Nach Hampi fuhr ich, um meine Freundin Talia wiederzusehen. Nachdem wir zwei Wochen zusammen Yoga in einem bekannten Ashram im Süden Indiens machten, bin ich alleine lebensmüde nach Gokarna hoch und hatte meine aufregendste Zug- und Nachtbusreise ever. Talia ist weiter nach Hampi, der Stadt, die die meisten auf ihrer Bucketliste haben. Ich gehöre mit zu denen, die urteilen wenn etwas zu sehr gehypt wird: Antike Tempel und Paläste in der Steinwüste ankucken, klang für mich so sexy wie damals mit der 5ten Klasse ins Steinzeitkundemuseum zu gehen – chronische Müdigkeit vorprogrammiert. Da ich Talia aber so sehr mochte, bin ich ihr dann doch noch gefolgt und es war mein bester Impuls.
Hampi stellte sich heraus als das für mich bisher beeindruckendste Fleckchen Indiens. Ich stand mitten in einer Steinwüste, die so aussah als hätten Aliens Lego mit Steinen gespielt: Rundes Geröll chillte auf grossen Felsen in einem Winkel, der dazu einlud, dass es rückwärts wieder runter ging. Tat es aber nicht. Gestapelte Steine übereinander so weit das Auge reichte. Ich glotze mir die Augen fast aus und war so beeindruckt, dass ich meine Mopedfahrangst überwand und mir einen eigenen Scooter mietete. Talia hatte Schiss und fuhr mit Mahec mit, einer taffen Inderin, die sie im Zug nach Hampi kennenlernte und mit der wir einen atemberaubenden Bungalow in den Reisfeldern teilten. Mahec war so alt wie Talia und ich, rauchte Kette, trank vormittags mindestens 10 Chai und mochte mich erstmal nicht. Das merkte ich direkt ab Minute 1. Sie war eine knallharte Politikjournalistin aus Delhi, der Stadt mit der ungesundesten Luft der Welt, und einem System, das es Frauen schwer macht. Das musste sie hart machen, um zu überleben, glaube ich. Sie kämpfte für ihre Unabhängigkeit und hatte strategisch ihren potentiellen Ehemann vergrault. Das fand ich cool, aber dieses Vergraulen lag auch hier in Hampi in der Luft. Wir mussten immer bis mittags warten bis Mahec bereit war Hampi anzukucken und dann war sie hektisch.
Mahec und Talia
Als wir losfuhren – es war meine erste Scooterfahrt ever – fuhr sie mit Talia hinten drauf los als wenn sie von wem verfolgt werden würde. Wurde sie ja auch und zwar von mir. Es war schwer als Fahranfängerin das Tempo zu halten. Nach kurzer Zeit verliess Mahec die Strasse und fuhr mitten in die Steinwüste rein. Es ging über Äste, Geröll, Löcher. Nach einer halben Stunde landeten wir vor einer Felswand, die Sonne brannte und wir mussten umkehren. Als wir die Strasse erreichten, wartete Mahec gar nicht mehr auf mich und zischte mit Talia davon. Mein Reifen zischte auch und begann zu schlingern. Erste Mopedfahrt, erster Platten, welch ein Abenteuer! Ich dachte: „Oh shit. Jetzt bin ich alleine in der Wüste…“ Ich hatte keine indische Simcard, das heisst ich konnte jetzt auch nicht anrufen, musste darauf vertrauen, dass Mahec und Talia merkten, dass ich nicht mehr hinter ihnen war. Das taten sie nicht sofort, aber nach einer Weile kamen sie zurück. Ich hatte noch nie einen Platten und dachte: „Das wird jetzt teuer“. Mahec blieb cool und befahl mir und Talia auf dem Felsen neben den Ziegen zu warten. Wir fanden das toll!
Sie wollte mit dem kaputten Moped ins nächste Dorf fahren. Das bekam sie ohne Probleme hin und drei Stunden später war sie zurück. Die Panne kostete kaum etwas, umgerechnet 3 Euro, die Mahec übernahm. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Zum Sonnenuntergang bestiegen wir dann noch den Hanuman Tempel. Wie sassen zusammen da, lächelten uns an und als die dicke gelebt Kugel einen Abgang machte und der Himmel zartlila schimmerte, wurde Mahec endlich weicher.
Einen Tag später machte ich mich noch mal spätnachmittags alleine mit dem Moped los zu einem Geldautomaten in einem Dorf 30 Kilometer entfernt. Ich bedachte nicht, dass es um 18 Uhr schlagartig dunkel wurde. So musste ich alleine mit meinem Moped in der Dunkelheit zurück. Es war die schönste Mopedfahrt in meinem Leben. Das Gefühl „nachts“ alleine durch Indien zu heizen, überwältigte mich: Zwei Dinge, mit denen ich bis dahin nicht gut konnte, Scooter fahren und in der Dunkelheit alleine unterwegs sein, haben mich auf einmal begeistert.
Ich hatte mir das so easy vorgestellt. Nachdem ich mit Freunden mit einem Taxi morgens um 5 den Hügel hoch nach Sarankot gefahren bin, um mir anzusehen, wie die Sonne aufgeht und dabei um den Himalaya tanzt, entschied ich mich nicht mit dem Auto zurückzurollen, sondern zu Fuss nach Hause durch Landschaft und Dörfer zu spazieren.
Morgens um 6 in Sarankot, noch gut drauf.
Ich wusste, dass eine Strasse in einen Weg mündete, der nach unten zum See ging, wo ich wohnte. Ich lief los und merkte, dass es mehrere Gabelungen und keine Schilder gab. Nach einer Stunde stellte ich fest, dass es kaum runter ging, sondern nur in Serpentinenform von links nach rechts.
Nachdem ich von einigen Dorfbewohnern wie ein Pingpongball hin und her geschickt wurde, reichte es mir.
Nette Dorfbewohnerin
Ich hielt an einem Haus an und fragte die Familie, ob ich nicht einfach querfeldein runtergehen kann, einem ausgetrocknetem Flussbett nach, das von der Richtung her genau auf mein Zuhause treffen müsste. Mit gebrochenem Englisch bejahten sie, und eine Begleiterin tauchte auf. Eine kleine drahtige Bäuerin mit scharfem Blick und einem Stroh-Tragekorb am Rücken, der fast grösser war als sie selbst.
Auch nett, von der rasenden Bäuerin habe ich kein Bild
Sie lief schnellen Schrittes los, ich hinterher. Dazu plapperte sie wie ein Wasserfall auf Nepalesisch. Ich verstand nichts. Nach einigen Minuten tauchten zwei Boys im Gestrüpp auf. Mit erhobenem Buschmesser warnten sie mich vor der Frau. Sie wäre verrückt. Das konnte gut sein, denn sie redete immer schneller, wie ein Spoken Word Artist und droppte immer wieder ein Sprachgemisch aus drei Wörtern „nepalese, rupees und dschungle“. Dann stoppte sie und zog an meiner Halskette. Um sie zu beruhigen, gab ich ihr einen Hundertrupeeschein und rannte davon, die Nepalesin folgte mir. Der Dschungel wurde immer dichter, das trockene Flussbett endete im Gebüsch. Mit Indianerrufen näherten sich uns die Jungs, und es kam zu einem Showdown. Ich fing an zu Brüllen und heulte los. Die Nepalesin wurde ruhiger und gab auf. Die beiden Jungs machten mir den Vorschlag, mir den Weg zum Weg nach unten zu zeigen. Ich verneinte und lief weiter bis zu einem Abhang. Ende. Nun musste ich den beiden vertrauen. Wir liefen zusammen los und sie ermahnten mich, es wäre gefährlich alleine im Dschungel unterwegs zu sein, ein Tourist wäre, wo wir uns befanden, umgebracht worden. Eine Info, die es nicht besser machte. Ich war vollgetankt mit Schiss, mein Herz pumpte. Ich versuchte einen auf cool zu machen und quatschte mit ihnen über Hip Hop und Fussball. Ich erfuhr, dass Prakash und Samir beide 13 Jahre alt sind. Sie sind Bayern München Fans, beste Freunde und leben in einem Dorf am Berg. Prakash erzählte von seiner kranken Mutter, vom Onkel, der das Geld der Familie versäuft und von der Anspannung, die in seinem Zuhause wohnt. Prakash ist deswegen immer unterwegs zusammen mit seinem Kumpel Samir. Samir hat jetzt aber eine Freundin, Prakash möchte keine. Er möchte nur eins: Immer mit seinem besten Freund zusammen sein und vor allem frei sein!
Ich musste daran denken, wie ich vor einigen Wochen in Indien auf dem Arunachalaberg geklettert war.
Blick auf den Arunachaleswara-Tempel, mit einer Ausdehnung von knapp zehn Hektar ist er einer der größten Südindiens.
Drei Stunden ging es steil bergauf. Als ich mit meiner Gruppe in der Mittagshitze wieder abstieg, sass an einem Baum eine Frau, die das mittlere Alter überschritten hatte. Erst dachte ich, sie würde kurz ruhen. Ich ging weiter, um den Anschluss nicht zu verpassen. Dann schwappte ein leises Wimmern zu meinen Ohren herüber. Ich fragte sie, ob sie Hilfe bräuchte: „Ja, Wasser bitte“. Meine Gruppe war nun schon weiter unten, und ich immer noch bei ihr. Nach kurzer Zeit unterhielten wir uns auf Deutsch, bzw. sie auf Schweizerdeutsch. Sie erzählte mir, dass sie seit 25 Jahren in der Schweiz lebt und jedes Jahr nach Indien kommt, weil sie Inderin ist. Sie hätte aber in Indien keine Familienangehörigen mehr. Für ihren Shivabergtrip hatte sie einen Inder angestellt, der sie begleiten sollte und ihre Handtasche trug. Sie war barfuss, und weil sie dem Herren wohl zu langsam war, ist er ohne Rücksicht zu nehmen und ohne sich umzuschauen in seinem Tempo weitergegangen. Ohne sie. Sie hatte Panik und hing wie eine zu weich gekochte Nudel am Baum. Ich gab ihr meinen Arm, sie hakte sich unter, stand auf und setzte in Zeitlupe einen Fuss vor den nächsten. Durch die Mittagshitze waren die Steine aufgeheizt, ihre Füsse qualmten und sie war dehydriert. Auch nach einer halben Flasche Wasser, die ich ihr gab, war sie noch durstig und hungrig, es stellte sich heraus, dass sie morgens um 5 ohne Essen ohne Trinken und ohne Schuhe los ist. Das mit barfuss den Berg besteigen machen viele Inder. Ein Ritual ihrem Gott Shiva zu huldigen.
Die Bergspitze. Spätestens hier müssen alle ihre Schuhe ausziehen.
Ich wurde nervös, auf dem Berg war nun Backofenhitze und sie wollte nicht mehr weitergehen. Nach nur zehn Metern, fragte sie mich, ob wir gleich da sind. Ich machte ihr klar, dass wir in dem Schneckentempo noch Stunden brauchen würden und sie schmelzen wird. Sie jammerte und hatte Angst, ich konnte sie nicht stemmen. Ich wollte runterrennen und den Mann suchen, lief los, sie rief mir verzweifelt mit piepsiger Stimme im Schweizerdeutsch hinterher: „Warten Sie, lassen sie mich nicht alleine“. Ich blieb bei ihr. Dann kam endlich jemand, ein junger Inder. Er war auf den Weg nach oben und setzte sich auf einen Stein. Ich erzählte ihm aufgeregt, dass meine Gruppe weg ist, ich kein Handy habe zum anrufen und dass die Frau nicht mehr gehen kann und wir Hilfe brauchen. Er blieb gechillt und sagte im Predigerton, dass alles gut ist und ich mich nicht Sorgen sollte. Ich solle gehen und er würde auf die Dame Acht geben, indem er sitzen blieb. Irre. Dann wurde tatsächlich alles gut. Denn zwei Männer aus unserer Gruppe, Jannick und Blair, erschienen plötzlich, sie waren auf der Bergspitze länger geblieben und stiegen jetzt erst ab. Perfekt, sie hatten noch Wasser, Orangen, Datteln und Erdnüsse. Dann zeigte die Inderin mit dem Finger in die Ferne: „Da ist er!“ Zu dritt riefen wir nach ihrem Handtaschenträger, und er kam tatsächlich zurück. Auch er hatte Hunger. Nachdem wir beide mit ausreichend Essen und Trinken versorgt hatten, gaben wir dem Taschenträger zu verstehen, dass er sich um die Inderin kümmern musste. Da sie kaum von der Stelle wegzubewegen war, schlugen wir ihm vor erstmal ein paar hundert Meter weiter, die berühmte Meditationshöhle anzusteuern, wo man sich ausruhen konnte. Er versprach es. Die Inderin wollte meinen Kontakt, ich gab ihn ihr nicht, weil ich keine indische SIM Karte hatte und auch keine Geduld mehr, und so verabschiedeten wir uns, ohne unsere Kontakte auszutauschen.
Blair sagte: „Du wirst sie bestimmt wiedersehen so wie du in deiner Geschichte Karma Taxi (klick drauf) einen Taxifahrer in Bangkok durch Zufall wiedergetroffen hast als du dich verlaufen hattest und er dich dann heim brachte.“ Und ich traf sie wieder. Wir verbrachten eine Stunde an der Höhle mit dem Garten, und in dem Moment, an dem wir rausgingen, kam sie uns mit ihrem Handtaschenträger entgegen. Ihr Jammern wich nun einem Lächeln, sie nahm meine Hand und sagte: „Dankeschön, ich hatte so Angst, ich dachte an dem Baum, jetzt ist es vorbei. Sie haben mein Leben gerettet“. Das fand ich nett aber auch pathetisch. Nun gab ich ihr doch meinen Kontakt, nachdem sie nochmals darum bat. Ich erfuhr ihren Namen. Jeya Kovilan. Beim erneuten Abschied sagte sie zu mir: „Wenn man die Gelegenheit bekommt, auf dem Shivaberg, jemanden zu helfen, dann erhält man Gottes Segen.“
Gottes Segen löste ich in Nepal im Dschungel ein. Die Jungs brachten mich zu dem Pfad, der uns runterführte in die Stadt. Klitschnass geschwitzt, mit Kratzern an den Beinen und Sonnenbrand im Gesicht erreichten wir ein Café. Ich kaufte Wasser und Bananenkuchen für uns. Dann begleiteten sie mich noch bis nach Hause. Ich bin ihnen für immer dankbar.
Hab ich mich erschreckt. Mit einem Riesenplatsch macht ein Affe eine Arschbombe auf den Teller von Oshos Yoko Ono. Der Dhal – ein gelber flüssiger Linsenbrei – macht ein Muster auf ihren grossen Brillengläsern, ihrem weinroten Kleid und dem Osho-Plastikbild, das an einer Mala, einer buddhistischen Gebetskette, an ihrem Hals hängt. Auch ich bekomme eine Portion Spritzer auf meinen weinroten Poncho aus Kashmirwolle ab. Es sind 30 Grad, mir ist sehr warm, Dresscode rulez! Dieses Outfit trage ich nun eine Woche lang tagsüber, und ich fühle mich so sexy wie eine verformte Aubergine, die fällig für den Kompost ist. Ich bin bei Osho Tapoban, der Kommune in den Bergen Kathmandus. Es ist die günstigere Version des Ashram in Indien, den Osho damals in den 70er Jahren in Pune aufbaute und der heute zu einem luxuriösen internationalen Meditations- und Selbsterfahrungsresort gewachsen ist. Zu gross für mein Budget, deswegen stecke ich nun in Kathmandu am Mittagessenstisch mit Yoko Ono – so nenne ich sie jetzt, weil sie tatsächlich wie Yoko Ono aussieht. Sie ist eine Sannyasin, eine Anhängerin, die Osho noch zu Lebzeiten kannte, der mit nur 59 Jahren eine Biege machte. Etwas weiter neben dem Essensgebäude ist sein Grabstein, es ist eine Art Bagelförmiges Schwimmbecken ohne Wasser, in der Mitte ist ein Baum und ein Schild mit Vogel. Auf dem steht: Osho – Nie geboren – nie gestorben, nur zu Besuch auf diesem Planeten, 11. Dezember 1931 – 19. Januar 1990.
Für alle, denen dieser Planetbesucher Osho nichts sagt: Er war ein indischer Guru mit Wallebart und hypnotischen braunen Augen, der so oft seinen Namen wechselte wie Prince und sich ähnlich wie ein Popstar feiern liess. Er war ein Sexguru, der die Philosophie des Tantra ins alltägliche Leben schubste, er spukte der Scheinheiligkeit unserer Welt ins Gesicht, kritisierte alle möglichen Religionen, bis auf Jesus und Buddha, die fand er spitze. Nach Buddha lehrte er Selbstliebe, Mitgefühl mit seinen Mitmenschen zu haben und im Moment zu leben, was auch bedeutet, loslassen zu lernen. Denn alles was vorbei ist, ist vorbei.
