Auf meiner Reise durch Nepal traf ich Tara Timilshina. Sie hat in Pokhara, dem Städtchen am Fusse des Himalaya, Chetana – einen Laden mit wunderschönen handgemachten Taschen und Gürteln. Es ist kein normaler Laden. Chetana ist ihr zweites Leben. Sie gründete ihn nach schwerer Krankheit, die sie fast ein Jahr ans Bett fesselte. Vorher hatte sie ein gut laufendes Trekkingbusiness, jetzt widmet sie ihr komplettes Leben den Frauen ihrer Gemeinschaft. Der komplette Erlös von Chetana fliesst in den Support von Frauen und ihren Kindern. Sie bekommen Training und einen Job bei Chetana, ihre Kinder einen Internatplatz. Chetana bedeutet „Öffne deinen Geist für Bildung“. Tara selbst kommt aus einem kleinen Dorf und genoss keine Schulbildung. In Nepal sind etwa 50% der über 14-Jährigen Analphabeten. Frauen haben geringe Bildungschancen. Lediglich ein Drittel von ihnen kann lesen und schreiben. Männer sterben in Nepal früher als Frauen, wie Taras Mann. Sie und ihre vier Kinder, wovon eine Tochter adoptiert ist, schmeissen Laden und Leben. Und das Leben von vielen hundert anderen Frauen. Tara bietet mit Chetana Frauen die Möglichkeit unabhängig zu werden. Kennengelernt habe ich sie durch Lisa Mikosch, die in Bonn und Kathmandu lebt. Lisa supportet Tara seit Beginn der Eröffnung des Non- For- Profit Ladens. Und ihr alle könnt mithelfen als Volunteers.
I met Tara in Pokhara, a city from where many people do the Annapurna Circuit. Tara and her husband had a successful trekking business. They could make a good living with it. After getting life threatening ill, she changed her life and career. Since 10 years she supports women and their children with Chetana, a non-for-profit NGO. They learn beautiful traditional Nepali handcraft skills and do bags and belts. 280 women from villages got a training so far. Some of their children get a place at a boarding school. Chetana means „Open your mind for education“. Tara herself comes from a village and did not go to school. 50 percent of the over 14 years old in Nepal are analphabets. Only one third of the girls/women can read and write. Tara is autodidact. She is so smart and powerful. She has 1 son and 3 daughters, one of them adopted. Tara wants to provide education for women in Nepal as much as possible. She is dedicating her complete life to this kind of support. Taras husband died, but Tara gets along with her life, because she managed to build a supportive community of women… I met her through Lisa, a friend from Germany that lives in Kathamandu and Bonn. She is supporting Tara with Chetana as well. Everybody can volunteer.
Yvi: Namaste Tara.
Tara: Namaste!
Yvi: Please tell me about the shift in your life. From just making business to giving.
Tara: I had a big trekking business. I made only for myself business. I saw I had enough for me, could build a house as a guesthouse. I became very sick and I decided I wanted to do something for women, build a woman program. I left my business and with Chetana this is a second life for me.
Yvi: What do I need to know about Chetana, it is not a normal shop where I can buy bags?
Tara: My shop is not only for buy, you are the support.
Yvi: So you don’t make a living with the shop?
Tara: No. Chetana is registered as a non-for-profit NGO. Money goes to rent, electricity, water. And then to the support for the women and children. We don’t need to make more profit. This is non-for-profit organization.
I integrate women that have problems with family and with the caste system in Nepal. Who get no education, have husband problem, family problem with these kind of women we are working together.
Yvi: How do you get in contact with these women?
Tara: We have application for women, we announce in the local newspaper, visit villages and talk to them, give them training for 3 months. They get free skills like textile design, cotton master, sewing, weaving. After the 3 months we give them a job. They get sewing machines and then they work at their homes making the products for Chetana. And when you buy here a bag or a blanket or a belt, the money goes directly to the women and their children and their education. We already supported 280 women like this. We sent the children to boarding school, at the moment 8 children are supported by Chetana.
Yvi: The kids of Chetana women, they can go to a private school?
Tara: Yes. To a boarding school. I try to help them to become strong and independent.
Yvi: Seems a lot to do. How many hours do you work a week for Chetana?
Tara: Every week 40 hours or more since 10 years. It is my hobby. I like it so much! But last year my husband died and I was not well physically. Now my daughter supports me and the shop , so at the moment I work 20 hours a week.
Taras Tochter Pabita, Taras daughter
Yvi: You make a difference for women’s life in Nepal. Tell me about the life challenges they face?
Tara: Men and women are so much different treated in Nepal. It is mentality. Women need to give birth to sons. And I am now a single woman and they say “Oh you are without husband.” I say: „Yes and I like to empower woman.“
Yvi: You have 1 son and 3 daughters, one of them you adopted. Why?
Tara: My husband was a trekking guide, he brought me the child. She had no possibility to go to school, hardly food, her mother cannot take care of her, so I provide it for her, she lives with me now. That is karma. She is in tenth class now and is one of the best. When she finishes school, we will find a job for her. Maybe she will help with Chetana or whatever she wants to do.
Tara: You are supported by a german woman called Lisa.
Tara: Yes since 10 years. She is selling our bags in Germany, she finds sponsors for the children of Chetana women that pay the school fees.
Ich hatte mir das so easy vorgestellt. Nachdem ich mit Freunden mit einem Taxi morgens um 5 den Hügel hoch nach Sarankot gefahren bin, um mir anzusehen, wie die Sonne aufgeht und dabei um den Himalaya tanzt, entschied ich mich nicht mit dem Auto zurückzurollen, sondern zu Fuss nach Hause durch Landschaft und Dörfer zu spazieren.
Morgens um 6 in Sarankot, noch gut drauf.
Ich wusste, dass eine Strasse in einen Weg mündete, der nach unten zum See ging, wo ich wohnte. Ich lief los und merkte, dass es mehrere Gabelungen und keine Schilder gab. Nach einer Stunde stellte ich fest, dass es kaum runter ging, sondern nur in Serpentinenform von links nach rechts.
Nachdem ich von einigen Dorfbewohnern wie ein Pingpongball hin und her geschickt wurde, reichte es mir.
Nette Dorfbewohnerin
Ich hielt an einem Haus an und fragte die Familie, ob ich nicht einfach querfeldein runtergehen kann, einem ausgetrocknetem Flussbett nach, das von der Richtung her genau auf mein Zuhause treffen müsste. Mit gebrochenem Englisch bejahten sie, und eine Begleiterin tauchte auf. Eine kleine drahtige Bäuerin mit scharfem Blick und einem Stroh-Tragekorb am Rücken, der fast grösser war als sie selbst.
Auch nett, von der rasenden Bäuerin habe ich kein Bild
Sie lief schnellen Schrittes los, ich hinterher. Dazu plapperte sie wie ein Wasserfall auf Nepalesisch. Ich verstand nichts. Nach einigen Minuten tauchten zwei Boys im Gestrüpp auf. Mit erhobenem Buschmesser warnten sie mich vor der Frau. Sie wäre verrückt. Das konnte gut sein, denn sie redete immer schneller, wie ein Spoken Word Artist und droppte immer wieder ein Sprachgemisch aus drei Wörtern „nepalese, rupees und dschungle“. Dann stoppte sie und zog an meiner Halskette. Um sie zu beruhigen, gab ich ihr einen Hundertrupeeschein und rannte davon, die Nepalesin folgte mir. Der Dschungel wurde immer dichter, das trockene Flussbett endete im Gebüsch. Mit Indianerrufen näherten sich uns die Jungs, und es kam zu einem Showdown. Ich fing an zu Brüllen und heulte los. Die Nepalesin wurde ruhiger und gab auf. Die beiden Jungs machten mir den Vorschlag, mir den Weg zum Weg nach unten zu zeigen. Ich verneinte und lief weiter bis zu einem Abhang. Ende. Nun musste ich den beiden vertrauen. Wir liefen zusammen los und sie ermahnten mich, es wäre gefährlich alleine im Dschungel unterwegs zu sein, ein Tourist wäre, wo wir uns befanden, umgebracht worden. Eine Info, die es nicht besser machte. Ich war vollgetankt mit Schiss, mein Herz pumpte. Ich versuchte einen auf cool zu machen und quatschte mit ihnen über Hip Hop und Fussball. Ich erfuhr, dass Prakash und Samir beide 13 Jahre alt sind. Sie sind Bayern München Fans, beste Freunde und leben in einem Dorf am Berg. Prakash erzählte von seiner kranken Mutter, vom Onkel, der das Geld der Familie versäuft und von der Anspannung, die in seinem Zuhause wohnt. Prakash ist deswegen immer unterwegs zusammen mit seinem Kumpel Samir. Samir hat jetzt aber eine Freundin, Prakash möchte keine. Er möchte nur eins: Immer mit seinem besten Freund zusammen sein und vor allem frei sein!
Ich musste daran denken, wie ich vor einigen Wochen in Indien auf dem Arunachalaberg geklettert war.
Blick auf den Arunachaleswara-Tempel, mit einer Ausdehnung von knapp zehn Hektar ist er einer der größten Südindiens.
Drei Stunden ging es steil bergauf. Als ich mit meiner Gruppe in der Mittagshitze wieder abstieg, sass an einem Baum eine Frau, die das mittlere Alter überschritten hatte. Erst dachte ich, sie würde kurz ruhen. Ich ging weiter, um den Anschluss nicht zu verpassen. Dann schwappte ein leises Wimmern zu meinen Ohren herüber. Ich fragte sie, ob sie Hilfe bräuchte: „Ja, Wasser bitte“. Meine Gruppe war nun schon weiter unten, und ich immer noch bei ihr. Nach kurzer Zeit unterhielten wir uns auf Deutsch, bzw. sie auf Schweizerdeutsch. Sie erzählte mir, dass sie seit 25 Jahren in der Schweiz lebt und jedes Jahr nach Indien kommt, weil sie Inderin ist. Sie hätte aber in Indien keine Familienangehörigen mehr. Für ihren Shivabergtrip hatte sie einen Inder angestellt, der sie begleiten sollte und ihre Handtasche trug. Sie war barfuss, und weil sie dem Herren wohl zu langsam war, ist er ohne Rücksicht zu nehmen und ohne sich umzuschauen in seinem Tempo weitergegangen. Ohne sie. Sie hatte Panik und hing wie eine zu weich gekochte Nudel am Baum. Ich gab ihr meinen Arm, sie hakte sich unter, stand auf und setzte in Zeitlupe einen Fuss vor den nächsten. Durch die Mittagshitze waren die Steine aufgeheizt, ihre Füsse qualmten und sie war dehydriert. Auch nach einer halben Flasche Wasser, die ich ihr gab, war sie noch durstig und hungrig, es stellte sich heraus, dass sie morgens um 5 ohne Essen ohne Trinken und ohne Schuhe los ist. Das mit barfuss den Berg besteigen machen viele Inder. Ein Ritual ihrem Gott Shiva zu huldigen.
Die Bergspitze. Spätestens hier müssen alle ihre Schuhe ausziehen.
Ich wurde nervös, auf dem Berg war nun Backofenhitze und sie wollte nicht mehr weitergehen. Nach nur zehn Metern, fragte sie mich, ob wir gleich da sind. Ich machte ihr klar, dass wir in dem Schneckentempo noch Stunden brauchen würden und sie schmelzen wird. Sie jammerte und hatte Angst, ich konnte sie nicht stemmen. Ich wollte runterrennen und den Mann suchen, lief los, sie rief mir verzweifelt mit piepsiger Stimme im Schweizerdeutsch hinterher: „Warten Sie, lassen sie mich nicht alleine“. Ich blieb bei ihr. Dann kam endlich jemand, ein junger Inder. Er war auf den Weg nach oben und setzte sich auf einen Stein. Ich erzählte ihm aufgeregt, dass meine Gruppe weg ist, ich kein Handy habe zum anrufen und dass die Frau nicht mehr gehen kann und wir Hilfe brauchen. Er blieb gechillt und sagte im Predigerton, dass alles gut ist und ich mich nicht Sorgen sollte. Ich solle gehen und er würde auf die Dame Acht geben, indem er sitzen blieb. Irre. Dann wurde tatsächlich alles gut. Denn zwei Männer aus unserer Gruppe, Jannick und Blair, erschienen plötzlich, sie waren auf der Bergspitze länger geblieben und stiegen jetzt erst ab. Perfekt, sie hatten noch Wasser, Orangen, Datteln und Erdnüsse. Dann zeigte die Inderin mit dem Finger in die Ferne: „Da ist er!“ Zu dritt riefen wir nach ihrem Handtaschenträger, und er kam tatsächlich zurück. Auch er hatte Hunger. Nachdem wir beide mit ausreichend Essen und Trinken versorgt hatten, gaben wir dem Taschenträger zu verstehen, dass er sich um die Inderin kümmern musste. Da sie kaum von der Stelle wegzubewegen war, schlugen wir ihm vor erstmal ein paar hundert Meter weiter, die berühmte Meditationshöhle anzusteuern, wo man sich ausruhen konnte. Er versprach es. Die Inderin wollte meinen Kontakt, ich gab ihn ihr nicht, weil ich keine indische SIM Karte hatte und auch keine Geduld mehr, und so verabschiedeten wir uns, ohne unsere Kontakte auszutauschen.
