7 Titanic auf dem Pferd

Titanic Nachspielen auf dem Pferd im Valle de Viñales

Als klar war, dass wir nach Kuba reisen, wusste ich sofort: das wird meine Reitpremiere. Als Setting dafür habe ich mir – wie auch gefühlt 100000 weitere Touristen – Viñales ausgekuckt. Ein Traum. Im Valle de Viñales zu stehen, fühlt sich an wie Teil eines Gemäldes zu sein. Ich reibe mir zum ersten Mal tatsächlich die Augen. Weil es so besonders ist und so eine Ruhe ausstrahlt, und die Natur mit so vielen Farben protzt: Leuchtend rote Erde, drumrum giftgrüne Tabakfelder eingerahmt in krasse mogotes /Kegelkarstberge. Das sind Übrigbleibsel eines Steinklotzes, der vor Millionen Jahren wie ein Schweizer Käse rumthronte und nach und nach in sich zusammenfiel bis nur noch der Rand übrig blieb, wie bei einer Pizza. Im Rand stecken bis heute coole cuevas, Tropfsteinhöhlen, typisches Ziel einer Reittour. Genau da will ich hin, muss aber vorzeitig abbrechen, da es zu anstrengend wird auf zwischenmenschlicher Ebene mit dem caballero / dem Pferdeboy Adrián. Er bietet mir an, mit mir 2 Stunden zu reiten bis zur cueva und zurück für 6 CUC, ca 8 Euro. Super Angebot. Er sagt, ich solle kurz warten dann ginge es los. Halbe Stunde später hat Adrián sein Shirt in ein Hemd getauscht, einen Strohhut auf und riecht nach Aftershave – viel zu intensiv. Ich fühle mich wie bei einem Date. Und liege damit auch nicht ganz falsch.

Er gibt mir das Pferd. Hilft mir beim Aufsteigen und eine Sekunde später sitzt er schon hinter mir auf demselben Pferd. Ich frage, was das soll, ob das Pferd nicht gleich zusammenbricht und wieso wir jetzt zu zweit reiten. Er behauptet, dass wenn ich noch nie geritten bin, er mit aufs Pferd muss. Ok. Weil er harmlos wie ein Milchbubi wirkt, zieh ich das jetzt durch. Dann geht es auch schon los. Ich versuche das mal locker zu sehen. Die Landschaft ist der Knaller. Wir reiten vorbei an Tabakplantagen mit Strohhütten, die aussehen als hätten sie ein Gesicht. Vorbei an Pflanzen die ernsthaft Romeo und Julia heissen, die Corojo Pflanze, aus der auch Zigarren gemacht werden.
Und wo wir schon bei Romeo und Julia sind, ist der Sprung zu Leonardo di Caprio und Kate Winslet in Titanic nicht weit: Adrián sagt zu mir, ich solle meine Schultern mal entspannen, und schon nimmt er meine Arme und macht einen auf Titanic. Arme in den Himmel, locker lassen. Das ist jetzt wie im Film, ich bin perplex. Natürlich werde ich dadurch nicht locker. Diese Szene versetzt mich eher in „IchmussdasPferdverlassen-Bereitschaft“, aber noch gebe ich nicht auf.

Wir reiten zu einer Bananenplantage, wo auch schon Antonio wartet, der ganz scharf darauf ist mir drei verschiedene Bananensorten zu zeigen und nebenbei noch zu klären, ob ich nicht Bock hätte einen kubanischen Farmer als Freund zu haben. Er behauptet, dass die kubanischen Frauen alle hässlich seien, sowieso keine Lust auf Countrymänner hätten, vielmehr ständen sie auf welche, die mit ihnen nach Amerika gehen am besten nach Miami. Er will aber bei seinen Bananen bleiben. So wie Adrián bei seinen Pferden, auf denen er 7 Tage die Woche mit Touristen durchs Tal reitet. Eine Freundin findet auch er nicht.
Und wo man schon mal gar keine Frau hat, will man am besten gleich mehrere: Antonio erklärt mir, dass 1 Frau pro Kubaner nicht reicht. Zeigt auf einen, der am Häuschen hockt, und haut raus, der habe 6 Frauen. Er sei loco /verrückt –  nicht untypisch für kubanische Männer. Ich bleibe cool und sage schnell adiós.

