I was about 20, I think maybe 11 or 13 countries. My father is from South Africa my mother from England. I am a little bit african, a little bit english, a little bit autralian and a little bit oriental, because I was a teenager in south east asia so I have some oriental sensitivity sometimes. And then I have 15 years in Goa. It is an own planet. Very international place.
If someone asks my address it is quite funny anyway, because I don’t think there is a address here, I live by the river, you have to put my landlords name and the village.
Yvi: And you stay here even at monsoon time that must be very hard all the rain coming down all the tourists go away and the dogs are still here, they need someone to help them to survive?
Rani: I mean it is a great honor to help them. And also the thing is I open my eyes so I can’t close my eyes. You know I could go, but there is not really anyone else helping them which is shameful. So I can make a difference, I can reduce some suffering, that makes me happy. It is a beautiful thing to be in service.
Yvi: Do you know how many cats and dogs are living with you right now?
Rani: No I don’t count, it is better for me. But two weeks ago I decided to count how many puppies are rescued in 2 weeks. 14 and 2 died. But if I think about it that I just rescued 14 puppies, it is quite worrying. Cause when I haven’t got home for them it is another 14 dogs and so so and so on. So it is better just to do it and not count.
Yvi: You rescue the dogs, you give the first treatment, you give them food and then you try to find people that adopt them?
Rani: I am just a puppy busstation. I want them to go and want them to find homes. And even though they are really happy and fat and relaxed lying on our couches and eating our couches (laughs), they are still better to be in their own home, you know, be king of their own castle.
Yvi: How are you working, you have many volunteers here also via workaway, they come here spent some weeks?
Rani: It is changing all the time. Sometimes people just come anyway. There is a russian lady she speaks no english, she comes everyday and combs the dogs. Now it is abundant-time, there is people around, people want to ƒa a
help, but it is not easy all the time, because if they are not trained they can’t go and catch a dog. Or they don’t know how to drive in India, so they can’t drive a car, so it is quite limited also in what they can do. If we had experienced animal carers or a vet or a vetnurse… I am obviously very greedy, I would like to expand, we should have a clinic. We drive 34 kilometers to the clinic, that is terrible.
Yvi: You want to have a clinic here in Arambol?
Rani: I do! I would love to have a clinic!
Yvi: What are your skills?
Rani: I am only skilled at basic stuff, I am a god dogcatcher. I am trying to make dogcatching sexy. Cause there is lot’s of guys around here who just sit around on the beach with a lot of tattoos, I wish they would come and catch some dogs. That is real ninja work. I wanna make a dog catching ninja school, that is my dream. Cause I am 56 I am quite slowly now. When I was 20 I was twice as fast. You need to be fast when you catch dogs. It is a wonderful ninja school. It is quite exciting, when you get them it is like „wow, fantastic“ and then you saved their lives. We catch a lot of dogs to sterilize them, because there are so many puppies around so we try to sterilize all the animals, and even though it does feel like we are not getting anywhere, ƒbecause there is more and more and more, there is also less and less, and also you have to do what you can do. Right? Don’t think about it, just do what you can do. And hope that other people come and do what you do, and hopefully we change the world, and change the way people think and make it sweeter for animals!
Yvi: Are you going to stay here forever?
Rani: Well I don’t know, I thought I would give five years, I mean I have already given quite a few years, i thought I would give five years with the dream that at the end there is a clinic. And that was a year ago, and I haven’t gone any closer, I have gone backwards, so I think I need a team that manages and business people, we need money sure, then we need people to help organize it. But if you look around the world there is lot’ s of people like me that start just one person. And these organisations grow bigger and bigger and bigger. And become really affective and powerful. Come on guys come and help us!
2014 war Asien schon richtig gut vernetzt mit Wifi an jeder Ecke. Ich hatte mich ans Reisen&Surfen gewöhnt, konnte jederzeit online etwas nachkucken und mit meinen Freunden kommunizieren.