Blair sagte: „Du wirst sie bestimmt wiedersehen so wie du in deiner Geschichte Karma Taxi (klick drauf) einen Taxifahrer in Bangkok durch Zufall wiedergetroffen hast als du dich verlaufen hattest und er dich dann heim brachte.“ Und ich traf sie wieder. Wir verbrachten eine Stunde an der Höhle mit dem Garten, und in dem Moment, an dem wir rausgingen, kam sie uns mit ihrem Handtaschenträger entgegen. Ihr Jammern wich nun einem Lächeln, sie nahm meine Hand und sagte: „Dankeschön, ich hatte so Angst, ich dachte an dem Baum, jetzt ist es vorbei. Sie haben mein Leben gerettet“. Das fand ich nett aber auch pathetisch. Nun gab ich ihr doch meinen Kontakt, nachdem sie nochmals darum bat. Ich erfuhr ihren Namen. Jeya Kovilan. Beim erneuten Abschied sagte sie zu mir: „Wenn man die Gelegenheit bekommt, auf dem Shivaberg, jemanden zu helfen, dann erhält man Gottes Segen.“
Gottes Segen löste ich in Nepal im Dschungel ein. Die Jungs brachten mich zu dem Pfad, der uns runterführte in die Stadt. Klitschnass geschwitzt, mit Kratzern an den Beinen und Sonnenbrand im Gesicht erreichten wir ein Café. Ich kaufte Wasser und Bananenkuchen für uns. Dann begleiteten sie mich noch bis nach Hause. Ich bin ihnen für immer dankbar.
Hab ich mich erschreckt. Mit einem Riesenplatsch macht ein Affe eine Arschbombe auf den Teller von Oshos Yoko Ono. Der Dhal – ein gelber flüssiger Linsenbrei – macht ein Muster auf ihren grossen Brillengläsern, ihrem weinroten Kleid und dem Osho-Plastikbild, das an einer Mala, einer buddhistischen Gebetskette, an ihrem Hals hängt. Auch ich bekomme eine Portion Spritzer auf meinen weinroten Poncho aus Kashmirwolle ab. Es sind 30 Grad, mir ist sehr warm, Dresscode rulez! Dieses Outfit trage ich nun eine Woche lang tagsüber, und ich fühle mich so sexy wie eine verformte Aubergine, die fällig für den Kompost ist. Ich bin bei Osho Tapoban, der Kommune in den Bergen Kathmandus. Es ist die günstigere Version des Ashram in Indien, den Osho damals in den 70er Jahren in Pune aufbaute und der heute zu einem luxuriösen internationalen Meditations- und Selbsterfahrungsresort gewachsen ist. Zu gross für mein Budget, deswegen stecke ich nun in Kathmandu am Mittagessenstisch mit Yoko Ono – so nenne ich sie jetzt, weil sie tatsächlich wie Yoko Ono aussieht. Sie ist eine Sannyasin, eine Anhängerin, die Osho noch zu Lebzeiten kannte, der mit nur 59 Jahren eine Biege machte. Etwas weiter neben dem Essensgebäude ist sein Grabstein, es ist eine Art Bagelförmiges Schwimmbecken ohne Wasser, in der Mitte ist ein Baum und ein Schild mit Vogel. Auf dem steht: Osho – Nie geboren – nie gestorben, nur zu Besuch auf diesem Planeten, 11. Dezember 1931 – 19. Januar 1990.
Für alle, denen dieser Planetbesucher Osho nichts sagt: Er war ein indischer Guru mit Wallebart und hypnotischen braunen Augen, der so oft seinen Namen wechselte wie Prince und sich ähnlich wie ein Popstar feiern liess. Er war ein Sexguru, der die Philosophie des Tantra ins alltägliche Leben schubste, er spukte der Scheinheiligkeit unserer Welt ins Gesicht, kritisierte alle möglichen Religionen, bis auf Jesus und Buddha, die fand er spitze. Nach Buddha lehrte er Selbstliebe, Mitgefühl mit seinen Mitmenschen zu haben und im Moment zu leben, was auch bedeutet, loslassen zu lernen. Denn alles was vorbei ist, ist vorbei.
„Osho ist ein erleuchteter Meister, der mit allen Möglichkeiten arbeitet, um den Menschen zu helfen, diese schwierige Phase in der Entwicklung des Bewusstseins zu überwinden.“ – der Dalai Lama
Bevor er als spiritueller Playboy durch die Decke ging, studierte er Philosophie, eckte immer wieder mit seinen Vorgesetzten an, war als Professor tätig und fing während der Lehrzeit an durch Indien zu tingeln, um stundelange rein improvisierte Vorträge zu halten. Er predigte, dass der Wert eines Menschen nicht daran auszumachen ist, was er im Aussen schafft, also wie viele Tindermatches er bekommt, wie geil sein Job oder fein modelliert sein Körper ist, den er/sie dann gerne exzessiv auf Instagram ausstellt, um noch mehr Follower zu bekommen. Dass Ehrgeiz, Druck und Wettbewerb uns kaputt machen würden und man in der Schule lieber unterrichten sollte, sich gegenseitig zu unterstützen, statt dem anderen was zu neiden und immer besser sein zu wollen. Er erklärt, warum man Ehebetten verbrennen sollte und erstmal lernen sollte mit sich selbst, ALLEINE, komplett und glücklich oder zufrieden zu sein, damit man sich nicht zeitlebens auf Partner stürzt und sie wie eine Tafel Schokolade verschlingt, in Hoffnung ein Glücksgefühl zu bekommen, das aber so schnell nachlässt wie ein Zuckerhoch. Da braucht man dann schnell Nachschub.
Ich denke an meine indische Yogalehrerin Jeenal, die bis Mitte 20 niemanden datete, um erst einmal eine starke unabhängige Persönlichkeit zu entwickeln. Das ist in ihren Kreisen so üblich. Wie viel Liebeskummer durch Unreife und Unwissenheit würde uns erspart bleiben, wenn auch wir uns erstmal noch ein Weilchen zurückhalten würden, um uns selbst besser kennenzulernen.
Ich laufe an einem Schild vorbei, dass ich wirklich nach jahrelangem Üben mit Auf und Abs unterschreiben kann. Ich weiss, wie vier Jahre Beziehung gehen, und auch ein Jahrzehnt, und ich weiss, wie sich das plötzliche Ende anfühlt, wenn alles in wenigen Sekunden einstürzt und man wackelt und nicht weiss, wie laufen und atmen alleine gut gehen. Vor sechs Jahren begann meine Reise. Dieses durch die Welt alleine laufen. Nach kürzeren Begegnungen, die ich bewusst verabschiedete, sage ich heute: „Ohne Heimat keine Reise“. Damit meine ich auch die Reise zu mir selbst. Ich habe bei mir selbst angefangen – vom bedürftigen Kleinkindmodus hin zu „Alleine ist es auch ganz schön schön.“ Noch vor einigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, mal ohne Beziehung zu sein. „Alleine atmen, alleine durch die Welt reisen, wie schrecklich…“ Also physisch konnte ich das immer gut, am Ende auch mit jahrlanger Fernbeziehung: Jeder machte sein Ding, verwirklichte sich im Beruf, aber trotzdem war da ja jemand, der einen stützte. Tägliches skypen und telefonieren gaben mir das Gefühl nicht „alleine“ zu sein, und tatsächlich brauchte ich das, um voranzukommen. Viel Feedback und Support gab es in dieser Zeit der Beziehung, und ich bin dankbar dafür. Was ich nicht lernte, war ohne den Halt eines anderen mein Ding durchziehen. Ich bekam dann von heute auf morgen die Chance das zu lernen, und ich tat es. Ich lernte nicht nur mit mir alleine klarzukommen, sondern auch alleine selbstbewusst zu sein. Ich bekam genug Situationen, um zu üben. Als ich aus der Beziehung rausfiel und ich dabei war, mich wie eine zersprungene Teekanne zu flicken, stand schon die Gesellschaft da, die mich mitleidsvoll anglotzte. Auf der Familienfeier wurde beunruhigt gefragt: „Was ist mit Dir? Du siehst doch gut aus, warum hast du denn keinen Mann?“ Die Hausärztin fragte, ob ich denn keinen Kinderwunsch hätte und wies mich daraufhin, dass ich mich beeilen sollte, so nach dem Motto: „Frau Ü 30 ohne Mann und Kinder ist ein viertel Hähnchen, seltsam und wird einsam und alleine sterben.“ Sterben tun wir alle alleine und es liegt nicht in meiner bzw. unserer aller Kontrolle, wie sich ein anderer Mensch verhält. Unsere Kontrolle endet bei uns selbst. Und sowieso Beziehung ist nicht sowas wie in den Laden gehen und sich was neues kaufen, auch wenn viele mit Tinder und co. genau in diese Richtung gehen.
Heute stelle ich fest, dass es doch eher schwierig ist, wenn man nie lernt mal Sonntagsabends mit Pizzaessen und Film kucken alleine auf dem Sofa glücklich zu sein. Stattdessen schummelt man sich von der einen in die nächste Beziehung, ohne einen Atemzug dazwischen zu lassen. Wie ein Kleinkind, das ohne Muttis Hand nicht laufen kann. Selten höre ich einen Satz wie: „Wir stellten beide fest, dass wir nicht mehr glücklich miteinander waren, und beendeten deswegen unsere Beziehung, und jeder von uns hat danach eine Weile alleine gelebt, um das Ende zu verarbeiten.“ Meistens ist es doch so, dass einer schon zweigleisig fuhr, bevor er/sie sich traut das Alte loszulassen. Ich selbst muss mir hier an die Nase packen, und entschuldige mich bei meiner ersten Liebe, die genau das mit mir erlebt hatte.
Osho macht klar: Erst wer alleine durchs Leben zuckeln kann, kann auch zu zweit gut reisen. Wenn der Lieblingsmensch dann eine Strasse weiter ohne uns abbiegt, ist das okay, denn alles ist in ständiger Veränderung und unterliegt, wie gesagt, nicht unserer Kontrolle. Was wiederum nicht heissen soll, dass wir impulsiv abbiegen sollten, wenn die Strasse mal holpert und eine Baustelle kommt. Osho, der auch mal raushaut, dass Ehemänner Dummköpfe sind, ist nie gegen Beziehung gewesen, er findet es sogar gut, wenn man sich mal richtig auf wen einlässt. Er sagt aber auch wie wichtig Freiheit ist, damit Liebe atmen kann. Freiheit ist aber nicht zu verwechseln mit wie ein wilder Vogel impulsiv durch die Gegend zu vögeln, sondern einfach nur keine anhängliche Klette zu sein. In den 80ern sprach er darüber, dass wir in der westlichen Welt zu schnell unsere Partner aussortieren und zu viel belanglosen Sex mit irgendwelchen Menschen haben würden. Was würde Osho heute sagen? Die Tinderhölle, so erfuhr ich, ist sogar unter Reisenden aktiv, die sich für ein paar Stunden treffen, Knick Knack und dann adieu sagen. Ich finde das erschreckend, erklärt aber auch, warum kaum jemand mehr im Café vom Smartphone aufkuckt, egal, ob vor ihm ein balinesisches Reisfeld ist, ein Strand in Indien oder ein leckeres Frühstück in Kuala Lumpur.