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Weiter geht’s mit Adrián zusammen auf dem Pferd durchs Tal. Er startet jetzt Phase zwei: Will wissen wie alt ich bin (er 25), kommentiert meinen Federohrring als muy bonito /sehr schööön, und fängt an, an meinen Haaren zu fummeln. Ich weise ihn zurecht, mache klar, dass seine Hände so absolut gar nix in meiner Mähne zu suchen haben – auch nicht um festzustellen, dass sie gefärbt sind. Wir stecken in der Landschaft, und ich komme aus der Nummer nicht raus, also versuche ich ruhig zu bleiben, und sage ihm, dass wir nicht bis zur Tropfsteinhöhle reiten sollen, das wäre mir zu weit. Also machen wir uns auf den Rückweg. Als wir an Wildschweinen halten, die aneinander gekuschelt lässig unterm Baum liegen, fragt er mich, ob ich heute abend mit zum Hahnenkampf komme: Ein Happening, bei dem Hähne sich gegenseitig zu Hackfleisch beissen. „ÄÄÄH. Nein“. Ich mache ihm die Ansage, sofort zurückzukehren. Wir reiten stumm zurück. Als wir ankommen, verlangt er 10 CUC statt abgemachte 6 CUC. Ich habe nur einen 10 CUC Schein, ist mir jetzt auch alles egal. Ich gebe ihm das Geld, sag ihm, dass das alles so nicht abgemacht war und gehe. Als er mich später in der Stadt sieht ,kuckt er beschämt zu Seite. Ich bin versöhnt, denn ein Abenteuer war es: Mitten in der kubanischen Pampa Titanic auf einem Pferd spielen.

Das mit dem Reiten probiere ich noch ein zweites Mal aus in Trinidad. Ähnlich absurd. Die Geschichte dazu folgt bald.

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6 Weinende Männer im Geldwahn

Von Havanna nach Viñales sind es 200 Kilometer.

Wir reisen wieder im Taxi Collectivo. Wieder ein altes Auto aus den 50ern. Hier passen irgendwie 10 Leute rein, die Rücksäcke werden auf dem Dach drappiert und in den Kofferraum gequetscht, in dem noch zwei britische Jungs sitzen. Ja – viel Kohle machen, darauf haben die Kubaner Bock, die Fahrt kostet pro Person 20 CUC, also 20 Euro ca., und wenn man das mal 10 rechnet ist – ist das fast ein Jahresgehalt eines Kubaners: verdient in nur drei Stunden!

Mit in der Coche eine Schwedin und ihr Vater.  Sie ist am ganzen Körper voller Pusteln, weil sie das Pech hatte nachts von Bettwanzen besucht zu werden, trotzdem beschwert sie sich nicht, das Reisefieber macht sie so glücklich, dass sie ihren rot gebeulten juckenden Körper mit Anmut erträgt. Dahinter sitzen zwei Paare, ein älteres aus Frankreich, ein jüngeres aus Österreich: Eine symbiotische Reise-Klette(r)n-Liebesbeziehung, in der man sich sogar synchron das Stirnband als Ohrschutz aufzieht, denn in kubanischen Karren zieht es immer, auch mit Fenster zu. Drei Stunden später kommen wir in Viñales an – ohne meine Nasendusche, die ist aus dem Rucksack auf dem Dach rausgeflogen. Etwas unpraktisch, weil man während der Fahrten nicht nur viel Luft ins Gesicht bekommt, sondern der Zweitakter einem auch einiges an Benzin in die Nase schickt. Ich mag aber diese Reiseluft und das tuckern in alten Karren durch die Gegend sehr. Wir fahren in Viñales rein und überall sind kleine bunte Holzhäuser mit Verandas.

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Jeder der 17000 Einwohner des Ortskerns vermietet Zimmer, und so ist es nicht verwunderlich, dass auf die Einwohner noch mal mindestens doppelt so viele Touris kommen. Sie legen sich wie ein Teppich über das Städtchen, das eine atemberaubende Szenerie hat. Das Tal mit seinen knallgrünen Tabakfeldern und roter Erde ist von Kegelkarstbergen umzingelt. Solche Dinger findet ihr sonst nur in Thailand bei Krabi, wo James Bond gedreht wurde oder The Beach mit Leonardo di Caprio.

