Shut up and Dance – Ecstatic Dance in Goa

Ich stand auf der Tanzfläche unter dem Banyan Tree in Goa. Hinter mir liegen knapp drei Stunden Ecstatic Dance, wobei ich die letzte Stunde mit brennenden Füssen am Rand hockte und mich dann zum Abschied noch einmal auf die Tanzfläche wagte. Ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Wie immer gab es am Ende des Tanzes ein paar neue Paarungen für den Moment: Menschen, die glücklich mit klitschnassen Haaren übereinander, nebeneinander oder ineinander am Boden lagen. Das war mir dann doch zu viel Nähe bei so viel Nüchternheit. Ecstatic Dance ist Tanzen ohne Sabbeln, ohne Alk, ohne Rauchen, ohne Drogen, barfuss und – wer mag  – mit Kontakt.

The Source ist einer der schönsten Tanzorte.

Mein Status war noch Anfängerin – sprich: angeschossenes Reh schlittert alleine über die Tanze, unsicher und mit lautem Kopf. Der scannte die schönen hundert Menschen drum rum und plapperte unentwegt: „Aah die sind ein Paar, oh der hat mich angelächelt, ach ne jetzt ist sie ja mit dem anderen…? Soll ich jetzt mit dem tanzen, diese Bewegung sieht toll aus, kann ich nicht, was machen die denn da in der Ecke? Wo will denn mein rechtes Bein hin? Mir tun die Füsse weh….“ Was beim Ecstatic Dance passiert, ist das Leben. Hier zeigt sich unsere Beziehung zu uns selbst und die Beziehung zu anderen: wie selbstbewusst wir sind, und ob wir fähig sind Verbindung zu anderen aufzubauen, ohne, dass wir ins Wanken geraten. Wir sollten unseren Impulsen folgen – erstmal alleine dann gerne mit anderen Menschen zusammen dancen. Aber Warnung: Wenn man den Mut aufbringt, jemand anzutanzen, kann der oder die dankend weiterreisen. Denn jeder Mensch hat so seine Launen und nicht jeder mag die Energie von unsicheren Leuten, die während des Tanzes freezen also erstarren und nicht wissen, was sie mit ihrem rechten Arm und ihrem kleinen Zeh anstellen sollen. Obwohl alle sehr nett und offen waren, und Musik von Bonobo und Nu Rückenwind gaben, hemmte mich die Angst vor Ablehnung zu Beginn sehr.

Einer der schönsten Tanzorte unter dem Banyan Tree. Ja es ist ein Baum:-)

Und dann kurz vor dem Ende der Sause wurde ich abgeholt. Fast. Wie von einem imaginären Pfaden gezogen, schlingerte ein Typ auf mich zu: Rückwärts! Er stoppte genau einen Zentimeter vor meiner Nase. Da er keine Augen im Hinterkopf hatte, fragte ich mich, was das für ein Hokuspokus war. Der Typ war bekannt. Ein Musiker und Tanzlehrer. Er war mir schon die Male davor aufgefallen, nicht nur weil er wie Jesus aussah – (nicht zu verwechseln mit dem Tänzer in Goa, der sich Gott nannte) –  er war mir auch aufgefallen, weil er immer zweieinhalb Stunden durch das tanzende Menschenmeer suchend umherirrte, um dann am Ende, eine Frau auszuwählen, mit der er zu einem Song tanzte. Das sah dann jedes Mal überirdisch gut aus. Sowas wollte ich auch können.

Mich hatte der Tänzer jetzt nicht zum Tanzen, sondern zum gemeinsamen Rumstehen auserkoren. Rücken an Nase – Nase an Rücken. Ich fragte mich: „Möchte er, dass ich mit ihm diesen blöden Doppeldecker mache, wie verliebte Paare es auf Konzerten tun? Dass ich meine Arme von hinten um ihn schlinge?“ Ich meine, einen DJ hatten wir da vorne, es war ja quasi wie ein Konzert und andere taten genau das  – so nen blöden Doppeldecker. Passiv stand ich da. Mein Körper war ratlos, mein Kopf war schüchtern. Ich wollte dem Tänzer zuflüstern: „Ey dreh dich mal um, ich kann auch was, auch wenn es nicht tanzen ist – zumindest nicht so wie sie es hier tun. Ich kann reden und erzählen, und ich kenne gute Witze“, aber Sprechen ist beim Ecstatic Dance untersagt und sowieso Reden zählt in Goa, dem Mekka der Körperlichkeiten, nicht. Goa ist die Spielwiese für Hulahup-Prinzessinen, Tantragöttinen, Yogalehrer und Profi-Tänzer. Ohne meine Stimme fühlte ich mich wie ein Niemand. Mein Ego lag zermatscht am Boden, es glich einem Haufen Kartoffelbrei und alle Unsicherheiten kamen auf den Teller. Beim Ecstatic Dance musste ich sie fressen.

Das war genau richtig für mich, denn für meine Reise hatte ich mir vorgenommen, mich meinen Ängsten zu stellen und meinen Körper herauszufordern, Dinge zu lernen, die zuhause zu kurz gekommen sind. Goa stand für Tanzen.

Foto von Michela di Savino.