„Osho ist ein erleuchteter Meister, der mit allen Möglichkeiten arbeitet, um den Menschen zu helfen, diese schwierige Phase in der Entwicklung des Bewusstseins zu überwinden.“ – der Dalai Lama
Bevor er als spiritueller Playboy durch die Decke ging, studierte er Philosophie, eckte immer wieder mit seinen Vorgesetzten an, war als Professor tätig und fing während der Lehrzeit an durch Indien zu tingeln, um stundelange rein improvisierte Vorträge zu halten. Er predigte, dass der Wert eines Menschen nicht daran auszumachen ist, was er im Aussen schafft, also wie viele Tindermatches er bekommt, wie geil sein Job oder fein modelliert sein Körper ist, den er/sie dann gerne exzessiv auf Instagram ausstellt, um noch mehr Follower zu bekommen. Dass Ehrgeiz, Druck und Wettbewerb uns kaputt machen würden und man in der Schule lieber unterrichten sollte, sich gegenseitig zu unterstützen, statt dem anderen was zu neiden und immer besser sein zu wollen. Er erklärt, warum man Ehebetten verbrennen sollte und erstmal lernen sollte mit sich selbst, ALLEINE, komplett und glücklich oder zufrieden zu sein, damit man sich nicht zeitlebens auf Partner stürzt und sie wie eine Tafel Schokolade verschlingt, in Hoffnung ein Glücksgefühl zu bekommen, das aber so schnell nachlässt wie ein Zuckerhoch. Da braucht man dann schnell Nachschub.
Ich denke an meine indische Yogalehrerin Jeenal, die bis Mitte 20 niemanden datete, um erst einmal eine starke unabhängige Persönlichkeit zu entwickeln. Das ist in ihren Kreisen so üblich. Wie viel Liebeskummer durch Unreife und Unwissenheit würde uns erspart bleiben, wenn auch wir uns erstmal noch ein Weilchen zurückhalten würden, um uns selbst besser kennenzulernen.
Ich laufe an einem Schild vorbei, dass ich wirklich nach jahrelangem Üben mit Auf und Abs unterschreiben kann. Ich weiss, wie vier Jahre Beziehung gehen, und auch ein Jahrzehnt, und ich weiss, wie sich das plötzliche Ende anfühlt, wenn alles in wenigen Sekunden einstürzt und man wackelt und nicht weiss, wie laufen und atmen alleine gut gehen. Vor sechs Jahren begann meine Reise. Dieses durch die Welt alleine laufen. Nach kürzeren Begegnungen, die ich bewusst verabschiedete, sage ich heute: „Ohne Heimat keine Reise“. Damit meine ich auch die Reise zu mir selbst. Ich habe bei mir selbst angefangen – vom bedürftigen Kleinkindmodus hin zu „Alleine ist es auch ganz schön schön.“ Noch vor einigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, mal ohne Beziehung zu sein. „Alleine atmen, alleine durch die Welt reisen, wie schrecklich…“ Also physisch konnte ich das immer gut, am Ende auch mit jahrlanger Fernbeziehung: Jeder machte sein Ding, verwirklichte sich im Beruf, aber trotzdem war da ja jemand, der einen stützte. Tägliches skypen und telefonieren gaben mir das Gefühl nicht „alleine“ zu sein, und tatsächlich brauchte ich das, um voranzukommen. Viel Feedback und Support gab es in dieser Zeit der Beziehung, und ich bin dankbar dafür. Was ich nicht lernte, war ohne den Halt eines anderen mein Ding durchziehen. Ich bekam dann von heute auf morgen die Chance das zu lernen, und ich tat es. Ich lernte nicht nur mit mir alleine klarzukommen, sondern auch alleine selbstbewusst zu sein. Ich bekam genug Situationen, um zu üben. Als ich aus der Beziehung rausfiel und ich dabei war, mich wie eine zersprungene Teekanne zu flicken, stand schon die Gesellschaft da, die mich mitleidsvoll anglotzte. Auf der Familienfeier wurde beunruhigt gefragt: „Was ist mit Dir? Du siehst doch gut aus, warum hast du denn keinen Mann?“ Die Hausärztin fragte, ob ich denn keinen Kinderwunsch hätte und wies mich daraufhin, dass ich mich beeilen sollte, so nach dem Motto: „Frau Ü 30 ohne Mann und Kinder ist ein viertel Hähnchen, seltsam und wird einsam und alleine sterben.“ Sterben tun wir alle alleine und es liegt nicht in meiner bzw. unserer aller Kontrolle, wie sich ein anderer Mensch verhält. Unsere Kontrolle endet bei uns selbst. Und sowieso Beziehung ist nicht sowas wie in den Laden gehen und sich was neues kaufen, auch wenn viele mit Tinder und co. genau in diese Richtung gehen.
Heute stelle ich fest, dass es doch eher schwierig ist, wenn man nie lernt mal Sonntagsabends mit Pizzaessen und Film kucken alleine auf dem Sofa glücklich zu sein. Stattdessen schummelt man sich von der einen in die nächste Beziehung, ohne einen Atemzug dazwischen zu lassen. Wie ein Kleinkind, das ohne Muttis Hand nicht laufen kann. Selten höre ich einen Satz wie: „Wir stellten beide fest, dass wir nicht mehr glücklich miteinander waren, und beendeten deswegen unsere Beziehung, und jeder von uns hat danach eine Weile alleine gelebt, um das Ende zu verarbeiten.“ Meistens ist es doch so, dass einer schon zweigleisig fuhr, bevor er/sie sich traut das Alte loszulassen. Ich selbst muss mir hier an die Nase packen, und entschuldige mich bei meiner ersten Liebe, die genau das mit mir erlebt hatte.
Osho macht klar: Erst wer alleine durchs Leben zuckeln kann, kann auch zu zweit gut reisen. Wenn der Lieblingsmensch dann eine Strasse weiter ohne uns abbiegt, ist das okay, denn alles ist in ständiger Veränderung und unterliegt, wie gesagt, nicht unserer Kontrolle. Was wiederum nicht heissen soll, dass wir impulsiv abbiegen sollten, wenn die Strasse mal holpert und eine Baustelle kommt. Osho, der auch mal raushaut, dass Ehemänner Dummköpfe sind, ist nie gegen Beziehung gewesen, er findet es sogar gut, wenn man sich mal richtig auf wen einlässt. Er sagt aber auch wie wichtig Freiheit ist, damit Liebe atmen kann. Freiheit ist aber nicht zu verwechseln mit wie ein wilder Vogel impulsiv durch die Gegend zu vögeln, sondern einfach nur keine anhängliche Klette zu sein. In den 80ern sprach er darüber, dass wir in der westlichen Welt zu schnell unsere Partner aussortieren und zu viel belanglosen Sex mit irgendwelchen Menschen haben würden. Was würde Osho heute sagen? Die Tinderhölle, so erfuhr ich, ist sogar unter Reisenden aktiv, die sich für ein paar Stunden treffen, Knick Knack und dann adieu sagen. Ich finde das erschreckend, erklärt aber auch, warum kaum jemand mehr im Café vom Smartphone aufkuckt, egal, ob vor ihm ein balinesisches Reisfeld ist, ein Strand in Indien oder ein leckeres Frühstück in Kuala Lumpur.
Weil fleissige Menschen Oshos Reden abtippten und in Bücher packten, lernte ich ihn vor fünf Jahren kennen durch das Buch „Mut. Lebe wild und gefährlich“. Es geht darum, sich seinem Schiss zu stellen und zu kapieren, dass viele unserer Ängste aufgeblasene Schwabbelmonster sind, die uns nur klein und gefangen halten wollen und uns zuflüstern „Bleibe da, wo du bist“. Auch in Beziehungen bleiben wir oft sehr lange, obwohl wir merken, dass sie nicht mehr echt sind. Dass die Liebe ausgezogen ist, und das Zusammensein nur noch auf Bequemlichkeit beruht und oder auf der Angst, alleine zu enden. Ich selbst habe damals sehr lange in einer Beziehung ausgeharrt, die bis zur Halbzeit absolut gut und wichtig für beide war, aber danach leider nur noch eine Illusion. Aus Schiss „alleine“ zu sein, blieb ich bis das Kartenhaus einstürzte.
Ich treffe bei Osho Tapoban Nina, eine 53 jährige Inderin, aufgewachsen in Nepal, die mit 21 zwangsverheiratet wurde mit einem Inder in New York. Zwischen ihnen gab es weder Verliebtsein, noch Liebe, noch Freundschaft, noch gemeinsame Interessen. Sie respektierten sich. Am Anfang der Ehe haute Nina noch zwei Mal ab zu einer Freundin, dann blieb sie 30 Jahre lang. Dass sie mit 51 den Mut aufbrachte und sich scheiden liess, ist bemerkenswert, aber auch ein Tabu in ihrer Kultur. Sie sagte: „Yvi, jeder redet von dieser Liebe mit den Schmetterlingen im Bauch. Ich möchte das doch auch einmal im Leben erleben.“ Osho sagt: „Folge deinem Herzen und scheue nicht davor ins Ungewisse zu springen!“ Jedes Ende bringt das Ungewisse, vor dem die meisten von uns Schiss haben. Dabei kann das Verlassen der Komfortzone kreativ machen, neue Kräfte freisetzen und Platz für Neues schaffen. Egal ob mit einer Beziehung oder dem Leben allgemein. Mein Sprung ins Ungewisse ist meine Reise. Mein Leben in Leipzig hatte sich durchaus gut angefühlt, aber ich wollte trotzdem einmal im Leben ausbrechen. Seit Jahren träumte ich jede Nacht davon, durch fremde ferne Länder zu zuckeln und Dinge zu sehen, die ich nicht kenne, mir Zeit zu nehmen und mich meinen tiefsten Ängsten mal wirklich zu stellen. Aus Existenzangst schob ich, aber der Wunsch verfolgte mich und quälte mich so lange, bis ich ihm nachgab und ihn zu meinem klassischen Lebenslauf hinzufüge – Abi, Studium, Auslandsjahr, Traumjob in Köln und Traumjob in Halle, alleine auf Weltreise…
Es ist mein „Lebe wild und gefährlich“ Programm und dafür muss ich keine adrenalinbesoffenen Abenteuerexpeditionen machen, es reicht schon ohne die herkömmlichen „Sicherheiten“ eine Weile zu leben. Am Anfang meiner Reise verschanzte ich mich in einer Bambushütte. Sorgensüchtigeschrottgedanken veranstalteten ein Konzert in meinem Kopf, und ich flüchtete mich in die sozialen Netzwerke. Ich wackelte, denn zwei mir bisher äusserst wichtige Säulen waren gefällt. Beziehung und Job. Ich hätte mir vor Jahren niemals vorstellen können ohne beides zu überleben. Nun… ich lebe noch. Und damit ich noch mehr Survivalfeeling abbekam, musste ich meine Wohnung aufgeben, denn meine Hausverwaltung erlaubte Untermiete nicht. Nicht mal, obwohl ich ein Jahr Kaltmiete im Voraus bezahlen wollte. Es sollte wohl definitiv so sein, nix mehr zum Festhalten. Als mein Vater mir half, meine Wohnung aufzulösen und der Herr der Hausverwaltung das goldfarbene Klingelschild mit meinem Namen darauf abmontierte und es mir in die Hand drückte, dachte ich mir hysterisch-euphorisch „Ja gut einmal im Leben sollte man auch das mal erleben.“ Osho würde applaudieren. Die Konfettikanone, die ich in der anderen Hand hielt, vergass ich vor lauter Aufregung zu zünden, sie wartet auf mich zuhause.
Für mich ist auch hier klar „Ohne Heimat – keine Reise“. Meine Heimat ist Leipzig. Viele, die hier in der Oshokommune landen, haben alles hinter sich gelassen oder kommen mit dem alltäglichen Leben und den Gesellschaftsanforderungen nicht klar, oder sie kommen aus ärmlichen Verhältnissen wie einige Nepalesinnen. Oder sie sind echte Meditationsfreaks und haben Bock auf Erleuchtung. Also Erleuchtung strebe ich nicht an, ich bin schon im Alltag erleuchtet wenn ich geile Pommes esse, starken duftenden Kaffee einhauche, ein tolles Konzert besuche oder gute Gespräche führe. Ich mag normales Leben und „normale“ Menschen, was mir auf dieser Reise immer klarer wird.
Die meisten der Osho Anhänger in Kathmandu sind zwar lieb, aber ich habe ein komisches Gefühl. Ein junger grossgewachsener Nepalese lacht sich die komplette Woche lauthals durch den Tag. Seine Augen sind weit aufgerissen, sein Gesicht puterrot. Vielleicht ist er in Oshos Lachwoche hängengeblieben, die ist Teil eines dreiwöchigen Programms. Da muss man eine Woche lang drei Stunden am Tag lachen, auch bzw. gerade wenn man sich hundeelend fühlt.
Etwas weiter in der Ecke grinst sich eine wunderschöne um die 60 Jahre alte Australierin einen. Sie hat sich nach acht Jahren Singledasein in einen 30 Jahre jüngeren Nepalesen verliebt, beziehungsweise er sich in sie. Es sei pure Liebe. Sie möchte Teil der Kommune werden.
Ein gelockter Inder spricht mich an und fragt mich, ob ich auch Schiss vor Beziehungen hätte, und ob ich nicht Lust hätte mit ihm abends eine Runde spazieren zu gehen. Bisschen Sex üben. Ich verneine dreifach.
Yoko Ono möchte wissen, warum ich zum Meditieren gekommen bin. Ich erzählte ihr von meinem nervös hechelnden Herzen, das besonders in der Nacht einen auf „Renn so schnell du kannst“ macht und zwar seit Teenagerzeiten. Ich habe mich trotz meiner Ängste von nichts in meinem Leben abhalten lassen, aber ein rasendes Herz strengt an, macht müde, unausgeglichen und zapft einiges an Energie ab, die ich lieber für andere Dinge verwenden möchte. Sie zitiert Osho: „Es gibt nichts zu fürchten“. Ich weiss das auch, aber mein Nervensystem sieht das, seit ich denken kann, anders. Diese Reise ist auch dazu da, Schluss zu machen mit meinem Panikherzen.
Wochen zuvor hatte ich in einem zehntägigen Bootcamp versucht mein Herz mit der strengen Vipassanameditation zu besänftigen. (Nachzulesen hier unter Be happy – Meditation statt Malediven) Es gelang mir zwar die 130 Stunden zu sitzen und 10 Tage zu schweigen, aber es gelang mir weder die Gedanken abzustellen noch das Herz zu beruhigen, und beides hängt ja zusammen, also so, wie man denkt, so schlägt das Herz. Mein Herz brodelte danach wie ein Vulkan, der kurz davor war auszubrechen. Osho war Fan von Vipassana, sagt aber, dass unsere westlichen Köpfe für stundenlanges Sitzen ohne Vorbereitung nicht gemacht sind. Wir hätten zu viel Mistgedanken im Kopf und damit wir im Stillsitzen nicht explodierten, müssten wir erst unsere Köpfe entleeren – das ist in etwa so wie kacken gehen.
Einmal entleeren bitte!
Fürs Entleeren beziehungsweise Entladen entwickelte Osho eine aktive dynamische Meditationsform, bei der wir unsere Gefühle und angestauten Emotionsmonster wie Angst, Trauer und Wut, die ja in unseren Körperzellen hocken und drauf warten, dass unser Lieblingsmensch, Mutti oder unsere Kollegin den Knopf drückt, erstmal selbst mit Wucht aus unseren Systemen rausschubsen. Und das sieht bekloppt aus. Morgens beginnen wir mit wildem lauten Ein- und Ausatmen dazu die Hände zum Himmel und mit Schmackes zum Brustkorb. Dann müssen wir 15 Minuten durchdrehen: Wir sollen brüllen, weinen, schreien, wonach auch immer uns ist. Eine unfassbare Lautstärke trommelt gegen meine Ohren, dagegen ist ein Motörheadkonzert mellow. Erst stehe ich völlig perplex da und urteile: „Man das ist ein Irrenhaus hier.“ Aber mal ganz ehrlich wer von euch hat nicht auch öfters mal Bock einfach loszuschreien oder gegen etwas zu treten? Im Strassenverkehr lassen ja auch einige Autofahrer ihre angestauten Frustrationen raus. Das ist hier nix anders nur in geschütztem Rahmen und sehr viel bewusster. Ich bin schon nach zwei Minuten brüllen heiser und friedlich. Jetzt hüpfen wir, unsere Arme gehen zum Himmel und wir rufen hu hu hu. Das ist megaanstrengend und dient zur Aktivierung unserer Energie im Powerhouse also Bauch. All das dient auch dazu unser Atemmuster zu durchbrechen, denn die Art des Atmens ist gekoppelt an unsere Gedanken. Ich zum Beispiel atme oft sehr flach und gepresst, was zeigt, dass ich ein bisschen angespannt bin. Dann 15 Minuten Stille gemäss Vipassana.
