Vom Smartphone, das beim Meditieren starb

Oder: Das erleuchtete iPhone!

Stundenlang wie ein Brezel verknotet im Schneidersitz zu hocken, hatte ich ja schon gelernt bei meiner Yogalehrerausbildung in Thailand –   meine Gedanken mal auf Standbye zu knipsen nicht. Dieser angenehme Zustand, den man beim Feiern hat, ein easy Kosmos, in dem nur der Moment zählt, der nächste Beat, das nächste Kaltgetränk… Sowas kann man angeblich auch mit Meditation erreichen, garantiert Katerfrei. Während meiner vierwöchigen Ausbildung musste ich mich jeden Morgen um 6 aus dem Bett rollen und direkt mal eine halbe Stunde meditieren. In meinem Kopf ging es zu wie in einem Affenzirkus – der Gegensatz vom Zustand des Yoga. In Patanjalis Yoga Sutras, der klassischen Yoga Schrift mit dem Leitfaden zur Erleuchtung, oder sagen wir zu einem gechillten Leben, heisst es:yogaś-citta-vr̥tti-nirodhaḥ – Yoga ist das Zur Ruhe bringen der Fluktuationen des Bewusstseins. Zu deutsch: Yoga ist der Zustand, in dem die Gedanken ihre Klappe halten. Um die 60000 sausen täglich jedem von uns durch den Kopf, und wenn ich mich nicht verzählt habe, dürften das 42 pro MINUTE sein. Ich persönlich finde das dolle anstrengend. Auch dass diese Gedanken nicht mal die Basics des Storytellings beherrschen, sie quatschen ohne roten Faden drauflos: waren sie gerade noch beim Pommesessen, mit oder ohne Majo, rutschen sie auf einmal in den letzten Streit mit dem Ex-Lieblingsmenschen ab, gehen noch mal alles haarklein durch, tun so als hätten sie das noch nie gedacht und durchdenken es nochmal von vorne und nochmal…dann hüpfen sie in die Zukunft, die ja noch gar nicht da ist, aber trotzdem muss man schon mal überlegen, was im Herbst 2018 so ansteht. So ein Affenzirkus – sagte ich ja schon!  Vom Monkey Mind zum ruhigen See. Das wollte ich lernen.

Nach Abschluss der Yogalehrerausbildung bin ich mit der Koreanerin Miok und der Venezolanerin Suni zu einem Zentrum für Meditation in der Nähe von Pai im Norden Thailands gedüst. Zum Open Mind Centre. Ein um die 60 Jahre alter Brite empfing uns. Er war wie ein wilder Sturzbach, der versuchte, so zu tun als sei er ein ruhiger See. Er fiel Suni ins Wort und hatte eine Laune zum Wegrennen. Wir merkten sofort – ui, das war keine gute Idee dort hinzufahren.  Weil es aber abends war, beschlossen wir dort eine Nacht zu bleiben, um dann morgens schnell wieder abzuhauen.

Zum Zentrum gehörten 12 Holzhütten, alle verlassen, bis auf eine. Die bewohnte eine ca. 25 jährige Holländerin, die uns ankuckte als hätte sie gerade die Teletubbies über die grünen Reisfelder flitzen sehen. Sie war seit 6 Tagen dort und bereits irgendwo anders. Es schien ihr entgangen zu sein, dass aus den Leitungen kackbraunes Wasser kam, Waschbecken und Wanne komplett rot-braun verfärbt. Suni, Miok und ich fanden die spooky Stimmung und die Farbe des Wassers echt uncool und krümelten uns dann zu dritt in eine Holzhütte. Ich legte mein Smartphone auf den Nachttisch. Morgens um 7 blinkte es wie ein Ufo, und es regierte nicht. Ich packte es erstmal ein. Wir legten dem Briten Kohle für eine Übernachtung in die Eingangshalle und rannten aus dem Mediationszentrum so schnell wir konnten. An der Hauptstrasse machten wir Anhalter, und ein netter Thai nahm uns mit nach Pai. Ich ging mit meinem Patienten, einem iPhone 4,  zum Fachladen und liess es dort untersuchen. Ich erzählte vom Handy und dem Meditationszentrum, dass es morgens nur noch blinkte statt anzugehen. Der Elektroexperte nahm es auseinander und sagte: „Lady, I am sorry, but your phone is broke. No hope.“ Das Handy hatte sich nach nur einer Nacht im Meditationszentrum in den Zustand des Nirwana oder – wie die Yogis sagen – Samadi gebracht. Es war erleuchtet. Oder um es pragmatisch auszudrücken:  Mein Smartphone hatte sich zu Tode meditiert.