Weil fleissige Menschen Oshos Reden abtippten und in Bücher packten, lernte ich ihn vor fünf Jahren kennen durch das Buch „Mut. Lebe wild und gefährlich“. Es geht darum, sich seinem Schiss zu stellen und zu kapieren, dass viele unserer Ängste aufgeblasene Schwabbelmonster sind, die uns nur klein und gefangen halten wollen und uns zuflüstern „Bleibe da, wo du bist“. Auch in Beziehungen bleiben wir oft sehr lange, obwohl wir merken, dass sie nicht mehr echt sind. Dass die Liebe ausgezogen ist, und das Zusammensein nur noch auf Bequemlichkeit beruht und oder auf der Angst, alleine zu enden. Ich selbst habe damals sehr lange in einer Beziehung ausgeharrt, die bis zur Halbzeit absolut gut und wichtig für beide war, aber danach leider nur noch eine Illusion. Aus Schiss „alleine“ zu sein, blieb ich bis das Kartenhaus einstürzte.
Ich treffe bei Osho Tapoban Nina, eine 53 jährige Inderin, aufgewachsen in Nepal, die mit 21 zwangsverheiratet wurde mit einem Inder in New York. Zwischen ihnen gab es weder Verliebtsein, noch Liebe, noch Freundschaft, noch gemeinsame Interessen. Sie respektierten sich. Am Anfang der Ehe haute Nina noch zwei Mal ab zu einer Freundin, dann blieb sie 30 Jahre lang. Dass sie mit 51 den Mut aufbrachte und sich scheiden liess, ist bemerkenswert, aber auch ein Tabu in ihrer Kultur. Sie sagte: „Yvi, jeder redet von dieser Liebe mit den Schmetterlingen im Bauch. Ich möchte das doch auch einmal im Leben erleben.“ Osho sagt: „Folge deinem Herzen und scheue nicht davor ins Ungewisse zu springen!“ Jedes Ende bringt das Ungewisse, vor dem die meisten von uns Schiss haben. Dabei kann das Verlassen der Komfortzone kreativ machen, neue Kräfte freisetzen und Platz für Neues schaffen. Egal ob mit einer Beziehung oder dem Leben allgemein. Mein Sprung ins Ungewisse ist meine Reise. Mein Leben in Leipzig hatte sich durchaus gut angefühlt, aber ich wollte trotzdem einmal im Leben ausbrechen. Seit Jahren träumte ich jede Nacht davon, durch fremde ferne Länder zu zuckeln und Dinge zu sehen, die ich nicht kenne, mir Zeit zu nehmen und mich meinen tiefsten Ängsten mal wirklich zu stellen. Aus Existenzangst schob ich, aber der Wunsch verfolgte mich und quälte mich so lange, bis ich ihm nachgab und ihn zu meinem klassischen Lebenslauf hinzufüge – Abi, Studium, Auslandsjahr, Traumjob in Köln und Traumjob in Halle, alleine auf Weltreise…
Es ist mein „Lebe wild und gefährlich“ Programm und dafür muss ich keine adrenalinbesoffenen Abenteuerexpeditionen machen, es reicht schon ohne die herkömmlichen „Sicherheiten“ eine Weile zu leben. Am Anfang meiner Reise verschanzte ich mich in einer Bambushütte. Sorgensüchtigeschrottgedanken veranstalteten ein Konzert in meinem Kopf, und ich flüchtete mich in die sozialen Netzwerke. Ich wackelte, denn zwei mir bisher äusserst wichtige Säulen waren gefällt. Beziehung und Job. Ich hätte mir vor Jahren niemals vorstellen können ohne beides zu überleben. Nun… ich lebe noch. Und damit ich noch mehr Survivalfeeling abbekam, musste ich meine Wohnung aufgeben, denn meine Hausverwaltung erlaubte Untermiete nicht. Nicht mal, obwohl ich ein Jahr Kaltmiete im Voraus bezahlen wollte. Es sollte wohl definitiv so sein, nix mehr zum Festhalten. Als mein Vater mir half, meine Wohnung aufzulösen und der Herr der Hausverwaltung das goldfarbene Klingelschild mit meinem Namen darauf abmontierte und es mir in die Hand drückte, dachte ich mir hysterisch-euphorisch „Ja gut einmal im Leben sollte man auch das mal erleben.“ Osho würde applaudieren. Die Konfettikanone, die ich in der anderen Hand hielt, vergass ich vor lauter Aufregung zu zünden, sie wartet auf mich zuhause.
Für mich ist auch hier klar „Ohne Heimat – keine Reise“. Meine Heimat ist Leipzig. Viele, die hier in der Oshokommune landen, haben alles hinter sich gelassen oder kommen mit dem alltäglichen Leben und den Gesellschaftsanforderungen nicht klar, oder sie kommen aus ärmlichen Verhältnissen wie einige Nepalesinnen. Oder sie sind echte Meditationsfreaks und haben Bock auf Erleuchtung. Also Erleuchtung strebe ich nicht an, ich bin schon im Alltag erleuchtet wenn ich geile Pommes esse, starken duftenden Kaffee einhauche, ein tolles Konzert besuche oder gute Gespräche führe. Ich mag normales Leben und „normale“ Menschen, was mir auf dieser Reise immer klarer wird.
Die meisten der Osho Anhänger in Kathmandu sind zwar lieb, aber ich habe ein komisches Gefühl. Ein junger grossgewachsener Nepalese lacht sich die komplette Woche lauthals durch den Tag. Seine Augen sind weit aufgerissen, sein Gesicht puterrot. Vielleicht ist er in Oshos Lachwoche hängengeblieben, die ist Teil eines dreiwöchigen Programms. Da muss man eine Woche lang drei Stunden am Tag lachen, auch bzw. gerade wenn man sich hundeelend fühlt.
Etwas weiter in der Ecke grinst sich eine wunderschöne um die 60 Jahre alte Australierin einen. Sie hat sich nach acht Jahren Singledasein in einen 30 Jahre jüngeren Nepalesen verliebt, beziehungsweise er sich in sie. Es sei pure Liebe. Sie möchte Teil der Kommune werden.
Ein gelockter Inder spricht mich an und fragt mich, ob ich auch Schiss vor Beziehungen hätte, und ob ich nicht Lust hätte mit ihm abends eine Runde spazieren zu gehen. Bisschen Sex üben. Ich verneine dreifach.
Yoko Ono möchte wissen, warum ich zum Meditieren gekommen bin. Ich erzählte ihr von meinem nervös hechelnden Herzen, das besonders in der Nacht einen auf „Renn so schnell du kannst“ macht und zwar seit Teenagerzeiten. Ich habe mich trotz meiner Ängste von nichts in meinem Leben abhalten lassen, aber ein rasendes Herz strengt an, macht müde, unausgeglichen und zapft einiges an Energie ab, die ich lieber für andere Dinge verwenden möchte. Sie zitiert Osho: „Es gibt nichts zu fürchten“. Ich weiss das auch, aber mein Nervensystem sieht das, seit ich denken kann, anders. Diese Reise ist auch dazu da, Schluss zu machen mit meinem Panikherzen.
Wochen zuvor hatte ich in einem zehntägigen Bootcamp versucht mein Herz mit der strengen Vipassanameditation zu besänftigen. (Nachzulesen hier unter Be happy – Meditation statt Malediven) Es gelang mir zwar die 130 Stunden zu sitzen und 10 Tage zu schweigen, aber es gelang mir weder die Gedanken abzustellen noch das Herz zu beruhigen, und beides hängt ja zusammen, also so, wie man denkt, so schlägt das Herz. Mein Herz brodelte danach wie ein Vulkan, der kurz davor war auszubrechen. Osho war Fan von Vipassana, sagt aber, dass unsere westlichen Köpfe für stundenlanges Sitzen ohne Vorbereitung nicht gemacht sind. Wir hätten zu viel Mistgedanken im Kopf und damit wir im Stillsitzen nicht explodierten, müssten wir erst unsere Köpfe entleeren – das ist in etwa so wie kacken gehen.
Einmal entleeren bitte!
Fürs Entleeren beziehungsweise Entladen entwickelte Osho eine aktive dynamische Meditationsform, bei der wir unsere Gefühle und angestauten Emotionsmonster wie Angst, Trauer und Wut, die ja in unseren Körperzellen hocken und drauf warten, dass unser Lieblingsmensch, Mutti oder unsere Kollegin den Knopf drückt, erstmal selbst mit Wucht aus unseren Systemen rausschubsen. Und das sieht bekloppt aus. Morgens beginnen wir mit wildem lauten Ein- und Ausatmen dazu die Hände zum Himmel und mit Schmackes zum Brustkorb. Dann müssen wir 15 Minuten durchdrehen: Wir sollen brüllen, weinen, schreien, wonach auch immer uns ist. Eine unfassbare Lautstärke trommelt gegen meine Ohren, dagegen ist ein Motörheadkonzert mellow. Erst stehe ich völlig perplex da und urteile: „Man das ist ein Irrenhaus hier.“ Aber mal ganz ehrlich wer von euch hat nicht auch öfters mal Bock einfach loszuschreien oder gegen etwas zu treten? Im Strassenverkehr lassen ja auch einige Autofahrer ihre angestauten Frustrationen raus. Das ist hier nix anders nur in geschütztem Rahmen und sehr viel bewusster. Ich bin schon nach zwei Minuten brüllen heiser und friedlich. Jetzt hüpfen wir, unsere Arme gehen zum Himmel und wir rufen hu hu hu. Das ist megaanstrengend und dient zur Aktivierung unserer Energie im Powerhouse also Bauch. All das dient auch dazu unser Atemmuster zu durchbrechen, denn die Art des Atmens ist gekoppelt an unsere Gedanken. Ich zum Beispiel atme oft sehr flach und gepresst, was zeigt, dass ich ein bisschen angespannt bin. Dann 15 Minuten Stille gemäss Vipassana.
Nachmittags haben wir dann Kundalini Meditation, eine Praxis aus dem Tantra, um unsere Energie zu verbessern. Nein das hat hier nichts mit Sex zu tun. Hier geht es darum, dem Nachmittagstief und Verspannungen an den Kragen zu gehen. Stehend schütteln wir uns zu niedlicher Glöckchenmusik. Ich finde das besonders gut, weil ich immer noch eine Wirbelsäule habe, die eher einer rostigen Stange gleicht statt einer Feder. Dann tanzen wir und danach sitzen wir wieder still. All das passiert mit geschlossenen Augen, damit keiner sich schämt. Was für ein Bekloppti doch dieser Osho ist, denkt ihr jetzt vielleicht. Ich muss sagen, dass seine Methode wirklich gegen Unruhe und Anspannung hilft. Und wenn Osho es schafft, den Menschen mit seinem Hüpf- und Schreiprogramm ausgeglichener zu bekommen und festgefahrene Muster zu durchbrechen, finde ich das gut. Und erinnern wir uns mal zurück als wir noch kleine Hüppedinger waren, da haben wir uns auch keine Platte gemacht, was die anderen denken. Osho ist für mehr Spass, frei- und durchdrehen und sagt „Ernsthaftigkeit ist eine Krankheit“. Mein Panikherz wurde übrigens untersucht und offiziell als unbedenklich bewertet. Äusserliche Mittelchen würde ich niemals nehmen, genausowenig wie Aufputschmittel, um effektiver arbeiten zu können oder Drogen, damit das Leben spannender wird. Ich denke, was nicht ist, ist nicht und hat seinen Grund. So ein Körper muss das alleine schaffen. Ich stimme meinen Körper auf dieser Reise wie ein Instrument und kucke was passiert durch Yoga, Meditation, Qi Gong, Singen, Tanzen und Wandern immer nach dem Motto: „Raus aus dem Kopf, rein in den Körper“.
Abends wird es noch mal aufregend, ich habe das Gefühl in der Anstalt zu sein, denn alle tragen weisse lange Kittel. Erst gibt es einen Oshovortrag von Band, dann kollektives Raven und Ausrasten zu Technomusik und Hare Krishnasongs und im Hintergrund werden Oshofotos als Slideshow an die Wand gebeamt, zu denen sie mit ihren Händen zum Himmel nach jedem Song Oshoooooooo rufen. An einem Abend hat es dann volles Rohr Sektencharakter. Der Boss der Kommune kommt für einige Tage, um neue Sannyasins zu initiieren. Er drückt seinen Finger an ihre Stirn, ans dritte Auge, hängt ihnen die Mala mit Oshobild um. Dabei weinen, schreien, zittern sie, fallen dann wie tote Fliegen um und bleiben regungslos die nächsten 45 Minuten liegen. Ein rundliches Mädchen läuft mit Kamera rum und filmt es für Facebooklive. Yoko Ono ist erbost, weil das Mädchen es nicht richtig macht. Das ist für mich mal wieder 1 A Esoentertainment.