Nachmittags haben wir dann Kundalini Meditation, eine Praxis aus dem Tantra, um unsere Energie zu verbessern. Nein das hat hier nichts mit Sex zu tun. Hier geht es darum, dem Nachmittagstief und Verspannungen an den Kragen zu gehen. Stehend schütteln wir uns zu niedlicher Glöckchenmusik. Ich finde das besonders gut, weil ich immer noch eine Wirbelsäule habe, die eher einer rostigen Stange gleicht statt einer Feder. Dann tanzen wir und danach sitzen wir wieder still. All das passiert mit geschlossenen Augen, damit keiner sich schämt. Was für ein Bekloppti doch dieser Osho ist, denkt ihr jetzt vielleicht. Ich muss sagen, dass seine Methode wirklich gegen Unruhe und Anspannung hilft. Und wenn Osho es schafft, den Menschen mit seinem Hüpf- und Schreiprogramm ausgeglichener zu bekommen und festgefahrene Muster zu durchbrechen, finde ich das gut. Und erinnern wir uns mal zurück als wir noch kleine Hüppedinger waren, da haben wir uns auch keine Platte gemacht, was die anderen denken. Osho ist für mehr Spass, frei- und durchdrehen und sagt „Ernsthaftigkeit ist eine Krankheit“. Mein Panikherz wurde übrigens untersucht und offiziell als unbedenklich bewertet. Äusserliche Mittelchen würde ich niemals nehmen, genausowenig wie Aufputschmittel, um effektiver arbeiten zu können oder Drogen, damit das Leben spannender wird. Ich denke, was nicht ist, ist nicht und hat seinen Grund. So ein Körper muss das alleine schaffen. Ich stimme meinen Körper auf dieser Reise wie ein Instrument und kucke was passiert durch Yoga, Meditation, Qi Gong, Singen, Tanzen und Wandern immer nach dem Motto: „Raus aus dem Kopf, rein in den Körper“.
Abends wird es noch mal aufregend, ich habe das Gefühl in der Anstalt zu sein, denn alle tragen weisse lange Kittel. Erst gibt es einen Oshovortrag von Band, dann kollektives Raven und Ausrasten zu Technomusik und Hare Krishnasongs und im Hintergrund werden Oshofotos als Slideshow an die Wand gebeamt, zu denen sie mit ihren Händen zum Himmel nach jedem Song Oshoooooooo rufen. An einem Abend hat es dann volles Rohr Sektencharakter. Der Boss der Kommune kommt für einige Tage, um neue Sannyasins zu initiieren. Er drückt seinen Finger an ihre Stirn, ans dritte Auge, hängt ihnen die Mala mit Oshobild um. Dabei weinen, schreien, zittern sie, fallen dann wie tote Fliegen um und bleiben regungslos die nächsten 45 Minuten liegen. Ein rundliches Mädchen läuft mit Kamera rum und filmt es für Facebooklive. Yoko Ono ist erbost, weil das Mädchen es nicht richtig macht. Das ist für mich mal wieder 1 A Esoentertainment.
Swami Anand Arun und der Initiationsritus
Ich bleibe regungslos am Rand sitzen und habe zum Glück Nina an meiner Seite, die wie ich das Spektakel mit offenem Mund betrachtet. Für mich ist klar, dass ich auf keinen Fall länger bleibe als die gebuchten sieben Tage. Nina hat nur fünf Tage Zeit, weil sie busy in New York ist und ihr Freund auf sie wartet. Er ist ein Multimillionär und Kontrollfreak und böse auf sie, weil sie etwas ohne ihn unternimmt und dann auch noch was für sich selbst tut. Sie hat tatsächlich direkt nach der Scheidung, einen alten Freund gedatet, mit dem sie jetzt eine romantische Beziehung führt. Das verliebte Herzklopfen, das sie einmal im Leben erfahren wollte, erlebte sie in den ersten Monaten mit ihm. Jetzt leidet sie nur noch, weil er sie kontrolliert, erniedrigt und seine alten Flammen nicht ganz auspustet. Sie sagt: „Ich möchte die schöne Anfangszeit zurück, jetzt fühle ich mich nur noch erbärmlich bei ihm“.
Eine Weile ohne Beziehung zu sein, kann Nina sich nicht vorstellen, sie grübelt den ganzen Tag, was sie machen kann, damit ihre Beziehung wieder schön wird. Dass es Menschen gibt, die in den ersten Monaten der Eroberung Gas geben und danach den anderen fertig machen nach dem Zuckerbrot und noch mehr Peitsche Prinzip, möchte sie nicht wissen. Sie sucht den Fehler bei sich. Ich empfehle ihr das Buch „Leben mit Picasso“, der zeitlebens grausam zu seinen Frauen war und schenke ihr das Buch von Jane Fonda „Primetime“, worin sie schreibt, sich mit über 60 Jahren von Ehemann Nummer 3 scheiden zu lassen. Denn Jane war immer in Beziehungen und spielte die Rolle, „Frau an der Seite von…“. Die wollte sie einmal im Leben ablegen und kucken wen sie trifft – bei sich selbst. Ninas Ausflug zu Osho ist ein Anfang mal mit sich zu sein. An einem Tag schwänzt sie das Programm, um mit einigen jüngeren Nepalesen zu einem Wasserfall zu wandern. Ein heftiger Regen bricht herein und sie kommt Stunden später aufgeregt zurück. „Das war der schönste Tag in meinem Leben, da war der Wasserfall, die Natur, der Spass mit den anderen, ich bin gerutscht, meine Klamotten sind total durchnässt, sogar Blutegel waren an mir dran. Ich fühlte mich so lebendig“. Und genau darum geht es. Osho sagt, dass der Sinn des Lebens leben ist und zufrieden zu sein, mit dem, was gerade in diesem Moment ist.
Nina lebte die letzten 30 Jahre im Reichtum, Perfektionismuswahn und war immer im Nochmehrerreichenmodus. Nachdem ihre Kinder das Haus verliessen, machte sie ihren Doktor in Pharmazie, wurde Chefin von 85 Mitarbeitern und sie hat sich selbst bei all dem vergessen. Sie habe ihrem Mann gedient, versucht der strengen Schwiegermutter alles recht zu machen, ein Business geführt, die Kinder grossgezogen, dann noch einmal studiert, um noch mehr Anerkennung zu bekommen. Dann kam die Menopause, und sie ist wie ein wütender Vulkan ausgebrochen. Sie sagt: „Ich bin leer und verzweifelt.“ In einer Pause erzählt sie mir von ihrem Leben ausführlich, sie redet über ihre Ehe ohne Liebe, ihren Perfektionismusdrang, ihren Ehrgeiz es allen Beweisen zu wollen, ihre Scheidung und den Kampf um romantische Liebe. Hier lest ihr das Interview.
Oshos Vortrag geht genau darum. Um Menschen wie Nina. Wir alle sind ein Stück Nina: Der Mensch rennt schnell. In den meisten Fällen vor sich weg. Mehr Geld, mehr Fame, mehr Likes, mehr Titel, mehr Klamotten, mehr Romanzen… das ist die Währung, hinter der oft die Leere lauert – wenn man nicht gelernt hat, sich selbst zu mögen und sich selbst zu genügen, wenn echte Selbstliebe fehlt. Und wenn man mal anhält und all das beiseite lässt, kann das zu starken Gefühlen wie Wertlosigkeit, Nutzlosigkeit und Verzweiflung führen. Ich kann das bestätigen. In den ersten Wochen meiner Reise, fühlte ich mich wertlos. Ich fragte mich wer ich nun war, ohne meinen Job beim Radio, ohne Partner, ohne proppevollen Kleiderschrank. Um davor nicht wegzurennen, wählte ich bewusst das Langsamreisen, lange an einem Ort zu bleiben und das aushalten, was ist und das, was meiner Meinung nach nicht ist. Denn die Anwesenheit des Abwesenden kenn ich immer noch gut…wenn ich noch ein Kleid mehr kaufe, dann… wann kommt denn der neue Lieblingsmensch…?
Osho sagt, dass diese chronische Leere niemals gefüllt werden kann, wenn man nicht aufhört zu rennen, um es sich und anderen zu beweisen. Ich denke an den getriebenen Mathematikstudent, der diese Wissenschaft nicht gewählt hat, weil sie ihn brennend interessiert, sondern weil sie die schwerste Wissenschaft der Welt ist. Er leidet täglich unter seinem Ehrgeiz, kann aber nicht anders als sich mit seinen Konkurrenten zu vergleichen und nach dem Professortitel zu hecheln. Den braucht er dringend aus Statusgründen, denn ohne den sei er ein Versager – glaubt er. Erreicht er das Ziel, will sich das Glück trotzdem nicht einstellen. Also wird die nächste Challenge angegangen – Marathon laufen, dann kommt ein Porsche dazu, mit dem er seine Geliebte abholen kann für Spritztouren durch Kalifornien. Das soll nicht heissen, dass man all das nicht anstreben sollte, also Karriere, Karre und ein gutes Leben mit ausreichend Gütern, das kann man durchaus, Osho selbst mochte Kohle und teure Autos und sicher auch ein bisschen das Abgefeiert werden seiner Anhänger. Es ist wie mit den Beziehungen. Dasselbe Prinzip: Ohne Heimat keine Reise. Erst muss man sein Inneres reich machen, dann darf man gerne Karriere & Kohle machen, in seiner heissen Karre durch die Hood fahren und braucht vielleicht gar keine Geliebte mehr, weil man schon satt ist.
Osho erzählte von einem krass reichen alten Mann, der ein Leben in Saus und Braus geführt hatte. Er hatte alles erdenkliche „erreicht“, konsumiert, erlebt und langweilte sich: Also musste der Mount Everest bestiegen werden, (was tatsächlich einige aus Leere und Langeweile machen und damit ihre Guides gefährden, weil sie dazu gar nicht fit genug sind). Als er ankommt und mit seinen schmächtigen Füssen auf dem schneebedeckten Gipfel steht und in den unendlichen Himmel schaut, fällt er in sich zusammen und weint. Das hohle Loch in seiner Brust und Magengegend, dass er seit er ein armer Student war, versucht hatte zu stopfen, war immer noch da. Jahrzehntelang häufte er Dinge und Menschen an auf der Suche nach Glück und Liebe. Nichts konnte ihn nachhaltig befriedigen. Und jetzt hier alleine auf diesem Berg ohne all das drum rum geht ihm ein Licht auf: Er war sein Leben lang auf der Suche nach der Liebe zu sich selbst.
Fall in love with your solitude – Rupi Kaur. Mucho Love for yourself, Yvi
Ich traf Nina in der etwas verrückt anmutenden Osho Tapoban Kommune in den Bergen am Stadtrand von Kathmandu. Dort nahmen wir beide an einer einwöchigen Meditation teil „Neovipassana“ bestehend aus zwei Stunden aktiver Osho Meditation und drei Stunden stille Vipassana Sitzmediation. In einer der kurzen Pausen treffen wir uns auf meinem Zimmer und während Nina mir ihre Lebensgeschichte erzählt, versucht eine Affenfamilie über die offene Balkontür hineinzustürmen. Nicht das einzige Affentheater in dieser Woche wie ihr hier lesen könnt. Nina ist Inderin und aufgewachsen in einer steinreichen indischen Familie in Nepal mit Butler, der ihr morgens Tee an ihr Bett brachte, dann mit 21 wurde sie zwangsverheiratet mit einem indischen Naviguy in Amerika. Sie verfiel dem Perfektionismus, zog zwei Kinder gross, machte den Doktortitel, obwohl alles schon genug anstrengend war, und als ihre Kids das Haus verliessen und ihre Menopause eintrat, kochte sie über vor Wut und bekam ein Burn Out. Nina konnte ihrem Exmann nie sagen, dass sie ihn liebt und wollte dieses Gefühl einmal in ihrem Leben erleben. Nach 30 Ehejahren liess sie sich scheiden, ein Tabu in ihrer Kultur. Bei Osho schlägt sie ziemlich müde und verzweifelt auf und erzählt mir von ihrem Leben in der arrangierten Ehe, vom Ausbrechen, ihrem zwanghaftem Perfektionismus, dem Streben nach Geld, und vom Suchen der romantischen Liebe.
Englisch:
I met Nina at crazy Osho Tapoban Commune in Kathmandu. We took part in a one week Neovipassana course, doing some active Osho Meditation and some classical Vipassana. Nina is Punjabi Indian, she grew up in Nepal in a rich family with a butler that brought her tea to bed every morning. As they had good connections to a rich family in America, she was married to an Indian Navyguy – strictly arranged – and she tried her best. She became a perfectionist, she drew her children up, made career, then a doctor in pharmacy, and when menopause came she got very angry and a burn out. Nina was never able to tell her ex-husband that she loved him, as she did not. So after 30 years of marriage she got divorced, a tabu in her culture. She arrived at Oshos place tired and desperate. She speaks about arranged marriage, getting divorced, her perfectionism, her past urge to make money and about her search for romantic love.
Nina: Nina, that is how I am identified. I am from New York, 53 years old, mother of two beautiful kids. At the moment single (means divorced) and by profession I am a doctor of pharmacy, spent the majority of my married life in New York Pennsylvania, born and brought up in Kathmandu, by birth I am a Panjabi Indian, but Nepalese by citizenship. Now from the last 30 years I am American. I speak four languages, my life has been very unique. I come from an affluent rich family and coming to USA was a beautiful culture shock. I had to learn a lot, had to learn how to speak the language, had to learn accent. I went to US to get married, and it was a strictly arranged marriage, so I had with my husband three brief meetings and that was it. It was all planned organized by the family, it was within relationship, so I was hoping everything would be fantastic, but it was a bit of a rocky road, a struggle, because I was kind of a northpool, he was a southpool and him being also being navy army kind of a guy – very strict and regimented, I was a very free spirited who used to love singing and dancing and full of life. Hiking, biking, trekking I was an outdoor kind of a girl.
Going to USA I had to change my lifestyle altogether. First I was seen as some alien from a kind of third world country, so it was quite a challenge, that was not what Nina is all about I am not an alien, who knows nothing. So I had to proof it to myself and my community and my new familiy. So I put myself through school, went for years to business school, then did some business, made some money and I had kids in the meantime: it was rough raising two children focusing on my career and that was not good enough for myself, I was a very ambitious woman and I started going back to school for a doctor of pharmacy at the age of 37, I graduated 6 years later. It was very rough again, because my environment expected somehow to be a perfectionist. My husband was a perfectionist as my mother in law. It was rough raising to children, trying to make them to two beautiful kids, at the same time keep my husband happy – serving him, serving my mother in law, serving the kids, so pretty much I found myself serving the world and somehow I forgot to take care of myself. So yes, here comes the menopause, unfortunately like in very woman’s life, so the hormones takeover and I was totally burned out to a point that I felt crushed. My relationship with my husband was very civil, but we had nothing in common, we were like two strangers under the same roof. Three times I thought about divorcing him, but then looked at the children and I just couldn’t do it. For the kids I just stayed in the relationship and it was very rough trying to keep a balance not to show it to the kids, that there was any kind of struggle at home. We would never fight in front of the children.
You know when menopause came, I find my kids leaving the nest going to college, there was an emptiness. The combination of the emptiness and the menopause and not having the greatest marriage and on the other side so many expectations of the community the society and financial that stress sort of killed, it pretty much changed me.
It was very bad. I really lost my own identity. I did not even know who I was at that point. The person who was a good mum, good wife, I always had a very powerful job, I was managing 85 people, so having all that and here I find myself totally crushed. The children are gone, the marriage sucked, it was bad. I asked my children, I sat them down I asked my son. “You know my marriage is not been the greatest. How would you feel if I told you that I would like to divorce your father?” his answer was: “Mum, why didn’t you do it 15 years ago?” Even though we didn’t express any anger or frustration at home somehow the kids observe it. I did not expect that at all this kind of answer, and I spoke to my daughter about the same thing and she says: “Mum I know, worked so hard all your life, but you don’t seem happy with yourself, you have only one life to live mum, you do what makes you happy!”
Yvi: What makes you happy?
Nina: I wanted to be like I was in my childhood. The freespirited person who wants to dance, who wants to sing, whenever she wants to sing. Go hiking, biking….I don’t wanna ask. It is rough when you constantly ask for permission to do those things. And not only that permission, there is no time to do that. I feel like I lost my life. It was a rough decision and I decided to break up. Divorce after 30 years of marriage.
Yvi: What does that mean for Indian and Nepalese culture?
Nina: It is a tabu. In Indian culture and in nepalese culture. It took a lot. It is funny a lot of my friends came to me and said “I admire your guts Nina!” Alot of women in our community probably would wanna do the same thing, but who haven’t had the courage to do it. So I did it. Then the emotional balance was extremely rough. So I started going towards yoga, as the unity between mind and body and your soul. I thought maybe that would help me so I pursued with Isha foundation and Sadguru, but it was so rough, because I was constantly so angry at myself for doing what I did. I think the major reason for my divorce was that I lacked that companion.