Wenn ich eine Sache kräftig vernachlässig habe in meinem Leben dann ist es das Tanzen. Als Teenie hüpfte ich noch in meinem Zimmer zu Madonna und Motörhead rum. Jeden Abend feierte ich stundenlang eine Onewomandisco bis ich erschöpft ins Bett fiel. Mit 16 ging’s dann auf die Parties und in die Clubs, da kam der Alkohol dazu, der in meiner Heimatstadt zum Feiern dazugehört. Wer nicht trank, wurde als seltsam betrachtet, so ist es auch heute noch. Weil ich ausserhalb meiner vier Wände gehemmt war zu dancen, machte ich beim Trinken mit. Mischgetränke als Mutpusher. Während meines Studiums hörte ich auf zu tanzen. Ich fing an fürs Radio zu arbeiten und sabbeln wurde mein Element. Ich sass auf den Parties an der Theke und unterhielt mich. Das machte ich jahrelang und die Hürde einfach mal stundelang zu dancen, wurde immer grösser. Dann entdeckte ich Ecstatic Dance. Pascal, der in Berlin eine grosse Szene aufgebaut hatte, kam nach Leipzig. Ich schlich nüchtern und schüchtern in den Raum: „Na toll, nur 8 Leute da“. Es hatte sich in Leipzig logischerweise noch nicht rumgesprochen, denn es war die erste Veranstaltung. Ich hatte dasselbe Gefühl, wie damals, als ich zum ersten Mal zum Uniradio ging. Ich hatte Schiss und wollte umkehren. Aber Umkehren führt ja nur in eine Sackgasse und zum Stillstand –  also blieb ich. Pascals Set war mega. Elektronische Musik, Tribal sounds mit Livedrums. Ich tanzte und zwar so wie ich es damals als Teenie in meinem Zimmer tat. Beim Rausgehen entdeckte ich den Flyer Ecstatic Dance Festival in Goa – Januar 2018. Und so fand ich meinen Weg nach Indien.

Jetzt stand ich in Goa unter dem Banyan Tree vor dem Rücken des tollsten Tänzers. Da ich ja nicht reden durfte, tat ich nix. Sein Geruch erreichte meine Nase und verriet tagelanges Nichtduschen.  Ausserdem bemerke ich seine für einen Tänzer ganz unüblichen nach vorne gezogenen Schultern. Er machte auf mich den Eindruck, einsam und lost zu sein. Vielleicht plagte ihn auch Liebeskummer, denn auch die freie Goaszene ist davor nicht gefeit. In den letzten Jahre hatte ich einige Erfahrungen gesammelt mit den lost souls, den lonely warriors und den freedom fightern dieser Welt. Mehr davon wollte ich gerade nicht. Ich erinnerte mich an eine Dänin, die zu mir sagte: „With Ecstatic Dance you learn how not to dance, you learn how to move!“ Ah es ging also gar nicht darum, zu lernen megatoll beim Tanzen auszusehen, sondern das Gegenteil, beim Ecstatic Dance geht es darum, das Tanzen zu verlernen und sich stattdessen so zu bewegen, wie man sich fühlt.

Ich machte zwei Moves – nach links und nach vorne. Jetzt stand ich nicht mehr im Schatten des Tänzers, sondern neben ihm. Mit etwas mehr Abstand. Der DJ forderte uns nun auf, uns zu umarmen, wenn wir wollten. Der Tänzer schaute zu mir rüber und lächelte mich an, ich schaute zu ihm rüber und lächelte ihn an. Einige Sekunden vergingen. Ich drehte meinen Kopf zurück und schaute nach vorne…„With Ecstatic Dance you learn how not to dance, you learn how to move!“ 

Ich bewegte meine rechte Hand zu meiner linken Schulter, die linke Hand zu meiner rechten Schulter. Ich umarmte mich selbst.

Epilog: Der Tänzer ergriff jetzt die Flucht nach vorne. Er verliess den Ecstatic Dance so vorzeitig wie Aschenputtel den Ball.

Mucho Love, Yvi

Ecstatic Dance bis die Wolken Lila sind

 

 

 

Das Gruppenbild ist von Festivalfotografin Michela di Savino.

PS: Diese Geschichte trug sich zu an einem Abend bei The Source in Arambol Goa. The Source ist einer der schönsten Konzert-, Workshop- und Tanzorte, an dem es mehrfach die Woche öffentlichen Ecstatic Dance gibt. Auf dem Ecstatic Dance Festival waren wir eine geschlossene Gruppe im Forgotten Land. Truppe und Ort waren ganz wunderbar. Ich kann es jedem, der Bock auf tolle Musik und Dance hat, nur empfehlen! Fotos vom Festival findet ihr auf der Ecstatic Dance Goa Facebookseite 

https://www.facebook.com/pg/ecstaticfestival/photos/?tab=album&album_id=162113257775857

 

 

 

 

 

 

Die rülpsende Thai Masseurin

“Lady, did you have an accident?” 

Pims Finger waren wie ein Presslufthammer, der versucht eine Betonplatte aufzubohren. Die Betonplatte war mein Rücken. Sie fragte mich ernsthaft, ob ich einen Unfall gehabt hätte. Ich: “Nö, wieso?” Pim: „Because there is no balance at all in your body!“ Keine Balance im Körper. 

Deswegen fand ich den Weg zu ihr. Zu Pim, die auf der thailändischen Insel Ko Phangan bekannt war mit ihren magic fingers die krassesten Verhärtungen weg zu bügeln. Ich hatte schon immer gut mit Muskelverspannungen zu tun, aber durch das letzte halbe Jahr vor meiner Reise ist noch einiges dazugekommen. Durch Kämpfe mit meiner Ex- Hausverwaltung, mit bestehenden Verträgen und Versicherungen und mit meinem Kopf, der voll auf Drama schaltete. Ich hatte Verspannungen bis in die Zehenspitzen. Pim versuchte meine Füsse zu lockern, die wie festgeschnürt waren und begann den Berg auf meinem Rücken abzutragen. Schicht für Schicht.

Keine Balance. Das nachdem ich gerade meine Yogalehrerausbildung abgeschlossen hatte, bei der es primär darum ging, Balance im Körper zu schaffen. Aber ich war schon immer besser im Drüberreden, statt im regelmässig Selbermachen. Diese Faulheit, die der ein oder andere von euch auch kennt, die einen dazu bringt, morgens lieber einen zweiten Kaffee im Bett einzuhauchen, statt das Kamel auf der Yogamatte zu üben. Haben ja beide denselben Effekt: Sie machen fit. Nur einmal habe ich es mit körperlicher Disziplin so richtig durchgezogen. Beim Powerfitness an der Uni. Ein wildes Rumgehüpfe auf Zehenspitzen. Ich rannte sechs Mal die Woche hin, bis ich gefragt wurde, ob ich nicht Bock hätte, Übungsleiterin zu werden. Oh das fand mein Ego gut, schön den dicken Mäckes in der Mitte machen und auch noch ein eigenes Musikset zum Rumtoben aussuchen. Körper- und Gehörerziehung zu The Rapture, Moby und Elekrowilli & Sohn.