Swami Anand Arun und der Initiationsritus
Ich bleibe regungslos am Rand sitzen und habe zum Glück Nina an meiner Seite, die wie ich das Spektakel mit offenem Mund betrachtet. Für mich ist klar, dass ich auf keinen Fall länger bleibe als die gebuchten sieben Tage. Nina hat nur fünf Tage Zeit, weil sie busy in New York ist und ihr Freund auf sie wartet. Er ist ein Multimillionär und Kontrollfreak und böse auf sie, weil sie etwas ohne ihn unternimmt und dann auch noch was für sich selbst tut. Sie hat tatsächlich direkt nach der Scheidung, einen alten Freund gedatet, mit dem sie jetzt eine romantische Beziehung führt. Das verliebte Herzklopfen, das sie einmal im Leben erfahren wollte, erlebte sie in den ersten Monaten mit ihm. Jetzt leidet sie nur noch, weil er sie kontrolliert, erniedrigt und seine alten Flammen nicht ganz auspustet. Sie sagt: „Ich möchte die schöne Anfangszeit zurück, jetzt fühle ich mich nur noch erbärmlich bei ihm“.
Eine Weile ohne Beziehung zu sein, kann Nina sich nicht vorstellen, sie grübelt den ganzen Tag, was sie machen kann, damit ihre Beziehung wieder schön wird. Dass es Menschen gibt, die in den ersten Monaten der Eroberung Gas geben und danach den anderen fertig machen nach dem Zuckerbrot und noch mehr Peitsche Prinzip, möchte sie nicht wissen. Sie sucht den Fehler bei sich. Ich empfehle ihr das Buch „Leben mit Picasso“, der zeitlebens grausam zu seinen Frauen war und schenke ihr das Buch von Jane Fonda „Primetime“, worin sie schreibt, sich mit über 60 Jahren von Ehemann Nummer 3 scheiden zu lassen. Denn Jane war immer in Beziehungen und spielte die Rolle, „Frau an der Seite von…“. Die wollte sie einmal im Leben ablegen und kucken wen sie trifft – bei sich selbst. Ninas Ausflug zu Osho ist ein Anfang mal mit sich zu sein. An einem Tag schwänzt sie das Programm, um mit einigen jüngeren Nepalesen zu einem Wasserfall zu wandern. Ein heftiger Regen bricht herein und sie kommt Stunden später aufgeregt zurück. „Das war der schönste Tag in meinem Leben, da war der Wasserfall, die Natur, der Spass mit den anderen, ich bin gerutscht, meine Klamotten sind total durchnässt, sogar Blutegel waren an mir dran. Ich fühlte mich so lebendig“. Und genau darum geht es. Osho sagt, dass der Sinn des Lebens leben ist und zufrieden zu sein, mit dem, was gerade in diesem Moment ist.
Nina lebte die letzten 30 Jahre im Reichtum, Perfektionismuswahn und war immer im Nochmehrerreichenmodus. Nachdem ihre Kinder das Haus verliessen, machte sie ihren Doktor in Pharmazie, wurde Chefin von 85 Mitarbeitern und sie hat sich selbst bei all dem vergessen. Sie habe ihrem Mann gedient, versucht der strengen Schwiegermutter alles recht zu machen, ein Business geführt, die Kinder grossgezogen, dann noch einmal studiert, um noch mehr Anerkennung zu bekommen. Dann kam die Menopause, und sie ist wie ein wütender Vulkan ausgebrochen. Sie sagt: „Ich bin leer und verzweifelt.“ In einer Pause erzählt sie mir von ihrem Leben ausführlich, sie redet über ihre Ehe ohne Liebe, ihren Perfektionismusdrang, ihren Ehrgeiz es allen Beweisen zu wollen, ihre Scheidung und den Kampf um romantische Liebe. Hier lest ihr das Interview.
Oshos Vortrag geht genau darum. Um Menschen wie Nina. Wir alle sind ein Stück Nina: Der Mensch rennt schnell. In den meisten Fällen vor sich weg. Mehr Geld, mehr Fame, mehr Likes, mehr Titel, mehr Klamotten, mehr Romanzen… das ist die Währung, hinter der oft die Leere lauert – wenn man nicht gelernt hat, sich selbst zu mögen und sich selbst zu genügen, wenn echte Selbstliebe fehlt. Und wenn man mal anhält und all das beiseite lässt, kann das zu starken Gefühlen wie Wertlosigkeit, Nutzlosigkeit und Verzweiflung führen. Ich kann das bestätigen. In den ersten Wochen meiner Reise, fühlte ich mich wertlos. Ich fragte mich wer ich nun war, ohne meinen Job beim Radio, ohne Partner, ohne proppevollen Kleiderschrank. Um davor nicht wegzurennen, wählte ich bewusst das Langsamreisen, lange an einem Ort zu bleiben und das aushalten, was ist und das, was meiner Meinung nach nicht ist. Denn die Anwesenheit des Abwesenden kenn ich immer noch gut…wenn ich noch ein Kleid mehr kaufe, dann… wann kommt denn der neue Lieblingsmensch…?
Osho sagt, dass diese chronische Leere niemals gefüllt werden kann, wenn man nicht aufhört zu rennen, um es sich und anderen zu beweisen. Ich denke an den getriebenen Mathematikstudent, der diese Wissenschaft nicht gewählt hat, weil sie ihn brennend interessiert, sondern weil sie die schwerste Wissenschaft der Welt ist. Er leidet täglich unter seinem Ehrgeiz, kann aber nicht anders als sich mit seinen Konkurrenten zu vergleichen und nach dem Professortitel zu hecheln. Den braucht er dringend aus Statusgründen, denn ohne den sei er ein Versager – glaubt er. Erreicht er das Ziel, will sich das Glück trotzdem nicht einstellen. Also wird die nächste Challenge angegangen – Marathon laufen, dann kommt ein Porsche dazu, mit dem er seine Geliebte abholen kann für Spritztouren durch Kalifornien. Das soll nicht heissen, dass man all das nicht anstreben sollte, also Karriere, Karre und ein gutes Leben mit ausreichend Gütern, das kann man durchaus, Osho selbst mochte Kohle und teure Autos und sicher auch ein bisschen das Abgefeiert werden seiner Anhänger. Es ist wie mit den Beziehungen. Dasselbe Prinzip: Ohne Heimat keine Reise. Erst muss man sein Inneres reich machen, dann darf man gerne Karriere & Kohle machen, in seiner heissen Karre durch die Hood fahren und braucht vielleicht gar keine Geliebte mehr, weil man schon satt ist.
Osho erzählte von einem krass reichen alten Mann, der ein Leben in Saus und Braus geführt hatte. Er hatte alles erdenkliche „erreicht“, konsumiert, erlebt und langweilte sich: Also musste der Mount Everest bestiegen werden, (was tatsächlich einige aus Leere und Langeweile machen und damit ihre Guides gefährden, weil sie dazu gar nicht fit genug sind). Als er ankommt und mit seinen schmächtigen Füssen auf dem schneebedeckten Gipfel steht und in den unendlichen Himmel schaut, fällt er in sich zusammen und weint. Das hohle Loch in seiner Brust und Magengegend, dass er seit er ein armer Student war, versucht hatte zu stopfen, war immer noch da. Jahrzehntelang häufte er Dinge und Menschen an auf der Suche nach Glück und Liebe. Nichts konnte ihn nachhaltig befriedigen. Und jetzt hier alleine auf diesem Berg ohne all das drum rum geht ihm ein Licht auf: Er war sein Leben lang auf der Suche nach der Liebe zu sich selbst.
Fall in love with your solitude – Rupi Kaur. Mucho Love for yourself, Yvi
Ich traf Nina in der etwas verrückt anmutenden Osho Tapoban Kommune in den Bergen am Stadtrand von Kathmandu. Dort nahmen wir beide an einer einwöchigen Meditation teil „Neovipassana“ bestehend aus zwei Stunden aktiver Osho Meditation und drei Stunden stille Vipassana Sitzmediation. In einer der kurzen Pausen treffen wir uns auf meinem Zimmer und während Nina mir ihre Lebensgeschichte erzählt, versucht eine Affenfamilie über die offene Balkontür hineinzustürmen. Nicht das einzige Affentheater in dieser Woche wie ihr hier lesen könnt. Nina ist Inderin und aufgewachsen in einer steinreichen indischen Familie in Nepal mit Butler, der ihr morgens Tee an ihr Bett brachte, dann mit 21 wurde sie zwangsverheiratet mit einem indischen Naviguy in Amerika. Sie verfiel dem Perfektionismus, zog zwei Kinder gross, machte den Doktortitel, obwohl alles schon genug anstrengend war, und als ihre Kids das Haus verliessen und ihre Menopause eintrat, kochte sie über vor Wut und bekam ein Burn Out. Nina konnte ihrem Exmann nie sagen, dass sie ihn liebt und wollte dieses Gefühl einmal in ihrem Leben erleben. Nach 30 Ehejahren liess sie sich scheiden, ein Tabu in ihrer Kultur. Bei Osho schlägt sie ziemlich müde und verzweifelt auf und erzählt mir von ihrem Leben in der arrangierten Ehe, vom Ausbrechen, ihrem zwanghaftem Perfektionismus, dem Streben nach Geld, und vom Suchen der romantischen Liebe.
Englisch:
I met Nina at crazy Osho Tapoban Commune in Kathmandu. We took part in a one week Neovipassana course, doing some active Osho Meditation and some classical Vipassana. Nina is Punjabi Indian, she grew up in Nepal in a rich family with a butler that brought her tea to bed every morning. As they had good connections to a rich family in America, she was married to an Indian Navyguy – strictly arranged – and she tried her best. She became a perfectionist, she drew her children up, made career, then a doctor in pharmacy, and when menopause came she got very angry and a burn out. Nina was never able to tell her ex-husband that she loved him, as she did not. So after 30 years of marriage she got divorced, a tabu in her culture. She arrived at Oshos place tired and desperate. She speaks about arranged marriage, getting divorced, her perfectionism, her past urge to make money and about her search for romantic love.
Nina: Nina, that is how I am identified. I am from New York, 53 years old, mother of two beautiful kids. At the moment single (means divorced) and by profession I am a doctor of pharmacy, spent the majority of my married life in New York Pennsylvania, born and brought up in Kathmandu, by birth I am a Panjabi Indian, but Nepalese by citizenship. Now from the last 30 years I am American. I speak four languages, my life has been very unique. I come from an affluent rich family and coming to USA was a beautiful culture shock. I had to learn a lot, had to learn how to speak the language, had to learn accent. I went to US to get married, and it was a strictly arranged marriage, so I had with my husband three brief meetings and that was it. It was all planned organized by the family, it was within relationship, so I was hoping everything would be fantastic, but it was a bit of a rocky road, a struggle, because I was kind of a northpool, he was a southpool and him being also being navy army kind of a guy – very strict and regimented, I was a very free spirited who used to love singing and dancing and full of life. Hiking, biking, trekking I was an outdoor kind of a girl.
Going to USA I had to change my lifestyle altogether. First I was seen as some alien from a kind of third world country, so it was quite a challenge, that was not what Nina is all about I am not an alien, who knows nothing. So I had to proof it to myself and my community and my new familiy. So I put myself through school, went for years to business school, then did some business, made some money and I had kids in the meantime: it was rough raising two children focusing on my career and that was not good enough for myself, I was a very ambitious woman and I started going back to school for a doctor of pharmacy at the age of 37, I graduated 6 years later. It was very rough again, because my environment expected somehow to be a perfectionist. My husband was a perfectionist as my mother in law. It was rough raising to children, trying to make them to two beautiful kids, at the same time keep my husband happy – serving him, serving my mother in law, serving the kids, so pretty much I found myself serving the world and somehow I forgot to take care of myself. So yes, here comes the menopause, unfortunately like in very woman’s life, so the hormones takeover and I was totally burned out to a point that I felt crushed. My relationship with my husband was very civil, but we had nothing in common, we were like two strangers under the same roof. Three times I thought about divorcing him, but then looked at the children and I just couldn’t do it. For the kids I just stayed in the relationship and it was very rough trying to keep a balance not to show it to the kids, that there was any kind of struggle at home. We would never fight in front of the children.