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Der Fahrer fragt uns, ob wir eine Bleibe haben, denn zur Hauptsaison ist immer alles komplett ausgebucht. Das österreichische Pärchen, das bis dahin alles synchron in Harmonie tat, bekommt einen hysterischen Anfall, weil es sich nicht um eine Bleibe im Vorfeld gekümmert hat. Sie steigt angefressen am Stadteingang aus, er genervt hinterher. Alle anderen lassen sich bei ihren Casas Particulares absetzen.

 

Wir wohnen bei einem netten Ehepaar um die 70. Er war früher Geographielehrer, sie Hausfrau. Sie sind nie weiter gekommen als bis in die nächste Stadt. Mit ihrer Casa Particular haben sie sich ein gutes Business aufgebaut. Im Garten ist ein Haus mit zwei Zimmern. Dazu ein Pool, den aber niemand nutzt, Terrasse auf dem Dach der Hauptcasa, die auch niemand nutzt und eine Bar. Wir sind gerade mal angekommen, sitzen seit einer Minute in einem typisch kubanischen Schaukelstuhl, der vor jedem Zimmer steht, da überrumpelt uns der Sohn unseres Vermieters: Ob wir nicht Bock hätten jetzt gleich in 30 Minuten, mit den beiden Mädels aus dem Zimmer neben uns eine Pferdetour zu machen zu den Höhlen, die für Viñales so typisch sind. 50 CUC pro Person, das ist uns erstens zu teuer (50 Euro) – zweitens haben wir keinen Akku mehr. Wir lehnen dankend ab und sagen: „Quizas mañana“, „vielleicht morgen“. Als wir am nächsten Tag noch mal ablehnen, ignoriert uns der Sohn bis auf weiteres.

Dass die Kubaner Geld machen wollen, lässt sich nicht verbergen. Eines späten Abends kulminiert dieser Wahn in einem Streit. Unser Vermieter streitet sich mit seinem Nachbarn, der rübergekommen ist. Die Stimmen werden schrill, Fauste hauen auf den Tisch, einer weint und schluchzt so laut, dass Schlafen erstmal nicht möglich ist.. Am nächsten Morgen dasselbe Spiel. Es geht um Geld, um uns Touris als Klienten, um ihre Kinder, die auch von was leben müssen. Der Nachbar wirft unserem Vermieter vor, ihm alle Kunden wegzunehmen, indem er seine Casa immer attraktiver macht, indem er anbaut (Pool, Gartenhaus etc.) Da kann der Nachbar nicht mithalten, Und wer Casas Particulares hat, muss jeden Monat hohe Abgaben an Fidels Gang zahlen, egal, ob er was vermietet. Nach dem zweiten Streitgespräch, bei dem wieder Tränen flossen, sitzt der Nachbarn erschöpft mit aufgequollenem hoch rotem Gesicht im Schaukelstuhl.
Der Vater fragt uns, ob wir nicht mit ihm zum berühmten Strand fahren möchten, der 65 Kilometer weit entfernt ist. Cayo Jutias. Möchten wir, aber nicht mit ihm, weil unsere Freunde aus Leipzig auch in der Stadt sind und schon einen günstigen Fahrer klargemacht haben für uns vier. Dass wir mit ihm fahren, dürfen wir natürlich so nicht sagen, weil unser Vermieter sonst traurig oder sonstwas wäre.

Die Fahrt zum Strand Cayo Jutias ist typisch kubanisch: Wir sitzen in einem mintgrünen 50er Jahre Auto, bei dem die Türklinke ab ist, die Fenster nicht mehr richtig schliessen, aber es tuckert so schön durch die Gegend.

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Als wir ankommen, kuckt uns ein Strand an, der mich bis auf weiteres verdirbt. Ich weiss sofort, sowas kommt erstmal nicht wieder: Weisser Puderzuckersand, Palmen, Kokosnüsse, türkisfarbenes Wasser – Cayo Jutias sieht aus wie aus der Raffaelo oder Bacardiwerbung. Traumhafter geht es nicht. Ein Paradies wie ich es nie sah.

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Als wir zurückfahren, lassen wir uns 200 Meter vor unserer Casa absetzen, damit unsere Vermieter nicht mitbekommen, dass wir mit einem anderen Fahrer die Strandtour gemacht haben. Die Pferdetour mache ich einen Tag später auch direkt im Tal bei einem jungen Kubaner. Dass ich dann auf dem Pferd sitze, nicht alleine und einen auf Titanic mache, ungewollt, das hätte ich so nicht erwartet. Diese Story dann nächstes Mal.