Als mein Smartphone im Meditationszentrum den Geist aufgab, war ich erst verängstigt. Ich hatte das Gefühl, ohne den ständigen Zugang zum World Wide Web verloren zu sein. Und jetzt mal ehrlich, wer von euch ist schon mal auf dem Weg zur Arbeit umgekehrt, als er bemerkte, dass das Handy noch zuhause schlummernd auf dem Kopfkissen lag?…. Ja genau dieses Gefühl ist es. Zumindest bei mir.
Nachdem der Fachmann im Elektroladen mir sagte, dass mein iPhone nicht mehr aus dem Schlummerzustand rauskommen würde, war ich plötzlich erleichtert. Denn ich gebe zu, ich bin wie viele andere addicted, bin für mich gefühlt, viel zu oft im Netz und diese höhere Gewalt gab mir damals die Möglichkeit frei zu sein vom www. Drei Wochen reisen ohne Internet in der Tasche. Sein im Hier und Jetzt. Was für eine Chance. Was für eine Herausforderung. (Auch) für andere.
Ich befand mich damals im Norden Thailands in Pai zusammen mit Miok und Suni, die ich in meiner Yogalehrererausbildung kennengelernt hatte. Wir drei hatten unterschiedliche Vorstellungen vom Wohnen. Suni mietete im Zentrum ein eher schickes Steinhaus, wo keine Viecher reinkamen, Miok zog es in die Berge in ein Holzhaus und ich bewohnte eine löchrige Bambushütte direkt am Fluss.
Jeden Abend um 18 Uhr trafen wir uns an der Strassenkreuzung zum Streetmarket und machten direkt für den nächsten Tag aus, wann und wo wir uns morgens treffen wollten. Und damit ich unsere morgendlichen Verabredungen nicht verpennte, brauchte ich einen Wecker. Miok sagte noch: „Ah you don’t have alarm clock – I can call you“ – ja so tief sitzt das drin bei uns. Also nochmal: „Ich habe ja keinen Wecker, weil ich kein Handy hab…“ Also zog ich durch die kleinen Shops auf der Suche nach einem Wecker. Und es lag nicht immer nur an der Sprache, dass die Verkäufer mich nicht verstanden: „Wie du suchst einen Wecker, hast du denn kein Handy?“ Nach ungefähr einer Stunde fand ich einen Laden, der einen kleinen roten Plastikwecker hatte. Die Woche in Pai lief reibungslos ab. Ohne Verspätung.
Ich bin dann alleine weiter nach Vietnam. Nach Saigon als Zwischenstation zu meinem Endziel Jungle Beach. Eine Freundin hatte mir das empfohlen, ein Strandabschnitt in der Einöde mit riesigen Bambushütten. Sowas ist sehr selten in Vietnam, und weil ich Vietnam mal sehen wollte und nach der Yogalehrerausbildung Entspannung wirklich nötig hatte (kein Witz:-) und nicht auf Resorts stehe, machte ich mich auf den Weg dorthin. Die Anreise war ein Adrenalinabenteuer.