You know every girl has a dream of falling in love….that fantasyworld never happened to me. I never had any boyfriend before I got married and even after I got married the love was never there. So sadly to say, but in 30 years I could never say to my husband once “I love you”.
Even though it was a civil relationship, the love part was not there. I was lacking that friend. I thought a lot “if 30 years of my life, I have spent like this, do I wanna spent another 30-40 years with this kind of relationship without the kids around anymore? So that is the reason why I decided to move on. And here comes another guy.
I knew this guy for the last 15-20 years, very good friend of mine, I kind of got very attracted to him, and he was also single and available. We had a good talk and we klicked a lot in the beginning and we started dating. It was beautiful, he made me laugh a lot, he did the same thing that I did, hiking, biking, nature, singing, dancing so it was really beautiful, but then kind of reality kicked in again. I thought he was the man of my dream, we were so alike with our personalities . I was also very selfmade woman, very independent always in power, in charge and he is the same guy. He came in this country with two dollars and he made millions out of that. He is very proud of who he is, very reputable in the society. And I think we are so similar that our personalities started clashing.
Yvi: What clashed?
Nina: It was always like what he wanted, when he wanted how he wanted. And Nina had a very hard time digesting this.
Yvi: What is the status quo at them moment with your boyfriend, because in the beginning you said you are single?
Nina: We have been together for almost a year now, but from last six months it has been nothing but fights. It is all about what he wants, when he wants, how he wants, I feel like dictated, and we are 30 years apart (he is 82) so I feel like treated as a child, he tells me what and when to do. What not to do and what I should be doing. And secondly whenever we have plan to go somewhere it is all about his way without even asking me.
Yvi: So he posesses you?
Nina: Very possesive. He is a nice guy, but he thinks he is god, the angel of the community, that he is born to do good for everyone. He is always trying to please people to a point that he is ready to let go of women that he let go.
Yvi: So what does it mean for you now, for your inner life?
Nina: I am having a hard time digesting. He likes to be in contact with his Ex despite me telling him that it does not make me comfortable the way he handles those women. But he does not want to understand. I feel constantly angry with big emotional pain. I do not know how to take care of it.
Yvi: I met and spoke to Jessica Walker a fantastic wise theatre director, actor and yoga teacher, she says “Come back to yourself!” (see the interview here). You have this feeling of anger, you feel lost, you want a companion, it does not work at the moment, so what is important now in life for you?
Nina: Yes. I need to come back to my own self. It is sad, because the reason I divorced my husband, I lacked that romance, that companionship, I thought that new man would be just that, but just that I feel crushed, because all he is doing is to control me, the love is not there, the romance is not there. Whatever reason I left y ex-husband for those things are not there here either. Sad!
Yvi: So now you are here finding out for yourself what makes you happy besides being in contact with this kind of relationships.
Nina: Yes I came to the point with the guy that I thought that I have a mental disorder, so I told the guy to go away. And he did not like that idea, I thought why am I running away and from what and why.
Yvi: Could it be that you run to yourself with doing Vipassana mediation here at Osho?
Nina: Yes. I heard about a bit about Vipassana and I learn it and one thing I get out of Vipassana is awareness of your own mind, your body your thoughts. Basically learning about your own self. And if I am aware of my own being, hopefully that will help me manage my anger. And my pains.
Yvi: You come from a family with money and now you are staying here with this community some people seem to be a little bit crazy, they are freespirited, seem poor, how is it for you?
Nina: Fortunately enough my father was an affluent man and then me working and with my husband we both made decent money I had a very comfortable decent life there as well, but you know I see back I look back and say “What caused all this distraction was partly me running after my career trying to make money to prove to people that “Yes I can be a doctor, I can make decent money.” So that money is somehow now I really getting turned off by. Coming back to nature, today here I went for hiking down the waterfalls I think is one experience of my lifetime. I have never done it in the past, it was mud, dirt, leeches. Rain and all stuff that all uncomfortable things you can imagine I was doing it, but I was laughing and enjoying as if like a child. My child was brought out in me. It was the best experience of my life today and there is no money here no fame, nothing. Just hanging out with countryfolks. And in a small like the tinyiest hut of the hut I am having a cup of hot tea with all these cute people around me. A wonderful experience – money cannot buy this at all!
I reached to that stage in my life, I just want to make enough money, that I can survive. Beyond that I am not interested, I have saved enough for my kids, I can get them married, giving them good education, have enough to retire, no decent living, but I am done running after the money. Coming here to Vipassana was a fantastic experience, I think I am going continue pursuing, wanna learn more about it, wanna continue with yoga and Vipassana and hopefully sooner or later I get over my hormonal imbalance. As far as with this man, I don’t know. Being a perfectionist, I always feel like no matter what you do, first you have to give your 100 percent. First I take care of my angermanagement, my emotional pains, once I am done hopefully successful then I am going to reevalutate my relationship with this guy. I am going to give him a second chance. I wanna be fair to myself and to him I will give him my 100 percent, because I really liked him, and I was able to tell him I love you.
Ein Junge lag gestern mitten im Touristenviertel Thamel auf dem Gehweg. Dem Viertel, wo Verkäufer jeden scannen und auffordern zu kaufen. Auf diesem Gehweg vor diesen Läden lag dieser regungslose Körper. Das Gesicht am Asphalt. Ich schaute hin, überlegte und ging weiter. Wie alle anderen. Dann zog es mich zurück. Ich fragte im Laden, vor dem der Junge lag, was zu tun ist. Eine Nepalesin kuckte mich beschämt an, und erklärte mir, der Junge käme jeden Tag. „Er kommt also jeden Tag, um bewusstlos auf dem Gehweg zu liegen?“ fragte ich. Sie bestätigte. Ich besorgte was zu essen und zu trinken – Traubensaft, Kekse. Wasser. Und kontaktierte Diana Weinert. In Pokhara am Fusse des Himalaya lernte ich sie kennen. Sie kümmert sich ehrenamtlich und auf Eigeninitiative um Strassenkinder in Nepal. Sie gab mir den Kontakt zu einem Kinderhilfswerk in Kathmandu. Ich rief an. Skeptisch aber freundlich wiesen sie mich darauf hin das Dropcenter in Thamel anzurufen. Das wiederum bat mich, die Polizei zu kontaktieren. Zum ersten Mal in meinem Leben wählte ich 101 und nach einigen Minuten Verständigungsschwierigkeiten – „Engliiiiiiish please!“ kapierten sie, was los ist und wo sie hinkommen sollten. Ich wartete und beobachtete die vorbeigehenden Menschen. Eine Asiatin, im Superfashionistastil hielt an, zog ihren Lippenstift nach, machte ein Selfie und registrierte dann, dass vor ihr ein Junge mit verdreckt-zerfetzten Klamotten am Boden lag. Sie schenkte ihm gefühlt eine halbe Sekunde, glotze dann wieder ins Smartphone und ging schliesslich weiter. Eine ältere Dame schlug die Hände vors Gesicht und sagt „Oh my God, my heart breaks!“ Ihr Lover stand ratlos wie ein kleiner Junge hinter ihr. Ich forderte beide auf zu bleiben und zu helfen. Sie gingen weiter. Viele, die die Strasse entlang schlenderten, nahmen den Jungen wahr. Dann stoppte jemand und blieb. Ein Nepalese. Er weckte den Jungen auf. Benommen setzte er sich halbaufrecht hin, sein Gesicht kam zum Vorschein mit einer Wange, die von starken Asphaltabdrücken gezeichnet war. Ich sprach mit ihm, der Nepalese übersetzte. Er heisst Ruslan, ist 11 Jahre alt und hat keine Eltern mehr. Er ist Klebstoffabhängig wie so viele der tausend Strassenkinder in Kathmandu. Sein Blick war milchig-stumpf und schon wieder im Suchtmodus nach dem nächsten Zeug, das seinen Schmerz platt machen soll, darüber, dass familiäre Liebe ihm enthalten bleibt, und dass die meisten Menschen wegschauen. Während er die Herzenkekse verschlang, die ich ihm pathetisch mitgebracht hatte, ahnte er langsam, dass was im Busch war. Die Polizei kam und fuhr mit ihrer fetten Karre an uns vorbei. Ich rief hinterher, aber sie fuhren zu schnell. Dann ein Anruf von ihnen, wo ich denn mit dem Jungen sei. Ich bat sie zurückzufahren. Das machten sie und der Junge checkte die Lage und rannte fort. Erst wankend, dann immer schneller. Er liess Wasser und Saft stehen, die Herzchenkekstüte nahm er mit. Die Polizei kam zwei Minuten zu spät, die vier Beamten fragten mich, ob der Junge ernsthaft – also lebensgefährlich – verletzt sei. Ich sagte ihnen, dass er benommen und mit geschwollener Wange am Boden lag. „Ach, er ist süchtig. Da ist nichts zu machen“ erklärten sie nüchtern mit verschlossenem Herzen. Mitleid spürte ich nicht, dafür mir gegenüber etwas Hohn, dass ich mich um so“was“ kümmere. Ich versuche das nicht zu werten und weiss, dass es unglaublich viele dieser Strassenschicksale gibt. Da müsste die Regierung anpacken mit Geld, Power und Herz.
Diana Weinert aus Köln hat Power und Herz. Sie kommt immer wieder nach Nepal, um Strassenkindern zu helfen.
Jetzt verstehe ich sie umso mehr, warum sie sich einsetzt. Als ich sie vor einigen Wochen auf der Strasse in Pokhara kennenlernte, erzählte sie mir von Ashish, einem Jungen, der am See lebt. Seine Klamotten sind nicht ganz so dreckig und zerfetzt wie die von Ruslan und er scheint auch nicht drogenabhängig zu sein. Noch nicht. Er ist 9 Jahre und von zuhause fortgelaufen. Sein Vater ist alkoholabhängig, die Mutter mit einem anderen Mann fortgegangen. Ashish ist wie ein wilder Hundewelpe. Er lässt sich nicht bändigen. Gefühlt alle Langzeittouris, die sich in Pokhara niedergelassen haben, kennen den Jungen. Er hüpft auf Tischen, rennt umher, reisst einem die Kopfhörer von den Ohren, jammt mit den Hippies und schaut einen mit feurig-begeisterten Augen an.
Diana versucht seit vier Wochen diesen Jungen in ein Kinderdorf bei Pokhara zu bekommen, wo er leben und lernen soll. Sie tut alles dafür Ashish eine „Ausbildungs-Heimat“ zu geben, fuhr immer wieder in den letzten Wochen stundenlang Bus zum Dorf des Vaters, um Papiere zu besorgen, die sie für den Antrag einen Platz für ihn zu bekommen benötigt. An einem Morgen durfte ich sie dann zum Kinderdorf in Bhakunde bei Pokhara begleiten. Ashish sollte auch mit, der war aber wieder verschwunden. Wir gingen also ohne den Jungen dorthin.
Wenn er wüsste wie schön es dort ist, wäre er nicht schon wieder abgehauen. Ein Deutscher betreut dieses Kinderdorf mit seinem „Freundeskreis Nepalhilfe e.V.“ Gelegen in schöner Landschaft mit Garten, Gemüseanbau und Tieren, leben hier aktuell 80 Waisen, Halbwaisen und Kinder aus schwierigen Elternhäusern. Ein guter warmherziger Ort, der den Kindern eine Heimat gibt, von wo aus sie nach Klasse 8 gestärkt und vollgetankt mit wertvollem Wissen weiterfliegen können. Oft auch mit Medaillen und Pokalen. In Karate sind sie spitze. Wie eine 16-Jährige Nepalesin, die mittlerweile in Pokhara lebt, aber regelmässig zu Besuch kommt, um Lehrer Betreuer und Kids wiederzusehen. Es ist eben Familie. Bedenkt man, dass die Hälfte der über 14-Jährigen Nepalesen Analphabeten sind und nur die Hälfte der eingeschulten Kids den Grundschulabschluss schafft, ist das Kinderdorf eine grosse Chance.
„Wie benehme ich mich mit den Nachbarn?“ ist der Unterrichtsstoff
Wir haben die Klassen besucht, alle waren total vertieft im Unterricht: Sie lernen: „Wie benehme ich mich den Nachbarn gegenüber“ oder Wertschätzung: „Wie führe ich ein Gespräch mit meinem Partner?“ Ich dachte, wenn sie aus so krassen Verhältnissen kommen, sind sie vielleicht schwer zu bändigen. Das Gegenteil war der Fall. Sie hatten so Bock aufs Lernen. Nach dem Pausengong dauerte es noch zwei Minuten bis sie die Bücher zuschlugen. Auf dem Schulhof zeichneten sie in mein Heft, einer nach dem anderen. Bangitay, ca. sechs Jahre, zauberte mit dem Bleistift ein Mädchen aufs Papier, wunderschön. Ich fragte ihn, ob er mehr malt und mir was zeigen kann…Am Ende der Pause steht er schüchtern weit von mir entfernt in der Ecke und hält ein Bild in seiner Hand. Ich gehe auf ihn zu und sehe wieder eine Zeichnung von einem langhaarigen Mädchen mit geschwungenen Formen.
Ashish ist im Kopf schon wieder unterwegs
Diese Kinder sind besonders.Vielleicht haben sie begriffen, was es bedeutet hier lernen und leben zu dürfen.
Nachtrag 2021: Ashish geht jetzt in die Sahara Academy, lernt fleißig und spielt viel Fußball!
Wenn ihr das Kinderdorf mit den Kids supporten wollt, dann könnt ihr spenden oder Patenschaften übernehmen oder sogar Mitglied werden im Verein. Ihr findet alles, was ihr wissen wollt auf deren Seite und ein schönes Video von der Atmosphäre.
Wenn Diana nicht gerade Strassenkindern hilft, dann bastelt sie Reisen zusammen, um Menschen Nepal näher zu bringen. Mit Kinderdörfern, Homestays und Gegenden, die Tourifrei sind. Informationen zu Dianas Reisen stecken hier.
Alleine reisen ist toll. Man hat die Gelegenheit noch einmal gründlich durch eine Charakterschule zu gehen und lernt sich immer wieder neu kennen. Ich liebe es, auch mich immer wieder meinen Ängsten zu stellen. Aber für mich gibt es Grenzen. Während ich keine Probleme damit hatte, alleine mit Zug und Nachtbus durch Indien zu zuckeln, zitterten mir die Knie bei der Vorstellung alleine im Himalaya zu trekken. Einige sagten mir, ich wäre ein Schisser. Ja, die Vorstellung alleine durch die Berglandschaft zu laufen, fand ich mega, aber die Info, dass alleine trekken das Einzige ist, was man in Nepal NICHT machen sollte, bremste mich. Auch die Info, dass Menschen verschwinden und/oder in den Bergen sterben. Seit Februar fehlt jede Spur von einer Französin, die alleine los ist zum bekannten Poonhill Trek. Für mich war klar: Alleine mache ich das nicht. Durch Zufall traf ich Trijntje aus meinem 10 Tages Vipassana Meditations Kurs wieder. Mit 18 Jahren ist sie schon alleine den Annapurna Circuit gelaufen. Jetzt ist sie 19 und möchte im Sommer mit ihrem Studium beginnen: Lehrerin werden für das Fach Lebensanschauung / Levensbeschouwing. Dass sie vorher noch einmal 5 Monate alleine reist, ist perfekt, um ihre Gardinen noch weiter zu öffnen. Trijntje liebt es nicht nur viele Menschen kennenzulernen, sie steht auch total darauf, sich ihren Ängsten zu stellen am besten mit Abenteuern. Als ich sie treffe, ist sie dabei, eine Wanderung zu planen in eine der isoliertesten Gegenden Nepals, hochgelegen im Nordwesten. Mit Zelt. Ich bin beeindruckt und deswegen bekommt sie einen Platz hier. Nach dem Gespräch beschliessen wir, dass wir erstmal zusammen den berühmten Poonhill ansteuern und Trijntje dann alleine weiter zum Annapurna Basecamp wandert, dem ABC, als Warm Up für ihren abgefahrenen Wunsch-Trek.
1 Woche später nach dem Gespräch am Poonhill auf 3210 Meter Höhe. Trijntje ist der perfekte Trekkingbuddy für mich.
ENGLISH
Traveling alone is wonderful. You have the possibility of getting to know yourself better in different situations. It is a school for facing fears and shaping your character. I love it, but I have my limits. I had no problem traveling alone by nightbus and train in India, but the idea of trekking alone in the Himalayas in Nepal made me trembling. Some people said that I worry too much, but as I got the information, that only one thing you should not do in Nepal is Trekking Alone, I really feard it. I mean I would love to walk alone through the mountains, but this information and the one about people that are still missing and or dead, were big warnings for me. Since February a French woman, that was very experienced with trekking is missing, she did the popular Poonhill Trek. So I came to the conclusion I will not go trekking alone. Per coincidence I met Trijntje again, she is from my Vipassana Mediation course that I did for 10 days. With 18 years she did the Annapurna Circuit alone. Now with 19 she is going to study soon. In summer she will start to become a teacher in Levensbeschouwing, means worldview. That she is traveling the world now for 5 months is perfect to expand her horizon even more. Trinjntje loves challenging herself and overcoming fears. She is very cool with the world. When I met her in Pokhara she was planning her trek to a remote area with a tent. This time she looks for a partner. I am impressed. After the talk we decided to go together to the popular Poonhill Trek and Trinjntje will stay in the mountains alone for doing the ABC, Annapurna Basecamp as a warm up for her maybe upcoming extraordinary trek. I could not have imagined a better buddy than her.