You know when menopause came, I find my kids leaving the nest going to college, there was an emptiness. The combination of the emptiness and the menopause and not having the greatest marriage and on the other side so many expectations of the community the society and financial that stress sort of killed, it pretty much changed me.
It was very bad. I really lost my own identity. I did not even know who I was at that point. The person who was a good mum, good wife, I always had a very powerful job, I was managing 85 people, so having all that and here I find myself totally crushed. The children are gone, the marriage sucked, it was bad. I asked my children, I sat them down I asked my son. “You know my marriage is not been the greatest. How would you feel if I told you that I would like to divorce your father?” his answer was: “Mum, why didn’t you do it 15 years ago?” Even though we didn’t express any anger or frustration at home somehow the kids observe it. I did not expect that at all this kind of answer, and I spoke to my daughter about the same thing and she says: “Mum I know, worked so hard all your life, but you don’t seem happy with yourself, you have only one life to live mum, you do what makes you happy!”
Yvi: What makes you happy?
Nina: I wanted to be like I was in my childhood. The freespirited person who wants to dance, who wants to sing, whenever she wants to sing. Go hiking, biking….I don’t wanna ask. It is rough when you constantly ask for permission to do those things. And not only that permission, there is no time to do that. I feel like I lost my life. It was a rough decision and I decided to break up. Divorce after 30 years of marriage.
Yvi: What does that mean for Indian and Nepalese culture?
Nina: It is a tabu. In Indian culture and in nepalese culture. It took a lot. It is funny a lot of my friends came to me and said “I admire your guts Nina!” Alot of women in our community probably would wanna do the same thing, but who haven’t had the courage to do it. So I did it. Then the emotional balance was extremely rough. So I started going towards yoga, as the unity between mind and body and your soul. I thought maybe that would help me so I pursued with Isha foundation and Sadguru, but it was so rough, because I was constantly so angry at myself for doing what I did. I think the major reason for my divorce was that I lacked that companion.
You know every girl has a dream of falling in love….that fantasyworld never happened to me. I never had any boyfriend before I got married and even after I got married the love was never there. So sadly to say, but in 30 years I could never say to my husband once “I love you”.
Even though it was a civil relationship, the love part was not there. I was lacking that friend. I thought a lot “if 30 years of my life, I have spent like this, do I wanna spent another 30-40 years with this kind of relationship without the kids around anymore? So that is the reason why I decided to move on. And here comes another guy.
I knew this guy for the last 15-20 years, very good friend of mine, I kind of got very attracted to him, and he was also single and available. We had a good talk and we klicked a lot in the beginning and we started dating. It was beautiful, he made me laugh a lot, he did the same thing that I did, hiking, biking, nature, singing, dancing so it was really beautiful, but then kind of reality kicked in again. I thought he was the man of my dream, we were so alike with our personalities . I was also very selfmade woman, very independent always in power, in charge and he is the same guy. He came in this country with two dollars and he made millions out of that. He is very proud of who he is, very reputable in the society. And I think we are so similar that our personalities started clashing.
Yvi: What clashed?
Nina: It was always like what he wanted, when he wanted how he wanted. And Nina had a very hard time digesting this.
Yvi: What is the status quo at them moment with your boyfriend, because in the beginning you said you are single?
Nina: We have been together for almost a year now, but from last six months it has been nothing but fights. It is all about what he wants, when he wants, how he wants, I feel like dictated, and we are 30 years apart (he is 82) so I feel like treated as a child, he tells me what and when to do. What not to do and what I should be doing. And secondly whenever we have plan to go somewhere it is all about his way without even asking me.
Yvi: So he posesses you?
Nina: Very possesive. He is a nice guy, but he thinks he is god, the angel of the community, that he is born to do good for everyone. He is always trying to please people to a point that he is ready to let go of women that he let go.
Yvi: So what does it mean for you now, for your inner life?
Nina: I am having a hard time digesting. He likes to be in contact with his Ex despite me telling him that it does not make me comfortable the way he handles those women. But he does not want to understand. I feel constantly angry with big emotional pain. I do not know how to take care of it.
Yvi: I met and spoke to Jessica Walker a fantastic wise theatre director, actor and yoga teacher, she says “Come back to yourself!” (see the interview here). You have this feeling of anger, you feel lost, you want a companion, it does not work at the moment, so what is important now in life for you?
Nina: Yes. I need to come back to my own self. It is sad, because the reason I divorced my husband, I lacked that romance, that companionship, I thought that new man would be just that, but just that I feel crushed, because all he is doing is to control me, the love is not there, the romance is not there. Whatever reason I left y ex-husband for those things are not there here either. Sad!
Yvi: So now you are here finding out for yourself what makes you happy besides being in contact with this kind of relationships.
Nina: Yes I came to the point with the guy that I thought that I have a mental disorder, so I told the guy to go away. And he did not like that idea, I thought why am I running away and from what and why.
Yvi: Could it be that you run to yourself with doing Vipassana mediation here at Osho?
Nina: Yes. I heard about a bit about Vipassana and I learn it and one thing I get out of Vipassana is awareness of your own mind, your body your thoughts. Basically learning about your own self. And if I am aware of my own being, hopefully that will help me manage my anger. And my pains.
Yvi: You come from a family with money and now you are staying here with this community some people seem to be a little bit crazy, they are freespirited, seem poor, how is it for you?
Nina: Fortunately enough my father was an affluent man and then me working and with my husband we both made decent money I had a very comfortable decent life there as well, but you know I see back I look back and say “What caused all this distraction was partly me running after my career trying to make money to prove to people that “Yes I can be a doctor, I can make decent money.” So that money is somehow now I really getting turned off by. Coming back to nature, today here I went for hiking down the waterfalls I think is one experience of my lifetime. I have never done it in the past, it was mud, dirt, leeches. Rain and all stuff that all uncomfortable things you can imagine I was doing it, but I was laughing and enjoying as if like a child. My child was brought out in me. It was the best experience of my life today and there is no money here no fame, nothing. Just hanging out with countryfolks. And in a small like the tinyiest hut of the hut I am having a cup of hot tea with all these cute people around me. A wonderful experience – money cannot buy this at all!
I reached to that stage in my life, I just want to make enough money, that I can survive. Beyond that I am not interested, I have saved enough for my kids, I can get them married, giving them good education, have enough to retire, no decent living, but I am done running after the money. Coming here to Vipassana was a fantastic experience, I think I am going continue pursuing, wanna learn more about it, wanna continue with yoga and Vipassana and hopefully sooner or later I get over my hormonal imbalance. As far as with this man, I don’t know. Being a perfectionist, I always feel like no matter what you do, first you have to give your 100 percent. First I take care of my angermanagement, my emotional pains, once I am done hopefully successful then I am going to reevalutate my relationship with this guy. I am going to give him a second chance. I wanna be fair to myself and to him I will give him my 100 percent, because I really liked him, and I was able to tell him I love you.
Ein Junge lag gestern mitten im Touristenviertel Thamel auf dem Gehweg. Dem Viertel, wo Verkäufer jeden scannen und auffordern zu kaufen. Auf diesem Gehweg vor diesen Läden lag dieser regungslose Körper. Das Gesicht am Asphalt. Ich schaute hin, überlegte und ging weiter. Wie alle anderen. Dann zog es mich zurück. Ich fragte im Laden, vor dem der Junge lag, was zu tun ist. Eine Nepalesin kuckte mich beschämt an, und erklärte mir, der Junge käme jeden Tag. „Er kommt also jeden Tag, um bewusstlos auf dem Gehweg zu liegen?“ fragte ich. Sie bestätigte. Ich besorgte was zu essen und zu trinken – Traubensaft, Kekse. Wasser. Und kontaktierte Diana Weinert. In Pokhara am Fusse des Himalaya lernte ich sie kennen. Sie kümmert sich ehrenamtlich und auf Eigeninitiative um Strassenkinder in Nepal. Sie gab mir den Kontakt zu einem Kinderhilfswerk in Kathmandu. Ich rief an. Skeptisch aber freundlich wiesen sie mich darauf hin das Dropcenter in Thamel anzurufen. Das wiederum bat mich, die Polizei zu kontaktieren. Zum ersten Mal in meinem Leben wählte ich 101 und nach einigen Minuten Verständigungsschwierigkeiten – „Engliiiiiiish please!“ kapierten sie, was los ist und wo sie hinkommen sollten. Ich wartete und beobachtete die vorbeigehenden Menschen. Eine Asiatin, im Superfashionistastil hielt an, zog ihren Lippenstift nach, machte ein Selfie und registrierte dann, dass vor ihr ein Junge mit verdreckt-zerfetzten Klamotten am Boden lag. Sie schenkte ihm gefühlt eine halbe Sekunde, glotze dann wieder ins Smartphone und ging schliesslich weiter. Eine ältere Dame schlug die Hände vors Gesicht und sagt „Oh my God, my heart breaks!“ Ihr Lover stand ratlos wie ein kleiner Junge hinter ihr. Ich forderte beide auf zu bleiben und zu helfen. Sie gingen weiter. Viele, die die Strasse entlang schlenderten, nahmen den Jungen wahr. Dann stoppte jemand und blieb. Ein Nepalese. Er weckte den Jungen auf. Benommen setzte er sich halbaufrecht hin, sein Gesicht kam zum Vorschein mit einer Wange, die von starken Asphaltabdrücken gezeichnet war. Ich sprach mit ihm, der Nepalese übersetzte. Er heisst Ruslan, ist 11 Jahre alt und hat keine Eltern mehr. Er ist Klebstoffabhängig wie so viele der tausend Strassenkinder in Kathmandu. Sein Blick war milchig-stumpf und schon wieder im Suchtmodus nach dem nächsten Zeug, das seinen Schmerz platt machen soll, darüber, dass familiäre Liebe ihm enthalten bleibt, und dass die meisten Menschen wegschauen. Während er die Herzenkekse verschlang, die ich ihm pathetisch mitgebracht hatte, ahnte er langsam, dass was im Busch war. Die Polizei kam und fuhr mit ihrer fetten Karre an uns vorbei. Ich rief hinterher, aber sie fuhren zu schnell. Dann ein Anruf von ihnen, wo ich denn mit dem Jungen sei. Ich bat sie zurückzufahren. Das machten sie und der Junge checkte die Lage und rannte fort. Erst wankend, dann immer schneller. Er liess Wasser und Saft stehen, die Herzchenkekstüte nahm er mit. Die Polizei kam zwei Minuten zu spät, die vier Beamten fragten mich, ob der Junge ernsthaft – also lebensgefährlich – verletzt sei. Ich sagte ihnen, dass er benommen und mit geschwollener Wange am Boden lag. „Ach, er ist süchtig. Da ist nichts zu machen“ erklärten sie nüchtern mit verschlossenem Herzen. Mitleid spürte ich nicht, dafür mir gegenüber etwas Hohn, dass ich mich um so“was“ kümmere. Ich versuche das nicht zu werten und weiss, dass es unglaublich viele dieser Strassenschicksale gibt. Da müsste die Regierung anpacken mit Geld, Power und Herz.
Diana Weinert aus Köln hat Power und Herz. Sie kommt immer wieder nach Nepal, um Strassenkindern zu helfen.
Jetzt verstehe ich sie umso mehr, warum sie sich einsetzt. Als ich sie vor einigen Wochen auf der Strasse in Pokhara kennenlernte, erzählte sie mir von Ashish, einem Jungen, der am See lebt. Seine Klamotten sind nicht ganz so dreckig und zerfetzt wie die von Ruslan und er scheint auch nicht drogenabhängig zu sein. Noch nicht. Er ist 9 Jahre und von zuhause fortgelaufen. Sein Vater ist alkoholabhängig, die Mutter mit einem anderen Mann fortgegangen. Ashish ist wie ein wilder Hundewelpe. Er lässt sich nicht bändigen. Gefühlt alle Langzeittouris, die sich in Pokhara niedergelassen haben, kennen den Jungen. Er hüpft auf Tischen, rennt umher, reisst einem die Kopfhörer von den Ohren, jammt mit den Hippies und schaut einen mit feurig-begeisterten Augen an.