Ich bin dann ohne Handy  und sowieso ohne Laptop etc. weitergereist durch Thailand und Vietnam und landete  auch deswegen in einigen strangen Situationen.  Z.B. war es nicht einfach einen normalen Wecker zu bekommen oder in Vietnam die Rückreise zu buchen, aber am Ende hat immer alles geklappt. Irgendwie.

 

Mucho Love, Yvi

Weil fast alle nur noch aufs Smartphone starren, musste dieses Schild her. Ein Jahr zuvor gab es das noch nicht. Ins Gespräch kam ich in der Shanti Lodge mit jemand, weil er ein Smartphone besass. Ich musste mal kurz ins Internet:-)

 

Karma Taxi

Vor genau 5 Jahren bin ich zum ersten Mal alleine, also, ohne, dass jemand auf mich im fernen Land wartete, verreist. Nach Thailand. Ich hatte einen Herzbruchwalzer sondergleichen erlitten. Mein damaliger Lieblingsmensch verschwand von heute auf morgen nach fast einem Jahrzehnt Weltteilen. Es fühlte sich an, als hätte ihn ein LKW vor meinen Augen überfahren, aber nicht er, sondern ich zerbrach dabei in 1000 Stücke. Also galt es mich zu flicken und dabei neu Laufen zu lernen…das wollte ich in der Ferne austesten, einen Fuß vor den anderen setzen, jeden einzelnen meiner Zehen kennenlernen und dabei Menschen und dem Leben möglichst offen begegnen. Ausgerechnet Bangkok, meine erste Station, teilte mir eine Lektion im „Laufenlernen“ mit.

Vor meinem Guesthouse, der Shanti Lodge, stand ein Taxifahrer. Ich sprach ihn an und bat ihn, mich ins „Zentrum“ der Stadt zu fahren. Auf der Fahrt erzählte er mir, dass er gerade einen Freund besucht hatte, der im Tempel neben der Shanti Lodge war. Ausserdem plauderte er über seine erwachsenen Kinder, die in Amerika lebten, dass er sein Leben in Bangkok sehr mochte und auch seinen Beruf als Taxifahrer. Eigentlich hätte er ausgedient, da er aber gerne durch die Stadt düse und auf Kohlemachen stehe, würde er immer weiterfahren. Er war sympathisch, ich gab ihm gut Trinkgeld und wir verabschiedeten uns. Zwei Tage später fuhr ich mit dem Local Bus zum Weekendmarket. Aus irgendeinem Grund fuhr die Nummer, die mich hinbrachte, abends nicht zurück, also nahm ich eine andere Linie, von der ich dachte, sie würde mich zurück in die Gegend bringen, in der mein Bett stand. Dass die Haltestellen nur in thai gekennzeichnet waren, sorgte für zusätzliche Verwirrung, weil ich ja nichts entziffern konnte. Mein Plan war: wenn ich 20 Minuten für den Hinweg gebraucht hatte, würde ich einfach wieder nach 20 Minuten aussteigen.

 

Nach 20 Minuten verliess ich den Bus und schlug meinen Oldschool Stadtplan auf, um zu sehen, wo ich bin. Leider fand ich die Strasse, in der ich mich befand, darauf nicht verzeichnet. Ich fragte einen alten Thai. Er gab mir mit Händen und Füssen zu verstehen, dass ich zu weit aus Bangkok rausgefahren bin, und die Strasse, in der wir uns befanden, nicht mehr auf meinem Plan war. Er gab mir das Zeichen einfach eine Stunde lang geradeaus zu gehen, dann würde ich mich meiner Unterkunft wieder nähern. Ich setze einen Fuss vor den anderen und nach kurzer Zeit kam mir ein Mann entgegen: „Hello Lady, you remember me?“ – es war der Taxifahrer.  Er und ich umgeben von über ca. 8 ½ Millionen Einwohnern und einem Meer von Touris drum rum, die auf 1,569 qkm umhersausen zwischen einem Strassennetz von Troks – kleinen Pfaden, Sois – grösseren Strassen, Thanons – Hauptverbindungsstrassen und Schnellstrassen. Der Zufall oder was auch immer hatte uns zwei Tage später wieder zusammengeführt. Ich sagte ihm, dass ich mich verlaufen habe. Er schlug vor, gemeinsam zu seinem Taxi zu gehen, das eine Strasse weiter stand, um mich zu meinem Guesthouse zu fahren. Ich willigte ein. Klar. Also düsten wir los und jetzt verfranste er sich. Er konnte sich nicht daran erinnern, wo meine Strasse lag. Er hatte kein Navi und versuchte es mit Anhalten und Sichdurchfragen. Es nütze nichts. Dann fiel mir unser Gespräch ein, dass er, bevor ich zu ihm ins Taxi stieg, seinen Freund im Tempel besucht hatte. Und da ging ihm ein Licht auf. Genau dieser Hinweis führte dazu, dass er jetzt den Weg wusste. Er brachte mich zu meinem temporären Zuhause und schenkte mir nicht nur die Fahrt, sondern auch ein Stück Vertrauen ins Leben und seinen Menschen darin.