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5 Kuba Karussell

Bereits vor der Kubareise wussten wir, dass Thomas aus Leipzig und seine Freundin zur selben Zeit in Havanna sein werden wie wir. Und direkt am ersten Tag laufen wir in seine Arme, die eine dicke Kamera halten. Er fotografiert die Strasse. Thomas war schon öfter in Kuba und kennt sich bestens aus. Wir verabreden uns direkt mal für den nächsten Tag und besuchen den knallbunten Künstler- und Musikerort „Callejon de Hammel“. Graffitis und Kunstobjekte aus Recyclingmaterial und Badewannen in den Wänden begeistern mich, die Masse an Touris eher weniger.  Als Thomas sagt, dass er noch zu einem Freizeitpark will  „Isla de Coco“ am Stadtrand Havannas gelegen, gehen wir  spontan mit. Dort werden wir die einzigen Touristen sein.

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Um dahin zukommen stellen wir uns an die Strasse, ein „Taxi Colectivo“ anhalten. Das sind Sammeltaxis, die durch die Gegend zuckeln. Man zahlt 50 centavos pro Fahrt, knapp 50 Cent, und darf dann so weit mitdüsen wie man will. Weil wir zu viert sind, müssen wir uns aufteilen, denn das erhöht die Chance schnell wegzukommen. Ein angebeulter tannengrüner Oldtimer hält, er hat noch Platz für zwei, also steigen meine Freundin und ich ein. Als wir uns  in die  alten zerschliessenen Sitze fallen lassen, heult der Motor auch schon auf. Thomas ruft dem Fahrer noch schnell zu: „Bring die beiden zur Isla de Coco“.  Und schon braust das Taxi mit uns davon.

In meinem Kopf regnet es Konfetti, mein Herz blubbert: „Was für ein Abenteuer denke ich“, das sind die Momente, in denen ich zu 100 Prozent happy bin. Nicht konkret wissen, wann wir wo ankommen und was uns erwartet.

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Bild von Thomas Meinicke

Es geht quer durch Havanna mit Benzingeruch des Zweitakters in der Nase, der durch die Fenster kriecht, die nicht richtig schliessen können. Leute steigen ein und aus. Oft tragen sie Käppis und Hemden, auf denen was mit Amerika steht. Sie erzählen sich kurze Geschichten, tauschen Befindlichkeiten aus, die Stimmung ist gelassen. Wir verlassen uns auf den Taxifahrer, der Thomas Anweisung hoffentlich korrekt verstanden hat. Und es funktioniert natürlich! Eine Dreiviertelstunde später steigen wir aus. Und warten darauf, dass Thomas und seine Freundin auch ankommen. Als sie nach einer halben Stunde immer noch nicht in Sicht sind, laufen wir einfach mal ganz langsam in irgendeine Richtung los. Es passiert dasselbe wie am Tag zuvor: wir laufen auf Thomas zu, der den Gitarrenspielenden Che, der uns als hübsches Streetartbild von einer Mauer anlächelt, ablichtet.  Wieder  haben wir uns getroffen ohne Telefon. Richtig oldschool sind wir unterwegs.  Gemeinsam laufen wir zum Freizeitpark. In einer kleinen Bude zahlen wir zu viert 6 Cent Eintritt, zusätzlich können wir Tickets für die Karussells kaufen:  jeweils sechs Peso, also 18  Euro-Cent. Dass 80 Prozent von den Bespassungsgeräten nicht mehr in Betrieb sind, macht uns gar nichts aus. An diesem Ort, an dem sich nur sehr wenige Menschen aufhalten (für Kubaner ist der Besuch eines solchen Parks Luxus) ist nicht nur die Zeit stehen geblieben, sondern auch die Karussells. Der Ort strahlt eine nostalgische Ruhe aus, uns kucken bunte verschlafene Konstruktionen an, die nix mehr machen ausser in Würde altern. Vor uns das Kettenkarussell, das längst in Rente ist, so auch die Achterbahn, ein Ufoartiger Bau und die Überkopfschiffschaukel. Wir haben die Wahl zwischen Kinderkarussell und normaler Schiffschaukel und entscheiden uns für Letztere. Mutig nehmen wir auf der hinteren Bank Platz.