Nachtbus von Saigon nach Nha Trang – mit Ibizapartybeschallung und LED Lichtern
Über das Hosteltelefon in Saigon/ Hồ Chí Minh rief ich den Jungle Beach Besitzer an und sagte ihm, dass ich den Nachtbus nehme und morgens um 5 Uhr in Nha Trang ankommen würde. Das ist die nächste grössere Stadt rund 1,5 Autofahrstunden von seinem Beach in Ninh Phước, Ninh Hòa, Khánh Hòa entfernt. Er bestellte den Taxifahrer. Die Nachtfahrt mit dem Bus dauerte aber nicht die geplanten 11 Stunden, sondern 14. Ich musste mir von jemand das Telefon ausleihen und mitten in der Nacht bei ihm anrufen, um zu sagen, dass es etwas später werden wird. Ging klar. Er gab mir noch den Hinweis, dass ich schweigen sollte, wenn ich beim Ankommen in Nha Trang den Bus verliess. Ich sollte nur Ausschau nach seinem Fahrer mit Jungle Beach Schild halten. Als es dann soweit war, wurde mir schlagartig klar, warum. Sobald der Bus stoppte, bildete sich eine Traube von Taxifahrern um uns. Es wurde laut, wuselig und einer haute dem anderen eins auf die Nase. Ich fand meinen Taxifahrer mit Schild und stieg in seine Karre ein. Er konnte kein Wort Englisch. Ich kein Wort Vietnamesisch. Wir fuhren los und nach nur fünf Minuten gab er mir ein Schlafzeichen. Ich deutete, dass er müde war. Am Strassenrand des zweispurigen Highways hielt er an und gab mir zu Verstehen, dass jetzt Kaffeepause ist. Also überquerten wir die Strasse und setzten uns in ein Café. Ich trank fasziniert meinen ersten vietnamesischen Kaffee, der auf die weisse, süsse Kondensmilch ins Glas reintröffelte. Und er… er stand auf, schlurfte auf einen fast zwei Meter grossen Mann zu, sie sprachen und gingen dann zurück zum Taxi. Ich machte einen langen Hals, meine Augen klebten an ihren Bewegungen, ich erhob mich ein paar Zentimeter vom Stuhl und blickte wie erstarrt zu den beiden rüber. Sie holten meinen Rucksack aus dem Taxikofferraum und packten ihn in den grossen Privatjeep des grossen Mannes. Der Taxifahrer stieg in seine Karre und fuhr davon ohne Tschüss zu sagen und ohne seinen Kaffee zu bezahlen. Der andere namenlose Mann kam zurück zu mir und gab mir das Zeichen, dass die Reise nun mit ihm weiterging. Ich zahlte zwei Kaffee und ergab mich meinem Schicksal. Ehrlich gesagt hatte ich jetzt so richtig Schiss. Wir fuhren in die Einöde, damit wirbt ja Jungle Beach „in the middle of nowhere“…nix drum rum nur ein paar Kühe.
Ich hatte kein Handy und all mein Hab und Gut in meiner Handtasche. Es gab ja nur zwei Möglichkeiten, entweder war ich jetzt auf dieser Fahrt fällig oder eben nicht. Nach 90 Minuten kamen wir am Jungle Beach an, und alles war gut. Bis auf mein Nervensystem und die Stimmung vor Ort.
Wer neugierig ist, checkt hier: http://www.junglebeachvietnam.com
In diesem Paradies war gerade eine Horde 20 Jähriger, die jeden Abend soffen, rumpöbelten und im Sand umkippten. Alle zwei Tage kamen stark parfümierte Russen zum Abhängen und Feiern zum Jungle Beach, und ich bekam Heimweh nach Thailand. Um den Rückflug zu buchen, brauchte ich Internet und leider funktionierte das am Jungle Beach nicht so richtig. Der Besitzer gab mir den Hinweis, dass in dem Dorf nebenan ein Internetshop ist. Konnte ich kaum glauben, aber ich bin dann los, machte Anhalter und eine geschätzt 16jährige Vietnamesin kapierte durch mein Handzeichen, wo ich hinwollte. Sie brachte mich mit ihrem Moped zum Internetshop. Leider war hier alles auf Vietnamesisch bis dann einer kam und meinem PC auf Englisch umstellte.. Ich konnte meinen Rückflug buchen und mich mit anderen Freunden, die auf Koh Lanta in Südthailand waren, verbinden. Leider war ihnen nicht klar, dass ich sofort eine Antwort brauchte, wo genau sie sich befanden. Ich schrieb: „Ich bin jetzt noch eine halbe Stunde im Internetcafé, dann nicht mehr, bitte macht eine Ansage, wo genau ich hinkommen soll!“ Keine konkrete Antwort, stattdessen nur.. dass sie sich freuen mich wiederzusehen. Ok ich bin dann erstmal los nach Koh Lanta. Und weil ich in meinem Reiseführer gelesen hatte, dass der Strand Klong Khong Bay die buntesten Bambushütten hat, bin ich dorthin.
