10 Klaps auf dem Po – Reiten in Trinidad

Wir werden abgeholt. Ein zweites Mal traue ich mich zu reiten, diesmal aber nicht alleine, meine Freundin kommt mit. Wir buchten über unsere Casa Particular in Trinidad eine Privattour zu zweit.

Morgens um 9 steht ein alter hagerer Kubaner, geschätzte 80 Jahre alt, mit Cowboyhut, Miami Vice Shirt und Pornoschnuppi vor unserer Casa: Er fordert uns auf, Platz zu nehmen auf seiner Fahrradrikscha: Im Gehtempo kutschiert er uns mit seinen Zahnstocherbeinen durch die Stadt. Es quält mich, ihn so zu sehen wie er sich abstrampelt und denke, dass ich treten sollte und nicht er, belasse es aber beim Denken.

El machismo cubano

Als wir eine halbe Stunde später am Stadtrand von Trinidad ankommen, wartet auf uns El Machismo cubano – kubanisches Machogehabe:  Pferdeboys mit bezackten Cowboystiefeln und feurigem Blick.  Wir nähern uns zögerlich den Pferden. Einer fragt uns, ob wir Angst hätten. Wir antworten: „No.“ Er erwidert: „Solltet ihr aber haben, aber nicht vor den Pferden“.

Obwohl wir eine Privattour zu zweit gebucht haben, werden wir in eine Gruppe mit 20 Tschechen gesteckt.  Die Pferdeboys erklären uns nix, ohne Einweisung geht es los. Damit es noch etwas spannender wird, übernimmt ein langhaariger blonder Tscheche den Job des Entertainers. Er spielt den gezopften Berliner Musiker Romano nach, der rappt „Alle meine Freunde kriegen einen Klaps auf dem Po.“ Mit einem Stock in der Hand, haut der Tscheche nicht seinen Freunden, sondern den Pferden einen Klaps auf ihrem Po. Auch mein Pferd erwischt er, das mal kurz wild beschleunigt. Er geht voll auf in seinem Job als Pferdeantreiber. Er lacht, brüllt, gibt Laute von sich wie ein native American und benimmt sich kindischer als sein 8 jähriger Sohn, der vor ihm ganz still auf dem Gaul sitzt. Ich finde das ja toll, wenn jemand so aufdreht und sein inneres Kind rauslässt,  sitze aber zum zweiten Mal in meinem Leben auf einem Pferd und diese Aufregung, wann es den nächsten Klaps auf den Po meines Pferdes gibt, brauche ich nicht. Deswegen brüll ich ihn an, er solle damit aufhören. Hört er nicht.

Wir reiten zu einem Wasserfall, wo ein Kubaner mit einer herzchenbeklebten Gitarre auf uns wartet. Er macht den Soundtrack zu der Show, die der Tscheche nun abliefert. Aus 5 Metern Höhe macht er formvollendetste Kopfsprünge in das kleine Wasserbecken vorm Wasserfall. Er lässt sich feiern vom Publikum, das abwechselnd klatscht und sich im kühlen Nass Mojito einflösst oder andere sprudelnde Getränke wie TropiCola oder PrimaPilsener, die an einer Bretterbar verkauft werden.

 

Nach einer Stunde geht es weiter zu einer Farm. Mittagessen. Das besteht aus einem Spanferkel, das frisch geschlachtet und aufgespiesst darauf wartet über dem Feuer geröstet zu werden. Diesen Job übernimmt natürlich der Tscheche zusammen mit seinem Sohn. Er hat er einen Mordsspass dabei das tote Tier über den heissen Flammen zu drehen.

Weil wir Vegetarierinnen sind, essen wir nicht. Sie bieten uns ein Extraessen an. Einen Salat für 5 Euro umgerechnet. Finden wir nicht gut. Ich reisse mir meine Lieblingshose noch an einem Nagel auf, der aus dem Stuhl ragt, die Bedienung lacht sich darüber schlapp und dann ist die Laune in Abschiedsstimmung. Wir bitten freundlich den Pferdeboy, uns nach Hause zu bringen.  Schliesslich haben wir für eine Privattour bezahlt. Er sagt, dass ein Kumpel gleich kommt und wir mit dem weiter reiten könnten. Miguel  kommt wenige Minuten später angeritten. Er betreut eine Privattour für ein kanadisches Pärchen.  Wir reiten mit ihnen zurück. Miguel ist nett, sein Pferdemädchen, das hinter ihm sitzt, auch. Beide bringen uns die Grundlagen des Reitens bei. Wie wir die Zügel halten sollen, bremsen beschleunigen etc. Schön dass das noch auf dem Rückweg passiert:-). Aber wir ahnen nicht, dass das Ende dann noch mal aufregend wird. Als wir am Stadtrand von Trinidad ankommen, sagt Miguel plötzlich: „Reitet hier rechts in die Strasse und stellt die Pferde ab“. Und weg ist er.

