2 Eis, Eis baby!

Kein Kondensmilcheis, Kubanerin mit Karton in der Bank und Warteschlangen überall!!!

Am dritten Tag fahren wir weiter von Matanzas nach Havanna. Nostalgiebeschwippst wollen wir die 200 Kilometer mit dem alten Hershey Train von 1922 fahren. Wir haben Bock auf Holzbänke und mit 80 kmh durch die ehemaligen Zuckerfelder zu schleichen. Als wir am Bahnhof ankommen, steht der Zug wie ein halbtoter Gaul auf dem Gleis – vor ihm ein Schild, „Tren cancellado“ – Zug fällt aus. Kommt oft vor, erfahren wir, weil irgendwas an dem antiken Ding immer defekt ist. Nach einer kurzen Schockstarre, lassen wir uns vom Taximann zum Busbahnhof bringen, er nimmt 8 CUC ca. 8 Euro (weil wir noch unerfahren sind am Anfang unserer Reise zahlen wir, hinterher erfahren wir, dass 2 normal gewesen wären, egal). Wir wollen jetzt mit dem Bus nach Havanna. Der ist aber ausgebucht und uns bleibt nichts anderes übrig als mit einem „Taxi collectivo“ zu fahren. Das wissen die Männers mit ihren Karren am Bahnhof längst und buhlen um uns wie ein Schwarm wildgewordener Hornissen. Zusammen mit einem älteren Ehepaar aus Deutschland entscheiden wir uns für einen glutorangefarbenen Mercury von 1954, die Karre sieht aus wie ein kaputtgefeierter Rockstar. Sein Ersatzreifen kuckt uns aus dem Kofferraum aus an und wir versuchen unsere Rucksäcke noch daneben zu quetschen. Ihr denkt jetzt „oh das könnte eine Horrorfahrt werden“, ist aber nicht so. Der Fahrer ist nett, zwei Stunden später kommen wir entspannt in Havana an und zahlen jeder 20 CUC, also ca 20 Euro.

In Havanna haben wir ein Apartment gemietet bei Elisabeth. Sie begrüsst uns mit einem frischen Guajavensaft, das Glas platziert sie auf einem Kaffeefilter, der aus Deutschland ist von der Marke „Ja.“. Den hätten ihr deutsche Gäste mitgebracht, sie weiss aber nicht, dass er nicht als Glasuntersetzer gedacht ist. Ein Durchschlagsieb benutzt sie auch nicht zum Nudeln abgiessen, sondern als Dach für den Obstteller, den sie uns jeden Morgen serviert.
Elisabeth ist eine super nette Kubanerin, mit einem Service wie im Bilderbuch, dazu gehört auch mantramässig der Satz: „Muchas gracias por estar aqui“ – „Danke, dass ihr hier seid“. Sie schreibt uns einen Zettel mit Dingen, die wir in Havana machen sollten. Der kubanische Freizeitpark mit knarzender Schiffschaukel und Übelkeitsgarantie, die wir am Ende besteigen werden, steht nicht darauf.
Auch nicht die Eisdiele „Coppelia“, zur der alle Kubaner rennen um sich Minimum 5 Kugeln reinzudrücken, nachdem sie eine Stunde angestanden haben. Ich möchte unbedingt das Kondensmilcheis probieren, für das „Coppelia“ bekannt ist, aber daraus wird nichts. Ein Sicherheitsmann weißt uns darauf hin, dass wir nicht mit den Kubanern Eis essen dürfen, in dem Eistempel, der aussieht wie ein Ufo. Stattdessen zeigt er auf einen kleinen Eisstand, wie wir ihn aus dem Freibad kennen. Getrennte Bereiche mit unterschiedlicher Eisqualität und unterschiedlichem Preis – wollen wir nicht. Wir gehen ohne Kondensmilcheis. Beim Gehen bemerken wir, dass es nicht eine Warteschlange gibt, sondern 3 – aus verschiedenen Himmelsrichtungen beginnend, überall Menschen mit sehnsüchtigem Eisblick:
„Eis Eis baby!“
Wer keinen Bock auf Schlange hat, geht zu einem Eiswagen an der Strasse, der eine Auswahl bietet zwischen Erdbeer und Erdbeer. Man nimmt eine abgeschnittene 1Liter Plastikflasche mit und lässt sich da einen Eisberg reindrücken. Oder man kauft Minimum 2 Kugeln mit 2 Hörnchen (Beweisfoto beigefügt).
Mit den Schlangen geht es weiter. Nur knapp 5 Prozent der Kubaner haben zuhause Zugang zum Internet, wer mal 30 Minuten im www surfen möchte, der ist einen halben Tag lang gut beschäftigt. Denn man muss sich vor einen Laden anstellen und warten, dass man einen Code bekommt. Halbe Stunde Wifi gibt’s dann für 3 Euro aufwärts. Ins Netz wollen viele und man sieht aus der Ferne, wo so ein WiFi Hot Spot ist. Neben Menschenschlange (die, die noch aufs www warten) gibt’s Menschenbündel (die, die es schon haben). Ich verzichte aufs Internet für drei Wochen und kann mir dieses Anstehen sparen.