Leider war mein Wunschbungalow von Where Else bei Klong Khong voll. Die Besitzerin sagte mir, dass am Strand nebenan auch noch Hütten sind, die die Familie betreibt unter den Namen Somewhere Else. Was für ein passender Name. Dort habe ich dann eine Hütte angemietet, bin ins Internetcafé und meine Freunde hatten mir endlich mal eine Message dagelassen, wo sie schliefen. Zufälligerweise direkt im Guesthouse hinter meiner Hütte. Perfekt.
Muschelrauschen statt Smartphone
Wir verbrachten fünf Tage auf der Insel. Dann stand mein Abflug nach Deutschland bevor. Ich düste nach Bangkok und rief von einer Telefonzelle aus Pui an, die auch mit mir die Yogaausbildung gemacht hatte. Sie wollte mich verabschieden. Da sie in der Nähe des Flughafens wohnte, wollte sie mich dort vor meinem Abflug treffen. Ich sagte ihr, dass ich kein Handy habe und es deswegen wichtig ist, jetzt direkt einen konkreten Treffpunkt am Flughafen mit konkreter Uhrzeit abzumachen. Sie sagte: „Ok no phone, but Messenger?“ „Nein. Nein Nein!“ Wir machten was aus. Ich war 10 Minuten später dran als abgemacht. Aber wir fanden uns und konnten uns Tschüss sagen. Als ich dann viele Stunden später in Deutschland zuhause ankam und den Rechner anmachte, hatte sie mir über Messenger eine Nachricht geschickt: „I am at our meeting point – where are you?“
Stundenlang wie ein Brezel verknotet im Schneidersitz zu hocken, hatte ich ja schon gelernt bei meiner Yogalehrerausbildung in Thailand – meine Gedanken mal auf Standbye zu knipsen nicht. Dieser angenehme Zustand, den man beim Feiern hat, ein easy Kosmos, in dem nur der Moment zählt, der nächste Beat, das nächste Kaltgetränk… Sowas kann man angeblich auch mit Meditation erreichen, garantiert Katerfrei. Während meiner vierwöchigen Ausbildung musste ich mich jeden Morgen um 6 aus dem Bett rollen und direkt mal eine halbe Stunde meditieren. In meinem Kopf ging es zu wie in einem Affenzirkus – der Gegensatz vom Zustand des Yoga. In Patanjalis Yoga Sutras, der klassischen Yoga Schrift mit dem Leitfaden zur Erleuchtung, oder sagen wir zu einem gechillten Leben, heisst es:yogaś-citta-vr̥tti-nirodhaḥ – Yoga ist das Zur Ruhe bringen der Fluktuationen des Bewusstseins. Zu deutsch: Yoga ist der Zustand, in dem die Gedanken ihre Klappe halten. Um die 60000 sausen täglich jedem von uns durch den Kopf, und wenn ich mich nicht verzählt habe, dürften das 42 pro MINUTE sein. Ich persönlich finde das dolle anstrengend. Auch dass diese Gedanken nicht mal die Basics des Storytellings beherrschen, sie quatschen ohne roten Faden drauflos: waren sie gerade noch beim Pommesessen, mit oder ohne Majo, rutschen sie auf einmal in den letzten Streit mit dem Ex-Lieblingsmenschen ab, gehen noch mal alles haarklein durch, tun so als hätten sie das noch nie gedacht und durchdenken es nochmal von vorne und nochmal…dann hüpfen sie in die Zukunft, die ja noch gar nicht da ist, aber trotzdem muss man schon mal überlegen, was im Herbst 2018 so ansteht. So ein Affenzirkus – sagte ich ja schon! Vom Monkey Mind zum ruhigen See. Das wollte ich lernen.