Ich trieb es soweit, bis meine Schienbeine erst entzündet und am Ende komplett im Arsch waren. Akzeptieren wollte ich das nicht. Ich liess mich von einem dubiosen Orthopäden mit Cortison spritzen, die kompletten Schienbeine entlang von der Fussplatte bis zu den Kniescheiben. Er musste kurze Zeit später seine Praxis dicht machen, ich mit Powerfitness aufhören. Aufgrund der niederschmetternden CT Ergebnisse bekam ich ein Jahr Sportverbot. Nicht mal schwimmen war erlaubt. Keine Balance.

Ein Ziel auf meiner Reise ist, meinen Körper ernst zu nehmen und da wirklich Balance nachhaltig reinzubringen. Ich bin mitten im Experiment den Körper als Instrument zu benutzen. Ein Jahr lang Yoga, Tanzen, Singen, Berge erklimmen und was man halt so mit seinem Körper anstellen kann. Dafür versuchte ich direkt zu Beginn meiner Reise meinen Körper wieder locker bekommen.

Pim bohrte ihre Finger zielsicher unter meine Schulterblätter. Dabei rülpste sie. Immer und immer wieder. Das tat sie auch bei anderen Kunden. Manchmal auch theatralisch mit Augen verdrehen, rausrennen und Minuten später wieder reinkommen.  In meiner letzten Sitzung fragte ich sie: „Pim geht es dir nicht gut, hast du Magenschmerzen?“ Sie erklärte mir, dass sie nur auf Arbeit rülpst, dass sie immer mit Leidenschaft arbeitet. Ihr Herz sei hundertprozentig angeknipst, und so fühle sie oft, was hinter den fiesen Verhärtungen steckt.

Ich weiss, was es bei mir ist. Schiss mit Wohnsitz im Nacken abwärts. Angst, was zu verlieren, Angst den Zug zu verpassen, Angst davor keine Kohle zu haben, Angst vorm Älterwerden, Angst vorm Tod, Angst davor abgelehnt zu werden, Angst davor nicht zu wissen, was nächstes Jahr ist usw. Ich schreibe das hier so einfach hin, weil ich weiss, dass viele von uns ähnliche Ängste haben. Der Mensch ist ein Angsttier, er frisst sich damit voll. Wenn man jetzt mit Yoga und so ankommen würde, ist es das Ego, das Angst hat. Eine Pseudoangst, denn kontrollieren können wir vieles nicht. Ich habe einen ganzen Rucksack voller Ängste, das war schon immer so. Und ich liebe die Freiheit und die kommt immer mit Unsicherheiten daher. Weil ich schon lange davon träumte, einmal im Leben ein Jahr lang zu reisen, sich das aber mit meiner grössten Angst, der Existenzangst, biss, musste ich springen. Jetzt oder nie, so fühlte es sich an. Raus aus der Komfortzone, rein in die Welt. Dafür musste ich meine geliebte Arbeitsstelle und meine Wohnung, also meine „Sicherheiten“ hinter mir lassen.

 

Mein erstes Ziel war Thailand. Auf der Insel Ko Phangan. Statt einen auf barfüssigen Hippie am Meer zu machen, hockte ich die ersten 5 Tage drinnen in meiner Bambushütte mit meinem Angstrucksack: „Wo ist mein Job, wo ist meine Wohnung, was mache ich hier?“ Das raste durch meinen Kopf. Wochen später noch in Goa, sagte mir eine Teilnehmerin vom Ecstaticdance Festival: „Du wirkst so angespannt, als würdest du etwas festhalten. “ Ja, stimmt. Ich hielt mich an meinem alten Leben fest, das nicht mehr da war. Wer war ich denn schon ohne das? Dazu peitsche mich mein schlechtes Gewissen: „Was erlaubst du dir eigentlich, einfach mal so eine lange Zeit aus deinem alltäglichen Leben rauszuspringen?  Und was bitte ist in einem Jahr, wenn du keine Kohle mehr hast? Du wirst abgebrannt und Strand von Goa enden. Game over!“ Dazu die Sorge der Eltern, die Welt sei so gefährlich. Ehrlich gesagt bin ich in Halle (Saale) überfallen worden, Gefahr ist überall, aber darum geht es mir nicht. Ich habe keine Angst davor, die Welt zu bereisen, ich habe Angst davor bei meiner Rückkehr keinen Anschluss mehr zu finden in der regulären Arbeitswelt,  also nie wieder einen bezahlten Job machen zu dürfen, der mir so viel Spass macht, wie die Jahre zuvor. Mein letzter Arbeitgeber und ich wir haben uns hübsch mit einer Pommesparty verabschiedet und es offen gelassen.   Offene Beziehungen konnte ich noch nie. Bisher. Jetzt gilt es mal all die Optionen auszuhalten. Ich bin so dankbar, die Welt sehen zu dürfen, aber zu Beginn meiner Reise konnte ich es gar nicht geniessen.  Ich konnte nicht zum Meer gehen und meine Zehen ins Wasser halten: Der Anblick bot zu viel Freiheit, zu viel Platz für Ungewisses, zu viel Wasser. Beim Element Yoga habe ich gelernt, dass Wasser entspannt ist. Es weiss, wie GowiththeFlow geht. Es steht für Loslassen und Flexibilität. Noch fühlte ich mich wie eine Betonplatte, die sich auf zum Wellensurfen macht, Wellensurfen mit meinen Ängsten.

Pim schaute mich an und ermahnte mich: „Stop overthinking!“ – „Hör mit dem Grübeln auf.“ Sie zog an meinem Nacken und rülpste dabei laut.