Komm klar! Yoga ohne Matte

Vom Rock n‘ Roll zum Yoga

Vor 4 Jahren machte ich mich zum zweiten Mal auf nach Thailand. Für eine Yogalehrerausbildung. Die sollte mir dabei helfen, mich besser zu verstehen: Kopf, Körper und Herz. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich bei Jeenal und Daniel gelandet bin bei ihrer Wise Living Yoga Academy in der Nähe von Chiang Mai. Dort habe ich von morgens  6  bis abends um 7  6 Tage die Woche weises Yogawissen in meinen Kopf gepumpt bekommen und das 4 lange Wochen im Schneidersitz, die grösste Herausforderung in meinem bisherigen Leben.

1 Yogatruppe 12 Nationalitäten: Jeenal ist links vorne im Bild, Daniel macht das Foto:)

Jeenal kommt aus einer klassischen indischen Ayurveda Familie, hat noch nie in ihrem Leben eine Cola getrunken (kein Witz), ihr Gesicht ist wie gemalt – natürlich ungeschminkt – und sie ist sehr sehr diszipliniert. Wenn sie gerade nicht eine Yogalehrerausbildung leitet, dann arbeitet sie mit Kindern und Frauen zusammen und gibt Workshops in Europa. Daniel war ein feuriger Biertrinker, den ihr zu späterer Stunde in der Kneipe im Kopfstand auf der Billiardplatte antraft  (sehr sympathisch), bevor er sich dem Leben eines Yogis verschrieben hat. Beide lernten sich in Mumbai kennen in der Yogaschule ihres Gurus Hansaji. Eine Frau um die 70, eine der anerkanntesten Persönlichkeiten des Yoga.

Der Ort ihres Kennenlernens, The Yoga Institute  in Mumbai, ist sogar in Köln bekannt:  Kurz vor meiner jetzigen Abreise nach Thailand erzählte ich der Besitzerin des Cafe Veggie Jeck in Nippes davon, Anupama. Sie kommt aus Indien und sass schon im Institut von Hansaji. Sie sagt, dass viele Westler es scheuen dorthin gehen, weil der Fokus stark auf Philosophie gelegt wird und wenige den Mut haben, sich mal mit  ihrer Lebensweise zu beschäftigen. Da ist es einfacher sich Muskeln zuzulegen, aber was nützen die, wenn  Kopf  und Herz Schrott sind? Wir brauchen nicht noch mehr knackige Pos durch Yoga, sondern gesündere Köpfe. Das lehren auch Jeenal und Daniel.

Daniel musste sehr lange um Jeenals Liebe kämpfen. Jeenal ist tough und sagt: “Wenn jemand dich wirklich mag, kann er warten.“ So prüfte sie ihn 1 Jahr lang und Daniel blieb dran. Ausgerechnet durch Fieber kamen sich beide endlich näher. Erst war Daniel krank, Jeenal kümmerte sich, dann Jeenal, Daniel kümmerte sich.. So fieberten sie rum und heirateten.

Jeenal und Daniel
Jeenal und Daniel auf Deutschlandbesuch. Ungewohnt kalt für beide. Sie trägt seine Mütze.

Daniel und Jeenal leben strikt nach  den  Yoga Sutras von Patanjali,  das ist der klassische Leitfaden des Yoga, den jeder Yogalehrer vorgesetzt bekommt. Das sind 195 Verse, die euch, wenn ihr sie befolgt, zur Erleuchtung führen können. Kein Esoquatsch, erfordert nur Megadisziplin und…..