Nach Abschluss der Yogalehrerausbildung bin ich mit der Koreanerin Miok und der Venezolanerin Suni zu einem Zentrum für Meditation in der Nähe von Pai im Norden Thailands gedüst. Zum Open Mind Centre. Ein um die 60 Jahre alter Brite empfing uns. Er war wie ein wilder Sturzbach, der versuchte, so zu tun als sei er ein ruhiger See. Er fiel Suni ins Wort und hatte eine Laune zum Wegrennen. Wir merkten sofort – ui, das war keine gute Idee dort hinzufahren. Weil es aber abends war, beschlossen wir dort eine Nacht zu bleiben, um dann morgens schnell wieder abzuhauen.
Zum Zentrum gehörten 12 Holzhütten, alle verlassen, bis auf eine. Die bewohnte eine ca. 25 jährige Holländerin, die uns ankuckte als hätte sie gerade die Teletubbies über die grünen Reisfelder flitzen sehen. Sie war seit 6 Tagen dort und bereits irgendwo anders. Es schien ihr entgangen zu sein, dass aus den Leitungen kackbraunes Wasser kam, Waschbecken und Wanne komplett rot-braun verfärbt. Suni, Miok und ich fanden die spooky Stimmung und die Farbe des Wassers echt uncool und krümelten uns dann zu dritt in eine Holzhütte. Ich legte mein Smartphone auf den Nachttisch. Morgens um 7 blinkte es wie ein Ufo, und es regierte nicht. Ich packte es erstmal ein. Wir legten dem Briten Kohle für eine Übernachtung in die Eingangshalle und rannten aus dem Mediationszentrum so schnell wir konnten. An der Hauptstrasse machten wir Anhalter, und ein netter Thai nahm uns mit nach Pai. Ich ging mit meinem Patienten, einem iPhone 4, zum Fachladen und liess es dort untersuchen. Ich erzählte vom Handy und dem Meditationszentrum, dass es morgens nur noch blinkte statt anzugehen. Der Elektroexperte nahm es auseinander und sagte: „Lady, I am sorry, but your phone is broke. No hope.“ Das Handy hatte sich nach nur einer Nacht im Meditationszentrum in den Zustand des Nirwana oder – wie die Yogis sagen – Samadi gebracht. Es war erleuchtet. Oder um es pragmatisch auszudrücken: Mein Smartphone hatte sich zu Tode meditiert.
Ich bin dann ohne Handy und sowieso ohne Laptop etc. weitergereist durch Thailand und Vietnam und landete auch deswegen in einigen strangen Situationen. Z.B. war es nicht einfach einen normalen Wecker zu bekommen oder in Vietnam die Rückreise zu buchen, aber am Ende hat immer alles geklappt. Irgendwie.
Mucho Love, Yvi
Weil fast alle nur noch aufs Smartphone starren, musste dieses Schild her. Ein Jahr zuvor gab es das noch nicht. Ins Gespräch kam ich in der Shanti Lodge mit jemand, weil er ein Smartphone besass. Ich musste mal kurz ins Internet:-)
Vor genau 5 Jahren bin ich zum ersten Mal alleine, also, ohne, dass jemand auf mich im fernen Land wartete, verreist. Nach Thailand. Ich hatte einen Herzbruchwalzer sondergleichen erlitten. Mein damaliger Lieblingsmensch verschwand von heute auf morgen nach fast einem Jahrzehnt Weltteilen. Es fühlte sich an, als hätte ihn ein LKW vor meinen Augen überfahren, aber nicht er, sondern ich zerbrach dabei in 1000 Stücke. Also galt es mich zu flicken und dabei neu Laufen zu lernen…das wollte ich in der Ferne austesten, einen Fuß vor den anderen setzen, jeden einzelnen meiner Zehen kennenlernen und dabei Menschen und dem Leben möglichst offen begegnen. Ausgerechnet Bangkok, meine erste Station, teilte mir eine Lektion im „Laufenlernen“ mit.