PS. Wer das mit dem Rülpsen nicht glaubt, besucht Pim selbst. Sie ist die Chefin von Revive Massage, trägt auf dem Foto ein wasserblaues Shirt und nimmt kein Blatt vor den Mund.

https://www.tripadvisor.com/ShowUserReviews-g303907-d8786485-r341631315-Revive_Massage-Ko_Pha_Ngan_Surat_Thani_Province.html

https://www.facebook.com/WatPhoCertified/

Lebensmüde nach Gokarna

Völlig fertig sass ich mit ein paar Hunden vor einem schlafendem Guesthouse. Es war 4:30 Uhr in der Früh und ich wartete darauf, dass die dicke gelbe Kugel aufwachte. Ich war in Gokarana am OM Beach gestrandet, was unterhalb von Goa liegt. Ein Bekannter aus Leipzig war da und ich wollte mal vorbeikucken.

Vorbeikucken bedeutete von Südindien 837 Kilometer mit dem Zug und Nachtbus hochzubrettern. Alleine.

am OM Beach angekommen

Erstmal zur Reise, wie ich überhaupt in den Süden Indiens gekommen bin, bevor ich wieder hochfuhr.Schon auf der Hinreise in den Süden Indiens, also von Margao, dem Bahnhof bei Goa nach Thiruvananthapuram in Kerala sass ich 21 Stunden lang im Zug.

 

 

Start der Reise: Margao: Zug von Goa nach Thiruvananthapuram in Kerala Südindien 21 h

 

 

Das Zugende ist nicht in Sicht. Reisen in Indien mit Zug und Bus ist spannend. Niemals habe ich mich so lebendig gefühlt. Ich hatte das Gefühl,  im Film Darjeeling Limited von Wes Anderson gelandet zu sein.

Mitternacht ging es in Goa los. Ich bestieg das kilometerlange blaue Metallmonster, die zweite Klasse  mit harten schmierigen Pritschen zum Schlafen. Ich fand das Abteil mit Option zum Schlafen, hiefte meinen Rucksack auf die mittelhohe Pritsche (an jeder Seite gibt es 3 Pritschen zum ausklappen – unten, mitte und oben). Eigentlich sollte ich oben schlafen, direkt unter den fettig schwarzen Ventilatoren, aber das war mir zu hoch. Ich hatte Angst runterzufallen und mir alles zu brechen. Ich klappte die mittelhohe Pritsche aus und versuchte etwas zu schlafen. Keine gute Idee: Morgens um 7 wurde ich von indischen Männern geweckt und gebeten: „Bitte Liege an die Wand zurückklappen und unten hinsetzen.“ Sie sind morgens in den Zug zugestiegen und haben das Schlafabteil umfunktioniert in einen Gruppenkuschelwagon. Ich sass die nächsten 6 Stunden eng gequetscht zwischen den Männern, Marktleute stiegen ein und aus, verkauften auch warmes Essen wie Linsen, den fast flüssigen Dhal assen sie mit ihren rechten Händen.

 

Bücherverkauf im Zug

 

Aus den Fenstern bzw. aus den Kucklöchern mit Metallstäben brauste der Wind um meinen Kopf. Was für 1 Feeling. Abends kam ich dann ok an in Thiruvananthapuram. Ich hatte auch für zwei Wochen später ein Rückfahrtticket gekauft, also zurück nach Goa – von dort aus wollte ich dann irgendwie nach Gokarna, was keine eigene Zughaltestelle hatte. In dem Ashram, wo ich war, kam jeden Morgen eine Inderin, die Reisetickets verkaufte. Sie sagte: „Oh du kommst ja morgens um 5 in Goa an, das ist zu gefährlich.  Kauf besser ein Ticket für den Nachtbus, der bringt dich direkt nach Gokarna.“ Da würde ich morgens um 6 ankommen. Also schmiss ich mein Zugticket weg, was umgerechnet 8 Euro gekostet hatte und kaufte mir ein neues Ticket. Es stellte sich heraus, dass diese Fahrt viel aufregender war. Vom Ashram aus, der auf einem Hügel in der Natur lag, musste ich mit einem Rikschafahrer sehr früh morgens eine Stunde lang zum Bahnhof in Thiruvananthapuram. Ich musste ihm vertrauen. Es war das einzige Mal, dass mich auf der Reise durch Indien jemand angrabste, beim Rucksack auf- und absetzen. Die ganze Fahrt über wiederholte er seine Frage, ob ich verheiratet sei. Ich bejahte immer wieder – auch wenn ich auf Flunkern nicht stehe. Es war definitiv die bessere Aussage.

Dann nahm ich den Zug nach Kochi.

 

auch hier die schmierigen Ventilatoren.

Wir rauschten vorbei an Müllbergen. Es ist krass zu sehen, wie viel Müll neben den Gleisen liegt, neben mir sass eine hübsch gekleidete ältere Dame, sie schmiess einfach Plastik aus dem Fenster. Ich behielt mein Kaffeestäbchen in der Hand. In Kochi hatte ich 4 Stunden Aufenthalt: Zeit, um einen Mülleimer zu finden und aufs Klo zu gehen, wo Inderinnen sich komplett wuschen, mit Wassereimer über den Kopf. Es dauerte etwas bis ich dran war und derweil passte eine alte Dame für zehn Rupees auf mein Gepäck auf. Ich war froh über die Umsteigezeit die ich hatte, musste nämlich erstmal die Bushaltestelle finden, die war, wie so oft, an einem Guesthouse irgendwo mitten in der Stadt. Ich heuerte einen Rikschafahrer an, er setzte mich ab, kassierte das Geld, falsche Stelle. Die nächste Fahrt brachte mich dann an den richtigen Ort. Ein netter Inder in meinem Alter wartete dort schon bei einem Chai und ich gesellte mich dazu. Er wollte zu seiner Schwester nach Goa. Honest kam pünktlich, so hiess der Bus. Also Ehrlich.

Es geht los mit dem Nachtbus nach Gokarna, muss schnell noch der Reifen ausgewechselt werden, ein Erlebnis, das ich mehrfach in Indien hatte.