 

Erleuchtung durch Pommes. In Thailand in Eisbecher serviert, doppelt Bliss:)

ok, das ist nun wirklich etwas zu hoch gegriffen mit dem Erleuchtungsding. Jeder, der mich kennt, weiss, dass das nun wirklich nicht mein Ziel ist. Erleuchtet bin ich schon bei fettigen Pommes oder kitschigen Fotomotiven oder bei einem guten Konzert wie dem letzten von Bonobo und Grandbrothers in Leipzig.  Mein Ziel ist, zufrieden zu sein, mit dem, was ist und sich nicht vom Mist des Lebens umhauen zu lassen. Denn es gibt genug Dinge, die im täglichen Leben an einem rumkratzen. Daniel und Jeenal und ihr Guru Hansaji haben die Sutras auf unser tägliches Leben übertragen. Einfache Dinge sind: gewaltfrei leben, ehrlich sein, Mitgefühl haben und die Fähigkeit entwickeln, sich für andere zu freuen.

 

Ein Beispiel, das Jeenal anbrachte. Sie erzählte die Geschichte von einem Mann, der Rat bei ihr einholte. Er sagte: „Immer wenn ich nach Hause komme, sitzt meine Frau vorm Fernseher. Das nervt mich und macht mich aggressiv. Ich habe ihr schon tausendmal gesagt, dass sie das lassen soll, aber sie hört damit einfach nicht auf“.  Jeder weiss, dass die Mission den anderen zu ändern ins Nichts führt. Verändern kann man nur sich selbst und aber auch seine Haltung zu den Dingen. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Sich weiter ärgern bis man ins Grab fällt oder es umdrehen. Jeenal fragte den Mann: „Glauben sie, dass ihre Frau sich einfach freut Fernsehen zu kucken“. Er so: „Ja, sie mag es sehr“.  Jeenal: „Nun, dann versuchen sie was. Das nächste Mal wenn sie nach Hause kommen und ihre Frau vorm Fernseher sitzt, dann stellen sie sich dahinter und beobachten sie ihre Frau mit Freude dabei, wie sie mit Freude ihre Telenovela kuckt.“ Und es hat geklappt. Der Mann akzeptiert es jetzt, dass der Glotzomat jeden Tag läuft. Er hat seine Haltung dazu geändert und Frieden damit geschlossen. Also wenn euer Lieblingsmensch demnächst wieder das ganze Wochenende nur Game of thrones glotzen will, smile🙂 oder wenn das gar nicht geht, byebye…

Das soll jetzt kein Freifahrtschein sein, für jegliches Verhalten, das der Kollege/-in, die Eltern, der aktuelle Lieblingsmensch etc. an den Tag legt. Man muss für sich selbst kucken, ob und wie man an seiner Einstellung zu den Dingen schrauben kann. Natürlich gibt es Begegnungen, die in eine Sackgasse führen. Ich lernte mal jemanden kennen, den ich mochte, er mich auch, aber ziemlich schnell klafften unsere Bedürfnisse auseinander; er hielt schon nach kurzer Zeit von „Treue“ nix mehr. „Mach mal mehr Yoga, dann bist du auch emotional flexibler wenn ich wieder ausschere,“ sagte er. Da wusste ich, dass das zu nix führt: Nicht wegen des Ausscherens an sich, sondern wegen der Art und Weise, wie er ohne Diskussion sein Bedürfnis über meins stellte und Verständnis to go verlangte. Ich bin doch kein Automat, der den ganzen Tag an sich rumschraubt, nur damit der andere einen Freifahrtschein für alles bekommt. Und tatsächlich ist das die Gefahr des Yoga: man versucht gleichmütig zu werden und das teilweise verletzende Verhalten anderer sogar zu rechtfertigen – ich selbst habe das probiert, und es fühlte sich gar nicht gut an. Ich kenne (Yoga)frauen, die sich mit Männern zusammentun, die sie ausnutzen und sie als Affäre jahrelang hinhalten. Sie entschuldigen deren Verhalten, indem sie Tonnen an Mitgefühl ausschütten. Nur, um nicht alleine zu sein – ohne diesen Menschen, der rücksichtslos rumlebt.