INTERVIEW
Yvi: Who are you?
My name ist Trijntje Van de Wouw. I am living in the Netherlands. I am travelling in Nepal starting 1,5 months ago and I have like 4-5 months still to travel.
Who I am? That is always a good question. I am a girl who likes adventure, nature, poetry, words, outdoor, meeting people and have nice conversations.
Yvi: When it comes to poetry and words, which sentence do you have in mind now? Maybe you just read something and you thought: “Oh that is great!”
Actually there is one coming in my head, because I just read it 2 days ago. It is “Your soul is the whole universe.” (Trijntjes version from Your soul is the whole world in Siddhartha written by Hermann Hesse). I really like that one, because it is true like everything is inside of you, it is all inside the frame of the body, everything is happening there. If you are feeling good or sad, it is all inside your body.
Yvi: What is your current mood?
My current mood is not so good, because I have been thinking a lot the last 2 days and now I realize how calm and relaxed I was the days before. Now I feel very busy in my head and a little bit anxiety of what I going to do next, about the trekking I want to do.
Yvi: This upcoming project gives you a lot of worries, what is it?
Yeah it is fear. I want to do something that I really really want to do. Trekking in a remote area of Nepal.
Yvi: Why?
I always want to do something unique and to challenge myself more and more. Because if I challenge myself and I do it, I feel good. Maybe it is a little bit my ego, but I also want to go to this special area, because of the Tibetan Buddhism. But I am fearing it, because I don’t want to go alone, and I know I can just go there and meet people just as I did it with the Annapurna Circuit, but in this area named Dolpa there are not a lot of people walking, I don’t know if it is smart to go there, and it is also camping – you don’t meet people for 6 days you need to have your own food – it is a lot for someone who is not so experienced as me.
Yvi: You have already faced some fears in your young life with 19 years. When did you do the Annapurna Circuit?
I just became 18. I had to go for an internship for my study and I just wanted to do something really cool and challenging again. I went on an internship on a rafting company, an outdoor activity company, and after that I had time to travel and so I wanted to do the Annapurna Circuit, but I did not have a lot of fear for that.
Yvi: Why challenges like that?
I had a good childhood for sure, but I struggled with some things and maybe this is also something that makes me stronger, because I know what real fears are, maybe. I had OCD (obsessive-compulsive disorder), I thought a lot, I was overthinking, it is a mental disease, you are obsessed with thinking with things…. When I was younger I was obsessed with counting stairs for example and if you do not count than something is happening… Then I grew over it, and it was gone. But with 14 – they say there are things that can trigger you and let it come back – so at 14 I had it again, much worse. In my head I had to think about things obsessively, it was awful! I did not tell anyone, it was just in my head for 3 years. I did not dare to tell anyone, because I thought nobody will understand me. In that time I had lots of fears and I became stronger and stronger, because I was overwilling this mental thing. And because of that I dare to do a lot of things.
Yvi: So how was the Annapurna Circuit Trek – alone?
Amazing, I started alone. The first 3 days I was alone, there were some people on that trail, but I was, like “Oh that people are not so nice, let’s walk alone, I will meet best people later maybe”. So first 3 days I was alone, it was ok. But after that I got fear like telling me ”You go to the 3000 meters, you need to meet someone, you can’t go alone“. And after few days I met the best people ever, we had the best journey, we walked together for 2 weeks, and we had so much fun. I like the lifestyle like waking up very early, have breakfast and then walk the whole day with great people and then you have the best conversations, because you have time, you walk and around you is the best nature and then you stop walking around 4 pm in the afternoon and then you play games and eat and go to bed early. I love that!
Yvi: Have you ever been in a risky situation where you thought “Ok now it’s enough!”?
Yeah on the Annapurna Circuit Trek one time when I walked alone the first days. I got a little bit lost and then I asked a Nepali man “Hey where should I go?” and there was a dark tunnel in front of me and he walked me through it and he took my hand and he said like “Oh kiss, kiss” and then I was like “Shit: I have to be alert, this is not good.” Nothing happened luckily.
Yvi: The feeling must be great to do the Annapurna Trek, overcoming fears and more and more overcoming fears.. how come that you are with 19 years also at something like Vipassana (Buddhist Meditation)? It is very strong, it is a heavy discipline, 10 days of sitting and more than 10 hours a day meditation, I mean with 19 years you travel to Berlin, you go to Berghain and to big parties and not to Pokhara in the mountains to meditate. How come?
It is strange. I just feel attracted to these things. I wanna find out what makes us humans feel good. I developed interest in Buddhism after I had travelled to Thailand and Nepal with 18, and I found out that the Buddhist philosophy is the best way to calm my mind. Because I had this overthinking and I was always looking for a solution. I found out that how the Buddhist do things like „Just don’t be attached to something, live in the present“ these kinds of things helped me. So I got to Vipassana, and I found out that this technique is really a thing for me to observe my thoughts, and let them flow away. It is just my curiosity. I heard a lot people saying: „You are only 19 what are you doing? You are an old soul!“ It is an interest of me and I follow it!
Yvi: If you would send to your parents a postcard from here right now what would you write?
Huh, I am getting almost emotional. Oh shit. I have tears you will see it on the cards, the drops. I will say that everything is going good here. That I learn a lot, I learn every day. That I found the Vipassana Meditation Technique that it suits me perfect with my overthinking, and that I am living in the present moment a lot. That I think about them also a lot, distance and time it makes you see things clear. Now I see also – I mean I already knew it – but I appreciate more and more how good they are to me and to everyone and I hope they are happy, that is the most important. For me everything is okay here, but I know that their lives are so different with hurry and doing things that they actually don’t want. I hope that they are happy and they should do what their heart is saying..
Yvi: Thank you so much, Be Happy!
Trijntje: Yes, you too!
Hier geht es zum Interview auf SoundCloud. Trijntje talks on SoundCloud with me about her experiences.
Sí Sí Sí … Jessica Walker ruft dieses Ja Ja Ja so begeistert, wie wenn gerade das entscheidende Tor bei der Weltmeisterschaft fällt. Sie kuckt dabei mit weit aufgerissenen Augen, eine Hand geht zum Himmel, es ist ihre Reaktion auf das, was gerade vor ihr passiert. Jemand erzählt etwas über sich selbst, mal laut mal leise, pausierend und dann radikal offen.
Jessica ist vieles, vor allem ist sie Theaterschauspielerin und Regisseurin. Vor fast 20 Jahren gründete sie in Barcelona die „Laboratorio Escuela“ eine Schule für experimentelles Theater. Hier erforschen sie Körper, Geist und Beziehungen. Das machen sie auch einmal im Jahr in Indien mit dem Soulfest – Arunachala Bhakti Lab in einem kleinen familiären Ashram „Sri Anantha Niketan“. Er ist umgeben von sattgrünen Feldern, in denen Schmetterlingsschwärme wild umherflattern und sich durch keine Laune gestört fühlen – hier sind alle Gefühle herzlich willkommen.
Schlafen in der Shiva Hall
Im Hintergrund macht sich der berühmte heilige Arunachala Berg breit. Er gilt als Manifestation von Shiva, einer der Hauptgötter des Hinduismus, der auch als Zerstörer des Ego gilt. Das Ego, was im Yoga als die Ursache für Angst und Kopfmist ist. Das uns dazu bringt lieber unglücklich zu bleiben, statt was zu wagen, das uns vorgaukelt lieber ein Leben lang die beschilderte Hauptstrasse entlang zu zuckeln statt mal einen Weg einzuschlagen, der ins Ungewisse führt. Tiruvannamalai ist wegen Shiva Pilgerstadt und wegen Ramana Maharsi, dem Guru, der dort 17 Jahre lang in einer Höhle meditierte und sich fragte: WER BIN ICH?
Also wer bin ich ohne mein Ego: Ohne meinen Job, meine Karre, mein Haus, meine Klamotten, meinen geilen Body, wer bin ich ohne Plattenvertrag, ohne Kohle, ohne zehntausend Instagramfollower, ohne Facebooklikes, ohne Freunde, ohne Partner, ohne Familie? Was bleibt da übrig? Ich stelle mir diese Frage öfters auf der Reise, weil ich ja alleine durch die Welt tingle und temporär ohne Wohnung und Job bin. Also gefühlt nackt. Ich merke wie mein Ego zittert und schnaubt und es oft nicht lustig findet, immer wieder fernes Neuland zu betreten.
„Ich sage dir, was Freiheit für mich ist: keine Angst zu haben.“ – Nina Simone, Musikern
Vom Soulfest erfuhr ich in Goa. Da hatte ich schon gut an meinen Ängsten auf dem Ecstatic Dance Festival geschraubt. Der Veranstalter sagte zu mir: „Oh du findest es beim Ecstatic Dance Festival krass, dann geh mal zu Jessica Walker, da geht es ans Eingemachte!“. Und weil ich seit einigen Jahren auf Eingemachtes stehe, wagte ich mich dorthin. Zum Glück warteten weder Esoschischi noch Exzesse auf mich – denn mit beidem kann ich nichts anfangen. Das Soulfest ist ein Spielplatz, bei dem wir uns trauen dürfen uns zu zeigen, wie wir sind. Mehr nicht. Weniger auch nicht.
Am ersten Tag geht es direkt los mit wem Fremden zu tanzen – improvisiert. Ich fühle mich wieder wie mit 14 als ich lieber auf den Boden schaute und nur alleine im Zimmer die Musik aufdrehte. Etwas Scham quetscht sich dazu, aber sie vergeht nach einigen Minuten. Ich merke, wie steif wir als Erwachsene unterwegs sein können, als Kinder rennen wir noch völlig unbedarft auf andere zu und machen wonach uns ist, als Erwachsene schämen wir uns, sind blockiert und müssen uns erstmal Alkohol oder sonstige Mittelchen einverleiben, um locker zu werden. Wir haben Angst davor uns zu blamieren, davor, was die anderen über uns denken könnten. Deswegen schiebt unser Ego lieber einen Vorhang vor unseren Gefühlen, Impulsen und Wünschen statt uns ehrlich sein zu lassen, was wir gerade sind. So ein Spassverderber – und dann verklemmt in der Ecke stehen und auf die Frage „Wie geht’s Dir?“ Ein „Guuuut!“ antworten und vom verkniffenen Mund verraten zu werden, wie es wirklich geht. Scheisse.
Das soll jetzt keine Aufforderung sein, dass wir jedem sagen sollen, was wir fühlen und wie wir uns dabei fühlen… beim Soulfest rennen wir auch nicht rum und binden jedem auf die Nase, dass man gerade eine Wassermelone im Hals stecken hat, aber in einigen Momenten ist Platz: da können wir was sagen oder performen. Sí Sí Sí … Jessica ist immer voll angeknipst und hört zu, alle anderen auch, und oft erkennt man sich selbst wieder durch Empathie. Wir sind schliesslich alle Menschen mit einen Farbkasten an Gefühlen. Bei mehr und mehr Menschen hat der Gefühlskompass aber Wackelkontakt oder ist völlig Schrott. Casper singt in dem Song Keine Angst „Ich fühl mich wie ich fühl, weil ich nix mehr fühl.“ Durch Schiss vor „negativen“ Gefühlen wie Angst werden sie verdrängt und das Innenleben zu einem dezenten grau glattgebügelt. Wer nicht checkt, dass Neid, Scham, Trauer, Wut und Angst zum Leben dazugehören und gefühlt werden müssen, darf sich nicht wundern, dass auch irgendwann Happy Moments ausbleiben. Freude ohne Trauer ist nicht möglich. Erst heulen, dann lachen wunderbar.
Nähe entsteht durch ehrliche Gespräche. Mit der indischen Schauspielerin Anahat war es immer spannend.
Beim Soulfest geht es um Verbindung zu uns selbst und zu den anderen. Und um Ehrlichkeit. Den anderen nichts vormachen. Am Anfang urteile ich über die anderen Teilnehmer wie ich es auch in Goa gemacht hatte. Und wieder merke ich bei näheren Gesprächen, dass niemand so ist, wie ich dachte. Schon in Goa sass ein vermeintlicher Happy-Sunnyboy vor mir, der meiner Meinung nach selbstbewusst beim Tanzen war und ein Frauenheld. Es kam raus, dass Tanzen ihn total verunsicherte und was Liebe angeht, schwamm er in Kummer. Weil er sich selbst eine Zeit lang nicht ausstehen konnte, hatte er seine Ex-Freundin vergrault. Das sind drei Jahre her. Es gibt kein Zurück. Er liebt sie immer noch und will keine andere. Während er mir das alles erzählt, weint er Rotz und Wasser. Ich bin berührt von so viel Ehrlichkeit und finde das richtig stark. Beim Soulfest passieren ähnliche Dinge. Männer erzählen, wie sie Frauen sehen, dass sie Angst haben, vor Beziehungen vor sich selbst, nicht wissen wie sie das zusammen bekommen sollen – die Partnerin als beste Freundin, Mutter, Liebhaberin – das sind ja drei Dinge auf einmal und oft zwei Dinge zuviel. Frauen erzählen, dass sie gemocht werden wollen und dafür auch mal vorgeben etwas zu sein, was sie nicht sind. Es kommt heraus, dass fast alle Angst vor Ablehnung haben, nur gehen wir unterschiedlich damit um. Authentisch zu kommunizieren, also zu sagen was Sache ist, ist für viele schwer. Das braucht Mut, nicht jeder hat ihn bzw. ich behaupte: nicht jeder möchte sich die Mühe machen ihn aufzubringen. Einige ziehen sich zurück, andere wählen Auswege. Sie fangen an anderen etwas vorspielen. Das wird dann gerade in romantischen Geflechten schwierig, weil das ja der Ort sein soll für Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit. Und dazu gehören auch Diskussionen und unterschiedliche Meinungen. Ich selbst habe eine fast zehnjährige Beziehung geführt, in der es nur drei Mal Streit gab, zwei Mal davon wegen Nudeln und Pizza. Das ist lange her und aus heutiger Sicht weiss ich, dass hier stark was im Argen lag. Hinter dem Nudel- und Pizzaberg steckten viele Gefühle, die nicht kommuniziert wurden, und die in erster Linie nichts mit Nudeln und Pizza zu tun hatten. Damals hatte ich keine Ahnung von all dem, ich war wohl selbst konfliktscheu. Am Ende stand ich da mit einem zerfetzten Herzen, das nachhaltig klarkommen musste mit: Liebesschwüre bis zur letzten Sekunde treffen auf Täuschen, Lügen und Betrügen…
Warum ich das so offen schreibe? Weil auch das zum Leben dazugehört. Und weil solche Geschichten immer mehr werden. In den letzten Jahren habe ich das Gefühl, dass Hollywood in unsere alltäglichen Leben eingezogen ist mit dem Drama von einstürzenden Kartenhäusern, stillen Abgängen und heimlichem Davonschleichen. Im Epilog erklingt dann manchmal noch ein Satz nach: „Ich liebte dich so sehr, deswegen konnte ich dir die Wahrheit nicht sagen.“ Unehrlichkeit, Lügen und Betrügen geschehen niemals aus Liebe, weder zu sich selbst noch zu anderen. Sie entstehen aus Angst und Feigheit, sind egogesteuert und damit das Gegenteil von Liebe.
All das hinterlässt nur Verletzungen, die sehr tief sind und sich wie eine Schneelawine fortsetzen können. Denn der, der aus Angst vom anderen betrogen wurde, hat nun auch Angst und aus Angst wieder so verletzt zu werden, wird er/sie vielleicht das nächste Mal selbst zum angstbesoffenen Betrüger-/in….oder man wird mit seiner neu erworbenen Angst vom anderen Angsthasen als uncool abgestempelt. Und so entsteht all der irre Gefühlszirkus, der nicht nur hippe Grossstädte überflutet, sondern längst auch in die Keller der Kleinstädte gezogen ist. Oder in die Kleingärten. Bevor ich auf meine Reise ging, steckte ich plötzlich wortwörtlich wieder in einem Garten des Irrsinns, der so gar nicht von mir verursacht wurde, sondern von jemand, der behauptet er sei abgestumpft – ein abgestumpfter Angsthase, der dieses „Ich fühl mich wie ich fühl, weil ich nix mehr fühl“ leierte…für ihn ein angeblicher Freifahrtschein für Lügen und Betrügen, mal wieder. Blitzschnell habe ich mich vom Acker gemacht. Ich bin ausgestiegen aus all dem für eine Zeit, denn mein Mitgefühl für all die Angst-Games ist fast leergelaufen, mein Tränenreservoir dagegen nicht.