Bild von Thomas Meinicke
Bild von Thomas Meinicke

Als die Schiffschaukel sich schwermütig und stöhnend in Bewegung setzt und immer höher schaukelt, wird mir ganz mulmig, weil die Stahlstange auf unseren Beinen nicht fest ist. Je höher die Schaukel durch die Luft pendelt, desto lauter wird das Knarzen. Ich vermute, dass die rostigen Schrauben kurz davor sind einen Abgang gen Himmel zu machen. Ich habe Schiss. Und zwar so richtig. Je höher die Schaukel fliegt – ja es fühlt  jetzt wie lebensmüdes Fliegen an – desto lauter wird die Geräuschkulisse: zum rostigen Knarzen kommt aufgekratztes Teeniegeschrei dazu. Die haben einen Mordsspass und reissen ihre Hände überschwänglich nach oben. Ich habe meine Hände an den Schultern meiner Freundin und führe laut Selbstgespräche, dass ich sowas nie wieder mache usw… 10 Minuten später hat sich das Schiff ausgeschaukelt. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie ein nervöser aufgebrachter Pudding. Meiner Freundin wurde übel und auch KubaKola und Maisflipps, das einzige, was die Freizeitparkkantine anbot, konnten nix mehr gerade biegen. Trotzdem: im Nachhinein war es mega! Und vielleicht würde ich dieses alte Ding noch mal besteigen, kommt darauf an, ob es dann noch munter vor sich hin knarzt oder wie die anderen Karussells längst in Würde altert.

 

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4 In Kuba Klamotten verschenken

Warum es so schwer ist eine Strumpfhose zu kaufen und Sachen zu spenden:

Bevor wir losreisten, sagten uns Freunde, dass wir bitte Klamotten zum verschenken mitnehmen sollen und Kugelschreiber und Seifen. Das machten wir. Als wir dann in Kuba ankommen, treffen wir Kids, die uns ein Seifenstück aus der Hand reissen und sich fast drum prügeln. Wir sehen Kubaner, die mit dem ihnen gerade geschenkten Seifenstück, der Zahnpasta, dem Deo an der nächsten Ecke wieder standen und es verkauften. Dennoch: Wir sind entschlossen unsere 10 Seifen, Kugelschreiber und 5 Kleider, 5 Blusen, Shirts, Handtaschen, Schuhe sinnvoll zu verschenken.

Ist aber irgendwie schwierig:

Im Kindergarten sagen uns die Leiterinnen, dass es ihnen nicht erlaubt ist, etwas von Touristen anzunehmen.

Wir fragen bei der alten zauberhafte Dame mit den grauen Locken im Erdgeschoss unseres Apartmenthauses nach, ob sie Klamotten braucht für Tochter, Enkelkind etc.. Sie sagt, wir sollten ihr zwei Tage Zeit geben, die Sachen für uns zu verticken. Wir machen ihr klar, dass wir gekommen sind, um zu verschenken, nicht um Business zu machen, das scheint sie aber nicht so ganz zu kapieren.

Wir fragen die Freundin eines Bekannten, ob sie was braucht. Sie ist aus Havana und arm. Sie kuckt die Sachen an, nimmt nichts und erklärt uns, sie sei Minimalistin, brauche nicht viel, nur Essen und Kunstmachen. Ich denke aber, es ist für die Kubaner auch beschämend, so angewiesen zu sein, auf die Second Hand Sachen anderer. Ich verstehe, dass sie ablehnt, auch wenn die Klamotten echt noch schön sind und zum Teil ungetragen.

Viele Kubaner nehmen aber doch an, können ja nicht nackig rumrennen: sie tragen Second Hand aus Amerika. Bomberjäckchen „Control“ von John Wood oder Blousons aus den 90s, wie sie in Leipzig gerne gerne von Hippstern spazieren geführt werden. Der Metzger trägt ein Achselshirt in Bonbonfarben mit Florida und Key West drauf.

Am Ende unserer Havanawoche geben wir der Vermieterin unseres Apartments einen Sack voller Klamotten. Sie soll sie gut verteilen für uns. Und es klappt: zumindest bei einem Teil: Eine der Putzfrauen läuft beschwingt in den alten Sandalen meiner Freundin herum – gute Treter mit Silberschnalle, die sie mal für einen Businessjob brauchte. Das freut uns mega. Was aus dem Rest der Sachen wurde, wissen wir nicht, hoffe, aber, dass sie glückliche Trägerinnen gefunden haben.