Diana versucht seit vier Wochen diesen Jungen in ein Kinderdorf bei Pokhara zu bekommen, wo er leben und lernen soll. Sie tut alles dafür Ashish eine „Ausbildungs-Heimat“ zu geben, fuhr immer wieder in den letzten Wochen stundenlang Bus zum Dorf des Vaters, um Papiere zu besorgen, die sie für den Antrag einen Platz für ihn zu bekommen benötigt. An einem Morgen durfte ich sie dann zum Kinderdorf in Bhakunde bei Pokhara begleiten. Ashish sollte auch mit, der war aber wieder verschwunden. Wir gingen also ohne den Jungen dorthin.
Wenn er wüsste wie schön es dort ist, wäre er nicht schon wieder abgehauen. Ein Deutscher betreut dieses Kinderdorf mit seinem „Freundeskreis Nepalhilfe e.V.“ Gelegen in schöner Landschaft mit Garten, Gemüseanbau und Tieren, leben hier aktuell 80 Waisen, Halbwaisen und Kinder aus schwierigen Elternhäusern. Ein guter warmherziger Ort, der den Kindern eine Heimat gibt, von wo aus sie nach Klasse 8 gestärkt und vollgetankt mit wertvollem Wissen weiterfliegen können. Oft auch mit Medaillen und Pokalen. In Karate sind sie spitze. Wie eine 16-Jährige Nepalesin, die mittlerweile in Pokhara lebt, aber regelmässig zu Besuch kommt, um Lehrer Betreuer und Kids wiederzusehen. Es ist eben Familie. Bedenkt man, dass die Hälfte der über 14-Jährigen Nepalesen Analphabeten sind und nur die Hälfte der eingeschulten Kids den Grundschulabschluss schafft, ist das Kinderdorf eine grosse Chance.
„Wie benehme ich mich mit den Nachbarn?“ ist der Unterrichtsstoff
Wir haben die Klassen besucht, alle waren total vertieft im Unterricht: Sie lernen: „Wie benehme ich mich den Nachbarn gegenüber“ oder Wertschätzung: „Wie führe ich ein Gespräch mit meinem Partner?“ Ich dachte, wenn sie aus so krassen Verhältnissen kommen, sind sie vielleicht schwer zu bändigen. Das Gegenteil war der Fall. Sie hatten so Bock aufs Lernen. Nach dem Pausengong dauerte es noch zwei Minuten bis sie die Bücher zuschlugen. Auf dem Schulhof zeichneten sie in mein Heft, einer nach dem anderen. Bangitay, ca. sechs Jahre, zauberte mit dem Bleistift ein Mädchen aufs Papier, wunderschön. Ich fragte ihn, ob er mehr malt und mir was zeigen kann…Am Ende der Pause steht er schüchtern weit von mir entfernt in der Ecke und hält ein Bild in seiner Hand. Ich gehe auf ihn zu und sehe wieder eine Zeichnung von einem langhaarigen Mädchen mit geschwungenen Formen.
Ashish ist im Kopf schon wieder unterwegs
Diese Kinder sind besonders.Vielleicht haben sie begriffen, was es bedeutet hier lernen und leben zu dürfen.
Nachtrag 2021: Ashish geht jetzt in die Sahara Academy, lernt fleißig und spielt viel Fußball!
Wenn ihr das Kinderdorf mit den Kids supporten wollt, dann könnt ihr spenden oder Patenschaften übernehmen oder sogar Mitglied werden im Verein. Ihr findet alles, was ihr wissen wollt auf deren Seite und ein schönes Video von der Atmosphäre.
Wenn Diana nicht gerade Strassenkindern hilft, dann bastelt sie Reisen zusammen, um Menschen Nepal näher zu bringen. Mit Kinderdörfern, Homestays und Gegenden, die Tourifrei sind. Informationen zu Dianas Reisen stecken hier.
Alleine reisen ist toll. Man hat die Gelegenheit noch einmal gründlich durch eine Charakterschule zu gehen und lernt sich immer wieder neu kennen. Ich liebe es, auch mich immer wieder meinen Ängsten zu stellen. Aber für mich gibt es Grenzen. Während ich keine Probleme damit hatte, alleine mit Zug und Nachtbus durch Indien zu zuckeln, zitterten mir die Knie bei der Vorstellung alleine im Himalaya zu trekken. Einige sagten mir, ich wäre ein Schisser. Ja, die Vorstellung alleine durch die Berglandschaft zu laufen, fand ich mega, aber die Info, dass alleine trekken das Einzige ist, was man in Nepal NICHT machen sollte, bremste mich. Auch die Info, dass Menschen verschwinden und/oder in den Bergen sterben. Seit Februar fehlt jede Spur von einer Französin, die alleine los ist zum bekannten Poonhill Trek. Für mich war klar: Alleine mache ich das nicht. Durch Zufall traf ich Trijntje aus meinem 10 Tages Vipassana Meditations Kurs wieder. Mit 18 Jahren ist sie schon alleine den Annapurna Circuit gelaufen. Jetzt ist sie 19 und möchte im Sommer mit ihrem Studium beginnen: Lehrerin werden für das Fach Lebensanschauung / Levensbeschouwing. Dass sie vorher noch einmal 5 Monate alleine reist, ist perfekt, um ihre Gardinen noch weiter zu öffnen. Trijntje liebt es nicht nur viele Menschen kennenzulernen, sie steht auch total darauf, sich ihren Ängsten zu stellen am besten mit Abenteuern. Als ich sie treffe, ist sie dabei, eine Wanderung zu planen in eine der isoliertesten Gegenden Nepals, hochgelegen im Nordwesten. Mit Zelt. Ich bin beeindruckt und deswegen bekommt sie einen Platz hier. Nach dem Gespräch beschliessen wir, dass wir erstmal zusammen den berühmten Poonhill ansteuern und Trijntje dann alleine weiter zum Annapurna Basecamp wandert, dem ABC, als Warm Up für ihren abgefahrenen Wunsch-Trek.
1 Woche später nach dem Gespräch am Poonhill auf 3210 Meter Höhe. Trijntje ist der perfekte Trekkingbuddy für mich.
ENGLISH
Traveling alone is wonderful. You have the possibility of getting to know yourself better in different situations. It is a school for facing fears and shaping your character. I love it, but I have my limits. I had no problem traveling alone by nightbus and train in India, but the idea of trekking alone in the Himalayas in Nepal made me trembling. Some people said that I worry too much, but as I got the information, that only one thing you should not do in Nepal is Trekking Alone, I really feard it. I mean I would love to walk alone through the mountains, but this information and the one about people that are still missing and or dead, were big warnings for me. Since February a French woman, that was very experienced with trekking is missing, she did the popular Poonhill Trek. So I came to the conclusion I will not go trekking alone. Per coincidence I met Trijntje again, she is from my Vipassana Mediation course that I did for 10 days. With 18 years she did the Annapurna Circuit alone. Now with 19 she is going to study soon. In summer she will start to become a teacher in Levensbeschouwing, means worldview. That she is traveling the world now for 5 months is perfect to expand her horizon even more. Trinjntje loves challenging herself and overcoming fears. She is very cool with the world. When I met her in Pokhara she was planning her trek to a remote area with a tent. This time she looks for a partner. I am impressed. After the talk we decided to go together to the popular Poonhill Trek and Trinjntje will stay in the mountains alone for doing the ABC, Annapurna Basecamp as a warm up for her maybe upcoming extraordinary trek. I could not have imagined a better buddy than her.
INTERVIEW
Yvi: Who are you?
My name ist Trijntje Van de Wouw. I am living in the Netherlands. I am travelling in Nepal starting 1,5 months ago and I have like 4-5 months still to travel.
Who I am? That is always a good question. I am a girl who likes adventure, nature, poetry, words, outdoor, meeting people and have nice conversations.
Yvi: When it comes to poetry and words, which sentence do you have in mind now? Maybe you just read something and you thought: “Oh that is great!”
Actually there is one coming in my head, because I just read it 2 days ago. It is “Your soul is the whole universe.” (Trijntjes version from Your soul is the whole world in Siddhartha written by Hermann Hesse). I really like that one, because it is true like everything is inside of you, it is all inside the frame of the body, everything is happening there. If you are feeling good or sad, it is all inside your body.
Yvi: What is your current mood?
My current mood is not so good, because I have been thinking a lot the last 2 days and now I realize how calm and relaxed I was the days before. Now I feel very busy in my head and a little bit anxiety of what I going to do next, about the trekking I want to do.
Yvi: This upcoming project gives you a lot of worries, what is it?
Yeah it is fear. I want to do something that I really really want to do. Trekking in a remote area of Nepal.
Yvi: Why?
I always want to do something unique and to challenge myself more and more. Because if I challenge myself and I do it, I feel good. Maybe it is a little bit my ego, but I also want to go to this special area, because of the Tibetan Buddhism. But I am fearing it, because I don’t want to go alone, and I know I can just go there and meet people just as I did it with the Annapurna Circuit, but in this area named Dolpa there are not a lot of people walking, I don’t know if it is smart to go there, and it is also camping – you don’t meet people for 6 days you need to have your own food – it is a lot for someone who is not so experienced as me.
Yvi: You have already faced some fears in your young life with 19 years. When did you do the Annapurna Circuit?
I just became 18. I had to go for an internship for my study and I just wanted to do something really cool and challenging again. I went on an internship on a rafting company, an outdoor activity company, and after that I had time to travel and so I wanted to do the Annapurna Circuit, but I did not have a lot of fear for that.
Yvi: Why challenges like that?
I had a good childhood for sure, but I struggled with some things and maybe this is also something that makes me stronger, because I know what real fears are, maybe. I had OCD (obsessive-compulsive disorder), I thought a lot, I was overthinking, it is a mental disease, you are obsessed with thinking with things…. When I was younger I was obsessed with counting stairs for example and if you do not count than something is happening… Then I grew over it, and it was gone. But with 14 – they say there are things that can trigger you and let it come back – so at 14 I had it again, much worse. In my head I had to think about things obsessively, it was awful! I did not tell anyone, it was just in my head for 3 years. I did not dare to tell anyone, because I thought nobody will understand me. In that time I had lots of fears and I became stronger and stronger, because I was overwilling this mental thing. And because of that I dare to do a lot of things.
Yvi: So how was the Annapurna Circuit Trek – alone?
Amazing, I started alone. The first 3 days I was alone, there were some people on that trail, but I was, like “Oh that people are not so nice, let’s walk alone, I will meet best people later maybe”. So first 3 days I was alone, it was ok. But after that I got fear like telling me ”You go to the 3000 meters, you need to meet someone, you can’t go alone“. And after few days I met the best people ever, we had the best journey, we walked together for 2 weeks, and we had so much fun. I like the lifestyle like waking up very early, have breakfast and then walk the whole day with great people and then you have the best conversations, because you have time, you walk and around you is the best nature and then you stop walking around 4 pm in the afternoon and then you play games and eat and go to bed early. I love that!
Yvi: Have you ever been in a risky situation where you thought “Ok now it’s enough!”?
Yeah on the Annapurna Circuit Trek one time when I walked alone the first days. I got a little bit lost and then I asked a Nepali man “Hey where should I go?” and there was a dark tunnel in front of me and he walked me through it and he took my hand and he said like “Oh kiss, kiss” and then I was like “Shit: I have to be alert, this is not good.” Nothing happened luckily.
Yvi: The feeling must be great to do the Annapurna Trek, overcoming fears and more and more overcoming fears.. how come that you are with 19 years also at something like Vipassana (Buddhist Meditation)? It is very strong, it is a heavy discipline, 10 days of sitting and more than 10 hours a day meditation, I mean with 19 years you travel to Berlin, you go to Berghain and to big parties and not to Pokhara in the mountains to meditate. How come?
It is strange. I just feel attracted to these things. I wanna find out what makes us humans feel good. I developed interest in Buddhism after I had travelled to Thailand and Nepal with 18, and I found out that the Buddhist philosophy is the best way to calm my mind. Because I had this overthinking and I was always looking for a solution. I found out that how the Buddhist do things like „Just don’t be attached to something, live in the present“ these kinds of things helped me. So I got to Vipassana, and I found out that this technique is really a thing for me to observe my thoughts, and let them flow away. It is just my curiosity. I heard a lot people saying: „You are only 19 what are you doing? You are an old soul!“ It is an interest of me and I follow it!