Er war gemütlich. Aber nur Männer fuhren mit, ich musste wieder vertrauen. Der Inder und ich unterhielten uns noch eine Weile und ich schlief dann ein bisschen. Irgendwann weckte mich der Fahrer. „Aussteigen!“ Wir seien da, also in Gokarna. Ich schaute auf die Uhr. 3 Uhr nachts. Ankunft 6 Uhr bezog sich nicht auf Gokarna sondern auch das Endziel Goa. Und da, wo wir stoppten, war auch gar nicht Gokarna Stadt, sondern 20 Kilometer ausserhalb. Gokarna Cross. Da gab es nichts, nur den Highway. Nicht mal eine Bude zum Hinsetzen und Verstecken. Ich stieg paralysiert aus und  bekam Panik, ich fing an zu schreien, dass das lebensmüde ist und dass ich das nicht mal in Deutschland tun würde, mitten in der Nacht an einer Strasse aussteigen und sowieso wie sollte ich denn weiterkommen? Der nette Inder bot mir an, dass ich mit ihm weiter nach Goa fahre, dort erstmal eine Runde schlafen könnte bei ihm und seiner Schwester, und von dort aus – wie ja ursprünglich geplant – wieder runter nach Gokarna. Das war mir zu doof, 3 Stunden weiter gen Norden zu fahren, um die dann wieder runter zu fahren, wenn ich jetzt 20 Kilometer von Gokarna entfernt bin. Die Inder redeten in Hindu aufgeregt durcheinander. Ich stieg wieder ein, und sie brachten mich zur nächsten Stadt. Ankola. Dort stand ein Taxifahrer an einer Tankstelle. Wir sprachen ihn an, und er brachte mich dann für mehr Geld als die komplette Fahrt kostete zum Strand von Gokarna. Ich musste ihm wieder vertrauen. Es war kurz vor 4  Uhr in der Früh. Ich versuchte meinen Bekannten anzurufen, er ging nicht ran. Innerhalb eines Tages, musste ich Vertrauen wie am Fliessband: Dem Rikschafahrer von früh morgens, der Horde Männer im Sleepingbus, und dem Taxifahrer, der mich an mein Endziel brachte. Zum Strand runter führten Stufen, es war stockduster.  Der Taxifahrer beruhigte mich. Er sagte: „Dir passiert nichts, geh einfach runter und warte bis die Sonne aufgeht.“ Genau das machte ich dann. Ich knipste meine Taschenlampe an und schlich zum Strand runter. Beim ersten Guesthouse setzte ich mich dann hin, einige Hunde gesellten sich dazu, und wir warteten bis die Sonne aufging. Niemals hab ich mich so lebendig gefühlt und niemals war ich so froh darüber, noch lebendig zu sein. Dann machte ich mich auf die Suche nach meinem Bekannten. Mit einem Rucksack voller Vertrauen.

Mucho Love, Yvi

 

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Können Schlangen sich den Rücken brechen?

Zusammengerollt lag sie in der Mitte des fast leeren Schlafzimmers meines Holzhauses. Ich starrte sie an, brüllte los, liess alle Türen offen und rannte raus. Hundert Stufen runter in den Dschungel, vorbei an Palmen und Jackfruitbäumen. Mein Haus machte seinem Namen gerade alle Ehre „Bam Bam Nature House“. Natur ist ja schön und gut, aber die sollte doch draussen bleiben, auch wenn ich alle Fenster offen lassen musste.

Die Schlange war der Höhepunkt aller Tierbesuche in meinem Holzhaus auf Stelzen. Ich wollte schon immer mal in einem wohnen, seit Jahren träumte ich davon und auf Ko Phangan fand ich es. Leider musste ich feststellen, dass so ein Thai-Holzhaus schwierig ist. Es ist wie ein Typ, der super aussieht, aber derbe Baustellen hat. Als ich es bezog, fiel mir nachts der strenge stechende Geruch auf, der besonders im Schlafzimmer durch meine Nase kroch. Dazu wellte sich die Decke, wenn es stark regnete, was es drei Wochen tat. Ein bissiger Uringeruch gesellte sich dazu – wer weiss, was unterm Dach abging, Geckos sausten dort immer entlang. Die fand ich niedlich. Wenn ich abends alleine in meinen Haus hauste, dann machte ich oft Spass mit ihnen auf der Veranda, spielte Hip Hop und drehte kleine Diskovideos mit ihnen. Ameisen liess ich zur Technomusik auf meinem Teller rumraven während sie meine Essensreste verspeisten. Überall waren Tiere. Meine Fenster hatten keine Moskito-Netze und weil ch ausserdem Schiss vor dem Alleinsein in der Dunkelheit hatte, liess ich nachts erstmal die Fenster geschlossen. Das brachte die Luft zum Brodeln.

Nach fünf Tagen hatte ich rote Flecken im Gesicht, Kopfschmerzen und ein polterndes Herz. Ich ging auf Quellensuche und wurde fündig. Die untere Seite meiner Matratze hatte einen riesen grossen schwarzen Fleck, feucht. Das Lattenrost, eine Spanplatte, war mit weissem Schimmel bedeckt. Als ich meine Nase unter das Bettgestell hielt, explodierte sie fast. Partikel tanzten in meiner Nase rum.

 

Der Vermieter, Mr. Nice, tatsächlich ein netter Thai, immer hilfsbereit und aufmerksam, erklärte mir, dass man in Thailand das Holz mit Chemikalien behandelt, um es vor Termiten zu schützen. Wenn man das nicht macht, kommen sie und fressen es auf. Er liess das Bett abtransportieren, bzw. unters Haus stellen, was die Thais machen, wenn was nicht mehr gebraucht wird.

 

  • Schön unters Haus packen, so löst sich das Problem des Mülls ja auch nicht.

Ich bekam eine neue Matratze und dachte, dass es nun besser wird, wurde es auch, aber nur ein bisschen. Weil: Es kam raus, dass auch der Boden im Schlafzimmer mit den krassen Chemikalien (in Deutschland seit Jahrzehnten verboten) behandelt wurde. Also schlief ich ab der zweiten Woche mit der Matratze auf dem Boden im Wohnzimmer, überwand meine Angst vor Tieren und Eindringlingen jeglicher Art und öffnete auch nachts alle Fenster.