Vor meinem Guesthouse, der Shanti Lodge, stand ein Taxifahrer. Ich sprach ihn an und bat ihn, mich ins „Zentrum“ der Stadt zu fahren. Auf der Fahrt erzählte er mir, dass er gerade einen Freund besucht hatte, der im Tempel neben der Shanti Lodge war. Ausserdem plauderte er über seine erwachsenen Kinder, die in Amerika lebten, dass er sein Leben in Bangkok sehr mochte und auch seinen Beruf als Taxifahrer. Eigentlich hätte er ausgedient, da er aber gerne durch die Stadt düse und auf Kohlemachen stehe, würde er immer weiterfahren. Er war sympathisch, ich gab ihm gut Trinkgeld und wir verabschiedeten uns. Zwei Tage später fuhr ich mit dem Local Bus zum Weekendmarket. Aus irgendeinem Grund fuhr die Nummer, die mich hinbrachte, abends nicht zurück, also nahm ich eine andere Linie, von der ich dachte, sie würde mich zurück in die Gegend bringen, in der mein Bett stand. Dass die Haltestellen nur in thai gekennzeichnet waren, sorgte für zusätzliche Verwirrung, weil ich ja nichts entziffern konnte. Mein Plan war: wenn ich 20 Minuten für den Hinweg gebraucht hatte, würde ich einfach wieder nach 20 Minuten aussteigen.
Nach 20 Minuten verliess ich den Bus und schlug meinen Oldschool Stadtplan auf, um zu sehen, wo ich bin. Leider fand ich die Strasse, in der ich mich befand, darauf nicht verzeichnet. Ich fragte einen alten Thai. Er gab mir mit Händen und Füssen zu verstehen, dass ich zu weit aus Bangkok rausgefahren bin, und die Strasse, in der wir uns befanden, nicht mehr auf meinem Plan war. Er gab mir das Zeichen einfach eine Stunde lang geradeaus zu gehen, dann würde ich mich meiner Unterkunft wieder nähern. Ich setze einen Fuss vor den anderen und nach kurzer Zeit kam mir ein Mann entgegen: „Hello Lady, you remember me?“ – es war der Taxifahrer. Er und ich umgeben von über ca. 8 ½ Millionen Einwohnern und einem Meer von Touris drum rum, die auf 1,569 qkm umhersausen zwischen einem Strassennetz von Troks – kleinen Pfaden, Sois – grösseren Strassen, Thanons – Hauptverbindungsstrassen und Schnellstrassen. Der Zufall oder was auch immer hatte uns zwei Tage später wieder zusammengeführt. Ich sagte ihm, dass ich mich verlaufen habe. Er schlug vor, gemeinsam zu seinem Taxi zu gehen, das eine Strasse weiter stand, um mich zu meinem Guesthouse zu fahren. Ich willigte ein. Klar. Also düsten wir los und jetzt verfranste er sich. Er konnte sich nicht daran erinnern, wo meine Strasse lag. Er hatte kein Navi und versuchte es mit Anhalten und Sichdurchfragen. Es nütze nichts. Dann fiel mir unser Gespräch ein, dass er, bevor ich zu ihm ins Taxi stieg, seinen Freund im Tempel besucht hatte. Und da ging ihm ein Licht auf. Genau dieser Hinweis führte dazu, dass er jetzt den Weg wusste. Er brachte mich zu meinem temporären Zuhause und schenkte mir nicht nur die Fahrt, sondern auch ein Stück Vertrauen ins Leben und seinen Menschen darin.