Ich finde Yoga ist nicht dazu da, alles, was unsere Mitmenschen anstellen, auszuhalten und auszubalancieren. Yoga ist dazu da mit den Gefühlsstürmen des Lebens jonglieren zu können und gute Entscheidungen für sich zu treffen. Aktive Abschiede gehören dann auch dazu.

 

Der tröstende Thaihund

Schiss bis zum Mond hatte ich, als ich vor 5 Jahren alleine den Flieger bestieg, um meinen Hintern 8.606,62 km von Berlin nach Bangkok rüberschieben zu lassen. Neben der Angst hatte ich noch Liebeskummer im Gepäck, Zigaretten, die ich damals angefangen hatte Kette zu rauchen – macht man bei Krisen so  (achtet auf den Tatort, wo Betroffene plötzlich bei Verlust eines geliebten Menschen anfangen zu rauchen) und Faszination. Ob Bangkok mehr als nur ein grosser grauer Betonklotz war, wie ich es mir vorstellte? Ein Moloch der Exotik-Lust älterer westlicher Männer – ohne viele Haare dafür mit mehr Bauch? Eine Stadt, die einem sofort das Gefühl gibt, „Ich verschlucke dich, du bist 1 Mensch von 8,281 Millionen“? Nein, sobald ich das Flugzeug verliess, war ich angetan von dem angezuckerten Sound der Thais, die so klingen, als hätten sie ein Dauergrinsen verschluckt und angetan davon, das erste Mal alleine durch eine Gegend zu laufen, die so ganz anders war als Deutschland. In Bangkok lauern bunte kleinere und grössere Tempel an jeder Ecke, mit Fanta und Reissuppe beschenkt oder mit chinesischem alten Porzellan beklebt, mit Plastiktieren als Deko, debil lächelnden Buddhas und Bilder vom König thronen überall. Egal ob am Strassenzaun, im BeautyShop  oder beim Busunternehmen. In den Reisebüros hängen dazu noch grossformatige Fotos von den Kindern der Besitzer und immer und überall Girlanden vom letzten Silvester oder dem, das bald wieder kommt „Happy New Year“.

 

 

 

Sowas lenkt gut ab. Meine Augen kullerten rum wie in einem Karussell. Laufen und kucken, kucken und laufen. Die ersten zwei Wochen verbrachte ich nur damit: ich schob mich selbst durch Strassen und Gerüche, saugte alles auf, zog mir literweise Nudelsuppe von den umherstehenden Garküchen durch die Zähne und redete zur Abwechslung mal kaum: nur den nötigen Small Talk und Lächeln, das geht immer. Als ich auf der Insel Ko Tao bei Mister J., landete, einem schrulligen netten Herren mit schwarzen Zähnen, einem lauten Lachen, grossen wachen Augen und vielen Büchern, wollte er mir eine Freude machen. Er gab mir für 300 baht – das sind nicht mal 8 Euro  – sein „Big Room“. Er schloss es mir mit einem Riesentrara auf: „All for you“  – 2 Betten; eins davon war auch noch ein riesiges Doppelbett für mich alleine.

3 Betten et moi!

„Ja gut“, dachte ich mir, „Zeigt dir das Leben gerade mal auch äusserlich, dass du alleine bist.“ Mir war weder nach Matrazenhüpfparty zumute, noch dazu den nächsten temporären Lieblingsmenschen bei billiger lauter Musik zu treffen, mir war nach auf dem Balkon rumsitzen und  rauchen. Und während ich da hockte, hüpfte eine Katze ohne Vorankündigung auf meinen Schoss, nach kurzer Zeit kam eine zweite angerauscht. Dieser Moment war wunderbar, plötzlich hatte ich zwei Mitbewohnerinnen – auch wenn sie nur auf dem Balkon abhingen. Sie hatten was aus dieser Zimmerdramatik rausgenommen, mit der Mister J. es sowieso ja nur gut gemeint hatte und sowieso – „andere hätten sich gefreut über so viel Platz“ – denkt der ein oder andere sich vielleicht…. Meine emotionale persönliche Lage sah das damals eben anders.