 

Ihr fragt euch jetzt: „Ist die bescheuert, warum hat sie das Haus nicht sofort verlassen?“ Erstens: Ich hatte die komplette Miete im Voraus bezahlt. Zweitens: Es war Hochsaison und alles dicht, Drittens: es gab mehrere solcher behandelten Häuser und Viertens: Ich hatte Hoffnung. Schliesslich war das Haus wunderschön, nur eben gesundheitsgefährdend……. Vier Wochen lang führte ich diese toxic relationship, in der Hoffnung, es würde besser werden…ich müsste nur gut genug lüften, aber auch mit Ventilator, Räucherstäbchen, Ölen und Klimananlage…  es blieb dabei: Von Aussen ein Traum, von Innen ein unverbesserliches Moddermonster. Jetzt mit Schlange. Ob die so giftig war, wie Schimmel und Holzchemikalien, wusste ich erstmal nicht.

 

 

Die Schlange pennte in meinem Schlafzimmer, und ich stand heulend mitten in der Nacht im Dschungel und wünschte mir dringend, nicht alleine auf dieser Reise zu sein. Wo war der Kerl, der das für mich klärte, heroisch die Schlange aus dem Schlafzimmer zog? Zum Glück war zwei Tage zuvor jemand in das verlassene Holzhaus nebenan gezogen und hatte sich schon durch guten Musikgeschmack bewiesen, der stets zu mir rüberschwappte. Es war noch Licht, und ich klopfte an die Tür. Eine türkische Musikerin, Ayse, stellte sich mir vor. Sie habe kaum Schiss vor Schlangen, dafür umso mehr vor Spinnen.

Mit Spinnen konnte ich besser umgehen irgendwie: Am ersten Abend entdeckte ich eine in meinem Bad. Eine dicke schwarze Spinne hockte hinter meiner Toilette und schaute mir beim Duschen zu. Ich wusch mir schnell und bedacht den Schaum aus dem Haar, nahm langsam den Toilettenwasserstrahler in die Hand, den man statt Klopapier in Asien benutzt, und damit verpasste ihr eine kalte Dusche. Der Wasserdruck reichte aber lediglich dazu aus, sie einmal etwas zusammenschrumpeln zu lassen. Daraufhin setzte ich zum ersten Mal Pfefferspray ein, das ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Ich drückte zwei Mal ab, das 1 qm Bad füllte sich mit orangefarbenem  Pfeffernebel, der auch mein Gesicht, meine Hände und Füsse erreichte und dazu führte, dass ich 3 Tage lang wie auf Kohlen rumrannte und keine Kontaktlinsen mehr tragen konnte. Ich schloss die Badezimmertür, wartete nach der Attacke ab in der Hoffnung, dass die Spinne dahinter eingehen würde. Als ich nach einer halben Stunde die Tür öffnete, sah ich sie nicht mehr. Ich hockte mich hin, um zu sehen, ob sie sich noch weiter hinter die Toilette gekrochen ist und genau in dem Moment, rannte sie flink durch meine Beine durch, hinaus in die Natur durch die offene Hintertür meiner Küche. Wie im Film. Spinne war abgehakt. Mit dieser Übung konnte ich Ayse noch in derselben Nacht helfen, eine Spinne in ihrem Schlafzimmer zu erledigen. Wir kicherten dabei hysterisch. Ja ja. Was man halt so macht nachts auf Ko Phangan – Ein Spinnenbild gibt es übrigens nicht.

Wieder zur Schlange. Ayse sagte: „Oh es ist schon Mitternacht, aber wir rufen trotzdem Mr. Nice an.“ Der ging aber nicht ran, also nahm ich mein Moped und düste zu seinem Resort. Ich war vollgetankt mit Angst, und als ich die Brücke zu seinem Resort überquerte, knurrte mich der grösste seiner Hunde an, mit dem ich mich sonst super verstand, aber die Angst roch er. Sowieso war da alles dunkel also kehrte ich zurück zu meinem Bam Bam Nature House bzw. zu Ayse. Wir posteten auf Facebook in der Ko Phangan Conscious Community Group, dass wir Hilfe benötigen. Sofort bekam ich den Kontakt zu dem Reptilien- und Schlangenexperten der Insel. Ich rief ihn an, nach nur drei Sekunden war am Akzent klar, er ist Deutscher. Stefan. Er kommt und rettet die Tiere ohne dass uns und ihnen was passiert. Er fragte: „Ist es eine Kobra“. Ich so: „Waaaas Kobra???“, er so: „Ja ich komme nur wenn es eine Kobra ist, also wenn es wirklich dringend ist, weil ich habe Besuch“. Er wollte wissen wie meine Schlange denn aussah. In meinem Kopf war sie dunkel und sehr gross, aber sicher war ich mir nicht.  Stefan fragte: „Hat sie ein Muster, wenn ja dann ist sie ungefährlich“.  Ich wusste es nicht. Um sicherzugehen, blieb uns nichts anderes übrig als nachzukucken. Ayse nahm mich an die Hand und wir gingen zu meinem Haus zurück. Leider hatte ich ja alle Türen offen gelassen, die Schlange konnte nun also überall sein, und in der Mitte meines Schlafzimmers war sie schon mal nicht mehr. Ein Déjà vu für mich, denn mit der Spinne war es ja ähnlich gewesen. Ich war so nervös, dass auch die Schlange angeflitzt kommt.  Ayse betrat mein Schlafzimmer, auf Katzenpfoten schlich sie zur Kommode, dem einzigen Gegenstand in meinem Schlafzimmer, sie schaute dahinter und begann in einem süsslich säuselnden Singsang zu sprechen. Es stellte sich heraus, dass es eine Babyschlange ist. Mein Schock-Kopf hatte aus dem kleinen verschreckten Ding einen Riesen gemacht. Ayse machte ein Foto und das sendeten wir Stefan zu. Er beruhigte uns und meinte, es sei definitiv eine Wolf Snake. Total harmlos.