Eine Schlange lässt sich aber nicht vermeiden, und ich bin froh, dass ich beim Betreten der Bank nicht weiss, dass ich jetzt zwei Stunden warten werde. Ich brauche Kohle, und es ist sicherer in Kuba direkt am Bankschalter abzuheben. Der Türsteher lässt mich rein und weist mir einen Sitzplatz zu. Um mich rum 30 Kubaner, vor mir 10 Schalter, die Nummer 9 ist fürs Abheben mit VISA Card. Man sagt mir, dass 3 Personen vor mir sind. Leider ist darunter eine Kubanerin mit einem Karton. Als sie dran ist, zieht sie daraus einen Berg DIN A 4 Zettel. Diese Dame wird jetzt am Schalter 9 in den nächsten 1,5 Stunden eine komplette Jahresabrechnung erledigen. Die Frau am Schalter zieht einen Geldbündel nach dem anderen raus, zählt die Scheine mehrfach und legt sie der Dame vor den Karton. In der Zwischenzeit gibt es zwei kleinere Aufstände in der Bank, weil es an den anderen Schaltern auch nicht so schell vorangeht und man unruhig wird. Einige Kubaner erheben sich von ihren Plätzen, werden laut, ich mach mit, dann müssen wir uns alle wieder setzen. Zwei Stunden später bin ich aus der Bank wieder raus, ich denke, dass ich einfach voll Pech hatte, aber eine Französin, die schon das halbe Land bereist hat, meint, dass es in jeder Bank so sei.
Kuba ist das Land der Warteschlangen.

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1 Amando: Zwischen Kitsch und Kohle machen