Auf dem Festival hören wir jeden Tag das buddhistische Mantra Om Mani Padme Hum, es steht für Mitgefühl. Ich habe mal wieder literweise Pippi in den Augen und frage mich, ob es nicht mal langsam gut ist mit dem Rumheulen. Jessica spricht davon, dass gerade romantische Beziehungen immer bis zu einem gewissen Grad toxisch sind. Nicht nur, weil es für viele schwer ist, authentisch zu sein, sondern auch, weil es für viele schwer ist bei sich zu bleiben: sie stecken in Beziehungen wie Verhungernde – statt ein Stück Schokolade will man die ganze Tafel. Der andere soll einen satt machen mit Glück und Geborgenheit im Bauch. Ein Trugschluss.
Wir liegen abends beim Sonnenuntergang im Gras über uns Schwärme mit indischen Königslibellen. Die Flattertiere wirken wie bestellt. Jessica Walker säuselt: „Nacemos, crecemos, nos desarrollamos para desaparecer.“ Wir werden geboren, wir wachsen, wir entwickeln uns, um zu sterben.”
Es wäre schade, zu sterben und dann nur ein Leben geführt zu haben, wo wir den anderen und uns selbst etwas vorgemacht haben. Wir verrotten in der Erde und unsere Angst sitzt vollgefressen auf dem Sofa. Jessica macht uns klar, wie wichtig loslassen ist. Unsere Ängste, unsere Geschichten, unser Denken über uns selbst. „Actualizate!“ – „Update dich“ fordert sie auf. „Zweifel nicht das du dies und das nicht kannst, jeder Moment ist neu, eine neue Chance für dich. Gerade wenn du nach einem Herzbruchwalzer die Scherben alleine aufsammeln musst, ist es wichtig, das diszipliniert und sorgfältig zu tun, dabei kreativ zu werden. „Ohne Heimat keine Reise“ sage ich da immer. Erstmal in seinem eigenen Beet rumbuddeln und sich die Hände dreckig machen, bis es anfängt zu blühen. Dann muss man auch nicht beim Garten des Anderen betteln oder klauen gehen.
Jessica selbst ist diesen Weg gegangen und hat ihre Energie genutzt ein Blumenmeer wachsen zu lassen. Ey so kitschig das klingt, nur so besteht eine aufrichtige Chance einen Gemeinschaftsgarten zu eröffnen, ohne Angst und ohne Anhaftung. Eine einfache Kiste und für viele von uns erst einmal ein steinharter Weg, der vielleicht niemals endet. Aber der Weg ist das Ziel und dabei nicht vergessen immer wieder auf aktualisieren zu drücken:-)
„Ich liebe dich damit du mich zurück liebst“ ist selbstzentriert und ein Mangelzustand. Es ist keine Liebe. „Ich liebe dich, weil ich dich liebe“, klingt viel besser.
Weil Jessica mich so begeistert hat, sprach ich spontan mit ihr nach dem Festival. Auf englisch und spanisch, beide Versionen findet ihr hier. Danke an Camilo Zaffora, Radiokollege aus Argentinien, der mir mit den beiden Sprachen half und der mit Jessica das Festival organisiert. Wer das Gespräch auf deutsch möchte, meldet sich gerne bei mir.
Mucho Love, Yvi
Obwohl Jessica so viel weiss und kann ist sie null Ego. Noch nie habe ich einen so präsenten, klaren, warmherzigen, begeisterten und gleichzeitig unaufgeregten Menschen wie sie kennengelernt.
INTERVIEW mit JESSICA WALKER
Yvi: It happened to me that I met you in this place and you are talking about relationships for one week. Relationship is the essence of life, no?
Jessica:Relationships is everything. Everything in this dream. I am committed to spirit, that motivates me to walk the path of relationships. How to improve our quality of life? Our love for ourselves? And for silence. How to lead a relationship with the essential.
Yvi: I have the feeling when I talk to my friends or to my family that relationships give you a lot of pain.
Jessica: It is a game, the game of where do you put your eyes. We put pain, where there is no pain, guilt where there is no guilt, or envy, or violence, our mind is lost, distracted, sick, it is very easy to lose ourselves there.
Yvi: So I cannot lose myself when my exboyfried cheated on me in a very sick way?
Jessica: Yes, we can lose ourselves, but the question is how long and how much time you want to keep yourself there. And the definition of it is toxic.
Yvi: Why?
Jessica: Because we talk about princess and the prince on the white horse, that saves your life. We search for someone that saves our lifes. We think: “If you are not with me, I will kill myself. Or I kill you”. It is an antigue system of possession.
Yvi: I remember you said, CREAR – after a heartbreak start to create something. It is not sufficient getting up, having breakfast and going to work. When I had a broken heart I started to smoke, I drank beer, I just worked and I stayed in bed when I did not work, now you come and say create.. so how?
Jessica: Create is the prayer of the spirit of god. Create es un walk, a path, a dimension of healing, impressive for us human beings. It is the way to come back home. It is a way to not stay in the toxic. Create saves us from the toxic. It raises our vibration, it changes our color, it invites us to become new, it makes us to want to live. To be connected with life, creation is life.
Yvi: And when you are damaged it is work. You really have to work on yourself.
Jessica: A lot, but with compassion, in a loving way, with patience, you give yourself time, space, it is a rebuilding of your core-self that is broken. When somebodys heart is broken, you don’t have many tools, the connection with the big mystery gets lost. We lose it like our confidence, the trust, the path, we don’t know where to go, we are lost without a direction. If you don’t have a committed training, it is very complex. To get up and to create. Because everything transforms in sadness. In pain, in abandonment. I abandon myself, so I can’t. I ask for help, help from a cigarette, from a beer…… You have to take care with this kind of helps, because they can become an addiction. For the same depression you are in. For the crisis, the crisis is huge, everything that balances me is broken, my balance is broken. „Where do I go? I don’t know.“ So I hide behind a cigarette, a beer, in a bed, I look for pleasure, I try to get some pleasures around.
Yvi: When I see you teaching and talking, I can feel that what you are talking about is 100 percent experienced by you. You also had pain, how did you get yourself out of it?
Jessica: It is the practice. Without practice we go nowhere. That is reality. I have a practice. Since long time I do meditation. A very old one and I am very committed to it. And this practice gives me the strength to do everything I do.
Yvi: And you do a lot and it feels so light. Friends asking me what can I do, I have to work on myself so hard, I also felt this with myself and then you drop the sentence: „Make it easy“.
Jessica: The more simple the better. Because real love is simple. Real love helps, real love puts things in their proper place, it is a path and it is simple. And you can realize, because it is simple. So the class is simple. The more simple the more you and me can meet. The more we can see each other. And unite. It is not conceptual, we are not gonna learn much in a conceptual way. We can learn concepts, but we are not gonna learn life. Is through experience.. that your heart is touched.
Yvi: In this week of Arunachala Bhakti Lab I was reminded of a radio programme in Spain. They had one category it was called “La ciudad invisible” on radio 3. It is a place of peace, connection and love. This place here is for me the invisible city. How was it for you – being one week here and working with people?
Jessica: Imagine wonderful. Precious. A gift. It is very simple. I am committed with god and with love. I share with you what I have. I don’t keep anything. It is vivid and warm, we try to listen and we try to see what it is and not fooling ourselves.
Yvi: How long will you do Arunachala Bhakti Lab?
Jessica: I hope until we are old and until we die.
Yvi: And why here?
Jessica: Arunachala was a call. And he wants us to be happy.
Yvi: So let’s try.
Jessica: Sí Sí Sí.
El entrevista en ESPAÑOL
Yvi: Salí de viaje por un año. Me pasa que te encuentro en este lugar. No sabía nada de tí, estaba buscando tanto como repararme a mimisma. He intentado con muchas cosas, hacer yoga, viajar sola. Y no quería hablar más de relaciones y vengo aca y tu estás hablando de relaciones por una semana. Las relaciones es como la essencia en la vida, no?
Jessica: Las relaciones es todo. Es todo en este sueño. Yo soy una comprometida con el espíritu. Esto me motiva a caminar el camino de las relaciones. De como mejorar nuestra calidad de vida. Como mejorar nuestro cariño por el planeta. Nuesto cariño por nosotros mismos.Y por el silencio. Una corespondecia por la naturaleza, una corespondencia sencilla con lo essencial.
Yvi: Tengo la sensación de cuando hablo con mis amigos o mi familia que las relaciones te pueden dar mucho dolor.
Jessica: Es el juego, claro. Es el juego á donde pongas la mirada. Nosotros ponemos dolor, donde no hay dolor, culpa donde no hay culpa o envidia, o violencia, nuestra mente esta perdida, esta distraida, esta enferma, es muy fácil perdernos ahí.
Yvi: Es que yo no me puedo perder en el hecho de que mi exnovio me engaño en una manera muy mala?
Jessica: Claro que nos podemos perdernos, el tema es hasta cuando perderte y sobre todo nostostro metermos en este código del amor romántico que la definición es bastante tóxica.
Yvi: Porqué?
Jessica: Porqué hablamos de princessa, de principe en caballo azúl, te voy a salvar la vida, estamos buscando á alguien, para que nos salve la vida. Tenemos un ideal de „Sí no estas conmigo, me mato, te voy a matar”, un sistema possesivo antiguo. Un sistema de ser nos hemos perdido el centro que nos hacen perder energía, que nos hacen perder, ser coherentes.
Yvi: Cuando experimentas algo que se siente como un naufragio, me recuerdo el primer día has dicho ponte crear. Es no suficiente de levantarte e ir a trabajo …cuando yo tenia el corazón roto empezo a fumar, he tomado cerveza, solo trabajo y me he quedado en la cama cuando no estaba trabajando y tu me dices crea! Como?
Jessica: Crear es el camino, es una dimension de sanación impressionante para nosotros los humanos. Es la manera de volver à casa. Es la manera de no quedarnos en lo tóxico. Crear nos salva de lo tóxico. Crear nos eleva la vibración, crear nos cambia el color, crear nos invita a ser de nuevo. A querer vivir. Crear esta conectado con la vida. Crear es vivir.
Yvi: Cuando estas dañado, hay que trabajar en uno miso.
Jessica: Muchissimo, pero de una manera compasiva. De una manera cariñosa, con mucha patiencia, si te emoras, te emorars, te das espacio, te das espacio. Es una reconstrucion con el nucleo interno. Se ha roto la conneción con díos. Cuando uno le rompen el corazón, la connecion con el gran misterio se pierde. Uno lo pierdo como la confianza, como el camino, no sabe donde ir, esta completamente perdida y si no tienes un entrainamiento comprometido es muy complejo. Es muy complejo levantarse y poder crear. Por que todo se transforma en una tristeza, en un dolor, en un abandono. “Me abandono. Por lo tanto, no puedo.” Tengo que pedir ayuda, fumar es un ayuda, tomar una cerveza es un ayuda, entonces simplemente hay que tener un poco de cuidado con estas ayudas, porque que no se puedan transformar en una adicción, por la misma depression, por la misma crisis, la crisis es tremendo, es como el rompimiento de todo lo que me equilibra, se rompe mi equilibrio. “A donde voy? No se, donde ir.” Por lo tanto me escondo. Detrás un cigarro detrás una cerceza, detrás una cama, busco placer.
Yvi: Cuando te veo enseñar y hablar, puedo sentir de lo que hablas es cien porciento sentido por tí, experiementado por ti. Tambien tuviste dolor, como te levas tu cuando tienes dolor?
Jessica: Es la practica, sin practica no nos vamos en ninguna parte, es una realidad, simplemente tengo una practica de meditacion muy antigua hace mucho tiempo. Con la cual estoy muy comprometida. Y esa practica me da la fuerza para hacer todo.
Yvi: Haces muchissimo y todo el tiempo se siente como liviano. Amigos me preguntan „que puedo hacer? Tengo que trabajar en mi misma tan duro“. Yo tambien sentio lo mismo, yo senti lo mismo de hay que trabajr mucho en mi misma, y tu dices, hazlo fácil, hazlo simple!
Jessica: Es que le mas simple mejor. Porque el amor verdadero is simple. El amor verdadero ayuda, en el amor verdadero colocan sus cosas en su lugar, es un camino. Y es sencillo. Y te puedes dar cuenta de que es sencillo. Por lo tanto una clase sencilla. Entre más sencilla más podemos encontranos tu y yo. Más podemos vernos, unirnos. No es conceptual, no vamos a aprender mucho conceptualmente. Podemos aprender conceptos, pero no vamos a aprende. Es a través la experiencia, de que tu corazón se tocado.
Yvi: En esta semana del festival se me recordo un programa de radio en España de radio 3 que se llama la ciudad invisible. Es un lugar donde hay equilibrio, paz, amor y connecion.. y que aprendio en este semana cuando encuentras con otras personas que todos tenemos las mismas temas y asuntos como la vulneribilidad. Como es este trabajo para ti de estar aqui una semana y trabajar con la gente?
Jessica: Imaginate maravilloso, precioso. Un regalo. Es muy sencillo. Yo estoy comprometida con Dios, con el amor, y entonces como lo tengo claro con todas las herramientos que tengo que conosco. Creo espacio para recordar lo que hay que recordar hasta donde yo puedo llegar. Entonces comparto contigo lo que tengo. No me quedo con nada. Es asi, esta vivo, esta caliente, tratamos de escuchar, y tratamos de ver lo que hay, no sernos los tontos. Lo que hay, lo que paresca.
Yvi: Cuanto tiempo más vas a hacer Soulfest – Arunachala Bhakti Lab?
Jessica: Espero de que hasta que seamos viejitos y nos murimos.. Es un contrato.
Yvi: Porque aqui?
Jessica: Arunachala fue un llamado. Y Arunachala además quiere que seamos muy felices.
Yvi: Vamos a intentarlos!
Jessica: Sí Sí Sí!
Muchas Gracias a Camilo Zaffora para ayudarme con las lenguas. Camilo organziza con Jessica el festival. También en agosto en España.
Ich liege auf meinem Stahlbett und mache heimlich Bauchmuskelübungen, etwas, wozu ich mich in meiner Freizeit zwingen muss. Nach zwei Minuten ist Schluss, denn meine Zimmergefährtin, Ranjita, eine nepalesische Mutter und Lehrerin in meinem Alter, kommt rein in unsere Kammer, die so klein ist wie eine Gefängniszelle. Sie legt sich kurz hin und starrt an die Decke, das ist erlaubt.
Wir haben schon fünf Stunden Meditation, Frühstück und Mittagessen hinter uns, und es ist erst 12.00 Uhr. Tag 1. Vor uns liegen noch neun Stunden und neun Tage, an denen wir wie Mönche und Nonnen leben. Der Tag von 4-21 Uhr besteht aus Meditieren, Essen, Schlafen und Klo.
Wir sind in den Bergen Nepals, in Pokhara, von wo aus viele Menschen auf Trekkingtouren zum Himalaya hecheln. Das Vipassana Zentrum liegt an einem Abhang, der runter zum Begnas Lake führt. Jeden Tag regnet, hagelt und donnert es. Ich hätte auch auf die Malediven fliegen und mich im Bikini durch den Puderzuckersand räkeln können, ein Mädel im Hostel erzählte mir von einem günstigen 130 Dollar Flug, weil man sich aber immer selbst mitnimmt – egal wohin man geht – war für mich klar, dass ich das Paradies gerade nicht geniessen kann: Innerlich zu sehr zerrissen, feststeckend zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Selbstoptimierung und Selbstzweifeln … ja zum Wegrennen und deswegen blieb ich da, wo ich war. In Buddhas Heimat Nepal – zum Glück. Es ist ein ruhiges, nettes Land mit viel Natur und wenig Hokuspokus, was mir in Indien oft entgegenschwappte. Buddha sass damals unter einem Baum, jammerte nicht rum und war zufrieden mit dem Hier und Jetzt – die Kunst des Lebens, das wollte ich lernen, der erste Grund, warum ich mich für die Vipassana Meditation anmeldete.
Erst kam ich auf die Warteliste. Dann erhielt ich die Mail, ich hätte Glück gehabt und einen der 34 Plätze bekommen. Ich freute mich, fragte mich aber, ob ich überhaupt eine Chance habe, das zu packen, also über hundert Stunden in zehn Tagen zu meditieren ohne durchzudrehen oder einen Bandscheibenvorfall zu bekommen. In dem Moment, wo Zweifel auf mich einstürmten, lief Joëlle aus Luxemburg mir über den Weg. Sie sagte: „Ich bin auf meiner Reise wie in Fähnchen im Wind unterwegs, das reicht mir jetzt, ich bleibe nun in Pokhara, um in ein paar Tagen Vipassana zu machen“. Wir gaben uns High Five und zogen es gemeinsam jeder für sich durch.