Wir sitzen auf den Pferden in einer verlassenen Gegend und kucken als hätten wir einen Alien gesehen.  „Wie kommen wir jetzt runter von den Pferden, wo sollen die denn jetzt hin?…..“ Überlegend was nun zu tun ist, kommt zum Glück das Pferdemädchen um die Ecke gebogen und hilft uns beim Absteigen. Sie will wissen, wo wir wohnen. Wir nennen ihr unsere Adresse und sie sagt: „Geradeaus rechts, links, rechts dann seid ihr da“.

Wir machen uns auf den Weg durch die sehr ärmlichen Strassen. In einer Bude hängt ein abgeschnittener Schweinskopf. Ich hole meine Kamera raus, drücke ab, ein Kubaner schreit mich an, dass Glotzen und Knipsen nicht erlaubt ist. Wir rennen weg. Was für eine Abenteuertour!

 

9 Trinidad: Tote Tiere in Oldtimern und Tanzen in Tropfsteinhöhlendisko

Trinidad: Tote Tiere in Oldtimern, dinnieren zwischen antikem Krempel, Jesus an der Bar und Tanzen in Tropfsteinhöhle

Trinidad wirkt auf mich wie eine Stadt, in der die Bewohner nur Statisten spielen, wie ein Filmset, durch das tausende Touristen täglich stapfen. Oder wie ein Freilichtmuseum, in dem die Bewohner der Stadt die Kunstwerke sind, die wir beobachten.

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Entweder mit Zigarre im Mund beim Schachspielen in ihren Wohnzimmern, die fenster- und oder türlos bis auf die Strasse gehen oder beim Zerhacken von toten Tieren in einem Kaffeehaus, in das wir einkehren, um Kaffee zu trinken. Ein junger durchtrainierter Kubaner im Florida Key West Muskelshirt baut sich plötzlich vor uns auf und säbelt mit scharfem Messer in aller Ruhe an einem toten Schwein oder Rinderbein rum. Skurril, auch wie diese toten Tiere transportiert werden.

Steaks aus Kofferräumen

PKW Fossilien aus den 50er Jahren rauschen an uns vorbei. Ein Oldtimer in hellblau hält an, und wir trauen unseren Augen nicht,  was zum Vorschein kommt. Als ein Kubaner den Kofferraum öffnet, spielt sich eine Szene ab wie aus einem Trashhorrormovie. Übereinander gestapelte nackte Körper kucken uns an: Enthäutete tote Rinder. An ihren rosafarbenen Beinen zieht er sie nacheinander aus dem Kofferraum. Machen wir uns nix vor. Das Fleisch kommt etwas später auf die Teller als Steak. ¡Claro que sí!, oder nicht? So oder so schwer verdaulich. Mit zittrigen Händen mache ich schnell einen Schnappschuss vom Kofferraum.

Fleischtransport im Oldtimer

Es geht weiter durch den Stadtkern, der UNESCO Welterbe ist. Alle paar Meter ploppen zwischen den Häusern mit bonbonfarbenen Fassaden, an denen Vogelkäfige als Accessoires hängen,  prächtige Villen im Kolonialstil auf. Zuckerbarone liessen sie im 18. und 19. Jahrhundert errichten. Heute sind die Angeberbauten konserviert und umfunktioniert zu Restaurants, wie das berühmte Sol y Son, einem Paladar, der von privater Hand geführt wird. Auch Steaks landen auf den vergoldeten Tellern im Antiquitätenambiente :-). Bei Kerzenschein sitzen die Gäste zwischen Nachthemden, Vasen, Nippesfiguren und Betten aus dem 18/19. Jahrhundert. Wir schleichen durch die vollgestopften Zimmer, altes vergoldetes Porzellan steht tonnenweise rum,  auf 20 qm ist mehr zu finden als  in zehn Omawohnzimmern….die Barkeeper gehen fast unter.

Jesus bestellt einen Drink. Neben ihm stehen Kubaner und ihre Instrumente, auf denen sie Jazzmusik, bekanntes aus Buena Vista Social Club, Salsa, den Son Cubano spielen. Ein Musikstil, der so alt ist wie der hübsche Krempel.

Bei all dem Gewusel frage mich, wie oft hier was in die Brüche geht. Auch wundere ich mich, dass auf einem Regal ein vergilbtes Yogabuch steht. Über den berühmten langhaarigen indischen Yogameister Yogananda, der 1893 geboren ist, also auch so alt ist wie Porzellan, Möbel und Musik drum rum. Ausserdem hängt sein Gesicht eingerahmt neben Jesus über einem Bett. Ich stelle mir vor, wie die Zuckerbarone damals nach dem Aufstehen erstmal eine Runde Yoga – den nach unten schauenden Hund, die Kobra oder das Kuhgesicht  – gemacht haben und dann beteten. Oder umgekehrt.