Vor 4 Jahren machte ich mich zum zweiten Mal auf nach Thailand. Für eine Yogalehrerausbildung. Die sollte mir dabei helfen, mich besser zu verstehen: Kopf, Körper und Herz. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich bei Jeenal und Daniel gelandet bin bei ihrer Wise Living Yoga Academy in der Nähe von Chiang Mai. Dort habe ich von morgens 6 bis abends um 7 6 Tage die Woche weises Yogawissen in meinen Kopf gepumpt bekommen und das 4 lange Wochen im Schneidersitz, die grösste Herausforderung in meinem bisherigen Leben.
1 Yogatruppe 12 Nationalitäten: Jeenal ist links vorne im Bild, Daniel macht das Foto:)
Jeenal kommt aus einer klassischen indischen Ayurveda Familie, hat noch nie in ihrem Leben eine Cola getrunken (kein Witz), ihr Gesicht ist wie gemalt – natürlich ungeschminkt – und sie ist sehr sehr diszipliniert. Wenn sie gerade nicht eine Yogalehrerausbildung leitet, dann arbeitet sie mit Kindern und Frauen zusammen und gibt Workshops in Europa. Daniel war ein feuriger Biertrinker, den ihr zu späterer Stunde in der Kneipe im Kopfstand auf der Billiardplatte antraft (sehr sympathisch), bevor er sich dem Leben eines Yogis verschrieben hat. Beide lernten sich in Mumbai kennen in der Yogaschule ihres Gurus Hansaji. Eine Frau um die 70, eine der anerkanntesten Persönlichkeiten des Yoga.
Der Ort ihres Kennenlernens, The Yoga Institute in Mumbai, ist sogar in Köln bekannt: Kurz vor meiner jetzigen Abreise nach Thailand erzählte ich der Besitzerin des Cafe Veggie Jeck in Nippes davon, Anupama. Sie kommt aus Indien und sass schon im Institut von Hansaji. Sie sagt, dass viele Westler es scheuen dorthin gehen, weil der Fokus stark auf Philosophie gelegt wird und wenige den Mut haben, sich mal mit ihrer Lebensweise zu beschäftigen. Da ist es einfacher sich Muskeln zuzulegen, aber was nützen die, wenn Kopf und Herz Schrott sind? Wir brauchen nicht noch mehr knackige Pos durch Yoga, sondern gesündere Köpfe. Das lehren auch Jeenal und Daniel.
Daniel musste sehr lange um Jeenals Liebe kämpfen. Jeenal ist tough und sagt: “Wenn jemand dich wirklich mag, kann er warten.“ So prüfte sie ihn 1 Jahr lang und Daniel blieb dran. Ausgerechnet durch Fieber kamen sich beide endlich näher. Erst war Daniel krank, Jeenal kümmerte sich, dann Jeenal, Daniel kümmerte sich.. So fieberten sie rum und heirateten.
Jeenal und DanielJeenal und Daniel auf Deutschlandbesuch. Ungewohnt kalt für beide. Sie trägt seine Mütze.
Daniel und Jeenal leben strikt nach den Yoga Sutras von Patanjali, das ist der klassische Leitfaden des Yoga, den jeder Yogalehrer vorgesetzt bekommt. Das sind 195 Verse, die euch, wenn ihr sie befolgt, zur Erleuchtung führen können. Kein Esoquatsch, erfordert nur Megadisziplin und…..
Erleuchtung durch Pommes. In Thailand in Eisbecher serviert, doppelt Bliss:)
ok, das ist nun wirklich etwas zu hoch gegriffen mit dem Erleuchtungsding. Jeder, der mich kennt, weiss, dass das nun wirklich nicht mein Ziel ist. Erleuchtet bin ich schon bei fettigen Pommes oder kitschigen Fotomotiven oder bei einem guten Konzert wie dem letzten von Bonobo und Grandbrothers in Leipzig. Mein Ziel ist, zufrieden zu sein, mit dem, was ist und sich nicht vom Mist des Lebens umhauen zu lassen. Denn es gibt genug Dinge, die im täglichen Leben an einem rumkratzen. Daniel und Jeenal und ihr Guru Hansaji haben die Sutras auf unser tägliches Leben übertragen. Einfache Dinge sind: gewaltfrei leben, ehrlich sein, Mitgefühl haben und die Fähigkeit entwickeln, sich für andere zu freuen.