Nach 3 Tagen zog ich wieder um und gönnte mir einen Bungalow am Meer. Direkt am ersten Abend gesellte sich ein Hund zu mir, eine typische Thaifellnase, kackbraun und etwas räudig. Ich war skeptisch, wusste nicht, ob er zuschnappt und meine Tollwutimpfung gleich mal zeigen kann, was sie drauf hat oder, ob er einfach nur einen Buddy suchte. Zweites stellte sich heraus. Der Hund ohne Namen wurde vom Personal auf dem Gelände geduldet, er war bekannt dafür, sich immer einen Gast herauszupicken, mit dem er dann abhing. Dieses Mal hatte er sich für mich entschieden: 4 Tage waren wir ein Team: Nachts machte er einen auf Bodyguard, er schlief auf meiner Verandabank vor meiner Tür, morgens  kam er eine Runde mit Schwimmen, ich im Wasser er beim Lochbuddeln am Strand – zum Kühlen seines Kopfes –  und wenn ich nachmittags um 16 Uhr zum Yoga ging, begleitete er mich bis zu seiner imaginären Grundstücksgrenze, setzte sich dann und schaute mir hinterher. Kam ich gegen 19 Uhr zurück, wartete er schon auf mich, unter der Bank meiner Veranda.

Es gab Zeiten da hatte ich ähnliches mit einem Menschen erlebt, das war aber vorbei.  Und zu meiner damaligen Lage passte ein Zitat wie die Faust aufs Auge: Der Hund bleibt Dir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde. (Franz von Assisi). Heute denke ich, dass das Zitat doch etwas hart ist und zu pessimistisch. Es gibt auch Zwischentöne. Beziehungen sind vielschichtig. Ich selbst musste lernen:

Wir kommen alleine auf die Welt und gehen alleine, zwischendrin tun wir uns zusammen: Tiere wie Menschen kommen und gehen, alles ist in Bewegung,  aber das, was zählt ist, ob jemand in der Spanne der Zeit, die man miteinander verbracht hat, loyal war. Denn dann kann man mit Abschieden auch besser umgehen. Der Thaihund damals hatte wirklich einen anständigen Job gemacht: Als ich endgültig meine Holzhütte am Meer verliess, brachte er mich wieder bis zur imaginären Grenze. Dann setzte er sich. Er schaute mir wie immer hinterher, und das machte mein Herz ein kleines bisschen weniger schwer.

 

Mucho Love, Yvi

 

 

Ohne Heimat – keine Reise. Alleine in die Welt.

Neun Monate… warum denn sooo lang und das alleine? Diese Frage kam öfter, nachdem ich rausgehauen hatte, dass ich länger weg sein werde. Die lange Strasse ohne Ziel in Sicht entlang rollen. Durchatmen. Welt ankucken. Nur mit mir. Da habe ich schon so lange Bock drauf. Warum? Ist so!   

Es gibt Menschen, die stehen nicht auf (alleine) rumreisen, finden das aber interessant oder cool wenn es jemand macht, und es gibt Menschen, die behaupten: Frauen Ü30 alleine auf Reisen sind in der Regel ohne Mann und Kind und stecken (deshalb) in der Sinnkrise!

Ich sage: Kommt vor. Und Frauen Ü 30 reisen um die Welt, weil sie es können. Und weil sie den Mut haben. Bestenfalls mehrere Sprachen beherrschen, auf jahrelange Arbeitserfahrung zurückblicken und einen Ort im Leben haben, zu dem sie wieder zurückkehren wollen. Eine Heimat: In meinem Fall Leipzig. Allerdings nur im Herzen, denn ich bin zum ersten Mal ohne Wohnung –  die musste ich räumen: mein Wohnungsbesitzer und meine Hausverwaltung hatten für einen Auslandsaufenthalt gar kein Verständnis und verboten mir ohne Angabe von Gründen kurz vor Abreise die Untermiete. Ich packte mein Hab und Gut in eine 8qm Box und bin mir selbst jetzt gerade eine Heimat to go. ……Krasses Gefühl, etwas bodenlos, aber trotzdem fühlt es sich zu hundert Prozent richtig an, weil was muss,  das muss!

Nach langem Grübeln tausche ich für eine Weile das Radiostudio gegen Welt.
Vor Jahren riet mir eine alte Lady: „Be a hippie for one year – only one time in your life“. Ok.

Ich habe den Traum zu reisen seit einigen Jahren. Der ist so stark, dass ich jede Nacht davon träumte. Ich bin dann nicht nur im Traum, sondern im realen Leben häppchenweise auf Reisen gegangen nach Indien, Thailand, Vietnam und dachte, dass es dann aufhört, aber das tat es nicht.