Glücklich machen können wir ein kleines Mädchen, das uns vom Balkon angrinst: mit einem Kinderduschbad Lillifee und einen pinken Kugelschreiber. Sie schwebt im siebten Himmel. Es ist so krass: wir haben die Wahl zwischen 50 Duschbädern, die bald bestimmt auch zu uns sprechen können, hat der Kubaner oft nur ein kleines Seifenstück.

Die Zeit ist in Kuba bei gefühlt 1950 stehen geblieben. Schlendert man durch Havanna – kucken einem verhungerte Schaufenster an, auf denen steht: „Este es el lugar ideal, encuentre aqui lo que necesita“. „Das ist der ideale Ort, an dem man findet, was man braucht.“ Oder „un mundo de oportunidades“ – eine Welt der Möglichkeiten.“ Offensichtlich braucht man in Havanna nichts, ausser die Möglichkeit zwischen ein paar verstaubten Plastikschuhe auszuwählen: Sie kucken uns an, wie bestellt und nicht abgeholt, um sie herum Leere.
Shoppen ist also schwierig, denn es gibt kaum Läden, und wenn es sie gibt, dann sind sie leer: Sehr zum Leidwesen einer Berlinerin, die nicht damit gerechnet hat, dass es im Februar noch kühl sein kann. Sie fror, weil sie Kleid ohne Strumpfhose reiste. Der Versuch eine zu kaufen, missglückte. Wir trafen sie am Ende der Reise wieder. Immer noch unbestrumpft.

Fündig wird man an der Strasse oder am Hauseingang.

Die Kubaner verkaufen gerne im Flohmarktstil an der Strasse oder mit Aushängen. Manchmal kucken einen beim Vorbeigehen an Hauseingängen, einige paar Schuhe an, die verkauft dann jemand. Oder an einer Tür hängt ein Zettel mit Handschrift drauf, „compro chaqueta“. Kaufe Jacke. Darunter die Telefonnummer… Man wartet, dass jemand eine vorbeibringt. Der Kubaner nimmt, was er bekommt – der absolute Gegensatz zu unserer „Dress for the Moment“ Mentalität, wo wir zwischen Farben, Mustern, Modellen so eine grosse Auswahl haben, dass unsere Köpfe explodieren.
Kuba ist ein Land, in dem es keine Drogeriemärkte gibt, wo der Brotmann noch durch die Strassen düst und man sich das in einem Beutel an einer Schnur auf den Balkon hochzieht, wo es kein Obst und Gemüse im Supermarkt gibt, sondern am Strassenstand, teilweise ohne Unterbau, in Kuba cornern Äpfel und Orangen auf der Bordsteinkante.

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3 Essenssuche in Havanna

Hay cafe

Viven los animales“, Kaffee im kubanischen Wohnzimmer und 8 Schokoriegel für ein kubanisches Monatsgehalt

Wir haben Hunger in Havanna. Elisabeth, bei der wir ein Appartment mieten, versorgt uns jeden Morgen mit Frühstück, danach müssen wir klarkommen. Und das Beschaffen von Nahrung ist erstmal verwirrend. Denn man muss das mit dem Bezahlen schnallen. Wer mit wenig Kohle als Backpacker unterwegs ist, muss manchmal eben auf’s Geld achten, auch wenn die Kubaner denken, dass wir steinreich sind, was wir ja auch irgendwie sind im Gegensatz zu ihnen. Das Geldthema bringt immer wieder Spannungen auf der Reise. Einfach, weil viele Kubaner Knete machen wollen und wir Touris uns dabei wie Geldmaschinen vorkommen.