Ein Beispiel, das Jeenal anbrachte. Sie erzählte die Geschichte von einem Mann, der Rat bei ihr einholte. Er sagte: „Immer wenn ich nach Hause komme, sitzt meine Frau vorm Fernseher. Das nervt mich und macht mich aggressiv. Ich habe ihr schon tausendmal gesagt, dass sie das lassen soll, aber sie hört damit einfach nicht auf“. Jeder weiss, dass die Mission den anderen zu ändern ins Nichts führt. Verändern kann man nur sich selbst und aber auch seine Haltung zu den Dingen. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Sich weiter ärgern bis man ins Grab fällt oder es umdrehen. Jeenal fragte den Mann: „Glauben sie, dass ihre Frau sich einfach freut Fernsehen zu kucken“. Er so: „Ja, sie mag es sehr“. Jeenal: „Nun, dann versuchen sie was. Das nächste Mal wenn sie nach Hause kommen und ihre Frau vorm Fernseher sitzt, dann stellen sie sich dahinter und beobachten sie ihre Frau mit Freude dabei, wie sie mit Freude ihre Telenovela kuckt.“ Und es hat geklappt. Der Mann akzeptiert es jetzt, dass der Glotzomat jeden Tag läuft. Er hat seine Haltung dazu geändert und Frieden damit geschlossen. Also wenn euer Lieblingsmensch demnächst wieder das ganze Wochenende nur Game of thrones glotzen will, smile🙂 oder wenn das gar nicht geht, byebye…
Das soll jetzt kein Freifahrtschein sein, für jegliches Verhalten, das der Kollege/-in, die Eltern, der aktuelle Lieblingsmensch etc. an den Tag legt. Man muss für sich selbst kucken, ob und wie man an seiner Einstellung zu den Dingen schrauben kann. Natürlich gibt es Begegnungen, die in eine Sackgasse führen. Ich lernte mal jemanden kennen, den ich mochte, er mich auch, aber ziemlich schnell klafften unsere Bedürfnisse auseinander; er hielt schon nach kurzer Zeit von „Treue“ nix mehr. „Mach mal mehr Yoga, dann bist du auch emotional flexibler wenn ich wieder ausschere,“ sagte er. Da wusste ich, dass das zu nix führt: Nicht wegen des Ausscherens an sich, sondern wegen der Art und Weise, wie er ohne Diskussion sein Bedürfnis über meins stellte und Verständnis to go verlangte. Ich bin doch kein Automat, der den ganzen Tag an sich rumschraubt, nur damit der andere einen Freifahrtschein für alles bekommt. Und tatsächlich ist das die Gefahr des Yoga: man versucht gleichmütig zu werden und das teilweise verletzende Verhalten anderer sogar zu rechtfertigen – ich selbst habe das probiert, und es fühlte sich gar nicht gut an. Ich kenne (Yoga)frauen, die sich mit Männern zusammentun, die sie ausnutzen und sie als Affäre jahrelang hinhalten. Sie entschuldigen deren Verhalten, indem sie Tonnen an Mitgefühl ausschütten. Nur, um nicht alleine zu sein – ohne diesen Menschen, der rücksichtslos rumlebt.
Ich finde Yoga ist nicht dazu da, alles, was unsere Mitmenschen anstellen, auszuhalten und auszubalancieren. Yoga ist dazu da mit den Gefühlsstürmen des Lebens jonglieren zu können und gute Entscheidungen für sich zu treffen. Aktive Abschiede gehören dann auch dazu.