Sieht fast aus wie ne Grillbratwurstschnecke. Noch mal zum Stöbern auf http://reptilerescuephangan.com/reported-snakes-of-phangan/

Er machte Schlangenaufklärung: Es gibt 300 verschiedene Schlangenarten in Thailand, 20 davon auf Ko Phangan. 3 Arten sind tödlich giftig. Die Monokelkobra und Königskobra kommen auch schon mal aus Versehen in unsere Häuser. Beide sind gefährlich giftig, aber nicht gefährlich aggressiv oder angriffslustig. Es ist es sehr viel wahrscheinlicher auf Ko Phangan von einem Hund mit Tollwut angefallen zu werden als von einer Schlange. Wenn man Schlangen zu nah kommt, versuchen sie einen Ausweg zu finden, wenn das nicht klappt, stellen sie ihren Vorderkörper auf und fangen ängstlich an zu schnauben. Erst dann wenn man sie nicht in Ruhe lässt, wird es heikel. Fatale Schlangenbisse kamen in den letzten zehn Jahren nur vier Mal in Thailand vor. Zwei davon durch Eigenverschulden. Ein Einheimischer hatte versucht eine Kobra zu erschlagen. Die Kobra hatte sich gewehrt und einen tödlichen Treffer gelandet. Eine andere Kobra hatte einen burmesischen Mann bei einer Schlangenshow in die Zunge gebissen, als er sie gegen ihren Willen vor sein Gesicht gehalten hatte und mit ihr aus Fun einen Zungenkuss vortäuschen wollte.

Wir hatten das nicht vor und sowieso war es ja angeblich eine Wolf Snake. Stefan sagte uns, dass wir sie einfach heraustragen sollen.  Ich holte Kehrblech und Besen. Ayse lockte die Schlange aus ihrem Versteck hervor, indem sie mit ihr weiterhin wie mit einem Baby sprach, was sie ja auch war. Die Schlange schlängelte sich an der Wand entlang bis sie das Blech erreichte.  Dann bugsierten wir sie nach draussen und warfen sie im Effekt über das Geländer nach unten. Da war auch Ayse kurz nicht mehr cool geblieben. Und wir fragten uns: „Können Schlangen sich beim Aufprall den Rücken brechen?“ Stefan weiss: „Normal nicht. Sie blähen sie sich im freien Fall auf, und aktivieren damit ihren Airbag.“

Durch Konfrontation und Aufklärung ist meine Angst vor Schlangen weniger geworden, und tatsächlich vermisste ich am nächsten Morgen die kleine Schlange. Ich schaute in den Vorgarten. Sie war fort. Wo war eigentlich ihre Mutter?

Goa: Esotrip als Entertainment

Vor 3 Jahren reiste ich zum ersten Mal nach Indien. Ich startete in Goa – Arambol, dem Mekka für Yogis, Tantragöttinen, Lost souls, lonely warriors, HulaHup-Prinzessinnen, flötenden Männern mit weissen langen Haaren in Brezelstellung und Kühen, die immer und überall Vorfahrt haben, auch am Strand. Und während die dicke gelbe Kugel einen hübschen Postkartenabgang macht, tanzen schöne Menschen knapp bekleidet am Strand mit Kopfhörern zur Silent Disco in slow motion. Ich stand nur sprachlos da, glotze und knipste.

 

Wenn ihr euch traut: In Goa könnt ihr euch sowas von in euren Selbsterfahrungstrip werfen. Es gibt so viel Angebot: Tantratratra im LoveTemple, Osho Mediationen –  mit Schnappatmung und wildem Rumgehüpfe pustet ihr eure düsteren Gedanken aus euren Köpfen und in Workshops könnt ihr in die Vergangenheit reisen, sozusagen in euren vorherigen Leben mal „hallo“ sagen. Mich hat das damals alles überordert. Und auch heute noch denke ich regelmässig: „Hier ist jetzt mal Schluss. Ich geh Pommes essen.“ Nicht umsonst hing ich bei meiner diesjährigen Goa-Reise oft bei den Hunden von I Love Goa Dogs ab – über Rani und ihre Community zur Hunderettung in Arambol berichtet ich schon. Findet ihr auch unter Indien und unter People.

ich
I Love Goa Dogs als Zuflucht vorm Esotrara

Zurück zu vor 3 Jahren:  Talia aus Israel, die ich damals in Indien traf, nahm das auch alles nicht so ernst. Wir beschlossen, uns einen Tag lang einen Spass zu machen und uns die volle Ladung Esoenterntainment zu geben. Auf einem Plateau am Strand bot uns ein bärtiger Mann mit Wallemähne an in unsere vorherigen Leben zu reisen. Why not? Wir legten uns also auf Matten mit bunten Kopfkissen, um uns herum noch 8 weitere Neugierige.  Wir schlossen die Augen, der Mann in der Mitte machte ein paar Ansagen, um uns in Stimmung zu bringen, mal nachzugucken, wer wir früher waren. Nach zwei Stunden holte uns Swami Ramish  zurück ins Hier und Jetzt. Ich hatte die Zeit genutzt um zu pennen und Talia langweilte sich. In der Ecke hockten zwei Russinnen: Die eine auf dem Schoss der anderen, ihre Augen schimmerten.  Sie hatten sich wohl ineinanderverliebt, so deutete ich ihre Blicke. Das störte einen abgehalfterten Briten, Dany, der mit lauter Stimme tönte: „An elephant is in this place, you see this elephant? It disturbs me.“ Dabei zeigte er wütendem Blick auf die beiden Frauen. Swami Ramish fragte ihn: „Kann es sein, dass du dich nach romantischer Liebe sehnst und es deswegen den beiden Frauen nicht gönnst?“ Dany wurde kurz still und bejahte dann. Seine Einsamkeit wurde immer lauter, er schimpfte, tobte und wurde schliesslich gebeten das Plateau zu verlassen. Weil Talia und ich auch keinen Bock mehr auf dieses Theater hatten sind wir mit ihm raus. Wir hatten ihn aber jetzt an den Hacken. Er erzählte wie ein wütender Wasserfall: Dass er sich verliebt hatte in eine Lady, die ihm versprach ab sofort mit ihm ihr Universum zu teilen, aber nach dem ersten Date nie wieder auftauchte. Und dass er im Love Temple, dem Ort für Tantratrara einen Cocktail bestellt hatte mit – wie er sagt – 20 Zutaten, er musste eine Stunde warten, um dann vom Kellner gesagt zu bekommen, dass eine Zutat fehlt. „Nicht mal einen beschissenen Love-Cocktail bekomme ich“, raunzte er.