Yvi: If you would send to your parents a postcard from here right now what would you write?
Huh, I am getting almost emotional. Oh shit. I have tears you will see it on the cards, the drops. I will say that everything is going good here. That I learn a lot, I learn every day. That I found the Vipassana Meditation Technique that it suits me perfect with my overthinking, and that I am living in the present moment a lot. That I think about them also a lot, distance and time it makes you see things clear. Now I see also – I mean I already knew it – but I appreciate more and more how good they are to me and to everyone and I hope they are happy, that is the most important. For me everything is okay here, but I know that their lives are so different with hurry and doing things that they actually don’t want. I hope that they are happy and they should do what their heart is saying..
Yvi: Thank you so much, Be Happy!
Trijntje: Yes, you too!
Hier geht es zum Interview auf SoundCloud. Trijntje talks on SoundCloud with me about her experiences.
Ich liege auf meinem Stahlbett und mache heimlich Bauchmuskelübungen, etwas, wozu ich mich in meiner Freizeit zwingen muss. Nach zwei Minuten ist Schluss, denn meine Zimmergefährtin, Ranjita, eine nepalesische Mutter und Lehrerin in meinem Alter, kommt rein in unsere Kammer, die so klein ist wie eine Gefängniszelle. Sie legt sich kurz hin und starrt an die Decke, das ist erlaubt.
Wir haben schon fünf Stunden Meditation, Frühstück und Mittagessen hinter uns, und es ist erst 12.00 Uhr. Tag 1. Vor uns liegen noch neun Stunden und neun Tage, an denen wir wie Mönche und Nonnen leben. Der Tag von 4-21 Uhr besteht aus Meditieren, Essen, Schlafen und Klo.
Wir sind in den Bergen Nepals, in Pokhara, von wo aus viele Menschen auf Trekkingtouren zum Himalaya hecheln. Das Vipassana Zentrum liegt an einem Abhang, der runter zum Begnas Lake führt. Jeden Tag regnet, hagelt und donnert es. Ich hätte auch auf die Malediven fliegen und mich im Bikini durch den Puderzuckersand räkeln können, ein Mädel im Hostel erzählte mir von einem günstigen 130 Dollar Flug, weil man sich aber immer selbst mitnimmt – egal wohin man geht – war für mich klar, dass ich das Paradies gerade nicht geniessen kann: Innerlich zu sehr zerrissen, feststeckend zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Selbstoptimierung und Selbstzweifeln … ja zum Wegrennen und deswegen blieb ich da, wo ich war. In Buddhas Heimat Nepal – zum Glück. Es ist ein ruhiges, nettes Land mit viel Natur und wenig Hokuspokus, was mir in Indien oft entgegenschwappte. Buddha sass damals unter einem Baum, jammerte nicht rum und war zufrieden mit dem Hier und Jetzt – die Kunst des Lebens, das wollte ich lernen, der erste Grund, warum ich mich für die Vipassana Meditation anmeldete.
Erst kam ich auf die Warteliste. Dann erhielt ich die Mail, ich hätte Glück gehabt und einen der 34 Plätze bekommen. Ich freute mich, fragte mich aber, ob ich überhaupt eine Chance habe, das zu packen, also über hundert Stunden in zehn Tagen zu meditieren ohne durchzudrehen oder einen Bandscheibenvorfall zu bekommen. In dem Moment, wo Zweifel auf mich einstürmten, lief Joëlle aus Luxemburg mir über den Weg. Sie sagte: „Ich bin auf meiner Reise wie in Fähnchen im Wind unterwegs, das reicht mir jetzt, ich bleibe nun in Pokhara, um in ein paar Tagen Vipassana zu machen“. Wir gaben uns High Five und zogen es gemeinsam jeder für sich durch.
Vor 12 Tagen kamen Joëlle und ich beim Dhamma Pokhara Zentrum an und verlassen es nun glücklich und fertig.
Mit in unserem Kurs sind selbstbewusste Menschen zwischen 19 und 50 Jahren: Ärztinnen, Studenten, Mütter, Lehrer, Ex-Knastis, Designer und Weltenbummler wie Jan aus Saarbrücken. Während sein Zwillingsbruder brav daheim studiert, ist er lange wütend auf alles gewesen, hat immer wieder Mist gebaut, ist drei Jahre um die Welt gereist, jetzt mit 21 Jahren hat er Meditation für sich entdeckt und ist peacig drauf. Ich wünschte es gäbe mehr Menschen wie ihn, die mal anhalten und ankucken, was abgeht.
„Ohne Heimat keine Reise“
Vipassana steht für Einsicht oder Klarsicht und ist mit das Härteste, was man sich in Sachen Meditation geben kann. Buddha hat diese Methode erfunden, mit der wir uns von unserem Leiden befreien können, also von unseren nervigen Denkmustern und Gewohnheiten, mit denen wir uns selbst schaden und unglücklich machen. Und dafür müssen wir erstmal leiden, radikal zu uns selbst reisen und aufräumen. Schön das Oberstübchen entrümpeln und durchlüften.
Wir sitzen zwölf Stunden am Tag auf einem uns zugeteilten Kissen, die Beine verknotet wie ein Brezel. Drei Stunden davon müssen wir einen auf Statue machen, also uns gar nicht mehr bewegen, egal, ob eine Fliege unsere Nase als Landeplatz ansteuert oder die Verspannungen im Rücken unerträglich werden….ok, wenn es gar nicht mehr geht und die Knie vor Druckschmerz drohen zu explodieren, ist ein sich kurzes Bewegen in Zeitlupe erlaubt. Das Wichtigste ist, dass der Geist, der wie ein Teich an der Spitze unseres Körpers thront, durch unsere Bewegungen nicht aufgewühlt wird. Deswegen auch keine Crunches oder sonstigen körperlichen Firlefanz in den kurzen Pausen. Das leuchtet mir ein.
Multitasking vs. Fokus
Ich zappele manchmal rum und habe immer tausend Dinge gleichzeitig im Kopf. Auf der Arbeit, beim Radio kann ich das gut gebrauchen, Musik fahren, whatsappen, im Internet surfen, noch einen Ton einspielen und schneiden, reden und dabei noch parallel was lesen… kein Ding. Allerdings bin ich auch oft genauso in meiner Freizeit unterwegs. Morgens habe ich meistens Full Power, dann läuft alles gleichzeitig los, ich reagiere darauf und plötzlich ist der Akku leer, obwohl es erst früher Nachmittag ist. Ich helfe dann mit literweise schwarzen Kaffee nach und mache weiter, so nach dem Motto einer geht noch rein. Hier noch was lesen, da noch ein Foto knipsen, eine Mail beantworten und am Ende des Tages mit dem Smartphone in der Hand einpennen. In der Neon Zeitschrift beim Unnützen Wissen las ich: Das, was wir uns an einem Tag in den Kopf stopfen, gab es früher auf ein ganzes Leben verteilt.
Ich versuche Vipassana auch, um mehr Fokus, mehr Konzentration, mehr Balance zu bekommen und die Erlaubnis mal nur zu Sein, denn ich habe stets das Gefühl, nie genug zu leisten, was mir hier auf dieser Reise immer wieder auf die Füsse fällt. Ein anstrengendes, angstgesteuertes Egoding machte bisher auch auf Reisen die Hintergrundmelodie. Ich lasse ich mich selbst oft nicht in Ruhe und wenn dann Chillen mit schlechtem Gewissen…
ja ja..und …..Be Happy 🙂Wann wurdet ihr zum letzten Mal dafür gelobt, einfach zu sein, statt was spezielles geleistet zu haben? Eben. Vipassana lehrt euch in erster Linie Human Being statt Human Doing zu sein.
Human Being vs. Human Doing
Um vom Human Doing weg zu kommen gibt es erstmal einen Informationsentzug. Smartphone, Kamera, Bücher, Zettel, Stifte geben wir am Eingang ab. Ich freue mich auf diesen Detox. Dazu zehn Tage lang noble silence. Ich muss nicht überlegen, was ich interessantes erzählen könnte, und ich werde nicht vollgelabert. Egal, was kommt, das Schweigen muss eingehalten werden. Ich liebe diese Sabbelpause. Befremdlich für mich ist aber, dass ich die anderen Teilnehmer nicht mehr bewusst ansehen darf und schon gar nicht anlächeln. So ausdruckslos wie unsere Gesichter sind, so schlicht ist das Zentrum. Lediglich kleine „Be Happy!“ Schilder kucken uns an und die grossen fünf Verbote des Buddhismus: Rauschmittel, Lügen, sexuelles Fehlverhalten, Stehlen und Töten.
Das mit dem Töten wird gleich abends an Tag 1 auf die Probe gestellt. Ich muss aufs Klo, und da wartet die grösste Spinne, die ich bisher in meinem Leben sah, auf mich. Schwarz und Tennisballgross hockt sie auf der Klobürste. Ich breche das noble silence und brülle kurz los. Ranjita saust an mir vorbei und ich denke: „Ah sie haut die Spinne kaputt.“ Sie schliesst die Tür und kommt nach zwei Minuten seelenruhig wieder raus. Die Spinne klebt immer noch lebendig an der Bürste, ich glotze Ranjita mit grossen Augen an und breche damit schon wieder die Regel. Ranjita zuckt mit den Schultern, packt die Klobürste samt Spinne und katapultiert diese über den Zaun in den Wald. Sie schafft es auch in den kommenden Tagen einen auf gleichmütige Superninja zu machen ganz à la Vipassana. Egal, was um uns los ist, wir bleiben gleichmütig und gelassen oder versuchen es zumindest. Mal entfernt sie eine Spinne von meinem Bett, mal erhebt sie sich im Gruppen-Meditationsraum und zieht eine Art Ohrenkneifer unter dem Kissen einer hochroten Teilnehmerin hervor, die ihn wohl zuvor an sich hochkrabbeln spürte und kurz hysterisch schnaubte.
Be Happy! So wie Körper auf Kopf reagiert, reagiert Kopf auf Körper. Ihr könnt ihn austricksten, einfach eine Minute lang grinsen und schon denkt der Kopf ihr seid happy
Mind matters most
So wie unser Körper auf einen krabbelnden Ohrenkneifer reagiert, so reagiert er auch auf Gedanken. Körper und Geist gehören zusammen. Allerdings ist Geist der Boss. Er bestimmt, wo es langgeht und welche Sensationen unser Körper hat: Wenn der Kopf auf nervös schaltet, müssen manche von uns mehr aufs Klo. Kommt Wut, drückt der Magen, erschrecken wir uns poltert das Herz. Sehen wir etwas gruseliges, läuft ein Schauer über den Rücken. Unsere Gedanken fliessen in Körperreaktionen und auf die reagieren wir wiederum: „Ich bin traurig, mein Körper fühlt sich dumpf an also greife ich zu Zigaretten oder Schokolade oder Alkohol oder Drogen etc.“ So entwickeln wir Gewohnheiten, mit denen wir uns selbst schädigen. Als ich vor Jahren Kummer hatte, fing ich an zu rauchen. Schnell merkte ich: „Ich kann gar nicht so viel rauchen, wie ich mich fühle.“ Scheisssucht. Ich habe erkannt, dass ich mein emotionales Innenleben nicht über äussere Dinge reparieren kann, und es geht auch gar nicht um das Nikotin, sondern um das Gefühl, was dabei entsteht, wenn man sich eine Zigarette reinzieht. Manche rauchen, um sich eine Dosis Freiheitsgefühl abzuholen, wie der Cowboy auf dem Gaul. Andere greifen zu Drogen wie der Musiker John Frusciante, Ex-Gitarrist der Red Hot Chili Peppers. Durch die Reise nach Innen ist er angeblich von seiner Heroinsucht weggekommen. Bei der Vipassana Meditation hat er gelernt nicht zu reagieren, wenn ein Ohrenkneifer über seinen Kopf krabbelt. Denn wartet man mal ein bisschen ab, geht diese Sensation auch vorüber. Ein guter Trick zum Klarkommen und Seinlassen.
Mit unseren Gedanken, schreiben wir unser Leben selbst. Bei Zweifeln, klappt es oft nicht. Sind wir sicher, gelingen Dinge.