Vor 12 Tagen kamen Joëlle und ich beim Dhamma Pokhara Zentrum an und verlassen es nun glücklich und fertig.
Mit in unserem Kurs sind selbstbewusste Menschen zwischen 19 und 50 Jahren: Ärztinnen, Studenten, Mütter, Lehrer, Ex-Knastis, Designer und Weltenbummler wie Jan aus Saarbrücken. Während sein Zwillingsbruder brav daheim studiert, ist er lange wütend auf alles gewesen, hat immer wieder Mist gebaut, ist drei Jahre um die Welt gereist, jetzt mit 21 Jahren hat er Meditation für sich entdeckt und ist peacig drauf. Ich wünschte es gäbe mehr Menschen wie ihn, die mal anhalten und ankucken, was abgeht.
„Ohne Heimat keine Reise“
Vipassana steht für Einsicht oder Klarsicht und ist mit das Härteste, was man sich in Sachen Meditation geben kann. Buddha hat diese Methode erfunden, mit der wir uns von unserem Leiden befreien können, also von unseren nervigen Denkmustern und Gewohnheiten, mit denen wir uns selbst schaden und unglücklich machen. Und dafür müssen wir erstmal leiden, radikal zu uns selbst reisen und aufräumen. Schön das Oberstübchen entrümpeln und durchlüften.
Wir sitzen zwölf Stunden am Tag auf einem uns zugeteilten Kissen, die Beine verknotet wie ein Brezel. Drei Stunden davon müssen wir einen auf Statue machen, also uns gar nicht mehr bewegen, egal, ob eine Fliege unsere Nase als Landeplatz ansteuert oder die Verspannungen im Rücken unerträglich werden….ok, wenn es gar nicht mehr geht und die Knie vor Druckschmerz drohen zu explodieren, ist ein sich kurzes Bewegen in Zeitlupe erlaubt. Das Wichtigste ist, dass der Geist, der wie ein Teich an der Spitze unseres Körpers thront, durch unsere Bewegungen nicht aufgewühlt wird. Deswegen auch keine Crunches oder sonstigen körperlichen Firlefanz in den kurzen Pausen. Das leuchtet mir ein.
Multitasking vs. Fokus
Ich zappele manchmal rum und habe immer tausend Dinge gleichzeitig im Kopf. Auf der Arbeit, beim Radio kann ich das gut gebrauchen, Musik fahren, whatsappen, im Internet surfen, noch einen Ton einspielen und schneiden, reden und dabei noch parallel was lesen… kein Ding. Allerdings bin ich auch oft genauso in meiner Freizeit unterwegs. Morgens habe ich meistens Full Power, dann läuft alles gleichzeitig los, ich reagiere darauf und plötzlich ist der Akku leer, obwohl es erst früher Nachmittag ist. Ich helfe dann mit literweise schwarzen Kaffee nach und mache weiter, so nach dem Motto einer geht noch rein. Hier noch was lesen, da noch ein Foto knipsen, eine Mail beantworten und am Ende des Tages mit dem Smartphone in der Hand einpennen. In der Neon Zeitschrift beim Unnützen Wissen las ich: Das, was wir uns an einem Tag in den Kopf stopfen, gab es früher auf ein ganzes Leben verteilt.
Ich versuche Vipassana auch, um mehr Fokus, mehr Konzentration, mehr Balance zu bekommen und die Erlaubnis mal nur zu Sein, denn ich habe stets das Gefühl, nie genug zu leisten, was mir hier auf dieser Reise immer wieder auf die Füsse fällt. Ein anstrengendes, angstgesteuertes Egoding machte bisher auch auf Reisen die Hintergrundmelodie. Ich lasse ich mich selbst oft nicht in Ruhe und wenn dann Chillen mit schlechtem Gewissen…
ja ja..und …..Be Happy 🙂Wann wurdet ihr zum letzten Mal dafür gelobt, einfach zu sein, statt was spezielles geleistet zu haben? Eben. Vipassana lehrt euch in erster Linie Human Being statt Human Doing zu sein.
Human Being vs. Human Doing
Um vom Human Doing weg zu kommen gibt es erstmal einen Informationsentzug. Smartphone, Kamera, Bücher, Zettel, Stifte geben wir am Eingang ab. Ich freue mich auf diesen Detox. Dazu zehn Tage lang noble silence. Ich muss nicht überlegen, was ich interessantes erzählen könnte, und ich werde nicht vollgelabert. Egal, was kommt, das Schweigen muss eingehalten werden. Ich liebe diese Sabbelpause. Befremdlich für mich ist aber, dass ich die anderen Teilnehmer nicht mehr bewusst ansehen darf und schon gar nicht anlächeln. So ausdruckslos wie unsere Gesichter sind, so schlicht ist das Zentrum. Lediglich kleine „Be Happy!“ Schilder kucken uns an und die grossen fünf Verbote des Buddhismus: Rauschmittel, Lügen, sexuelles Fehlverhalten, Stehlen und Töten.
Das mit dem Töten wird gleich abends an Tag 1 auf die Probe gestellt. Ich muss aufs Klo, und da wartet die grösste Spinne, die ich bisher in meinem Leben sah, auf mich. Schwarz und Tennisballgross hockt sie auf der Klobürste. Ich breche das noble silence und brülle kurz los. Ranjita saust an mir vorbei und ich denke: „Ah sie haut die Spinne kaputt.“ Sie schliesst die Tür und kommt nach zwei Minuten seelenruhig wieder raus. Die Spinne klebt immer noch lebendig an der Bürste, ich glotze Ranjita mit grossen Augen an und breche damit schon wieder die Regel. Ranjita zuckt mit den Schultern, packt die Klobürste samt Spinne und katapultiert diese über den Zaun in den Wald. Sie schafft es auch in den kommenden Tagen einen auf gleichmütige Superninja zu machen ganz à la Vipassana. Egal, was um uns los ist, wir bleiben gleichmütig und gelassen oder versuchen es zumindest. Mal entfernt sie eine Spinne von meinem Bett, mal erhebt sie sich im Gruppen-Meditationsraum und zieht eine Art Ohrenkneifer unter dem Kissen einer hochroten Teilnehmerin hervor, die ihn wohl zuvor an sich hochkrabbeln spürte und kurz hysterisch schnaubte.
Be Happy! So wie Körper auf Kopf reagiert, reagiert Kopf auf Körper. Ihr könnt ihn austricksten, einfach eine Minute lang grinsen und schon denkt der Kopf ihr seid happy
Mind matters most
So wie unser Körper auf einen krabbelnden Ohrenkneifer reagiert, so reagiert er auch auf Gedanken. Körper und Geist gehören zusammen. Allerdings ist Geist der Boss. Er bestimmt, wo es langgeht und welche Sensationen unser Körper hat: Wenn der Kopf auf nervös schaltet, müssen manche von uns mehr aufs Klo. Kommt Wut, drückt der Magen, erschrecken wir uns poltert das Herz. Sehen wir etwas gruseliges, läuft ein Schauer über den Rücken. Unsere Gedanken fliessen in Körperreaktionen und auf die reagieren wir wiederum: „Ich bin traurig, mein Körper fühlt sich dumpf an also greife ich zu Zigaretten oder Schokolade oder Alkohol oder Drogen etc.“ So entwickeln wir Gewohnheiten, mit denen wir uns selbst schädigen. Als ich vor Jahren Kummer hatte, fing ich an zu rauchen. Schnell merkte ich: „Ich kann gar nicht so viel rauchen, wie ich mich fühle.“ Scheisssucht. Ich habe erkannt, dass ich mein emotionales Innenleben nicht über äussere Dinge reparieren kann, und es geht auch gar nicht um das Nikotin, sondern um das Gefühl, was dabei entsteht, wenn man sich eine Zigarette reinzieht. Manche rauchen, um sich eine Dosis Freiheitsgefühl abzuholen, wie der Cowboy auf dem Gaul. Andere greifen zu Drogen wie der Musiker John Frusciante, Ex-Gitarrist der Red Hot Chili Peppers. Durch die Reise nach Innen ist er angeblich von seiner Heroinsucht weggekommen. Bei der Vipassana Meditation hat er gelernt nicht zu reagieren, wenn ein Ohrenkneifer über seinen Kopf krabbelt. Denn wartet man mal ein bisschen ab, geht diese Sensation auch vorüber. Ein guter Trick zum Klarkommen und Seinlassen.
Mit unseren Gedanken, schreiben wir unser Leben selbst. Bei Zweifeln, klappt es oft nicht. Sind wir sicher, gelingen Dinge.
Denk-Detox vs. Monkeymind Madness
Um zu kapieren, was überhaupt in uns vorgeht, brauchen wir scharfe Sinne und ein feines Körperbewusstsein, das weit über – oh meine linke Schulter tut weh hinausgeht. Bevor wir Millimeter für Millimeter unseren Körper scannen und lernen ohne Bewertung seine Sensationen zu beobachten, sollen wir uns an den ersten drei Tagen auf unseren Atem konzentrieren. Und zwar auf die Nasenlöcher, wo er ein und ausströmt. An Tag eins vegetiere ich vor mich hin und penne immer wieder ein. An Tag zwei wirkt der Informationsentzug und ich bin hellwach. Obwohl es erst fünf Uhr morgens ist, läuft meine Denkzentrale auf Hochtouren. Ja ich weiss ich soll mich auf meinen Atem konzentrieren und im Moment bleiben. Aber meine Gedanken sind wie eine Horde Affen auf Ritalin, ich habe das Zeug nie ausprobiert, aber so muss es sein. Ich bin hochkonzentriert und fange im Kopf an zu schreiben. Neue Reisegeschichten, mir fallen so viele Situationen ein, die noch gar nicht beachtet wurden, Zusammenhänge, Ideen, Projekte. Ich könnte platzen vor Energie und guter Laune. Dann lässt die Euphorie nach, ich ziehe meine Stirn zusammen. Mein Kopf saust in die Zukunft und geht in den Grübel-Planungsmodus, wann das Ende der Reise ist und wie es danach weitergeht. Ja Sorgen, um die Zukunft machen, die noch nicht da ist, vergeudete Energie. Aber mein Kopf mag es so sehr, sich zu sorgen.
Plötzlich habe ich Schiss, dass ich durch dieses Meditieren Informationen in meinem Kopf für immer auslösche. Ich gehe meine Passwörter durch. Ah sind noch da. Mein Rücken schmerzt, meine Beine sind taub.
Knipst mal Augen zu und beobachtet, was ihr alles denkt. Das müssten um die 200 Gedanken in fünf Minuten sein. Laut Wissenschaftler denken wir um die 60000 Gedanken am Tag. Der Grossteil davon ist negativ. Ein Monkeymind mit hausgemachter Misere, das oft in der Vergangenheit rumwühlt oder die Zukunft spinnt.
Jetzt springen die Gedanken in die Vergangenheit und schalten auf Drama: Eine Szene, die ich schon tausendfach angekuckt habe. Mein Atem wird flacher und gepresster, mein Herz schrumpft in sich zusammen. Ich erinnere mich: Der Mensch, der mir am nächsten stand, mit dem ich viele Jahre meine Welt teilte, was auch gut war, hatte mich getäuscht und das auf weite lange Strecke, was nicht gut war. Damals konnte ich die vielen Infos, die auf mich einprasselten, kaum verarbeiten. Mein Körper wurde knallheiss und ich hatte das Gefühl in tausend Stücke zu zerbrechen. Das Ende der Beziehung war nicht das Problem, es brachte auch viel Gutes mit sich und heute weiss ich, dass Menschen sich in jeder Sekunde verändern, Wünsche, Erwartungen, Vorlieben..nichts bleibt wie es ist – im Vipassana nennt man es anicca – Unbeständigkeit der Dinge. Das Problem war der Vertrauensbruch, er schraubte sich tief in mein System und veränderte es nachhaltig. Angst, Misstrauen und Zweifel kamen als Gäste, blieben einfach und warteten immer wieder auf eine Bestätigung ihrer Daseinsberechtigung. Auf dieser Reise wollte ich die Denkmonster endgültig rauswerfen, auch ein Grund warum ich beim Vipassana landete.
Selbstwirksamkeit
Ich melde mich an zu einem persönlichen Gespräch mit Khadya Karki, dem gütigen bebrillten 74 Jahre alten Vipassana Lehrer aus Nepal. Ihm wurde seine Frau vor 45 Jahren gebracht, ohne, dass er sie vorher zu Gesicht bekommen hatte. Er ist bis heute mit ihr glücklich und fragt sich, warum wir in der westlichen Welt, die Partner, die wir selber aussuchen dürfen, irgendwann betrügen und oder verlassen. Gute Frage, sehr vielschichtiges Thema. Da prallen natürlich zwei ganz unterschiedliche Welten aufeinander. Für mich ist es erstmal wichtig, wieder Vertrauen zu können. Ich frage ihn, wie ist es anstellen soll. Noch bevor er antwortet, kommt mir eine Situation in den Kopf, die kurz vor meiner Reise in Leipzig passierte. Ich fuhr mit einem verlorenen Weltenbummler Tandem durch Leipzig. Ich kannte ihn schon einige Wochen und meine innere Stimme flüsterte mir mehrmals zu „Pass auf dich auf“. Wir steuerten auf die grosse Kreuzung am Rathaus zu, und er sagte zu mir: „Vertraue mir niemals, nur hier auf dem Tandem.“ Dann düste er mit Highspeed über die rote Ampel in den Gegenverkehr. Es war sehr knapp. Das war der Moment, an dem ich begriff, dass ich die Zügel für mein Leben sofort selbst in die Hand nehmen muss. Ich bin verantwortlich für meine Wahl. Den Zeigefinger auf den Täter zu richten und mich dabei zum Opfer zu machen kann ich mir sparen. Ich muss nicht dem anderen vertrauen, sondern mir selbst. Damit weichen auch Angst, Misstrauen und Zweifel, die das Gegenteil von Liebe sind. Erst dann kann das scheue Herz sich wirklich öffnen…
Und wenn eine Begegnung doof verläuft, kann ich das schade finden, muss aber kein Drama daraus machen, das mich dazu bringt mein Herz auskotzen zu wollen.
Der Lehrer bestätigt, dass Eigenwirksamkeit der Schlüssel ist. Immer wieder zurück zu sich kommen, sich updaten und checken, was gerade Sache ist. Er erwähnt das bekannte chinesische Sprichwort:
We sow a thought and reap an act; We sow an act and reap a habit; We sow a habit and reap a character; We sow a character and reap a destiny.
Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheit.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal
Und er erklärt: „Menschen, die andere bewusst täuschen, schaden in erster Linie sich selbst, sie sind mit sich und ihren Gedanken nicht im Reinen und können so keinen Frieden finden. Das Gesetz der Natur wird ihre Taten richten.“ Was für eine Misere! Meine Wut, weicht dem Mitgefühl.
Morgens an Tag elf wird die Aussichtsplattform geöffnet, jetzt dürfen Männer und Frauen, die am ersten Tag getrennt wurden, wieder aufeinandertreffen. Von den 34 sind noch 27 übrig. Ein Pärchen gab auf, einer wurde gegangen, weil sie ihn beim Essen auf dem Zimmer erwischt hatten, ebenso eine Dame, die sich nicht daran hielt andere nicht zu berühren und zwei Sunnyboys. Nach dem Vortrag zum Thema Liebe – selbstzentriert vs. bedingungslos, machten sie sich vom Acker. Wir schauen auf den See, im Hintergrund versteckt sich der Himalaya hinter einem Nebelschleier. In all den Tagen hat er sich nur einmal gezeigt. Innerhalb einer Stunde klart es mehr und mehr auf bis der Himalaya uns mit seiner Schneemütze anschaut. Ich finde das irre, weil es so ein schönes Bild ist, für das, was beim Vipassana passiert. Erst sind unsere Köpfe vernebelt und verdüstert und dann mit der Zeit klaren sie auf.
Jan rennt wie ein Hundewelpe herum und brüllt: „Ey, ich geh nach Hause, und ich werde was machen, was ich noch nie getan habe. Ich werde meine Eltern umarmen, ich freue mich darauf, ich bin so voller Liebe!“
Be Happy!
Mucho Love, Yvi.
PS. Wenn ihr auch mal sowas machen wollt, Vipassana gibt es auf der ganzen Welt und sogar in Deutschland. Es kostet nichts, ihr bekommt alles gestellt. Essen, Schlafen und Teachings. Es wird durch Spenden finanziert.
Ich stand auf der Tanzfläche unter dem Banyan Tree in Goa. Hinter mir liegen knapp drei Stunden Ecstatic Dance, wobei ich die letzte Stunde mit brennenden Füssen am Rand hockte und mich dann zum Abschied noch einmal auf die Tanzfläche wagte. Ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Wie immer gab es am Ende des Tanzes ein paar neue Paarungen für den Moment: Menschen, die glücklich mit klitschnassen Haaren übereinander, nebeneinander oder ineinander am Boden lagen. Das war mir dann doch zu viel Nähe bei so viel Nüchternheit. Ecstatic Dance ist Tanzen ohne Sabbeln, ohne Alk, ohne Rauchen, ohne Drogen, barfuss und – wer mag – mit Kontakt.