Jeder weiss, wenn man als Freiberuflerin eine gute Stelle hat, wie in meinem Fall, sollte man sich das mit dem Ich bin dann mal weg für fast ein Jahr gut überlegen, also schob ich meinen grössten Wunsch jahrelang in die Zukunft bis er sich bockig vor mir auftürmte: Ich brüllte ihn an: Ich will doch gar nicht reisen wollen, lass mich doch bitte endlich mit dem Fernweh in Ruhe. Er bewegte sich keinen Zentimeter mehr von der Stelle, und so musste ich mich meiner grössten Angst stellen, der Existenzangst. Ich sprach mit meinen Chefinnnen, fühlte mich von ihnen verstanden, erhielt Rückenwind von Freunden/-innen und Kollegen/-innen und nach vielen guten Gesprächen bin ich mit Dankbarkeit, Schiss und meiner Neugier los. Die Radioliebe und Yogamatte im Gepäck.

Die Reise hätte allerdings fast so nicht stattgefunden.

Oft ist es ja so, dass sobald eine Entscheidung zu so einem –  für mich – Riesenwumms gefallen ist, jemand in dein Leben tritt, und genau das ist passiert. Ich lernte jemand kennen, dessen Lebensinhalt zufälligerweise das Reisen ist – allerdings mit Fluchtcharakter. Für mich war es immer wichtig, erst dann loszumachen, wenn ich mit meinem Leben zufrieden bin. Eine Basis habe, von der aus ich mich bewegen kann mit der Einstellung Ohne Heimat keine Reise. Und um noch mal auf das mit dem Sinn zurück zu kommen.. natürlich nehme ich auf meine Reise Fragen mit, ich denke jeder von uns hat welche im Kopf, die sich auch mal für länger einnisten. Da ist so ein Trip eine gute Möglichkeit, die mitzunehmen und Stück für Stück auszupacken auch ausserhalb der persönlichen Komfortzone. Egal ob beim (einsamen) Abhängen in der Bambushütte, beim Yoga im Dschungel, bei Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen, die man trifft, wie kürzlich einen 60jährigen Amerikaner, der sich früher als smokejumper/Feuerspringer aus dem Flugzeug stürzte, um erste Hilfe bei grossen Waldbränden zu leisten, es übertrieb und seit 1 Jahr durch den Wind als Peaceheart durch die Welt tingelt,  oder ob bei crazy Workshops, bei denen Russinnen sich in den Armen liegen und ein Brite total ausrastet vor Eifersucht (diese Geschichte erzähle ich noch).

So ein Selbsterfahrungstrip mit Hippiecharakter ist wie ein Film. Man holt sich das, was in Büchern und Dokus erzählt wird für eine Zeit lang ins eigene Leben und bildet sich seine eigene Meinung. Natürlich begegnen einem da auch lost souls, die durch sind, total eso und über alles mega viel rumreflektieren, da bekomme auch ich Fluchtimpulse, aber mittlerweile denke ich: „Besser etwas crazy, eso und liebenswert als abgestumpft, addicted und doof.“ Der Mensch, der mich auf seine Reise mitnehmen wollte, tickt trotz der gemeinsamen Liebe zum Reisen so ganz anders: Er möchte auf keinen Fall nach Indien und Yoga machen und meditieren – was ok ist. Er möchte mit dem Bulli durch Afrika, sich zähnefletschende Löwen ankucken – auch ausserhalb der erlaubten Gebiete durch die Wüste heizen: mit Heizöl im Tank, selbst ausgestelltem TÜV und mit mir auf seinem Beifahrersitz. Als Reisebegleiterin. Das klingt doch fantastisch: mit einem gut aussehenden Abenteuertypen adrenalinbesoffen durch Afrika zu fahren…. Nicht für mich. Der Herr hat auf dieser Reiseliste noch einige andere Statistinnen stehen, die etappenweise in den nächsten Monaten zusteigen werden, um ihm und seiner Reise zu dienen. Ausgerechnet beim Acroyoga hat er sie akquiriert. Ich wäre also eine von Vielen an seiner Seite gewesen – jederzeit austauschbar: Da reise ich doch lieber zu den Orten, die mich persönlich weiterbringen und spiele auf meiner Reise, von der ich so lange träumte, die Hauptrolle. Als Löwin auf der Yogamatte. Alleine.