Denk-Detox vs. Monkeymind Madness
Um zu kapieren, was überhaupt in uns vorgeht, brauchen wir scharfe Sinne und ein feines Körperbewusstsein, das weit über – oh meine linke Schulter tut weh hinausgeht. Bevor wir Millimeter für Millimeter unseren Körper scannen und lernen ohne Bewertung seine Sensationen zu beobachten, sollen wir uns an den ersten drei Tagen auf unseren Atem konzentrieren. Und zwar auf die Nasenlöcher, wo er ein und ausströmt. An Tag eins vegetiere ich vor mich hin und penne immer wieder ein. An Tag zwei wirkt der Informationsentzug und ich bin hellwach. Obwohl es erst fünf Uhr morgens ist, läuft meine Denkzentrale auf Hochtouren. Ja ich weiss ich soll mich auf meinen Atem konzentrieren und im Moment bleiben. Aber meine Gedanken sind wie eine Horde Affen auf Ritalin, ich habe das Zeug nie ausprobiert, aber so muss es sein. Ich bin hochkonzentriert und fange im Kopf an zu schreiben. Neue Reisegeschichten, mir fallen so viele Situationen ein, die noch gar nicht beachtet wurden, Zusammenhänge, Ideen, Projekte. Ich könnte platzen vor Energie und guter Laune. Dann lässt die Euphorie nach, ich ziehe meine Stirn zusammen. Mein Kopf saust in die Zukunft und geht in den Grübel-Planungsmodus, wann das Ende der Reise ist und wie es danach weitergeht. Ja Sorgen, um die Zukunft machen, die noch nicht da ist, vergeudete Energie. Aber mein Kopf mag es so sehr, sich zu sorgen.
Plötzlich habe ich Schiss, dass ich durch dieses Meditieren Informationen in meinem Kopf für immer auslösche. Ich gehe meine Passwörter durch. Ah sind noch da. Mein Rücken schmerzt, meine Beine sind taub.
Knipst mal Augen zu und beobachtet, was ihr alles denkt. Das müssten um die 200 Gedanken in fünf Minuten sein. Laut Wissenschaftler denken wir um die 60000 Gedanken am Tag. Der Grossteil davon ist negativ. Ein Monkeymind mit hausgemachter Misere, das oft in der Vergangenheit rumwühlt oder die Zukunft spinnt.
Jetzt springen die Gedanken in die Vergangenheit und schalten auf Drama: Eine Szene, die ich schon tausendfach angekuckt habe. Mein Atem wird flacher und gepresster, mein Herz schrumpft in sich zusammen. Ich erinnere mich: Der Mensch, der mir am nächsten stand, mit dem ich viele Jahre meine Welt teilte, was auch gut war, hatte mich getäuscht und das auf weite lange Strecke, was nicht gut war. Damals konnte ich die vielen Infos, die auf mich einprasselten, kaum verarbeiten. Mein Körper wurde knallheiss und ich hatte das Gefühl in tausend Stücke zu zerbrechen. Das Ende der Beziehung war nicht das Problem, es brachte auch viel Gutes mit sich und heute weiss ich, dass Menschen sich in jeder Sekunde verändern, Wünsche, Erwartungen, Vorlieben..nichts bleibt wie es ist – im Vipassana nennt man es anicca – Unbeständigkeit der Dinge. Das Problem war der Vertrauensbruch, er schraubte sich tief in mein System und veränderte es nachhaltig. Angst, Misstrauen und Zweifel kamen als Gäste, blieben einfach und warteten immer wieder auf eine Bestätigung ihrer Daseinsberechtigung. Auf dieser Reise wollte ich die Denkmonster endgültig rauswerfen, auch ein Grund warum ich beim Vipassana landete.
Selbstwirksamkeit
Ich melde mich an zu einem persönlichen Gespräch mit Khadya Karki, dem gütigen bebrillten 74 Jahre alten Vipassana Lehrer aus Nepal. Ihm wurde seine Frau vor 45 Jahren gebracht, ohne, dass er sie vorher zu Gesicht bekommen hatte. Er ist bis heute mit ihr glücklich und fragt sich, warum wir in der westlichen Welt, die Partner, die wir selber aussuchen dürfen, irgendwann betrügen und oder verlassen. Gute Frage, sehr vielschichtiges Thema. Da prallen natürlich zwei ganz unterschiedliche Welten aufeinander. Für mich ist es erstmal wichtig, wieder Vertrauen zu können. Ich frage ihn, wie ist es anstellen soll. Noch bevor er antwortet, kommt mir eine Situation in den Kopf, die kurz vor meiner Reise in Leipzig passierte. Ich fuhr mit einem verlorenen Weltenbummler Tandem durch Leipzig. Ich kannte ihn schon einige Wochen und meine innere Stimme flüsterte mir mehrmals zu „Pass auf dich auf“. Wir steuerten auf die grosse Kreuzung am Rathaus zu, und er sagte zu mir: „Vertraue mir niemals, nur hier auf dem Tandem.“ Dann düste er mit Highspeed über die rote Ampel in den Gegenverkehr. Es war sehr knapp. Das war der Moment, an dem ich begriff, dass ich die Zügel für mein Leben sofort selbst in die Hand nehmen muss. Ich bin verantwortlich für meine Wahl. Den Zeigefinger auf den Täter zu richten und mich dabei zum Opfer zu machen kann ich mir sparen. Ich muss nicht dem anderen vertrauen, sondern mir selbst. Damit weichen auch Angst, Misstrauen und Zweifel, die das Gegenteil von Liebe sind. Erst dann kann das scheue Herz sich wirklich öffnen…
Und wenn eine Begegnung doof verläuft, kann ich das schade finden, muss aber kein Drama daraus machen, das mich dazu bringt mein Herz auskotzen zu wollen.
Der Lehrer bestätigt, dass Eigenwirksamkeit der Schlüssel ist. Immer wieder zurück zu sich kommen, sich updaten und checken, was gerade Sache ist. Er erwähnt das bekannte chinesische Sprichwort:
We sow a thought and reap an act; We sow an act and reap a habit; We sow a habit and reap a character; We sow a character and reap a destiny.
Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheit.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal
Und er erklärt: „Menschen, die andere bewusst täuschen, schaden in erster Linie sich selbst, sie sind mit sich und ihren Gedanken nicht im Reinen und können so keinen Frieden finden. Das Gesetz der Natur wird ihre Taten richten.“ Was für eine Misere! Meine Wut, weicht dem Mitgefühl.
Morgens an Tag elf wird die Aussichtsplattform geöffnet, jetzt dürfen Männer und Frauen, die am ersten Tag getrennt wurden, wieder aufeinandertreffen. Von den 34 sind noch 27 übrig. Ein Pärchen gab auf, einer wurde gegangen, weil sie ihn beim Essen auf dem Zimmer erwischt hatten, ebenso eine Dame, die sich nicht daran hielt andere nicht zu berühren und zwei Sunnyboys. Nach dem Vortrag zum Thema Liebe – selbstzentriert vs. bedingungslos, machten sie sich vom Acker. Wir schauen auf den See, im Hintergrund versteckt sich der Himalaya hinter einem Nebelschleier. In all den Tagen hat er sich nur einmal gezeigt. Innerhalb einer Stunde klart es mehr und mehr auf bis der Himalaya uns mit seiner Schneemütze anschaut. Ich finde das irre, weil es so ein schönes Bild ist, für das, was beim Vipassana passiert. Erst sind unsere Köpfe vernebelt und verdüstert und dann mit der Zeit klaren sie auf.
Jan rennt wie ein Hundewelpe herum und brüllt: „Ey, ich geh nach Hause, und ich werde was machen, was ich noch nie getan habe. Ich werde meine Eltern umarmen, ich freue mich darauf, ich bin so voller Liebe!“
Be Happy!
Mucho Love, Yvi.
PS. Wenn ihr auch mal sowas machen wollt, Vipassana gibt es auf der ganzen Welt und sogar in Deutschland. Es kostet nichts, ihr bekommt alles gestellt. Essen, Schlafen und Teachings. Es wird durch Spenden finanziert.
Ich bin alleine, hungrig und verloren durch Kathmandu gelaufen.
Schon den ganzen Vormittag über kratzte die Tatsache, keine Romanze zu haben an mir – kleine Stiche der Single-Einsamkeit piksten mich, ausgelöst durch mein neues Zimmer mit 2 Betten, 2 Sesseln und 2 Fenstern.
Die Marktfrauen, bei denen ich am Tag zuvor frittiertes Linsenbrot geschenkt bekommen hatte, waren nicht da. Über Umwege landete ich im versteckten 7 Spices Restaurant.
Eine schöne ältere Dame fragte mich: „Sind sie verheiratet?“ Ich erwiderte: „Nein ich bin alleine.“ Ich erzählte ihr in Kurzform, warum ich derzeit alleine reise. Dass ich lerne, mit mir alleine vollständig glücklich zu sein, denn in erster Linie sind wir alleine. Wir komme alleine, wir gehen alleine, dazwischen führen wir Beziehungen. Mein Motto dabei ist: „Ohne Heimat – keine Reise“. Erst möchte ich lernen mir selbst eine gute Heimat sein, vollgetankt mit Selbstliebe, um dann eine Beziehung führen zu können, die nicht aus dem Grund besteht, nicht alleine sein zu wollen.
Sie sagte: „You are free – you are lucky and you can be happy. You have husband – you have problems.“ Sie stand auf, stoss mit ihrer Kaffeetasse an meine. Eine Geste, die ich sonst gerne mache. Sie nahm mich in den Arm und drückte mir einen Kuss auf die Wange. „I am so happy to meet you“ , sagte sie. Daraufhin nahm ich mein Notizbuch und fing an zu schreiben. Mein erstes Gedicht. Als sie ging, bat ich um ihren Namen. Bhawani Tuladhar: Es stellte sich heraus, dass sie eine nepalesische Poetin ist, die gerade ihre erste Geschichtensammlung veröffentlicht hatte. Hyupa: Darin beschäftigt sie sich mit dem Patriarchat und den Frauen und ihren Problemen in der heutigen Gesellschaft. Warum fühlen gerade wir Frauen uns oft wie ein halbes Hähnchen, wenn wir ohne Mann sind? Eine Frage, der ich auf dieser Reise auf den Grund gehe.
…Alleine…
2 Betten, 2 Sessel, 2 Fenster, 1 Ich. Das Ich fühlt sich beim Betreten des Zimmers halb. Es schaut zu den Fenstern und fragt sich: „Wäre ein Fenster ohne ein zweites nur ein halbes Fenster? Ist ein Bett ohne ein zweites ein halbes Bett? Ein Sessel ohne einen zweiten ein halber Sessel? … Das Ich hebt den Kopf, lächelt und verlässt das Zimmer. Es geht zum Abendessen. Alleine und ganz.
Englische Version// English version
This morning I walked hungry and lost through the streets of Kathmandu.
I was bothered by the fact that I don’t have a romantic relationship at the moment, feelings of loneliness where triggered by my new hotelroom that had two beds, two armchairs and two windows.
The women from the market, where I got yesterday as a welcome-gift bara, nepalese fried lentil bread, were not there. I somehow landed in a small hidden restaurant called 7 spices. A beautiful senior lady asked me: „Are you married?“ I answered: „No“, and explained in a short way why I am traveling alone at the moment. That I am learning, to be with myself one hundred percent happy, to fall in love with my solitude. As in first line we are alone. We come alone, we go alone, in between we connect. My motto also for relationships is: „No journey without a home“. Means I learn to be a good home for myself, full of self-love , to have „romantic“ relationships, that do not exist, because of not wanting to be alone.
She said: „Oh, you are free – you are lucky and you can be happy. You have husband – you have problems.“ She came to me and she toasted with her coffeecup at my coffeecup, a gesture that I always do. She hugged me, gave me a kiss on my cheek and said: „I am so happy to meet you!“ I started to write some sentences in my notebook. My first poem. When she left, I asked for her name. Bhawani Tuladhar. It came out that she is a nepalese poet that just published a first story collection. Hyupa: About women’s issues, the problems they face in the society and about patriarchal mindset. I ask myself: Why do many of us women feel like a half chicken without a guy at our side? This is one thing I think about on my journey. Here is my poem.
…Alone…
2 beds, 2 armchairs, 2 windows, 1 self. When entering the room the self feels being half. It looks to the windows and asks itself: „Would a window without a second window be a half window? Is a bed without a second bed a half bed? An armchair without a second one half?“ … It raises its head, smiles and leaves the room for dinner. Alone and complete.