So ist es ja oft, da wo Mangel ist, kommt noch mehr Mangel hin, da wo es läuft, läuft es immer besser. Ich versuchte ihn noch kurz mit Floskeln zu beruhigen, sowas wie „Alles wird gut“, weil er aber gar nicht mehr aufnahmefähig war, hängten wir den einsamen Krieger ab. Jeder muss seine eigene Reise machen.

Mucho Love. Yvi.

Talia und ich

 

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Bekifft in Goa

Alles, was ich noch konnte, war in Zeitlupentempo mit meinem rechten Arm nach links zur Wasserflasche greifen und einen Schluck Wasser trinken.

Ich sass auf einer Goa-Hippsterparty. Ich war eingeladen, weil ich einige Streetartkünstler zu Beginn meiner Reise kennenlernte, die Teil der Party waren und ich zudem nebenan wohnte. Den ganzen Tag über waren wir unterwegs gewesen, hatten uns mit einer Motorbiketour ihre Graffitis und Murals angesehen, die sie über Goa verteilt hatten. Die Sonne, das Kucken, das Rumfahren hatten mich müde gemacht. Sehr müde. Keine gute Voraussetzung für eine Party. Früher hätte ich in so einer Lage ein paar Bier getrunken, die die Müdigkeit weggeschubst hätten. Weil ich damals aber gerade ein Experiment machte – keinen Tropfen Alkohol für 1,5 Jahre –  wollte ich keine Ausnahme machen, auch nicht für eine besondere Hippsterparty in Goa. Also versuchte es mit einem Kaffee. Er wirkte nicht, das war ein schlechtes Zeichen. Neben mir sass ein Inder mit einem Joint. Ich habe nie Drogen genommen, bis auf Bier und 1 Erlebnis mit Kiffen, das war mit 16 und ich stellte fest, dass das nix für mich ist. Aber 16 war lange her und ich dachte: „Ok: Vielleicht wirkt es ja jetzt anders, könnte ja sein, dass ich wach davon werde.“ Hahaaa, ja ich weiss. Ich zog also drei Mal daran und machte mich auf zur Tanzfläche.

Nach kurzer Zeit erwischte ich den Beat nicht mehr. Ich war zu langsam, und er zu schnell, kam mein Fuss am Boden an, war der Beat schon weg. Mein Körper fühlte sich an wie Knete. Ich setzte mich schnell an eine Wand. Beats flechteten in meinen Ohren schöne Klangteppiche, auf einmal verstand ich wie Tracks sich zusammensetzen. Neben mir unterhielten sie sich und ich hatte das Gefühl hautnah dabeizusitzen. Vor mir tanzte eine schöne gazellenartige Yogalehrerin, ich sah ihren Bewegungen an, dass sie auf der Suche war nach einer Romanze für die Nacht.  Mich sprach eine ältere Frau an, ob alles in Ordnung sei. Ingrid aus Deutschland. Ich wollte sagen: „Nein“, aber konnte es nicht, mein Mund war wie zugeklebt. Sie gab mir Wasser und irgendwie schaffte ich es dann doch ihr zu stecken, dass ich drei Mal am Joint gezogen hatte. Sie sagte: „Keine Sorge, ich pass auf dich auf, in einer Stunde fühlst du dich wieder normal.“ Ich spürte jeden einzelnen Muskel in meinem Rücken, wie verspannt ich doch trotz meines bekifften Zustandes war. Ich war sauer auf mich, dass ich so doof war, daran zu ziehen und jetzt die ganze Party an mir vorbeirauschte. Ein älterer Mann kam dazu: Er fragte: „Ingrid bist du es?“ Ingrid: „Ja. Ach wie heisst du noch mal, warte….Peter, ja Peter“. Peter begeistert: „Ja ich bin’s Peter.“ Ingrid: „Goa 1990, Mensch du warst ja damals mit deiner Freundin in Goa und ihr hattet zusammen eure Malerei.….“. Peter: „Ja das ist 25 Jahre her. Und du, bist du noch beim Fernsehen, drehst du noch Forsthaus Falkenau?“ Ingrid: „Nein, die Serie gibt es nicht mehr, vor 2 Jahren war die letzte Folge“. Peter: „Oh, schade“. Er blickte zu mir rüber, dann wieder zu Ingrid und lachte: „Die ist in ihrem eigenen Film, die reist jetzt erstmal schön. Das kann was dauern. Weisste noch wir damals mit unserem LSD Trip? Ach das waren Zeiten.“ Ingrid wiederholte mantramässig: „Mensch Peter, Du hier.“  Und Peter echote: „Mensch Ingrid du hier“. Die beiden passten auf mich auf. Ingrid kippte viel Bier in sich hinein. Im Gegensatz zu Ingrid, die in den nächsten 2 Stunden immer betrunkener wurde, veränderte sich mein Zustand nicht. Ich sass immer noch wie eine Salzsäule an der Wand und griff grobmotorisch zur Wasserflasche.  Zu allem Überfluss wurde die Party dann auch gesprengt. Die Polizei stand um 21 Uhr auf der Tanzfläche – nicht wundern: Parties in Goa beginnen 19 Uhr und enden 22 Uhr. Ich bekam Schiss. Ich atmete tief ein und aus, stand mit einem Ruck auf und rollerte so schnell es ging raus runter in den Innenhof und flüchtete in mein Zimmer. Was für ein Film. Wie ein Stein schlief ich sofort ein.

 

PS. Die Geschichte trug sich 2015 1 zu 1 so zu. Auch wenn das Kiffen  1 Geschichte geliefert hat: Für mich gilt: „Drugs don’t work!“ Das nächste Mal besser einen Kasten OM Rock einhauchen.

Mucho Love, Yvi

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