KOHLE
Es gibt zwei Währungen auf Kuba: Für die Kubaner den Peso Cubano. 1 Euro = 26.19 Kubanische Pesos. Für die Touris den Peso Convertible (CUC). 1 CUC gleich knapp 1 Euro. Um es verwirrend zu machen, haben beide Währungen das Zeichen $. Und sowieso kann man schnell alles durcheinander bringen. Oft steckt ein Fragenzeichen im Kopf: Kostet der Kaffee nun 1 Peso Cubano oder 1 CUC. 1 Euro oder 0,01 Cent? Wir lernen beides geht. Also aufpassen. Für mich so kompliziert wie eine Mathestunde:
In Kuba kann man wie in Deutschland locker 3 Euro für ein Minieis zahlen und 10 Euro für ein Essen. Bedenkt man, dass der Kubaner in der Regel zwischen 15 und 25 Euro im Monat verdient, ist das krass. Wir wollen geben, fühlen uns aber schlecht, abends in Touristenrestaurants abzuhängen und das halbe Monatsgehalt eines Kubaners in einer Stunde zu verspeisen. Um es anders zu machen, brauchen wir den Peso Cubano. Den bekommt man in einer Wechselstube, aber nur mit Reisepass, wenn noch Kohle da ist, wenn der Schaltermensch Bock auf den Tausch hat und wenn man mindestens eine Stunde angestanden hat. Wir haben Glück, bekommen unsere Pesos Cubanos und können ab sofort im echten Kubaleben mitessen. Können Gemüse und Obst kaufen, was es nur an der Strasse für die kubanische Währung gibt.

SNACKEN

Wer sich jetzt aber vorstellt, wir hocken ab sofort in kubanischen Kneipen rum, der irrt. Die Kubaner gehen aus Kostengründen kaum aus, ihre Hot Spots zum mal Ausgehen sind Stände mit Blinklichtern und kleine sehr einfache Läden. Da besorgen sie sich ein Mittagsessen oder einen Snack. Zuverlässig für zwischendurch sind kleine Stände mit matschigen Pizzen und Hot Dogs aus Tupperdosen. Die bekommt man schon für 5 Pesos Cubanos, also nicht mal 20 Cent, oder ein Reisgericht für 25 Pesos Cubanos also knapp 1 Euro.

REIS REIS BABY!!!

Wir gehen in so einen Reisladen rein, es gibt für alle Dasselbe: Reis, Stück Fleisch und Salat. Weil wir kein Fleisch essen, erklären wir der Gang, dass wir nur „Arroz con vegetales“ möchten. Also Reis mit Gemüse. „Klaro“ sagt der Koch und stellt uns einen Teller mit Reis hin, in dem kleine Schinkenstücken baden. Ich kucke verblüfft, der Typ neben mir grinst mich mit einer Hähnchenkeule im Maul an, behauptet, dass Schinken kein Fleisch ist, ich erhebe mich und rufe: „Viven los Animales“, der Typ mit dem Tier im Mund findet das gut, kaut genüsslich weiter und hilft uns dabei, Reis nur mit Gemüse zu bekommen. Wir möchten 25 Pesos Cubanos zahlen wie es am Schild steht, aber der Reismann ist scharf auf den Peso Convertible – auf die Touriwährung. Okay: Er bekommt 1 CUC. Happy über den geparkten Reis im Bauch, wollen wir einen Kaffee drauf trinken.

KAFFEE IM WOHNZIMMER

Wir halten an einem Fenster an mit einem Zettel, auf dem steht: „Hay cafe“ – es gibt Kaffee. Wir rufen durchs Fenster, ein alter Mann öffnet uns die Tür zu seinem dunklen Wohnzimmer und bietet uns Kaffee für einen Peso cubano an, heisst für 0,00… so gut wie geschenkt. Wir nehmen in seinen Schaukelstühlen Platz und bekommen jeder ein dreckiges Glas. Er befüllt es einen halben Zentimeter hoch mit lauwarmen Kaffee aus einer Thermoskanne. Wir hauchen ihn ein – und obwohl es nur ein Tropfen war, geben wir ihm Trinkgeld, weil das mit dem Wohnzimmer und so alles viel zu niedlich ist. Statt 2 zahlen wir 5 Pesos Cubanos.