The Source ist einer der schönsten Tanzorte.
Mein Status war noch Anfängerin – sprich: angeschossenes Reh schlittert alleine über die Tanze, unsicher und mit lautem Kopf. Der scannte die schönen hundert Menschen drum rum und plapperte unentwegt: „Aah die sind ein Paar, oh der hat mich angelächelt, ach ne jetzt ist sie ja mit dem anderen…? Soll ich jetzt mit dem tanzen, diese Bewegung sieht toll aus, kann ich nicht, was machen die denn da in der Ecke? Wo will denn mein rechtes Bein hin? Mir tun die Füsse weh….“ Was beim Ecstatic Dance passiert, ist das Leben. Hier zeigt sich unsere Beziehung zu uns selbst und die Beziehung zu anderen: wie selbstbewusst wir sind, und ob wir fähig sind Verbindung zu anderen aufzubauen, ohne, dass wir ins Wanken geraten. Wir sollten unseren Impulsen folgen – erstmal alleine dann gerne mit anderen Menschen zusammen dancen. Aber Warnung: Wenn man den Mut aufbringt, jemand anzutanzen, kann der oder die dankend weiterreisen. Denn jeder Mensch hat so seine Launen und nicht jeder mag die Energie von unsicheren Leuten, die während des Tanzes freezen also erstarren und nicht wissen, was sie mit ihrem rechten Arm und ihrem kleinen Zeh anstellen sollen. Obwohl alle sehr nett und offen waren, und Musik von Bonobo und Nu Rückenwind gaben, hemmte mich die Angst vor Ablehnung zu Beginn sehr.
Einer der schönsten Tanzorte unter dem Banyan Tree. Ja es ist ein Baum:-)
Und dann kurz vor dem Ende der Sause wurde ich abgeholt. Fast. Wie von einem imaginären Pfaden gezogen, schlingerte ein Typ auf mich zu: Rückwärts! Er stoppte genau einen Zentimeter vor meiner Nase. Da er keine Augen im Hinterkopf hatte, fragte ich mich, was das für ein Hokuspokus war. Der Typ war bekannt. Ein Musiker und Tanzlehrer. Er war mir schon die Male davor aufgefallen, nicht nur weil er wie Jesus aussah – (nicht zu verwechseln mit dem Tänzer in Goa, der sich Gott nannte) – er war mir auch aufgefallen, weil er immer zweieinhalb Stunden durch das tanzende Menschenmeer suchend umherirrte, um dann am Ende, eine Frau auszuwählen, mit der er zu einem Song tanzte. Das sah dann jedes Mal überirdisch gut aus. Sowas wollte ich auch können.
Mich hatte der Tänzer jetzt nicht zum Tanzen, sondern zum gemeinsamen Rumstehen auserkoren. Rücken an Nase – Nase an Rücken. Ich fragte mich: „Möchte er, dass ich mit ihm diesen blöden Doppeldecker mache, wie verliebte Paare es auf Konzerten tun? Dass ich meine Arme von hinten um ihn schlinge?“ Ich meine, einen DJ hatten wir da vorne, es war ja quasi wie ein Konzert und andere taten genau das – so nen blöden Doppeldecker. Passiv stand ich da. Mein Körper war ratlos, mein Kopf war schüchtern. Ich wollte dem Tänzer zuflüstern: „Ey dreh dich mal um, ich kann auch was, auch wenn es nicht tanzen ist – zumindest nicht so wie sie es hier tun. Ich kann reden und erzählen, und ich kenne gute Witze“, aber Sprechen ist beim Ecstatic Dance untersagt und sowieso Reden zählt in Goa, dem Mekka der Körperlichkeiten, nicht. Goa ist die Spielwiese für Hulahup-Prinzessinen, Tantragöttinen, Yogalehrer und Profi-Tänzer. Ohne meine Stimme fühlte ich mich wie ein Niemand. Mein Ego lag zermatscht am Boden, es glich einem Haufen Kartoffelbrei und alle Unsicherheiten kamen auf den Teller. Beim Ecstatic Dance musste ich sie fressen.
Das war genau richtig für mich, denn für meine Reise hatte ich mir vorgenommen, mich meinen Ängsten zu stellen und meinen Körper herauszufordern, Dinge zu lernen, die zuhause zu kurz gekommen sind.Goa stand für Tanzen.
Foto von Michela di Savino.
Wenn ich eine Sache kräftig vernachlässig habe in meinem Leben dann ist es das Tanzen. Als Teenie hüpfte ich noch in meinem Zimmer zu Madonna und Motörhead rum. Jeden Abend feierte ich stundenlang eine Onewomandisco bis ich erschöpft ins Bett fiel. Mit 16 ging’s dann auf die Parties und in die Clubs, da kam der Alkohol dazu, der in meiner Heimatstadt zum Feiern dazugehört. Wer nicht trank, wurde als seltsam betrachtet, so ist es auch heute noch. Weil ich ausserhalb meiner vier Wände gehemmt war zu dancen, machte ich beim Trinken mit. Mischgetränke als Mutpusher. Während meines Studiums hörte ich auf zu tanzen. Ich fing an fürs Radio zu arbeiten und sabbeln wurde mein Element. Ich sass auf den Parties an der Theke und unterhielt mich. Das machte ich jahrelang und die Hürde einfach mal stundelang zu dancen, wurde immer grösser. Dann entdeckte ich Ecstatic Dance. Pascal, der in Berlin eine grosse Szene aufgebaut hatte, kam nach Leipzig. Ich schlich nüchtern und schüchtern in den Raum: „Na toll, nur 8 Leute da“. Es hatte sich in Leipzig logischerweise noch nicht rumgesprochen, denn es war die erste Veranstaltung. Ich hatte dasselbe Gefühl, wie damals, als ich zum ersten Mal zum Uniradio ging. Ich hatte Schiss und wollte umkehren. Aber Umkehren führt ja nur in eine Sackgasse und zum Stillstand – also blieb ich. Pascals Set war mega. Elektronische Musik, Tribal sounds mit Livedrums. Ich tanzte und zwar so wie ich es damals als Teenie in meinem Zimmer tat. Beim Rausgehen entdeckte ich den Flyer Ecstatic Dance Festival in Goa – Januar 2018. Und so fand ich meinen Weg nach Indien.
Jetzt stand ich in Goa unter dem Banyan Tree vor dem Rücken des tollsten Tänzers. Da ich ja nicht reden durfte, tat ich nix. Sein Geruch erreichte meine Nase und verriet tagelanges Nichtduschen. Ausserdem bemerke ich seine für einen Tänzer ganz unüblichen nach vorne gezogenen Schultern. Er machte auf mich den Eindruck, einsam und lost zu sein. Vielleicht plagte ihn auch Liebeskummer, denn auch die freie Goaszene ist davor nicht gefeit. In den letzten Jahre hatte ich einige Erfahrungen gesammelt mit den lost souls, den lonely warriors und den freedom fightern dieser Welt. Mehr davon wollte ich gerade nicht. Ich erinnerte mich an eine Dänin, die zu mir sagte: „With Ecstatic Dance you learn how not to dance, you learn how to move!“ Ah es ging also gar nicht darum, zu lernen megatoll beim Tanzen auszusehen, sondern das Gegenteil, beim Ecstatic Dance geht es darum, das Tanzen zu verlernen und sich stattdessen so zu bewegen, wie man sich fühlt.
Ich machte zwei Moves – nach links und nach vorne. Jetzt stand ich nicht mehr im Schatten des Tänzers, sondern neben ihm. Mit etwas mehr Abstand. Der DJ forderte uns nun auf, uns zu umarmen, wenn wir wollten. Der Tänzer schaute zu mir rüber und lächelte mich an, ich schaute zu ihm rüber und lächelte ihn an. Einige Sekunden vergingen. Ich drehte meinen Kopf zurück und schaute nach vorne…„With Ecstatic Dance you learn how not to dance, you learn how to move!“
Ich bewegte meine rechte Hand zu meiner linken Schulter, die linke Hand zu meiner rechten Schulter. Ich umarmte mich selbst.
Epilog: Der Tänzer ergriff jetzt die Flucht nach vorne. Er verliess den Ecstatic Dance so vorzeitig wie Aschenputtel den Ball.
Mucho Love, Yvi
Ecstatic Dance bis die Wolken Lila sind
Das Gruppenbild ist von Festivalfotografin Michela di Savino.
PS: Diese Geschichte trug sich zu an einem Abend bei The Source in Arambol Goa. The Source ist einer der schönsten Konzert-, Workshop- und Tanzorte, an dem es mehrfach die Woche öffentlichen Ecstatic Dance gibt. Auf dem Ecstatic Dance Festival waren wir eine geschlossene Gruppe im Forgotten Land. Truppe und Ort waren ganz wunderbar. Ich kann es jedem, der Bock auf tolle Musik und Dance hat, nur empfehlen! Fotos vom Festival findet ihr auf der Ecstatic Dance Goa Facebookseite
Pims Finger waren wie ein Presslufthammer, der versucht eine Betonplatte aufzubohren. Die Betonplatte war mein Rücken. Sie fragte mich ernsthaft, ob ich einen Unfall gehabt hätte. Ich: “Nö, wieso?” Pim: „Because there is no balance at all in your body!“ Keine Balance im Körper.
Deswegen fand ich den Weg zu ihr. Zu Pim, die auf der thailändischen Insel Ko Phangan bekannt war mit ihren magic fingers die krassesten Verhärtungen weg zu bügeln. Ich hatte schon immer gut mit Muskelverspannungen zu tun, aber durch das letzte halbe Jahr vor meiner Reise ist noch einiges dazugekommen. Durch Kämpfe mit meiner Ex- Hausverwaltung, mit bestehenden Verträgen und Versicherungen und mit meinem Kopf, der voll auf Drama schaltete. Ich hatte Verspannungen bis in die Zehenspitzen. Pim versuchte meine Füsse zu lockern, die wie festgeschnürt waren und begann den Berg auf meinem Rücken abzutragen. Schicht für Schicht.
Keine Balance. Das nachdem ich gerade meine Yogalehrerausbildung abgeschlossen hatte, bei der es primär darum ging, Balance im Körper zu schaffen. Aber ich war schon immer besser im Drüberreden, statt im regelmässig Selbermachen. Diese Faulheit, die der ein oder andere von euch auch kennt, die einen dazu bringt, morgens lieber einen zweiten Kaffee im Bett einzuhauchen, statt das Kamel auf der Yogamatte zu üben. Haben ja beide denselben Effekt: Sie machen fit. Nur einmal habe ich es mit körperlicher Disziplin so richtig durchgezogen. Beim Powerfitness an der Uni. Ein wildes Rumgehüpfe auf Zehenspitzen. Ich rannte sechs Mal die Woche hin, bis ich gefragt wurde, ob ich nicht Bock hätte, Übungsleiterin zu werden. Oh das fand mein Ego gut, schön den dicken Mäckes in der Mitte machen und auch noch ein eigenes Musikset zum Rumtoben aussuchen. Körper- und Gehörerziehung zu The Rapture, Moby und Elekrowilli & Sohn.
Ich trieb es soweit, bis meine Schienbeine erst entzündet und am Ende komplett im Arsch waren. Akzeptieren wollte ich das nicht. Ich liess mich von einem dubiosen Orthopäden mit Cortison spritzen, die kompletten Schienbeine entlang von der Fussplatte bis zu den Kniescheiben. Er musste kurze Zeit später seine Praxis dicht machen, ich mit Powerfitness aufhören. Aufgrund der niederschmetternden CT Ergebnisse bekam ich ein Jahr Sportverbot. Nicht mal schwimmen war erlaubt. Keine Balance.
Ein Ziel auf meiner Reise ist, meinen Körper ernst zu nehmen und da wirklich Balance nachhaltig reinzubringen. Ich bin mitten im Experiment den Körper als Instrument zu benutzen. Ein Jahr lang Yoga, Tanzen, Singen, Berge erklimmen und was man halt so mit seinem Körper anstellen kann. Dafür versuchte ich direkt zu Beginn meiner Reise meinen Körper wieder locker bekommen.
Pim bohrte ihre Finger zielsicher unter meine Schulterblätter. Dabei rülpste sie. Immer und immer wieder. Das tat sie auch bei anderen Kunden. Manchmal auch theatralisch mit Augen verdrehen, rausrennen und Minuten später wieder reinkommen. In meiner letzten Sitzung fragte ich sie: „Pim geht es dir nicht gut, hast du Magenschmerzen?“ Sie erklärte mir, dass sie nur auf Arbeit rülpst, dass sie immer mit Leidenschaft arbeitet. Ihr Herz sei hundertprozentig angeknipst, und so fühle sie oft, was hinter den fiesen Verhärtungen steckt.
Ich weiss, was es bei mir ist. Schiss mit Wohnsitz im Nacken abwärts. Angst, was zu verlieren, Angst den Zug zu verpassen, Angst davor keine Kohle zu haben, Angst vorm Älterwerden, Angst vorm Tod, Angst davor abgelehnt zu werden, Angst davor nicht zu wissen, was nächstes Jahr ist usw. Ich schreibe das hier so einfach hin, weil ich weiss, dass viele von uns ähnliche Ängste haben. Der Mensch ist ein Angsttier, er frisst sich damit voll. Wenn man jetzt mit Yoga und so ankommen würde, ist es das Ego, das Angst hat. Eine Pseudoangst, denn kontrollieren können wir vieles nicht. Ich habe einen ganzen Rucksack voller Ängste, das war schon immer so. Und ich liebe die Freiheit und die kommt immer mit Unsicherheiten daher. Weil ich schon lange davon träumte, einmal im Leben ein Jahr lang zu reisen, sich das aber mit meiner grössten Angst, der Existenzangst, biss, musste ich springen. Jetzt oder nie, so fühlte es sich an. Raus aus der Komfortzone, rein in die Welt. Dafür musste ich meine geliebte Arbeitsstelle und meine Wohnung, also meine „Sicherheiten“ hinter mir lassen.
Mein erstes Ziel war Thailand. Auf der Insel Ko Phangan. Statt einen auf barfüssigen Hippie am Meer zu machen, hockte ich die ersten 5 Tage drinnen in meiner Bambushütte mit meinem Angstrucksack: „Wo ist mein Job, wo ist meine Wohnung, was mache ich hier?“ Das raste durch meinen Kopf. Wochen später noch in Goa, sagte mir eine Teilnehmerin vom Ecstaticdance Festival: „Du wirkst so angespannt, als würdest du etwas festhalten. “ Ja, stimmt. Ich hielt mich an meinem alten Leben fest, das nicht mehr da war. Wer war ich denn schon ohne das? Dazu peitsche mich mein schlechtes Gewissen: „Was erlaubst du dir eigentlich, einfach mal so eine lange Zeit aus deinem alltäglichen Leben rauszuspringen? Und was bitte ist in einem Jahr, wenn du keine Kohle mehr hast? Du wirst abgebrannt und Strand von Goa enden. Game over!“ Dazu die Sorge der Eltern, die Welt sei so gefährlich. Ehrlich gesagt bin ich in Halle (Saale) überfallen worden, Gefahr ist überall, aber darum geht es mir nicht. Ich habe keine Angst davor, die Welt zu bereisen, ich habe Angst davor bei meiner Rückkehr keinen Anschluss mehr zu finden in der regulären Arbeitswelt, also nie wieder einen bezahlten Job machen zu dürfen, der mir so viel Spass macht, wie die Jahre zuvor. Mein letzter Arbeitgeber und ich wir haben uns hübsch mit einer Pommesparty verabschiedet und es offen gelassen. Offene Beziehungen konnte ich noch nie. Bisher. Jetzt gilt es mal all die Optionen auszuhalten. Ich bin so dankbar, die Welt sehen zu dürfen, aber zu Beginn meiner Reise konnte ich es gar nicht geniessen. Ich konnte nicht zum Meer gehen und meine Zehen ins Wasser halten: Der Anblick bot zu viel Freiheit, zu viel Platz für Ungewisses, zu viel Wasser. Beim Element Yoga habe ich gelernt, dass Wasser entspannt ist. Es weiss, wie GowiththeFlow geht. Es steht für Loslassen und Flexibilität. Noch fühlte ich mich wie eine Betonplatte, die sich auf zum Wellensurfen macht, Wellensurfen mit meinen Ängsten.
Pim schaute mich an und ermahnte mich: „Stop overthinking!“ – „Hör mit dem Grübeln auf.“ Sie zog an meinem Nacken und rülpste dabei laut.
PS. Wer das mit dem Rülpsen nicht glaubt, besucht Pim selbst. Sie ist die Chefin von Revive Massage, trägt auf dem Foto ein wasserblaues Shirt und nimmt kein Blatt vor den Mund.