Kucken ist toll im Paladar Sol y Son, aber gegessen wird woanders: in einem ganz anderen Ambiente bei La Botija: Ein Restaurant, das früher mal Geheimtipp war und heute der Hot Spot aller Touris ist. Umgeben von Steinwänden, an denen Folterinstrumente hängen – Trinidad war nicht nur die Stadt des Zuckers, sondern auch des Sklavenhandels – schlagen wir uns die Bäuche voll mit Käsebällchentapas, Käsepizza, Spaghetti mit Tomatensauce und einem Berg Käse drauf. Wir blenden aus in was für einer Kulisse wir sitzen. Mein Kopf wendet sich weniger historisch-blutrünstigen als eher gegenwärtigen-käsigen Gedanken zu.  Und schon wieder knipst er das schlechtes Gewissen an, fragend: „Woher haben die soviel Käse? Der ist doch schwer zu bekommen auf Kuba, ein Luxusnahrungmittel, das sicherlich nicht auf dem Teller eines Kubabers einfach so landet“.

Die Bedienung ist hier ähnlich wie in Havanna mit einem traurigen, aber nur leicht aggressiven Gesichtsausdruck unterwegs: Kein Wunder: essen wir hier mal wieder in einer  Stunde tollstes Essen für 10 Euro  – fast einem ganzen Monatsgehalt eines Kubaners. Es ist schwer, das zu verdrängen. Die Ungerechtigkeit der Welt schlägt sich an einem Holztisch in Trinidad nieder, auf dem käseüberflutete Pizza und Pasta stehen. Ich bin dankbar dafür, in einem so reichen Land geboren worden zu sein, das mir so viele Möglichkeiten bietet mit einen Lebensstandard, der für andere ein Traum ist. Der Grossteil der Jugend in Kuba ist zur Zeit noch pessimistisch und frustriert, was die Zukunft angeht. Ob die Öffnung zu Amerika hin, einen Lichtblick für den konkreten Lebensalltag der Kubaner bringt oder nur schöne museumshafte aufpolierte Fassaden, bleibt abzuwarten. Gerade heute im Dezember 2016 meldet Kubas Wirtschaftsminister Ricardo Cabrisas  einen Wirtschaftsrückgang von 0,9 Prozent.

Ayala: Tanzen in der Tropfsteinhöhle eines Serienkillers

Am nächsten Tag besuchen wir endlich den Ort, der laut dem Neon Magazin, zu den 66 besondersten der Welt gehört. Disko Ayala – eine Disko in einer Tropfsteinhöhle auf einem Hügel.

Es gibt zwei Wege dorthin. Mit Taxi oder zu Fuss. Wir laufen. Einen Schotterweg entlang, umgeben von echtem kubanischem Leben. Ärmlich und herzlich. Einige Kubaner verkaufen Anheizergetränke am Strassenrand, einen Mojito für 1 CUC, umgerechnet knapp 1 Euro oder das typische Trinidadgetränk – einen Canchánchara – bestehend aus Rum Honig und Limettensaft.

Am mit Plastikleuchten blinkenden mobilen Mojitostand treffen wir endlich die zwei lustigen Typen wieder, die wir im Flieger nach Kuba kennengelernt hatten, zwei Rheinländer, die sich in den Tag rein- und rauslachen. Weil einer der beiden aber was schlechtes gegessen hatte, lachen sie an dem Abend noch ein paar Mal und gehen dann ohne zu dancen früh schlafen.

Meine Freundin und ich laufen also ohne männliche Begleitung den Hügel hoch an einer Bayern München Fanfahne vorbei über Geröll durch die Dunkelheit zum nicht nur tollsten, sondern auch unheimlichsten Club der Karibik. Unheimlich, weil dort Ende des 19. Jahrhunderts Carlos „Coco“ Ayala Zuflucht suchte. Er soll ein Serienkiller gewesen sein. Und ganz ehrlich: der Weg durch die Dunkelheit machte mir erst ein mulmiges Gefühl, aber kein Grund zur Sorge: Fidel hat dafür gesorgt, dass Kuba eins der sichersten Länder ist, hinter jedem Baum hockt ein Polizist, 24 Stunden, ungefähr so.

Wir kommen gut an und rein für 5 Euro. In Ayala knutschen Justin Bieber und Enrique Iglesias mit Jennifer Lopez und kucken uns dazu von riesen Leinwänden an. Paar Hits, die überall laufen, paar Latinobeats, fertig ist der Tropfsteinhöhlenmix. Ein Showprogramm gibt es auch. Muskulöse Typen in weissen Leuchteklamotten heben mit ihrem Mündern einen Tisch hoch, auf dem jemand sitzt. Starker Biss.

 

Das Publikum ist gemischt. Einige Kerle, vielleicht Franzosen oder Italiener, glotzen von ihren Stühlen aus auf die Tanzfläche, und checken die Mädels ab. Im Blickfeld eine Hippstertruppe aus Berlin oder Leipzig oder aus Kopenhagen, sie danct rum, als wenn es einen Preis zu gewinnen gäbe.

Aber einer stielt allen die Show: Ein Japananer. Berauscht vom Tropfsteinhöhlenhimmel oder vom Mojito oder von beidem, dreht er mit einem Leuchten in den Augen Pirouetten und schlägt Haken wie ein Torero. Dabei gibt er Jubellaute von sich wie ein Kind, das gerade sein Lieblingsgeschenk ausgepackt hat.  In diesem Moment ist er der glücklichste Mensch der Welt.

 

Blick auf Trinidads Strassen:

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