ABZOCKE IM RESTAURANT

Abends treffen wir Freunde zum Dinner in Fidels Restaurant „Los
Nardos“. Normalerweise ist dort eine Schlange bis zum Mond, wir kommen an, nix los, weil Stromausfall. Die Kellner sagen, dass man nicht weiss, wann der Strom wiederkommt und wir sollten doch zu einem Laden gehen, der Essen für 4 Personen für 30 CUC (30 Euro) anbietet. Wir lassen uns drauf ein, landen in einem Restaurant mit Kellnerinnen im Gogo Look und bekommen wenn überhaupt nur die Hälfte von dem, was auf der Karte steht für den doppelten Preis für 60 CUC. Für uns vier gibt es einen kleinen Salatteller mit ein paar Tomaten und Gurkenscheiben drauf, die anderen zwei statt drei Teller kommen erst nachdem wir freundlich nachhaken, unser Freund möchte Hühnchen, das gibt es aber nur für den Nebentisch, als Nachtisch wählen wir Pudding, bekommen Erdbeereis hingeknallt, der Kaffee fällt aus, ich frage nach, die Kellnerin meint, das mit dem Kaffee hätten wir früher sagen können, wir sollen jetzt sofort bezahlen und gehen. Hä? Auf uns fallen verachtende Blicke. Es liegt eine Spannung in der Luft, die ich so noch nie erlebt habe. Die Kellnerin ist so zickig-aggressiv, dass sie uns fast noch das Tablett ins Gesicht knallt, aber wir sind müde und hungrig angekommen, und finden das jetzt zumindest etwas gesättigt auch irgendwie abgefahren, ein Abend wie im Film. “Eine Kneipe, die man nur mit viel Humor besuchen darf”, schreibt jemand bei Tripadvisor. Stimmt.

https://www.tripadvisor.de/Restaurant_Review-g147271-d16339…

Wir fragen einen netten kubanischen Koch, warum wir oft so
unfreundlich behandelt werden. Er meint, dass die jungen Kubaner/innen hoffnungslos sind, die Wirtschaft sei unten, die Löhne gering und sie sehen, was wir haben, und wollen das auch. Deswegen würden sie uns verachten. Wir verstehen das, es macht die Reise aber nicht einfacher. Wir fühlen uns schlecht und auf eine diffuse Art schuldig und versuchen mitgebrachte Sachen zu verschenken, wie die Reaktionen sind, das in einer nächsten Story.

SUPERMARKT

Nach dem Erlebnis in dem Abzockladen, wollen wir Zeugs für die nächsten Abendbrote im Supermarkt einkaufen und zuhause in der Apartmentküche was kochen. Und der Einkauf bleibt mir besonders im Kopf. Der Supermarkt ist in einem grossen Jugendstil Gebäude „La Epoca“, das hat eine schuppige Fassade und innen sieht aus wie eine Shopping Mall nach einem Giftgasangriff mit wenig Überbleibseln. So wie – es war Krieg und wir haben jetzt das Jahr 2020 – es gibt nur noch das Nötigste. Wasser ist mal nicht dabei, das gibt es zwei Tage lang nicht, in den Bars drum rum dann auch nicht und man trinkt dann eben CubaCola. Um in den Supermarkt reinzukommen, müssen wir unsere Taschen an einem separaten Raum abgeben. Dann dürfen wir am Securitymann vorbei. In den Regalen gibt es gefühlt nur 10 verschiedene Lebensmittel. Kein Obst, kein Brot, kein Gemüse, keine Joghurts, dafür Reis, Nudeln, Öl, Rum, Tomatensauce und Oliven aus Spanien, Rührkuchen, Milch, Kekse, Pringles (normale Chips gibt es nicht). Vieles davon ist in einer Vitrine verschlossen, weil es sehr teuer ist – 4 Euro für Kekse, Thunfisch für 8 , Pringles für 5. Süssigkeiten gibt es nur wie im Tante Emma Laden in Einzelstücken, 1 Lolli, 1 Weingummi, 1 Schokoriegel für 2 Euro umgerechnet. Würde der Kubaner jetzt 8 Riegel kaufen, hätte er sein komplettes Monatsgehalt aufgebraucht. Wahnsinn ist das! Wir kaufen ein, alles wird in weiße Plastiktüten gesteckt, den Kassenbon müssen wir aufbewahren, weil der noch an zwei Stellen von zwei unterschiedlichen Menschen kontrolliert wird, und das, was wir dann mit nach Hause nehmen sind 11 Nahrungsmittel für 31 CUC, also über 31 Euro, also fast zwei Monatsgehälter eines Kubaners. Wir kochen uns ein simples Tomatenoliventhunfischnudelgericht, es schmeckt merkwürdig, denn uns wird klar, dass sich dieses Campingessen kaum ein Kubaner leisten kann.

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