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Die ersten zwei Nächte verbringen wir in Matanzas, einer Stadt nahe des Flughafens von Varadero. Wir wollen uns akklimatisieren und bekommen gleich die Kubakeule ab. Bei Amando. Er vermietet uns ein Zimmer in seiner Villa. Die hat er kitschigcool dekoriert mit Kubaflaggen, Nippesfiguren und Kühlschränken voller Eier, dem Hauptnahrungsmittel auf Kuba. Drum rum ein Chaos: denn der Villenanbau ist in vollem Gange. Amando weiss: die Touris kommen, er hat die Dollarzeichen im Auge.
Unser Zimmer liegt im Erdgeschoss, feucht wie eine Tropfsteinhöhle ohne Fenster und mit einem 90er Jahre PC. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass Amando unser Zimmer auch als sein Büro nutzt. Natürlich zahlen wir den vollen Preis. Natürlich hatte er uns darüber nicht informiert.
Auch nicht, dass das Militär einmal am Tag kommt mit Gasmasken und ein aggressives Mückenspray abfeuert, das das Zimmer quasi ausräuchert, als Prävention gegen den Zika-Virus.
Und weil es sowieso mufft, sprüht er dann auch noch in regelmässigen Abständen Toilettenspray „Rose“ hinterher.
2 Nächte ziehen wir das durch in dem Tropfsteinhöhlenzimmer. Ich in Winterjacke, weil das dünne Laken nicht wärmt. Es ist unsere Kuba Premiere, und wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen.
Schlaf ist bis morgens um 7 möglich, dann geht im ganzen Haus düstere Psychomukke an, eine Mischung aus Enya trifft Elton John und Graf Dracula sitzt an den Synthies. Die Lautstärke ist bis auf Anschlag. Neben seinem Lautsprecher hängt der Vogelkäfig mit zwei Papageien. Dass der eine kein Haar mehr auf dem Kopf hat, ist nicht verwunderlich. Mein Tipp für Amando lautet: Er soll aus „dekorativen Gründen“ doch bitte den Vogelkäfig in die Lobby hängen. Mit Tierliebe versuche ich es nicht, denn ich befürchte er würde mir einen Vogel zeigen. Das mit dem Dekoaspekt findet er interessant. Ich hoffe, dass Amando das umsetzt, bevor den armen Papageien der Kopf explodiert.
Amandos Charakter ist eine Achterbahn: schwankt sekundenweise zwischen aufgesetzt bemüht und besserwisserisch. Er behandelt uns wie 8 jährige, wie auch die beiden Mädels im Zimmer nebenan, eine Ärztin und eine Entwicklungshelferin. Amando ist ein Macho, der seine angestellten Frauen hin- und herkommandiert. Sie folgen seinen Anweisungen mit einem traurigen Gesichtsausdruck, der uns auf der Kubareise noch oft begegnen wird. Man sagt, die Kubaner schwanken zwischen Lebenslust und Lethargie. Die Lethargie ist in den Gegenden, die wir besuchen, meiner Meinung nach, viel stärker zu bemerken.
Trotzdem ist Amandos Villa besonders, wegen der Terrasse, seinem alten z.T. deutschen Porzellan und dem guten Essen, das er überteuert servieren lässt. Noch nicht mal fertiggegessen zieht er uns Fisch und Beilagen vom Tisch mit dem Kommentar: Wir würden wie die Katzen essen: „Como gatos“. Aber Amandos Launen sind uns am Ende völlig egal. Über seiner Terrasse ist ein knallorangefarbener Sonnenuntergang mit Vogelschwärmen am Himmel, die eine Choreografie aufführen. Als die Sonne fast unten ist, setzen sie zum Tiefflug an und surfen 5 Zentimeter über unsere Kopfe im Highspeedtempo hinweg. Sagenhaft.

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Kuba ¿qué tal?

Drei Wochen Kuba sind rum und auf die Frage „Und wie war es?“ kann ich nicht einfach „gut“ antworten.

Es war: 1. Anstrengend, 2. Lehrreich, 3. Aufregend, 4. Gut.

Wer durch Kuba individuell reist mit Rucksack und in Casa Particulares bei Familien schläft, muss sich auf viele Abenteuer einstellen.
Auf Löcher im Auto, kaputte Züge, ausgebuchte Busse, auf Pferdeausritte mit unbekanntem Ende, auf Bananenbauern mit Heiratsanträgen, auf Kutscher mit abgemagerten Pferden, die einem Tränen in die Augen drücken, Schlepper, die einen brüllen lassen, auf traurige Familiengeschichten mit 65 jährigen Kubanern, die sich um Klienten (uns Touris) streiten und dabei weinen und mit den Fäusten auf den Tisch hauen. Und auf halbleere Supermärkte, in denen Wasser auch mal über Tage ausverkauft ist und man für Nudeln mit Thunfisch, Oliven, Tomatensauce, Chips und Wasser 31 Euro zahlt (importierte Nahrungsmittel sind teuer, Beweiskassenbon folgt).
Kuba hat mich staunen lassen und oft ein riesiges Fragezeichen in meinem Kopf geparkt.
In den nächsten Wochen hau ich ein paar Reisestories raus.
Der Fahrplan lautet: Matanzas-Havanna-Viñales mit Abstecher zu Cayo Jutias-Trinidad-Santa Clara-Varadero!
Steigt ein! Ich freu mich, meine Erlebnisse mit euch zu teilen.
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Sidos Liebling Adesse übers Weinen und Sterben

Sidos Liebling Adesse im MDR Sputnik Popkult über seine Leidenschaft zur Musik, die so gross war, dass er auf die ganz grosse Fussballkarriere verzichtete, die er wie sein ehemaliger Kickerkumpel Boateng hätte haben können. Auf seinem Debütalbum Fechnerstrasse ist er so ehrlich wie in Muttis Armen, er weint, er vermisst seine Ex, seinen Vater, der die Familie früh verliess und dann starb. Was würde er seinem toten Vater heute sagen? Und wann hat er das letzte Mal geweint? Das erzählt er im Popkultinterview.